Selin, Selin

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Verhaltenscodex für den Umgang mit Ausländern oder:

Die Fallschlingen des Antirassismus

 

Selin hat in der Straßenbahn einen Übergriff beobachtet und gehandelt. Eine Frau mit Kurzhaarschnitt, Ende dreißig, hat eine junge Muslima mit Kopftuch unaufgefordert angelächelt. Selin hat sie zur Rede gestellt:

«Warum grinsen Sie dieses Mädchen ständig an?»

Die Angesprochene wurde rot, schnappte nach Luft und schließlich nach ihren Notfalltropfen. Doch Selin ließ nicht locker. Die Grinserin antwortete, sie finde es wunderbar, wenn eine Frau in dieser diskriminierenden Gesellschaft zu ihrer Kultur stehe, und da sie davon ausgehe, dass eine Muslima in diesem Land viel Unerfreuliches erlebe, wollte sie ihr mit ihrem Lächeln eine Geste der Unterstützung und des Respekts senden. Sie habe sie keinesfalls anmachen wollen.

Gegen ehrliche Anmache, entgegnete Selin kühl, habe sie überhaupt nichts einzuwenden; aber ob sie nicht wisse, fragte Selin, dass die Angegrinste dieses Grinsen als lästig empfinden könne, weil es sie zu einem Opfer und damit zu einem Objekt der Schutzbedürftigkeit degradiere, weil es salbungsvoll und überheblich Gnade gewähre und daraus das liebevolle Diapositiv der rassistischen Fratze grinse.

«Aber ich hab es doch bloß gut gemeint», sprach die Verdutzte und begann zu weinen. Die Muslima, die vom ganzen Disput bloß verstanden hatte, dass es um sie ging, verließ aus Scham den Waggon eine Station vor ihrer eigentlichen Destination.

Nein, Selin ist keinesfalls eine Märtyrerin der Political Correctness, im Gegenteil, sie ist eine des kritischen Denkens, das heißt kein Objekt des Spottes, sondern psychiatrischen Handlungsbedarfes, und mit diesem hätte sie es wegen ihres Hanges zur unerbittlichen Konsequenz schon einige Male um ein Haar zu tun bekommen. Zum Glück bringt man ihr in den Kreisen, in denen sie verkehrt, Nachsicht und Großzügigkeit entgegen, sodass sie sich mehr als manche eingeborene Österreicherin herausnehmen darf. Aber auch das ist ihr nicht recht. Selin, Selin!

Wird sie von der Mehrheitsgesellschaft bespuckt, balsamiert man sie in diesen Kreisen mit dem Schleim des Wohlwollens. Was dort als hysterisch gilt, geht hier noch als Migrantinnenpower durch. Selin behagt das gar nicht, denn zu Recht fühlt sie sich nicht für voll genommen. Vielleicht muss sie deshalb provozieren und vielleicht muss sie deshalb die Dosis unablässig steigern. Frauen wie die Lächlerin werfen ihr – stets behutsam, um ihre türkische Volksseele nicht zu verletzen – oft Unmenschlichkeit und Kopflastigkeit vor. Menschlichkeit allein, weiß Selin naseweis, habe uns keinen Zentimeter weitergebracht.

Bevor wir Selin als überspannt abtun, sollten wir in Ruhe ihre Argumente prüfen. Vielleicht ist sie gar nicht über-, sondern sind wir nur unterspannt.

 

 

Selin zwischen Abstraktion und Konkretion

 

Österreich macht es einem nicht schwer, Antirassist zu sein. Wer die Bösen sind, dürfte seit Jahrzehnten klar sein; doch macht uns das automatisch zu Guten? Für das Richtige einzutreten, heißt allemal nicht, es richtig zu machen, zumal es nicht richtig gedacht ist. Und so uns etwas von der populistischen Rechten trennt, kann dies nur die kritische Reflexion, vor allem der eigenen Selbstverständlichkeiten sein. Darüber braucht man mit Selin gar nicht diskutieren. Denn Anständigkeit, die Parole der Antirassismuskoalition der 90er Jahre, reklamieren auch die Rechten für sich, und sie ist letztlich ein rechtes Konzept, das Moral als metaphysisch der Kritik enthebt und diese an eingebildete Mehrheitsfähigkeit verrät.

