Schaum und Blasen

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Der abschließende Essay meiner Aphorismensammlung »Das neue Wörterbuch des Teufels«.

Zugleich ein Vermächtnis.

 

Das alte und das neue Wörterbuch des Teufels

Mit dem »Wörterbuch des Teufels« hat Ambrose Bierce die Möglichkeiten aphoristischen Ausdrucks erweitert. Die dem Aphorismus oft eigene Apodiktik subjektiver Wertungen konnte sich dabei hinter der Pseudoobjektivität amtlicher Definitionen austoben, ohne ihre Wahrheiten belegen zu müssen. Unabhängig von seinem Typus und Witz verleiht das jedem dieser Paragraphen eine zusätzliche parodistische Note.

Mit meinem eigenen Wörterbuch verbeuge ich mich nicht nur vor dem scharfsinnigen amerikanischen Griesgram, sondern ziehe auch den Hut vor anderen Aphoristikern: vor Jonathan Swift, Georg Christoph Lichtenberg, Johann Nepomuk Nestroy, Friedrich Nietzsche, Oscar Wilde, Karl Kraus, Theodor Adorno und Elazar Benyoëtz, dem das Verdienst zukommt, die Gattung wiederbelebt zu haben, und der das Handwerk des Aphoristikers – Oxymoron, Zeugma, Paradox, Litotes, Metapher etc. – mit unverdrossenem Pioniergeist anwendet, so als sei er der Erste seiner Art. Denn jeder sollte so schreiben, als sei er der Erste seiner Art, nicht aber so, als würde er seine Ahnen nicht kennen.

Auch der vielen witzigen und geistreichen Sprüche von Menschen, die oft aus dem Kanon des literarischen Aphorismus verbannt sind, möchte ich an dieser Stelle gedenken: Mary Montagu, Mae West, Billy Wilder, Dorothy Parker, Groucho Marx, Anna Magnani, Elfriede Jelinek, Woody Allen und den diversen Autoren der Simpsons zum Beispiel. Den meiner Meinung besten Aphorismus hielt ich lange Zeit für ein Werk Billy Wilders. Manche glaubten Groucho Marx als seinen Verfasser. Schließlich fand ich heraus, dass der israelische Psychiater Zvi Rex ihn geschrieben hat: Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen. Eine einfache paradoxe Volte, die eine schreckliche Wahrheit enthüllt. Ich kenne Menschen, die die Qualität dieses Satzes einbekennen würden, doch nie auf die Idee kämen, darüber zu lachen. Ich indes freue mich über jeden Verständigen, der sich vor Lachen dabei nicht halten kann. Unterdrückte Erkenntnisse sollten sich immer mit einem Lachen befreien. Mehr noch als der Inhalt solch eines Satzes ist es dessen Verschränkung mit der Form, die durch Lachen belohnt gehört.

Das „neue Wörterbuch des Teufels“ ist auch der Versuch, die Gattung des Aphorismus in seiner stilistischen Bandbreite vorzuführen: von ernst bis unernst, vom Sinnspruch bis zum kathartischen Widersinn, von der provokativen Antithese bis zum absurden Wortspiel, von trockener Knappheit bis zu schwelgerischem Metaphernexzess, von echtem bis zu parodiertem Pathos, vom Kalauer bis zum Pamphlet, von gespielter Naivität zu gespielter Besserwisserei, von Humor bis zu Witz. Selbst von mir weniger geschätzten Formen wie Lebensweisheit oder bloßem Blödeln habe ich versucht, einiges an kritischem Potenzial abzutrotzen. Der eine oder andere lexikalische Paragraph mag auch aus den üblichen Definitionen des Aphorismus ausscheren und sich auf simple Aussagen beschränken.

Mit der Kritik menschlicher Invarianten, also von Egoismus und Eitelkeit, Neid, Heuchelei und Missgunst habe ich mich zurückgehalten, nicht nur, weil mein Fokus eher ein gesellschaftlicher als ein individueller ist, sondern weil diese Aufgabe von Ambrose Bierce bereits mit ebenso schöpferischer Brillanz wie erschöpfender Penetranz erfüllt wurde.

