Klara Sonnenscheins letzter Brief

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Aus dem Roman

»Chronik einer fröhlichen Verschwörung« (2015)

 

26. 12. 1967

Liebster Ernö,

 

dieser Brief erreicht dich quasi aus dem Jenseits. Als er abgeschickt wurde, baumelte deine Klara schon von aller irdischen Mühsal befreit in ihrem Zimmer im Wind, weil sie das Fenster geöffnet haben wird, denn draußen ist es frühlingshaft warm. Und die Vögel werden zwitschern, als sei sie nie gewesen. Diese Gleichgültigkeit der Natur gegenüber unseren Schicksalen hat mich immer mit einer eigenartigen Freude erfüllt.

Es ist keine Verzweiflungstat, und auch du bist von jeglicher Schuld freigesprochen. Ich liebe dich aufrichtig, so wie du bist. Niemand hat Besitzrechte auf andere Menschen, und wenn es für eine Zeit nur gelingt, einander Freude zu schenken, dann hat man ein Stück Wegstrecke von der Wiege bis zum Grab schon mit Margariten bepflanzt.

Im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte habe ich letztlich erkannt, dass ich in den falschen Film geboren wurde, nicht ich war also die Fehlbesetzung, sondern der Film war schlecht. Ein Eskimo, der in der Sahara landet, könnte unter Umständen, wenn er mit seiner Harpune genug Kamele jagt und ihr Fleisch im Basar verkauft, sich eine Rückfahrkarte nach Grönland leisten. Ich aber habe keine Heimat, eine utopische Zukunft ist diese, die mich zurückgeschickt hat, um auch den Menschen des 20. Jahrhunderts etwas von ihren Errungenschafen zu schenken. Diese Menschen warfen mit meinen Geschenken nach mir und wollten mich sogar töten. Alle meine Qualitäten verdorrten auf erdlosem Granit. Ich habe mir meinen Selbstmord somit redlich verdient. Es ist denkbar einfach: Die Mission ist gescheitert, ich ziehe mich selbst von diesem Planeten ab.

Nicht ohne Testament will ich dich indes zurücklassen. Es gibt etwas, das wichtiger ist als wir beide, ein philosophisches Programm, durch das wir erst wichtig werden. Dabei ist mir gelungen, fast ohne philosophiegeschichtliche Referenzen auszukommen. Hätte ich länger gelebt, hätte ich, was ich sagen will, vielleicht sogar in einem Kinderbuch gesagt. Und das wäre die höchste Kunst gewesen. Vieles mag unausgegoren wirken, aber das ist nicht so schlecht, denn an dir läge es, die Lücken meines Denkens zu füllen und die Flaschenpost weiterzugeben.


 

Als die Donau zufror, zählte ich drei Jahre. Mein Vater zog mich warm an und nahm mich zu dem Naturschauspiele mit. Das Übereinandertürmen und Knirschen der Eisplatten zündete eine wilde Flamme in mir, die seither immer dann hochlodert, wenn die Elemente ihren Veitstanz aufführen. Der schwarze Himmel über noch sonnenbeschienenen Weizenfeldern, in das der Wind schon das lustige Unheil malt, und die schlanken Weiden, die im Sturmeswind wie Tänzer in Trance sich wiegen, durch die Luft gewirbelte Blätter; die Menschen, die sich in ihre Häuser flüchten, sorgenvoll die Fenster schließen, und die Angst in den Augen der Kinder, während in meinen die Freude der Eingeschworenheit mit dem teuflischen Treiben glost. Mein Bannen der Naturgewalten war früh schon ein heidnisches Ritual. Ich identifizierte mich mit der Schönheit der Gewalt und bezog meine Allmacht daraus. Ein Quisling der Natur war dieses kleine Mädchen also, das Blitzen, Sturm und Springflut die Tore öffnen wollte. So rächte ich mich in Kumpanei mit dem Tiger, der Hornisse und dem Sommergewitter an den Menschen, deren Dummheit und Boshaftigkeit mir schon als Kleinkind Seelenwunden rissen, Jahre, bevor Klugheit und Humanität unter Strafe gestellt wurden.

