Am Krankenbett

Ich leg’ meine Hand auf deine

und schaue still auf dich.

Wie bist du verwelkt, verfallen,

verändert so fürchterlich.

 

Da sind um mich verschwunden

die Kranken, die Schwestern, der Saal,

ich lebe im Geisterfluge

mein Leben ein zweites Mal.

 

Ich hänge, kaum auf den Füßen,

an deinem Hosenbein,

bettelnd, du mögest mich leiten

in die fremde Welt hinein.

 

Wir wandern wieder zusammen

durch Wälder voll herbem Duft,

und deine mahnende Stimme

mein mattes Gewissen ruft.

 

Dann trinken wir Tee in der Kammer,

bescheiden, traulich und klein.

Das Öfchen summt – und du bist ja,

du bist ja der Vater mein!

 

Und dann, es ist noch nicht lange,

da hobst du strahlend hinan

den zappelnden Enkel und sagtest:

„Gott, segne dich, kleiner Mann!“

 

So sind sie denn vergangen

die fünfunddreißig Jahr’,

und keine Stunde, die nimmer

voll tiefster Liebe war.

 

Plötzlich ist mir, als stände hinterm Bett an der Wand

ein Herr in dunklem Anzug

und blickt auf die Uhr an der Hand.

 

Ich höre ihr feines Ticken.

Da regt sich das fahle Bild,

es schaut mich mit ernsten Augen,

verneigt sich – und lächelt mild.