Natürlich stehe ich in der Tradition des negativen Aphorismus. Verbindliche Lebensweisheiten, von Montaigne und Goethe in unnachahmlicher Klar- und Schönheit formuliert, genieße ich privat, ich weigere mich aber, sie zu formulieren. Dem mag ein Säkularisat des jüdischen (aber auch muslimischen) Grundsatzes zugrunde liegen, man solle sich kein Bild von seinem Gott machen. Mein Imperativ lautet: Du sollst dir kein Bild vom Positiven machen (weil es über das zu bekämpfende Negative hinwegtröstet).

Ein auf Diskursethik und politische Korrektheit heruntertrivialisiertes Denken zeigt sich unfähig, den Unterschied zwischen dem obwaltenden Zynismus und einem ihn bekämpfenden Sarkasmus geistig zu fassen. Und in der Tat macht dieser Sarkasmus es den vielen guten Menschen schwer. Denn er schmiegt sich dem Zynismus mimetisch an, und auch der Verdacht sadistischer Lust am Negativen ist mithin berechtigt. Ein tiefer Hass auf Dummheit und kollektive Illusionen, ich bekenne es, ist der Motor meines Schaffens. Doch: Hass muss produktiv machen, sagt Karl Kraus, sonst ist es gleich besser zu lieben. Das zivilisatorische Zaumzeug, das ich meiner Zerstörungslust anlege, aber ist die künstlerische sprachliche Form. Ich trete den Verhältnissen immerhin mit dem Florett entgegen, weiß aber, in welchen dramaturgischen Momenten der Hammer vonnöten ist. Die Empörung, die den Verhältnissen nur mit einem klagenden Ihr seid so arg zu trotzen weiß, doch nie den Angriff wagt, weil das diesen ja wehtun könnte und man schließlich nicht will, dass die es einem mit barer Münze zurückzahlen, ruft in mir größeren Ekel hervor als ehrlicher Zynismus, zu dem ich in solchen Momenten dann doch eine eigentümliche Verwandtschaft spüre. Das permanente Leben an der Front macht einen rau und rücksichtslos. Man würde ja gerne ins zivile Leben zurück. Doch dafür muss zuerst der Krieg beendet werden. Die Zartbesaiteten tun aber so, als gäbe es keine Front. Das allein macht sie verächtlich.

Daniela Strigls Verdikt gegen den Aphorismus, er sei veraltet und manieriert, kann auch nur den Aphorismus als Lebensweisheit meinen, als auktoriales Bescheidwissen. Die guten „Sprüche“ legitimieren sich aber durch Sprachspiel, Witz und Ironie.

Zwei Gründe lassen den negativen Aphorismus heute schlecht ausschauen: Sprachignoranz und politische Korrektheit. Die Kunst der Invektive, der Illusionszerstörung und der smarten Unbeeindruckbarkeit werden psychologisiert, als Charakterdefekt und Aggressivität geächtet.

Die höfliche Konstruktivität, die sich solch Anmaßung verbietet, ist natürlich Komplize des schlechten Status quo. Denn die Besonnenheit, die es verbietet, in einem Satz zu weit sich vorzuwagen, sagt Theodor Adorno, ist meist nur Agent der gesellschaftlichen Kontrolle und damit der Verdummung. Und der goldene Mittelweg, weiß Arnold Schönberg, ist der einzige Weg, der nicht nach Rom führt.

Einer sich mit ihren diskursiven Benimmregeln die Zähne ziehenden Linken scheinen die alten Meister einer untergegangenen Welt zu entstammen – einer Welt selbstgerechter Blasiertheit, phallokratischer Streitsucht, der Frauen- und Menschenverachtung, der Mieselsucht und des Kulturpessimismus.

Meine Aufgabe sehe ich darin, deren Waffen einem emanzipatorischen, einem linken Anspruch dienstbar zu machen. Man mag selbst beurteilen, ob dieses Experiment gelungen ist. Doch der Schein trügt, dass ich die Sache der politisch Korrekten mit den Mitteln der Unkorrekten umsetzen möchte, denn gute Aphorismen müssen sich auch diesem langweiligen Manichäismus verweigern. Ich produziere bloß Miniaturgemeinheiten zum Andenken gegen die Gemeinheit der Welt.