Von nun an nahm mich mein Vater oft mit in den Wald, in die Amazonasdschungel der Lobau, die melancholischen Buchenwälder des Lainzer Tiergartens und des Hermannskogels und die knorrige Südlichkeit der Föhrenberge. So begann meine Liebe zu den Bäumen, und je wilder und stolzer ein Baum seine hundert Arme ausbreitete, je eher er einem erstarrten tanzenden Magier glich – kurzum, je mehr sein frecher Wuchs der Verwertung zu Brettern spottete, desto ehrfürchtiger trat ich an ihn heran und genoss demütig das Privileg, ihn anbeten zu dürfen, als das Urbild ungezügelter Individualität, welches mir in einer Bretterwelt zum Verhängnis werden sollte. Mit vier Jahren schon war ich Daoistin. Die Wörter Baum und Wald formten meine Lippen, doch mein Vater war nicht zufrieden mit dieser Leistung, und bald wusste ich, dass ich dort auf der Wiese eine Eiche bewunderte, und der Riese, in dessen Krone mein Blick sich verfing, eine Buche war, und die traurige Schöne, der die Bauern zu Fronleichnam nach dem Leben trachteten, eine Birke. Doch auch Eiche, Buche, Birke reichte nicht, denn mein Vater erklärte mir, wodurch sich die Stein- von der Stieleiche unterschied, die Schwarz- von der Rotföhre und die Weiß- von der Moorbirke. Und so weihte er mich Baum für Baum, Zweig für Zweig, Blume für Blume, Falter für Falter und Wurm für Wurm in die wohl unendliche Vielfalt des Seins ein. Denn Wald und Baum, sagte er, sei eine Verallgemeinerung, die das Besondere zur austauschbaren Kulisse unserer Anmaßungen mache. Erst später wusste ich, was er meinte: Der naturromantische Bohemien verehrt den Wald nach denselben Gesetzen, nach dem ihn sein Industriellenvater abholzt. Beiden ist er Mittel zum Zweck, jenem Requisite der narzisstischen Selbstüberhöhung, diesem Rohstoff. Obwohl Jurist eignete meinem Vater noch die enzyklopädische Bildung des vorigen Jahrhunderts und das Forschungsinteresse des diesem vorangegangenen, welches ästhetische Verzückung und wissenschaftliche Präzision naiv vereinte. Er lehrte mich die Dinge nicht zu unterscheiden, um sie zu beherrschen und zu katalogisieren, sondern um jedem einzelnen das Recht seiner Besonderheit beizumessen. So lehrte mich mein Vater und so lehre ich dich.

Die Kritik der bürgerlichen Ideologie ist ein Glanzstück des kritischen Geistes, an welchem festzuhalten bleibt. Kritik der Religion, der Macht, des Marktes, der Institutionen, der Bewusstseinindustrie – jede dieser Waffengattungen für den Kampf gegen die Verhältnisse, in denen, wie Marx schrieb, «der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist», hat ein Knappe des kritischen Denkens zu durchlaufen. Marx schrieb auch: «Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche.» Auch hierin stimme ich mit ihm überein, mit einer Ausnahme: nicht brechen, sondern küssen soll er die Blume. Was dich wie die Sentimentalität einer asthenischen Romantikerin dünken mag, hat einen tieferen Sinn, den ich vor dir nun ausbreiten will.

Es reicht nicht, gegen Kapital, Kolonialismus, Faschismus, Aberglaube und Lohnkürzungen zu revoltieren. Lass uns weiter gehen und alledem an seine philosophische Wurzel fassen. Die Erniedrigung beginnt bereits beim Postulat der Identität, bei der Benennung und bei der epistemischen Säuberung von all dem, was sich im Benannten gegen das Wort sträubt, was der Begriff daran nicht begreift.

Die Religionskritik hat sich mit der Überwindung ihres Gegenstandes nicht überlebt, sie bleibt auch auf dessen Überwinder anzuwenden. Der Mensch bannte die Unberechenbarkeit der Naturgewalten, indem er sie benannte. Als Nymphen, Kobolde, Geister und Götter ordnete er das Chaos und besänftigte es. Noch sah er sich im Kampf mit der Natur als Unterlegener und versuchte sich’s mit ihr zu richten. Doch sein Anschmiegen an diese Macht hatte nichts mit der Ästhetisierung durch die verwöhnten Bürgerbubis zu tun, Wald und Nymphen waren noch nicht im Jugendstil designt, sondern verstörend, gefährlich und hässlich. Mit zunehmender Naturbeherrschung bereitete er in Form des Monotheismus die große Abstraktion vor, an dessen Stelle er sich setzen würde.