Doch da wir nun wissen, wo wir stehen, sollten wir auch langsam wissen, wohin wir uns bewegen, so wir nicht stehen bleiben wollen, meint Selin. Die Fallschlingen des Antirassismus sind leicht zu benennen. Sie heißen Moralisierung und Kulturalisierung sowie alle gut gemeinten Versuche, den diskriminierten Fremden von oben herab an seiner Subjektwerdung zu hindern, indem man ihn permanent zum Objekt der eigenen Anständigkeit degradiert.

Der Untertitel dieses Textes, «Verhaltenskodex zum richtigen Umgang mit Ausländern», ist und kann nichts sein als böse Ironie, welche alles Problematische des Diskurses zu Brennschärfe bündelt. Beginnen wir beim Begriff Ausländer: Der ist jenseits seiner banalen Bedeutung eines rechtlichen Statusunterschiedes ein ressentimentgeladener Dummterminus, welchen das kritisch gewendete Wort Ausländerfeindlichkeit unwissentlich reproduziert; richtiger Umgang parodiert die Pädagogisierung des Diskurses und ruft mit Absicht Assoziationen mit Ratgebern zur Haltung exotischer Haustiere wach – und Verhaltenscodex verspottet alle Versuche politisch korrekten Betragens in einer Gesellschaft, deren Institutionen Rassismus brauchen wie die Luft zum Atmen. Das weiß Selin schon lange.

Kritiker des strukturellen Rassismus mögen zu Recht einwenden, dass das Verhalten im Umgang der Minderheiten und Mehrheiten sowohl als Handlungsmaximen wie als Forschungsgegenstand irrelevant seien. Doch, widerspricht Selin, lasse sich vom alltäglichen Umgang allerhand ablesen. Zum Beispiel, wie viel sich im wohlmeinenden Antirassismus von dem erhalten hat, was er zu kritisieren vorgibt.

Und zu diesem Zweck schiebt der Autor fieserweise die Kunstfigur Selin, seine dialektische Superfee, vor, weil eine Betroffene sich mehr erlauben darf als ein «weißer» Kritiker der eigenen Szene, dem man mit weniger Hemmungen Verrat an die Rechten oder Erbsenzählerei vorwürfe.

Natürlich würde Selin, chronisch unzufrieden und streitsüchtig, wie sie nun mal ist, in ihrer Bevorzugung als Kritikerin niederschwelligen Rassismus wittern und könnte das zum Unbehagen ihrer Beschützer auch belegen: Dieser Rassismus liege einerseits in einem Essentialismus ihrer Betroffenheit, der in jeden Zuwanderer a priori ein Orakel des Bescheidwissens projiziere, zum Anderen darin, als Türkischstämmige nicht das gleiche Recht zuerkannt zu bekommen, lästig und unsympathisch zu sein.

Selin ist von Rassismus dermaßen betroffen, dass ihr die moralische Betroffenheit ihrer weißen Brüder und Schwestern[1] einiges Unbehagen verschafft. Ist Selin ein undankbarer oder gar böser Mensch? Nein, bloß kann sie denken. Was für viele Menschen in Österreich aufs Gleiche rauskommt. Doch bevor sich die Antirassisten eingeschnappt von ihr abwenden, sollten sie ihr genau zuhören. Selin hat nämlich ein feines Sensorium dafür entwickelt, ob Antirassismus den Rassismus überwindet oder ihn bloß ins Positive wendet, dafür also, wann immer seine guten Absichten sich unwissentlich in die Schablonen ergießen, die der Rassismus nach seinem Rückzug aus dem siebten Bezirk zurückgelassen hat.

Zu abstrakt? Selin kann Beispiele nennen. Mehr, als uns lieb ist.

