Zwei Gedichte von Michail Lermontov (1814–1841) übersetzt von Wolf Schuberth

Abschied

 

 

„Verlass mich nicht, junger Lesginen-Held!

Was eilest du so sehr der Heimat zu?

Dein Pferd ist matt, vom Berg die Feuchte fällt.

Hier ist ein friedlich Dach für dich bestellt

und all mein Glück bist du.

 

Hat gar ein einzig Morgenrot gebannt,

was zweier Nächte Glück ins Herz gebrannt?

Ich habe nichts zu bieten, bin nicht reich,

doch eine Seele birgt dies schlicht Gewand,

die ist der deinen gleich.

 

Am nassen Tage rittest du vom Wald

in feuchtem Mantel und gequälten Blicks.

Willst machen du den Tag mir, der so bald

wie Sonnenschein mich, ach so hold umwallt,

zum Tag des Missgeschicks.

 

Sieh, ringsum blaut der hohen Berge Zug,

wie mächtige Riesen stehen Hand in Hand,

die Morgenröte am Gebüsch – ihr Schmuck.

Wir sind so frei, so gut. – Welch Dämon trug

den Blick zum fremden Land?

 

Glaub mir, die Heimat ist, wo man uns liebt!

In all den heimatlichen Tälern dir,

du sagst es selbst, kein Aug’ sich freundlich gibt.

O, bleib den Tag, die Stunde ungetrübt!

Ein Stündlein nur bleib bei mir!“

 

„Ich habe weder Freund noch Heimatland

und nur den Stahl des Säbels und mein Pferd.

Süßes Glück ich in deiner Liebe fand,

doch deine Tränen sind kein fesselnd’ Band,

das mir die Pflicht verwehrt.

 

Ein Schwur, mit Blut besiegelt, fesselt mich –

so manches Jahr ich schon verstreichen ließ.

Eh nicht dem Feindes Herz das Blut entwich,

sag keiner Seele ich: „Ich liebe dich.“

Leb wohl! – Des sei gewiss!



Becher des Lebens

 

 

Wir heben ihn mit blinder Hand

Zum Mund, wir trinken, wähnen,

Von Wein sei feucht der goldene Rand -

Er ist benetzt mit Tränen.

Erst wenn der Tod den Schleier löst

Auf seiner stummen Runde;

Dann zeigt der Becher sich entblößt.

Der Blick dringt bis zum Grunde.

Wir sehn, dass im Gefäß nur Raum,

Nur Leere, pures Innen,

Befangensein in Wahn und Traum,

Nichts Eigenes, kein Entrinnen.