 

Als die Komantschen die ersten Pferde sahen, hatten sie in ihrer Erfahrung kein begriffliches Werkzeug dafür. Von der Größe glichen sie Bisons, doch ihre schlankeren Körper und die aufgestellten Ohren ließen sie eher riesigen Hunden gleichen, darum nannten sie das Pferd Gotthund, und nahmen sich durch die Assoziation mit Bekanntem etwas von ihrer Furcht. Bald schon legten sie diesem mythischen Tier Zügel an und unterwarfen es ihrem Willen.

Jedes Benennen ist in seinem Ursprung Herrschaft über das Benannte, ist Bannen von Angst und Kompensation von Unsicherheit.

 

Du erkennst den intellektuellen Schwachkopf an der Gewissheit, mit der ihm seine Kategorien genügen, als wären sie die Wirklichkeit selbst. Stolz wie ein Kind zeigt er diese bunten Bausteine her, die seinen Status erhöhen. Den Weisen erkennst du an der Unzufriedenheit mit dem Ungenauen, Flüchtigen jeglicher Kategorie, deren Wartung sein ständiges Bedürfnis ist, und der Frage letztlich, welchem Interesse der Macht die Ein- und Ausschließungen eines jeden Begriffes dienen.

Der machtgierige Schwachkopf friert den Fluss zu Eiswürfeln, um einen Begriff davon zu haben, der Weise schwimmt in ihm, um seine Strömungen zu verstehen. Jener spießt den Falter mit Nadeln auf, dieser lernt mit ihm zu fliegen. Jener setzt seine Begriffe absolut, dieser verwendet sie als Provisorium, und muss sich dafür einen Relativisten schelten lassen.

Der Begriff ist für den Weisen ein pars pro toto, dem Schwachkopf ist der pars das toto. Mit dem Indianerskalp glaubt er schon den Indianer zu haben.

Das taxonomische Denken, die wissenschaftliche Katalogisierung der Welt, die sich als Voraussetzung einer vernünftigeren Weltordnung ausgab, hackte jedem Seienden sein Besonderes ab, um es dem reibungslosen Verkehr des Verstehens und Tauschens zuzuführen. Es gleicht die bunte Vielgestaltigkeit und Vieldeutigkeit der Welt der gnadenlosen Identität ihrer Begrifflichkeit an, stanzt Einzelphänomene aus der ebenso bedrohlichen wie sinnlichen Verschlungenheit der Bedeutungsnuancen und zerrt sie aus diesem Dschungel wie an den Hälsen zusammengekettete Sklaven auf den Markt, wo man ihnen auch noch die letzten Reste an Heterogenität auskocht.

Der Wissenschaftler legte die Elle an die Welt und vereinheitlichte sie mit seinen Kategorien, der Kapitalist verwandelte sie unermüdlich in Ware, beiden saß und sitzt die elementare Angst vor dem Zwecklosen, Rauschhaften, nicht Messbaren, vor dem lockenden Sirenengeheul der Natur in den Knochen, vor ihnen verschanzte sich der Bürger hinter seinen Ordnungen und Warenlagern.

So wie Vernunft als Mittel der Emanzipation von Irrationalismus, Aberglaube und ungerechter Gesellschaftsordnung sich bewährte, lieferte sie sich gleich wieder der neuen Irrationalität einer reinen Instrumentalität aus und führte somit das Naturgesetz vom Fressen und Gefressenwerden ungebrochen weiter.

Dieses Prinzip ist allumfassend und total, es regelt den sozialen Umgang der Menschen untereinander, es stabilisiert ihren Selbstwert, es dirigiert jegliches Ordnungsbedürfnis, die alltägliche wie auch die wissenschaftliche Vorstellung der als Wesenheiten gedachten Genres und Entitäten: Volk, Gesellschaft, Rasse, Gattung, Geschlecht, Kultur, Kunststile- und -epochen …

Schau dir bloß jede gesellige Runde an und beobachte, was dem ebenso eitlen wie ängstlichen Ich Sympathie und was Apathie einflößt. Alles Vertraute beruhigt, alles Unvertraute verstört. Dem Weisen ist es umgekehrt.