Dabei will sie gar nicht von den unzähligen Stereotypen anfangen, mit denen auch Ausländerfreunde sie als Dunkelhaarige türkischen Namens in bester Absicht auf ihren Migrationshintergrund festnageln, auf Islam, Patriarchat und anatolische Volksmusik – Imagines, die sie als naturwüchsige Botschafterin eines homogenen Kollektivs erscheinen lassen. Das alles lässt sich unter dem Begriff Kulturalismus subsumieren, und für Selins provokative Hypothese des antirassistischen Rassismus ist hierbei einzig von Interesse, dass die Rechten die Diskursmodelle vorgeben, welche von den Linken mit den freundlichen Farben der Vielfalt angepinselt werden. Die Multikulturalisten gehen den Rechten insofern auf den Leim, als sie die Folklorisierung des Antagonismus von Eigenem und Fremden auf Seite der Fremden betreiben, indem sie deren angebliche Kultur fördern und tatsächlich das konservative Märchen übernehmen, die Konflikte zwischen Mehrheit und Minderheiten hätten kulturelle Ursachen. Das rührt vermutlich davon her, dass sie selbst nicht anders als in kulturellen Kategorien denken können und dieses Denken auf jenem romantischen Humus gewachsen ist, in dem auch der starke Stamm des Faschismus seine Wurzeln hat.  

Wie sehr die Nürnberger Rassengesetze auch bei den EhLeiwanden nachwirken, erfährt sie tagtäglich durch ihre weißen Freunde, die sie penetrant von ihren tschechischen, slowakischen, ruthenischen und huzulischen Großtanten und Urgroßvätern zu überzeugen trachten. Damit wollen sie ihr offenbar klar machen, dass Österreicher nicht rein-, sondern gemischtrassig seien und sie selbst weniger mit der deutschen als mit der coolen Ostrasse zu schaffen hätten. Selin hat jedoch nicht die geringste Ahnung, welche Relevanz dies für deren aktuelles Leben haben soll. Ihre Freunde geben ihr deshalb anschauliche Beispiele. Spätestens nach dem dritten alkoholischen Getränk werden sie herzlicher, derber, vulgärer, werfen ihre Arme leidenschaftlich hoch, sagen oft mit fiktiven slawischen Akzenten, dass sie auf morgen schissen und heute leben wollten, und schleudern gelegentlich auch ihre Gläser gegen die Wand, deren Scherben zumeist slawische Putzfrauen wegräumen müssen. Selin ist das sehr peinlich, schon allein wegen der braven tschechischen Urgroßeltern, die sicher nicht goutiert hätten, wenn sich ihre Urenkerl wie betrunkene Kosaken aufführen. Das ist es also, was ihnen im Blut läge. Doch Selin weiß, dass Gesprächstherapie für diese armen Narren hilfreicher wäre als Bluttranfusion. Doch sie kann sich schließlich nicht um alles kümmern …

Solche kulturelle Libido hat Selin schon sehr früh erfahren müssen. In der Schule war sie oft als dreckige oder stinkende Türkin beschimpft worden. Doch wie nahm sie die Klassensprecherin in Schutz? Indem diese Vorträge darüber hielt, wie sehr zu viel Waschen dem natürlichen pH-Wert der Haut schade.

Das Modell wiederholte sich mit tausend Masken. Die einen verspotteten die Türken als primitiv, die anderen beglückwünschten Selin zu ihrer Natürlichkeit. Bevor sie mit Mühe herausfand, was die Einheimischen unter ihrer türkischen Kultur verstanden, wurde diese von jenen entweder als schlechter oder aber besser gewertet als die österreichische Kultur. Ihr erster Freund, fand sie unter großen Schmerzen heraus, hatte sich nicht in sie verliebt, sondern in das vermeintlich Fremde in ihr. Sie ahnte bald, dass es ein Punkmädchen oder eine einarmige Kunstreiterin auch getan hätten, um der spießigen Heimatgemeinde die Zunge zu zeigen und auch die Gemeindegrenzen in seinem Kopf um ein paar neue Provinzialitäten zu erweitern. Als Moritz einige Monate später verkündete, zum Islam übertreten zu wollen, hat sie ihn schleunigst verlassen. Selin lernte schließlich, diesen Exotismus mit Nachsicht zu betrachten. Möglicherweise war er ein notwendiger Entwicklungsschritt zu einem gelasseneren Umgang mit Menschen fremder Herkunft; wie bei ungeübten Paddlern, deren Bug zunächst von einer Seite zur anderen schlenkert, ehe sie das Boot gerade und zügig durchs Wasser steuern können. Doch die Paddler zogen es vor, ungeübt zu bleiben. Und selbst ihre Weltoffenheit kam nie ohne den Referenzpunkt jenes Bauernhofs aus, der sich Österreich nennt und – ehrlich gesagt – nicht mehr ist als ein Fliegenschiss auf der Landkarte. Österreichischer Ethnozentrismus und österreichischer Exotismus nehmen sich beide aus wie der groteske Selbstbezug von Mistelbachern, der in übertriebener Ab- und Aufwertung der Mexikaner, Inder oder Gänserndorfer seine jeweilige Gestalt annimmt.

