Klassik gegen Obdachlose

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Was seit November vergangenen Jahres unter den Arkaden des Bregenzer Kornmarkttheaters praktiziert wird, Obdachlose mit klassischer Musik zu vertreiben, ist in anderen Kulturnationen bereits seit Mitte der 90er Jahre gang und gäbe. Erstmals eingesetzt wurden die hochkulturellen Insektizide in London und in Hartfort, Connecticut. Paris, Hamburg, München und Stuttgart zeigten sich begeistert davon, Wien soll sie bereits angefordert haben.

All diese Maßnahmen der Schädlingsbekämpfung hatten bisher neben dem landläufigen Idiotenkonsens darüber, was klassische Musik sei, eines gemein: das heuchlerische Ableugnen ihrer wahren Intentionen. „Die Aktion sei nicht speziell gegen Obdachlose gerichtet“, gab auch der Bregenzer Bürgermeister Markus Linhart den Grundtenor seiner Einsinger wieder. Mit der Musik wolle man lediglich „auf die Kultur aufmerksam machen“. Allerdings – auch diese Strophe des ewig gleichen Lieds ließ er nicht aus – sei der Abzug der Obdachlosen ein durchaus gewünschter Nebeneffekt. Doch vermutlich ist der Haupteffekt ein größerer Skandal. Denn die Barbarei fängt nicht erst bei der Verscheuchung des arbeitsscheuen Gesindels durch Bach an, sondern schon beim Verhältnis der Verscheucher zu diesem, bei ihrem Kulturbegriff.

Es ist fast zu schön, um wahr zu sein. Wir erinnern uns: Viagra war als Blutdrucksenker konzipiert, ehe man durch Zufall dessen potenzfördernde Wirkung erkannte, so wie – unglaublich, aber wahr – manche Schmerzmittel Alzheimer bannen sollen. Doch wer hätte gedacht, dass die so genannte klassische Musik, bislang nur als Mittel zur Erbauung baufälliger Herzen bekannt, auch beim Hinwegfegen menschlichen Schutts ganze Arbeit leistet? Eine interessante Frage bleibt dennoch offen: warum jene Musik, die den Konzerthausabonnenten bei einem Ohr rein und beim anderen wieder rausgeht, in Obdachlosenohren solch Schaden anrichten kann. Sollte die Sozialgenetik dereinst dingfest machen, was alle Welt vermutet, dass die Neigung, bei Mozart Kopfweh zu bekommen, und diejenige, kein Dach über dem bei Mozart schmerzenden Kopf zu haben, stets in einem Gencluster vereint sind?

Eine plausible Antwort könnte man bereits jetzt von Menschen mit besonders feinem Gehör erhalten, Musikkennern also und Junkies: nämlich dass das permanente Runterspielen von „Peter und der Wolf“, den „Vier Jahreszeiten“ oder der „Kleinen Nachtmusik“ nach dem dritten Mal schon unerträglich ist, und nicht nur, weil Teile dieser einst reizvollen Kompositionen zu abscheulichen Kennmelodien der kulturindustriellen Conquista erniedrigt wurden. Ein arbeitsloser, drogensüchtiger Fagottist, der in den Arkaden vor Schlechtwetter Zuflucht fände, könnte uns auch den Tipp geben, dass die Beschallung nach dem Prinzip des Insektensteckers funktioniere, die Bässe zurückgedreht und vorzüglich Stücke mit hohen Flöten- und Geigentönen verwendet würden, und ein obdachloser Komponist flöhe mit ihm diesen Ort wohl wegen der grässlichen Tonqualität der Diskont-CDs, mit denen das Theatermanagement auf „die Kultur aufmerksam“ machen will.

Doch jedes noch so rationale Argument, warum sich Menschen, die den öffentlichen Raum nicht nur durchqueren, sondern auch nützen, nicht besonders gerne dauerbeschallen lassen, stieße auf taube Ohren angesichts der wahren Gründe der Wahl dieser und keiner anderen Waffen, des tiefen und unausrottbaren Einverständnisses nämlich zwischen öffentlicher Meinung und öffentlicher Faust: dass dem Obdachlosen vor der Hochkultur von Natur aus graust wie vor dem neuen BMW und der Feng-Shui-Beraterin. Was er sich nicht leisten kann, das will er sich nicht leisten, hallt das verlogene Echo des Liberalismus in den Ohren derer nach, die dieses Mal noch nicht in Suff und Obdachlosigkeit abgerutscht sind und infolge dieser völlig neuen Krisenahnung, dass andere Kräfte an des Menschen Glück oder Unglück schmieden als sein Selbst, sich umso panischer hinter ihren Statussymbolen verschanzen und gleich toll gewordenen Ninjas CDs aus dem Klassikabverkauf auf die wandelnden Mahnmale ihrer eigenen möglichen Deklassierung werfen.