Um das Unvertraute vertraut zu machen, muss es so zurechtgehobelt werden, dass es in unsren Kram passt. Aus tausend Wunden spritzt das Blut des Unvertrauten, doch die Hobler hören seine Schreie nicht, weil sie ernsthaft glauben, die Anverwandlung des Polymorphen in die industriell gefertigten Einheitsmodelle des Denkens seien epistemische Aufwertungen. Die Wirklichkeit hat also auch noch dankbar zu sein für ihre Verstümmelung auf dem Prokrustesbett so wie die vermeintlich Wilden für ihre Entdeckung durch die Zivilisierten.

Kein Wunder, dass der Weise selbst zum «Brennpunkt» alles Verstörend-Unvertrauten wird, und zum sicheren Kandidaten für den Scheiterhaufen, ob symbolisch oder echt.

Was wir bereits kennen, schafft Identität, Orientierung, Heimat, das Gefühl von Bescheidwissen. Was wir nicht kennen, erschüttert unsere Integrität. Mehrere Mechanismen stehen zur Verfügung, sich diese fragile Identität zu bewahren: Ignoranz, Verharmlosung, Vernichtung. Oder Assimiliation: das großzügige Angebot ans Besondere, Fremde, Amorphe also, seine Vernichtung durch Assimilation an unsere Schablonen abzuwenden. DAS IST DAS URGEHEIMNIS ALL UNSERER DUMMHEIT, ALL UNSERER GEMEINHEIT!

Wie strahlen die Augen des Studenten in der dritten Reihe, wenn er in der Vorlesung einen Begriff hört, den er schon kennt, und mit dem er eine magische Macht über das Bezeichnete behaupten kann, wie verachtet er alles, was ihn überfordert und sucht heimlich nach jenen Gegentheorien, die seine intellektuelle Eitelkeit entlasten, indem sie ihm das Unverstandene als Humbug oder terminologische Angeberei diffamieren. Er funktioniert nicht anders als der kleine Nazijunge, der sein ambivalentes Unbehagen gegenüber der Andersartigkeit des durchaus freundlichen jüdischen Greißlers endlich durch eine Rassentheorie bestätigt kriegt, kraft der er dessen Laden plündern darf.

Da der Kern unserer Identität zwingend unsicher ist, muss Sicherheit durch die Bewaffnung der Grenzen hergestellt werden.

Noch einmal: Der Mythos bannt die Natur, indem er ihr Namen gibt. Der von der Natur beherrschte Mensch wandelt sich zum Naturbeherrscher. Am meisten quält er seine eigene Natur. Aus den Götzen werden Kategorien. Doch die verlieren ihren Götzencharakter nicht.

Die Phrase sagt es selbst: Sprache wird beherrscht. Denn Sprache, der edelste Stellvertreter der Seinsvielfalt und zu unendlichen Kombinationen einladende Kundschafter in die Erkenntnis, wird zu kalten Legosteinen eingeschmolzen, mit denen sie ihre Theorien bauen und die Wirklichkeit damit verwechseln.

So kritisch kann sich keine Gesellschaftswissenschaft dünken, als dass ihre Novizen nicht stolz wären auf die Fähigkeit, das komplexe Geflecht von Denken auf Überschriften, Thesen, Punkte zu stutzen, das Mehrdeutige zu selbstreferentieller Eindeutigkeit zu destillieren. Diese grässlichste Form falschen Denkens wird nicht, wie es sich gehörte, verlacht, sondern beklatscht. Ich erinnere mich eines Seminars, als die klugen Ausführungen eines Studenten, der die Ambivalenzen des Stoffes nicht scheute und geschickt zu referieren wusste, von einem Kollegen als unausgegoren gemaßregelt wurden, während das doofe Referat seiner Lieblingsstudentin, ein standardisiertes Gebet des akademischen Phrasenkatechismus, sein Lob fand.

An der Wurzel des Übels gibt es keine Unterschiede mehr zwischen rechts und links, und du wirst die Linken und ihren mechanistischen Idiotismus mehr hassen als die Rechten, bei denen Anspruch und Wesen sich wenigstens decken, während das Auseinanderklaffen von Freiheitskampf und epistemischen Pogromen bei jenen unerträgliche Empörung schafft.