Die Stereotypisierung ging natürlich von beiden Seiten aus. Viele ihrer migrantischen KollegInnen siedelten sich in den Projektionen der Weißen an, weil sie auch die Vorteile dieses Standorts erkannten und Identitätsprofite daraus lukrieren konnten. Zwei Schulfreundinnen jugoslawischer Herkunft etwa, sympathische, aber unsichere Mädchen, begannen mit vierzehn auf tough und heißblütig zu machen und verspotteten die Jungs als «Schwabo[2]-Weicheier». Zwei andere Mädchen hingegen, sehr schüchtern und sehr türkischstämmig, wandten sich zum Ärger ihrer Eltern dem Islam zu und bekamen plötzlich die ersehnte Aufmerksamkeit durch die berechnende Kombination aus bad girls und Hüterinnen alter Werte. Doch auch diese neuen Identitäten konnten den Negativstereotypen des Mehrheitsrassismus nichts als deren identifikatorische Umcodierung entgegensetzen und blieben somit deren epistemische Sklaven.

Selin hat wie gesagt ein feines Gespür. Noch bei den freundlichsten Solidarbekundungen hallen in ihren Ohren die Echos der Gesinnung nach, von welcher jene sich abheben wollen. Paranoia? Übersensibilität? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Sie weiß jedenfalls um die eigenartige Symbiose, in der Rassismus und Antirassismus leben; sie weiß um deren Berührungsflächen. Dieser moralische Antirassismus ist so geformt, dass er, stürbe der Rassismus einst aus, als Gipsmodell taugte, mit dem jener sich rekonstruieren ließe.

Wann immer zum Beispiel Selins Intelligenz, Manieren und modische Eleganz gelobt wurden, hörte sie zu Recht die rassistische Grundannahme der Dummheit, Barbarei und Proletenhaftigkeit heraus, die man ihrer Herkunft unterstellte und gegen die sich solch Lob hysterisch abheben will. So war es schon in der Schule gewesen. In «Universum» hat sie gesehen, wie viel Anerkennung und Bananen Laborschimpansen erwartet, wenn sie über die arteigene Durchschnittsintelligenz wieder ein Stück weiter hinauswachsen.

Und schon kann sie die Istanbul-Begeisterung nicht mehr ertragen, mit denen ihr ihre Touristenfreunde dauernd in den Ohren liegen, wenn sie mit der Lobpreisung von Mondänität und Chic dieser Stadt nur den Kontrast zu ihrer ursprünglichen Erwartungshaltung bekunden.

Und welch brutale Hände verbergen die Samthandschuhe, mit denen man sie anfasst? Diese höfliche Vorsicht, dies verordnete Verständnis, dies verkrampfte Kritikverbot, die sie Tag für Tag spüren lassen, dass sie kein Mensch, sondern Exemplar einer seltenen Tierspezies ist, die, sobald sie ihre Schutzhaft verließe, sofort von den bösen Rassisten übern Haufen geknallt würde.