Der Abschaum scheut unseren Johann Sebastian wie die Katze das Wasser, weil er keine Kultur hat, die nur haben, wer sie kaufen kann, sonst wäre sie schließlich keine Kultur, sondern nur Kunst, welcher der durchschnittliche Obdachlose gleich fern steht wie der durchschnittliche Obdachverweigerer, sprich Hauseigentümer. Denn der wahre Abschaum steht auf der anderen Seite des CD-Players, nicht weil er keine Ahnung von klassischer Musik hat und den Unterschied zwischen barocker Tafelmusik und Bach, zwischen Lehar und Mahler nicht versteht – dies zu kritisieren wäre bloßer Bildungsdünkel, sondern weil diese demütigende Nivellierung von Konformität und Progressivität, von stilisierter Gebrauchsmusik und Kompositionskunst im Zeichen der Ware, für alle erkennbar an ihren nebensächlichsten Wiedererkennungseffekten, dem Symphonikersound und dem Pinguin mit Taktstock, weil diese Klassik als Marker der sozialen Distinktion und kulturellen Erhabenheit vermarktet wird. Angesichts solcher Verelendung des Bewusstseins lösen sich auch die Bildungsunterschiede in Bedeutungslosigkeit auf, ob zum Beispiel das proletoide Kleinbürgertum sich erhaben fühlt, wenn die Philharmoniker ihren Herbert Grönemayer einsymphonieren, oder ob die gebildetere Halbbildung ihre neue Flamme bei Kerzenschein damit beeindrucken kann, dass das Adagio des vierten Satzes irrsinnig toll sei, oder ob der verschrobene Bildungsautist schließlich bei „Wien modern“ mit dem kühnen Konsumentengefühl von ästhetischer Kompromisslosigkeit zwar auf der Spitze der Bildungspyramide, aber trotzdem auf verlorenem Posten sitzt. Keine Atonalität kann mehr verstören, dem Kulturgourmant hat sein Bedürfnis nach Digestion einen guten Magen wachsen lassen. Auch Neue Musik, das wusste bereits ihr größter Apologet, Theodor Adorno, war von Anfang an verdammt zu Kontemplation und Kulinarik, zu Dekor und Ware; was soll da noch das Nasengerümpfe, dass Bach zum Koitus mit Vanessa Mae gezwungen oder Vivaldi von Rondò Veneziano gegangbangt wird.

Das Dekorative in der Architektur zeigt sich hingegen beim Theater am Kornmarkt. Arkaden hatten ursprünglich die Funktion, vor Sonnenbrand und Regenguss zu schützen. Die Obdachlosen von Bregenz haben die Arkaden somit vor der Peinlichkeit bewahrt, bloßer Zierrat zu sein. Doch für diese Ehrenrettung mussten sie schwer büßen. Denn solange der menschliche Ausschuss als Renommierpuppen für freigeistige Theatermacher taugt, dem man als Publicitygags Freikarten für Inszenierungen aufdrängt, die er nicht sehen will, ist er willkommen, verweigert er die Nouvelle Cuisine aus der Provinztheaterkantine aber und hat vor den Toren dieser Bedürfnisanstalt seinen eigenen Spaß, dann hört sich der Spaß auf. Dann werden Bach und Vivaldi in den Gewehrlauf geschoben. „Höre ich das Wort Kultur“, sagte Goebbels schon, „entsichere ich meinen Revolver.“ Mittlerweile hat die Kultur die Seiten gewechselt und ist selbst zum Revolver geworden. Seitdem Bach als Strampelmusik für den Hometrainer oder Pausenfüller für die Ansprachen von Bankern herhalten muss, deren Geschäft unter anderem die Produktion von Obdachlosen ist, verbietet auch keine Scham mehr, seine Demütigung mit einer weiteren, der Demütigung der Obdachlosen zu koppeln, indem man auf diese mit jenem schießen lässt.

Ein Pionier solch einer Doppeldemütigung war Karl Buck, der Kommandant des KZ Schirmeck. Die Lagerinsassen wurden dort von früh bis spät mit deutscher Hochkultur beschallt, und so sie das Glück hatten, mit dem Leben davonzukommen, war dies ein Leben, in welchem Bach und Beethoven fortan nur noch Ekel hervorriefen. Wer Adornos Reflexionen über den Zusammenhang von Verdinglichung der Kunst und Barbarei als überspannten Negativismus abtat, müsste nun in Anbetracht des Offensichtlichen vor Scham im Boden versinken. In den Shopping-Malls und U-Bahn-Stationen Westeuropas sowie den Arkaden des Theaters am Kornmarkt lässt sich der Zusammenhang wieder einmal im Feld studieren.

Ihrem Gebrauchswert entfremdete Klassik als Spießerfutter der Antisozialen und als Rattengift für die Asozialen! Weizen und Spreu! Prestigeware fürs Shoppen, fürs Dinner und für die schläfrige Andacht beim Abo-Konzert, Gift aber für all die, welche – zumeist wider Willen – genug Muße haben, tagsüber an einem Platz zu verweilen. Doch Vorsicht: Die Ratten könnten sich ans Gift gewöhnen. Denn die, welche nichts haben außer ihrer Zeit, könnten kraft dieses Standortvorteils zu Experten, zu feinsinnigen, reflektierenden Genießern des gesamten Kunstwerkes werden und diesem somit die Würde zurückerstatten, die ihm der Markt und dessen Junkies genommen haben. Dafür müssten die hochkulturellen Reinigungsdienste allerdings erstmal die Bässe aufdrehen und statt des „Best of Classic“-Scheißdrecks eine gut gemasterte Gesamteinspielung in den Player schieben.

 

Dieser Text erschien 2009 im Konkret.

 

 

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