Unter den Jungen habe ich kaum einen Marxisten kennengelernt, der dialektisch denken konnte und nicht in der planen Tautologie hängen geblieben wäre, dass irgendetwas reaktionär oder fortschrittlich, wissenschaftlich oder unwissenschaftlich sei, weil es eben reaktionär, fortschrittlich, wissenschaftlich oder unwissenschaftlich sei. Solch geistiges Sklaventum verärgert mehr als ein Konservativer oder ein Romantiker, der das Falsche und Unzeitgemäße seiner Prämissen wenigstens selbst gedacht und gefühlt hat. Diese rabiaten Sklaven werfen mit den Rosinen der Weinstöcke, die andere pflanzten, und schimpfen jeden Weinbauern, jeden Selberdenker, einen bürgerlichen Individualisten. Zur Analyse des Antisemitismus haben sie rein gar nichts beigetragen. Auschwitz fand vermutlich nie statt, weil der Dialektische Materialismus, ihr Orakel, das sie unsicher befragen, nichts dazu zu sagen hat. Und wenn, dann war es die Folge des Monopolkapitalismus. Der Faschismus ist ohne den Kapitalismus nicht zu verstehen, das stimmt, jedoch nicht nur durch ihn.

 

Vom Analphabeten bis rauf zum Buchgelehrten also gibt es nur zwei Menschentypen. Ersterer bildet eine bestialische Mehrheit, Letzterer eine aussterbende Minorität. Jener verschanzt sich ängstlich in den Schrebergärten seiner Gewissheiten, diesem sind sie zu eng und stereotyp, er schenkt sich der Ungewissheit wie einem reißenden Strom, den er nicht zu dämmen braucht, weil er weiß, dass er ihm nichts antun wird.

Man könnte diesen Antagonismus romantisch mit dem Widerspruch zwischen Siedler und Trapper beschreiben. Doch der Trapper lernt die Indianersprachen auch nur, um Nutzen daraus zu ziehen und Biberfelle zu erbeuten. Und hinter der elitären Zivilisationskritik eines Allan Quatermain in «König Salomons Diamanten» verbirgt sich auch nur der Vermessungsoffizier der kolonialen Landnahme. In Romantik und Relativismus findest du keinen Ausweg, sie sind bloß die Diapositive der Verblendung.

 

Lerne du dich aber, den Dingen anzuschmiegen. Und räche ihre Zerstückelung.

Wie das zu bewerkstelligen sei? In der Sprache, allen voran der deutschen, hast du eine zuverlässige Kumpanin, so du sie nur richtig zu behandeln weißt. Verzichte nicht auf deinen rationalen Anspruch, doch reiße mit Hilfe deiner neuen Kumpanin stets die Gefängnisse der Phrasen ein. Unvermeidlich, ein Dichter zu werden. Wer die Sprache gebraucht, um der Welt Herr zu werden, macht sich selbst zum Sklaven, durch Verdinglichung und Konformität befriedigt er den Schein des Ichs, das er nicht hat, während du, der du die Sprache zur größtmöglichen Differenzierung gebrauchst, durch diese höchste Demut vor der Sache erst zum Ich wirst.

Deine Sprache sei exakt. Nicht exakt wie das Fallbeil, welches das Allgemeine von seinem Besonderen trennt, sondern exakt wie der Säbel, der das Bezeichnete, ohne es zu verwunden, von den Zwangsjacken zu enger Begriffe trennt.

Deine Sprache sei präzise. Nicht präzise wie der Blattschuss des Jägers, der der Sache nur mächtig wird, indem er sie in tote Trophäe verwandelt, sondern präzise wie die streichelnde Hand, die kundig ihren Formen folgt und ihr dadurch erst Gerechtigkeit widerfahren läßt.

Liebster Ernö, unermüdlich mußt du ihr Handwerk stören, überall wo Identität behauptet wird, sei du der Robin Hood der Nicht-Identität, hindere diese bösen Kinder (denn ihre Vernunft hat das Erwachsenenalter noch nicht erreicht) mit allen Kräften daran, dass ihre Verdinglichungen, Simplifizierungen und Warenzeichen sich wie ein Wechselbalg anstelle der Wirklichkeit setzen. Ja, sie gleichen bösen Kindern, die nur bis hundert zählen können, und jedem Tausendfüßler, dessen sie habhaft werden, neunhundert Füße ausreißen.