Ganz und gar nicht kritisiert Selin Affirmative Action, also die strategische Bevorzugung von Minderheiten, um einigermaßen gleiche Chancen nachzuholen. Es geht ihr lediglich um die salbungsvolle Begünstigung im Alltag, die zumindest im sozialen Umgang über die allgemeine Benachteiligung hinwegtrösten soll und doch das genaue Gegenteil bewirkt. Zum Beispiel, als ihre progressive Lehrerin ihre Referate stets besser benotete als die von Maria, deren Rhetorik Selin für weit ausgefeilter hielt. Diese herkunftsgebundene Bevorzugung beleidigte sie zutiefst, denn Selin spürte zu Recht, dass man sie mit anderem Maß maß.

Und immer wieder die weißen Männer! Alle wollen sie beschützen. Wovor? Wollen sie befreien. Wovon? Vor den behaarten Machowölfen! Vom Patriarchat! Als könnte sie sich nicht selbst beschützen. Als hätte sie sich nicht längst selbst befreit. Und vielleicht sind ihr ehrliche Wölfe lieber als solche im Schafspelz. Sie weiß, dass sie dabei selbst knapp an rassistischen Stereotypen vorbeischrammt, aber diese puddingweiche Liebheit verspricht keine Rettung vor der Barbarei, sondern scheint ihr deren feigste Ausprägung. Und wenn sie sich mal in derb-herzlichem Scherzen mit ihren migrantischen Jugendfreunden wohl fühlt, diagnostizieren ihre abendländischen Weichspüler-Kavaliere sofort mangelnde Emanzipiertheit. Feminismus gehört neuerdings zur österreichischen Leitkultur wie Trachtenkapellen und Blunzen mit Sauerkraut.

In einer Wiener Disco hat sie tatsächlich der Chef der Freiheitlichen anzumachen versucht. Und – erraten? – ihre Modernität gelobt. Selin meinte, dass sie das Kompliment keineswegs retournieren könne. Er hat dann Cocktails beim kolumbianischen Barkeeper bestellt, als wolle er sie damit aus dem Harem freikaufen. Selin, wir kennen ihre Art mittlerweile, hat ihm mit ihrer frechen Zunge dermaßen tief ins Ego gestochen, dass er selbst bei doppelter Dosis Koks noch nach drei Wochen keinen hochkriegen würde.

Selin könnte Enzyklopädien schreiben über das gesamte Pandämonium der Kulturalisierungen und wohlmeinenden Zuschreibungen, doch das träfe den Kern ihres Unbehagens mit der antirassistischen Szene nicht, welcher in jenem zentralen Punkt sich verdichtet, durch welchen sie ihre Kritik von Alltagsverhalten und von politischen Strukturen mit einem Nadelstich aufzuspießen vermag.

Dieser Punkt liegt schlicht darin, als migrantischer Mensch stets Objekt zu sein. Objekt der Diskriminierung oder Objekt der Anti-Diskriminierung. Der ängstliche Rassist, weiß Selin, verachtet sie bisweilen, aber seine Verachtung gilt immerhin einem dämonisierten Subjekt, während der moralische Antirassismus sie zwar liebt, aber eben nur als Objekt. Man kann es drehen und wenden, wie man will, nie ist Selin Zweck, stets ist sie Mittel. Ist sie Mittel für Beschützerinstinkte, Übungsdummy zur Abarbeitung schlechten Mehrheitsgewissens, Diplomarbeitsthema für Cultural Studies, Objekt von Wiedergutmachungswünschen, Objekt antizivilisatorischer Ausbruchsfantasien, Objekt sozialarbeiterischer Sachbehandlung. Objekt ist sie allemal. Und Opfer. Mit ihr, aber über ihren Kopf hinweg, kochen die weißen Antirassisten ihr eigenes Süppchen, wischen dem bösen Herrn Pfarrer und dem Kameradschaftsbund daheim eins aus und erniedrigen sie und ihresgleichen dadurch, sie als bessere Menschen zu konzipieren. Gleichberechtigung aber wäre erst dann gegeben, wenn Minderheiten das Recht zugestanden würde, im selben Maße Arschloch sein zu dürfen wie die Mehrheiten. Denn diametral zur Abnahme seiner Rechte muss der Migrant einen Mehrwert an moralischen Qualitäten aufbringen. Für seine paternalistischen Beschützer stehen diese außer Frage, denn sonst lohnte ja der ganze Aufwand des antirassistischen Kampfes nicht. Aber wehe, der Schützling entpuppt sich als Mensch wie du und ich und nicht als Apostel einer alternativen Lebenswelt, schnell werden ihm die unangeforderten Moralvorschüsse wieder abgeknöpft. Auf globaler Ebene zeigte sich das bei den edlen Verdammten der Erde, den schönen, geschundenen Campesinos und Tribesmen, die dem Moloch des US-Imperialismus sexy trotzten; doch so schnell konnten sie uns mit Mafiageschäften und Menschenrechtsverletzungen gar nicht den Spiegel unserer eigenen Produktionsbedingungen vorhalten, als dass nicht schon die Nato-Bomber losgeschickt wurden, an deren Trigger die Finger der ehemals Solidarischen kriegsgeil zitterten.