Werde zur Schutzmiliz der Bastarde, die in den Grenzzonen der Begriffe siedeln und von jenen vernichtet werden, um ihre dumme Eindeutigkeit durchzusetzen. Jede essentialistische Wesenheit ist Lüge. Darum, wann immer sie ihre Definitionen zu ernst nehmen, foppe sie mit den verdrängten und missachteten Aspekten der Sache, die jene ins Wanken brächte. All das, was sie fürchten, bannen, kastrieren und katastrieren: das Amorphe und Verschlungene, das sei dir Quell der Inspiration und Altar der Verehrung, auf dass jeder Sache, jedem Wesen, jeder flüchtigen Verdichtung des Augenblickes Gerechtigkeit widerfahre, indem es in all seiner Bewegung und Synthese begriffen und respektiert werde. Werde du Ritter, Galan und Götterbote einer negativen Dialektik.

Dieser philosophische Kampf, der zugleich ein politischer ist, wird dich zum unverstandenen Narren machen, zum ewigen Querulanten und zu Lebzeiten dir jeglichen Ruhm verwehren. Doch einmal im Nixenbecken dieser Wahrheit gebadet zu haben, wird deinen Verzicht auf den jämmerlichen Ehrgeiz, sich in die Bedürfnisanstalten des Zeitgeistes zu drängeln, mit tiefer Dankbarkeit erfüllen. Denn du wirst belohnt werden mit einer Wahrhaftigkeit, gegen die sich der frecheste Bestsellerautor und der chicste Modedenker noch wie kleine Laborratten des Marktes ausnehmen, die stets ängstlich schnüffelnd prüfen, was an- und was abgesagt ist.

Du wirst nie wieder mitspielen können, ihre Massaker werden dich mit titanischem Hass erfüllen, denn was ihre Begriffe und Selbstverständlichkeiten mit der Wirklichkeit tun, wird dir wie ein permanentes Herausstanzen von Fleisch- und Knochenquadern aus lebenden Babykörpern vorkommen, weil Quaderdenken keine Form duldet als die einzige, die es versteht. Und die Babyschreie kriegt man nie mehr aus dem Sinn.

Du glaubst nun, Tante Klara wieder einmal dabei erwischt zu haben, wie ihre sadistische Ader zu pulsieren beginnt? Mag sein, aber niemand hat gesagt, dass dieser Kampf ohne Schaden an der Seele überstanden werden kann. Schelte mich also ruhig eine böse Lady Macbeth, die ihren Liebsten zu Zerstörung anstachelt. Doch bedenke: Ich dränge dich nicht zur Allmacht eines Königs, sondern zur Demut eines Weisen, nicht zur Zerstörung der Welt, sondern zur Zerstörung des Zerstörungswerks, zu einer anarchistischen Ordnung, die Egalité, Liberté und Fraternité erstmals wirklich und erstmals profund einfordert, als radikale Demokratie alles Seienden.

Fazit: Sie begreifen Schmetterlinge nur, indem sie sie auf Nadeln spießen. Zerschlage du den Schaukasten und lerne fliegen. Und deine Sprache und damit dein Verstehen schmiege sich ihnen im Flatterfluge an. Gib Namen nicht um zu beherrschen, sondern um zu ehren und zu begreifen, Namen, deren Grenzen offen, weich und fransig sind, und nicht mit scharfen Kanten ins Fleisch der Wirklichkeit schneiden und das Allgemeine aus seinem Besonderen schneiden.

 

Mein liebster Ernö. Das war es.

Ich werde mich jetzt erhängen.

Ohne Gram und ohne Groll scheide ich aus dem Leben,

allein wie bei meiner Geburt.

In bester Laune, weil ich glaube, dass mir endlich gelungen ist,

die richtigen Worte zu finden. Bei der Lektüre am nächsten Tag

verflucht man den Text in der Regel. Aber genau davor drücke ich mich jetzt.

So viel Eigensinn sei mir einmal im Leben gestattet.

Oder etwa nicht?

Mal sehen, ob man wirklich eine Erektion bekommt, wenn es einem die Kehle zuschnürt.

Ich weiß, dass du das nicht sonderlich witzig findest.

Der Galgenhumor der Sterbenden erzeugt in der Nachwelt

mit ihrem beschissenen Heuchlergewissen stets

eine gewisse Aggression gegen diese,

aber – du verzeihst mir abermals –

ich lache mich beinah zu Tode.

Und schon wieder. Mein Sinn

für Humor ist offenbar

ein gedungener Knecht des Lebenstriebs

und will Zeit schinden.

Aber nicht mit mir.

Ich durchschaue mich.

Leb wohl.

 

Klara

 

 

 

 

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