 

 

Wird Selin auch vom Autor benutzt oder benutzt sie am Ende ihn?

 

Das um Akzeptanz schnorrende TV-Porträt der sympathischen kurdischen Mittelstandsfamilie wird von den Rassisten zu Recht als tendenziöse Propaganda verstanden, als Anbiederung und folglich als Schwäche. Jeder Versuch nämlich, den Migranten als Gegenteil von einem Dealer, Frauenschläger und Sozialschmarotzer zu zeigen, hat vor der rassistischen Logik bereits die Waffen gestreckt, tanzt nach seiner Pfeife, tanzt zu seinen Melodien. Nichts ist sich Selin gewisser: Der als Volksbildung getarnte Beweis, der Migrant sei kein Monster, ist die jämmerlichste Form des Rassismus. Denn seine Rechtfertigungen spielen Squash in rassistischem Referenzrahmen. Nichts ist sich Selin gewisser: Der als Volksbildung getarnte Beweis, der Migrant sei kein Monster, ist die jämmerlichste Form des Rassismus. Denn seine Rechtfertigungen spielen Squash in rassistischem Referenzrahmen. Bezeichnend ist, dass die moralischen Anti-Rassisten, die immer dann am lautesten «Menschlichkeit» rufen, wenn sie sich vorm Denken drücken wollen, bei ihrer Besänftigung des rassistischen Mehrheitskonsens recht unmenschliche Argumente benutzen, welche den Migranten allein auf seine Funktionalität für jene nationale Verwertungsmaschine abklopfen, die sich als gemeinsame Kultur missversteht. Sie fordern die ausländerfreundliche Gesellschaft und hinter vorgehaltener Hand doch nur gesellschaftsfreundliche Ausländer. Und ohne geringstes Anzeichen von Scham quatschen sie von der kulturellen Bereicherung. Solch Argument siebt nicht nur jeden Migranten aus, der nicht als Kultur-, sondern Zementsackträger tauglich ist, sondern erhebt die Bedürfnisse des aufgeschlossenen Alternativkonsumenten zum Maß, nach dem der Migrant als ewiger Thai-Masseur der eigenen kulturellen Verspannungen zu figurieren hat.

Und ebenso wenig werden sie rot im Gesicht, wenn sie den Rassismus des freien Marktes reproduzieren durch das beherzte Pochen auf die Notwendigkeit qualifizierter Arbeitskraft. So sieht also Menschlichkeit aus: Qualifizierte Arbeitskraft in die High-Tech-Länder, unqualifizierte zurück in die Kanalräumer-Länder! Was, könnte man mit Oscar Wilde einwenden, ist mit denen, die keine Zeit zum Arbeiten haben?

Auch Selin denkt sich gelegentlich Aphorismen aus. Neulich verkündete sie, dass der Atem der Ausländerfreunde nach dem Smegma des Rassismus rieche. Die das nicht verstanden, fanden es grauslich, die es verstanden, urgrauslich – Selin muss eine Wahrheit ausgesprochen haben.

In hunderten Vereinen und Institutionen mit ihren Referenten, Volksbildnern, Mediatoren, Coaches gibt der Antirassismus vor, eben jene Verdinglichung zu durchbrechen und den Migranten zum Subjekt seiner eigenen Geschicke zu machen – Self-Empowerment nennt sich das. Auch Selin wurde schon einige Male aufs Podium gebeten, doch zwischen den diskursiven Selbstbeweihräucherungen der Veranstalter hatte sie – so ungerecht kann Selin sein – zu oft das Gefühl, den Pausenclown der migrantischen Authentizität abzugeben, nicht unähnlich der Tamburizzakapelle oder dem Grätzl-Rapper. Die Positionen der Migranten-Sachwalter werden oft auch von stets denselben weißen Spezialisten und Quotenausländern gehalten, deren ausländischer Name allein sie bereits für alle ausländischen Belange qualifiziert. Denn schließlich kommen sie sogar aus der Hauptstadt des Auslandes, sprechen verschiedene ausländische Dialekte – denn, so spottet Selin, auch Ausländisch sei in verschiedene Dialekte unterteilt – und kennen die Sorgen und Nöte ausländischer Prolos, weil diese schließlich damals die Wasserinstallation zum Swimmingpool des Ausländervaters gelegt hätten.

Der Teufelskreis der Bevormundung wird auch beim Self-Empowerment nicht durchbrochen, sobald dies vor allem dem Self-Empowerment der spezialisierten Self-Empowerer dient. Meint Selin. Oft kommt ihr vor, die Versuche, die Migranten gehen zu lehren, erschöpften sich in der Aushändigung von Krücken, anstatt ihnen die Fußfessel zu lösen.

«So, du Besserwisserin», klagte die Lächlerin in der Straßenbahn, «das also ist der Dank. Jetzt wissen wir, dass wir die eigentlichen Rassisten sind. Aber kritisieren ist leicht. Lösungen und Konzepte hast du sicher keine.»

«O doch», konterte Selin. «Ihr braucht uns nicht gut behandeln, solange ihr es von oben herab macht. Gleiche Augenhöhe ist der erste Schritt zu antirassistischer Praxis, kritische Selbstreflexion der nächste, der übernächste, der überübernächste Schritt und alle übrigen folgenden Schritte auch. Rassismus und Antirassismus sind keine Fragen richtigen oder falschen Verhaltens. Es geht nicht um die richtigen Tischmanieren, es geht um die Überwindung des Kannibalismus!

Diese Gesellschaft ist in ihren Grundfesten rassistisch; das müsst ihr erkennen. Alle Versuche, den strukturellen Rassismus, deren Teil ihr selbst seid, mit individuellen Gesten gegenzusteuern, sind freundlich-verspielte Jugendstil-Vignetten, die diesen kleidsam machen. Dein Lächeln für die junge Muslima war das Empfangskomitee, das Willkommenssträußchen, das den Gast über den wahren Charakter einer Gesellschaft hinwegtäuscht, die vom Migranten Pflichten einfordert und ihm Rechte verwehrt, ihn zum ewigen Bringschuldner und Problemkind macht. Dein Lächeln ist Lüge, seine einzige Wahrheit besteht in deiner moralischen Selbsterhebung, die gesellschaftliche Wirklichkeit kaschiert es, lässt es unverändert.

Nur weil man uns niederdrückt, braucht ihr nicht die Almosen eures Wohlwollens zu uns herabwerfen. Unsere Tränen sind Tränen des Zorns, eure Taschentücher somit fehl am Platz. Wir wollen keinen Trost, sondern den Platz, der uns zusteht. Verstanden? Almosen verlängern den Missstand, das lehrt die Geschichte. Keine gesellschaftliche Emanzipation wurde je von der Macht geschenkt, sie wurde immer – ich wiederhole: immer – von den Marginalisierten erkämpft. Wenn ihr euch mit uns solidarisieren wollt, dann ergreift das Wort für uns, aber nicht statt uns. Hört auf, uns zu definieren, und verlasst die Festung des Rassismus, dessen humanistische Hofnarren ihr seid; und wenn euch die Kraft dazu fehlt, dann erkennt es zumindest. Wäre es anders, müsstet ihr nicht ständig den verlogenen und hundsgemeinen Begriff Integration auf den Lippen führen. Wo, wenn ihr wirklich nicht Assimilation meint, ist denn dieses feste gesellschaftliche Gefüge, in das integriert werden soll?

Ihr seid die privilegierten Mitglieder eines Klubs, der – wie jeder Klub – ausschließt. Euer schlechtes Gewissen besänftigt ihr zwar durch Inklusion einiger weniger, aber ausgeschlossen muss weiter werden, sonst hat der Klub keinen Sinn.»

So gescheitelt hat Selin schon lange nicht mehr. Doch die Grinserin verstand sie:

«Um den Nationalstaat oder den kapitalistischen Markt zu zerschlagen, fehlt mir aber die Macht. So bleibt mir nichts, als im Kleinen zu wirken.»

«Das kann ich dir nachfühlen», sagte Selin, «mir geht es nicht anders. Aber schenk uns anstatt deines Lächelns lieber deine geistige Unabhängigkeit, indem du dir nicht länger den Kopf des Nationalstaates und den Kopf des Marktes zerbrichst.»

«Aber widerspricht solches Denken höflichem Benehmen gegenüber Ausländern?»

«Nein, solange deine Höflichkeit Individuen gilt und nicht nach ethnischem Zensus portioniert ist. Aber lass dir gesagt sein: Auch gerechte Unhöflichkeit gibt Marginalisierten das Gefühl, als Individuen gering geschätzt, aber ernst genommen zu werden. Eine Gesellschaft ist erst frei von Rassismus, wenn Menschen fremder Herkunft aufgrund dieser weder schlechter noch besser behandelt werden. Am besten nimmst du dir ein Beispiel an all den einfachen Leuten hier, die, wenn die Politik sie nicht gerade gegen ihre Nachbarn aufhetzt, schon allein wegen ihrer kulturellen Unbildung recht locker miteinander umgehen; an dem Trafikanten zum Beispiel, der den Alt-Wiener Kunden mit demselben unvoreingenommenen Grant behandelt wie den türkischstämmigen; an den Verkäuferinnen der Feinkostabteilung etwa, denen die Herkunft der jeweiligen Kollegin Wurst ist, oder an den befreundeten Maurern, die einander augenzwinkernd mit ‹Du deppata Tschusch› und ‹Du Woidviertler Kasneger› beschimpfen – und dabei stets anonyme Anzeigen bei der Anti-Rassismus-Polizei befürchten müssen.

Und eines noch. Verwende nach Möglichkeit nicht den deppaten Begriff Ausländer. Mein Vater hatte schon die österreichische Staatsbürgerschaft. Aber Tschuschen werden auch noch meine Kinder sein.»

«Auch ich hab noch eine Frage. Wenn sich die weißen Anti-Rassisten so vor euer Self-Empowerment drängen, warum lässt du dann einen privilegierten Schwabo diese Polemik schreiben und tust es nicht selber?»

«Weißt du», antwortete Selin, «ich mag mich publizistisch noch nicht so weit aus dem Fenster lehnen. Da die Schwabos uns andauernd instrumentalisieren, dürfen wir das ausnahmsweise auch mit ihnen und sie als Kanonenfutter in unserem Kampf verwenden.»

Selin unterstrich diese Worte mit kokettem Lächeln. Die vormalige Grinserin schüttelte den Kopf und schnalzte mit der Zunge.

 

 

[1] Der Autor übernimmt den metaphorischen Antagonismus zwischen Weißen und Farbigen/Schwarzen als Kennzeichnung des rassistischen Gefälles zwischen dominanter Mehrheitsgesellschaft und diskriminierten ethnischen Minderheiten, völlig ungeachtet der tatsächlichen Hautfarbe der Menschen. Es ist völlig irrelevant für diese Allegorie, ob ein Weißer im konkreten Fall einen dunkleren Teint hat als ein Schwarzer.

[2] Schwabo: leicht abwertende Bezeichnung Deutschsprachiger in den Ländern Ex-Jugoslawiens.

 

 

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