 

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Der Trickster und die Wahrheit

Eine riskante Kunst ist es, über die Schlechtigkeit zu lachen, ohne ihr Komplize zu werden, sie zu parodieren, ohne den Verlockungen ihrer Allmacht zu erliegen, in ihr – furchtlos – zu baden, ohne von ihr schmutzig zu werden. Die bloße Empörung darüber aber hält sich die Schlechtigkeit vom Leibe und versteht deshalb ihre Strukturen nicht. Sie hält sie sich vom Leibe aus Schwäche und der Angst, ihren Verlockungen zu erliegen.

Der gesellschaftskritische Aphorismus borgt sich einiges von der mythologischen Figur des Tricksters, der als Spaßmacher und Schwindler kosmische Ordnung durcheinanderbringt und damit Dynamik evoziert, die deren Statik aufbricht.

Auch der aphoristische Trickster ist im Spiel zuhause, Dialektik ist das Drachenblut, das ihn unverwundbar macht, und Methode zugleich. Er geht im Schlechten wie im Guten aus und ein, erkennt dadurch das Gute im Schlechten und das Schlechte hinter den Masken des Guten. Daher hassen die selbsternannten Guten ihn bisweilen mehr als die Schlechten: weil er sie zu gut kennt. Das muss er ertragen, denn er dient nur einer unerreichbaren Göttin, der Wahrheit, deren höriger Hofnarr er ist. Er weiß wohl, dass die Wahrheit sich ihm nur in der Negation der Unwahrheit zeigt, als positive Setzung aber eine Chimäre bleibt. Dennoch flüstert sie zärtlich ihm ins Ohr, den Vereinfachern ein Verkomplizierer, den Verkomplizierern ein Vereinfacher, den Zynikern ein Moralist und den Moralisten ein Zyniker zu sein.

 

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Punktgenau über den Punkt hinaus

Wesentliches Merkmal des Aphorismus, sagt man, sei seine Pointiertheit. Er konzentriere eine Wahrheit, er bringe sie auf den Punkt. Das rührt freilich vom alten sprachpositivistischen Irrtum her, dass es einen objektivierbar besten Ausdruck für eine Sache gebe. Auch Flaubert, ganz Kind des 19. Jahrhunderts, glaubte das. In der Tat gibt es viele Punkte, auf die man eine Sache bringen kann. Der Aphorismus nimmt sich die Freiheit, je einen auszusuchen. Seine Apodiktik ist bestenfalls eine gespielte. Deshalb ist dessen Kritik naiv. Er kann es sich leisten, weil er eine monologische Kunstform vorstellt, die sich um Widerrede nicht schert. Er ist ein großer Aufschneider. In beiden Bedeutungen des Worts.

Erweckt der pointierte Satz in uns den Eindruck, er habe die Sache also auf den Punkt gebracht, heißt das nur, dass seiner Komposition mehr Denkarbeit vorausging als der dahingesagten Meinung oder Position. Es gibt keinen adäquaten sprachlichen Ausdruck einer Wahrheit, weil es diese Wahrheit außerhalb des Ausdrucks nicht gibt. Erst durch die Sprachschöpfung wird sie eine solche. Nicht nur kann man etwas auf viele Punkte bringen, der Aphorismus hüpft auch gerne frech um die Punkte herum, auf die wir etwas zu bringen geglaubt haben, und überrascht uns mit neuen Punkten dort, wo wir bereits den Grundstein für unsere Positionen legen wollten, um in den darauf gebauten Bungalows einzuziehen. Er erinnert uns daran, dass der Geist unbehaust zu sein hat, ein Nomade.

 

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Einmal davon gekostet …

Der Aphoristiker ist von Paradoxen dermaßen abgestumpft, dass sie ihm als solche nicht mehr auffallen, sondern sein alltäglicher Umgangston geworden sind. Eine Wahrheit ohne antithetische Struktur schmeckt ihm nicht besser als drei Tage alter Haferbrei aus dem Kühlschrank. Selbst der ernsteste wissenschaftliche Vortrag ohne das Bemühen um sprachlichkünstlerische Gestaltung hat für ihn dann keinen höheren Wert als Sätze wie Die Frau Novotny hat aber zugenommen oder Die da oben richten es sich ja ohnehin.

 

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Vom Blödeln und vom Ernsteln

Der intellektuelle Ernst steht – ohne Zweifel – über dem Scherz. Doch das Scherzen in der Sprache steht stets über dem Ernstsein mit der Sprache.

 

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Der Aphorismus sei ein Schmetterling

Meint der Aphorismus seine Apodiktik zu ernst, ist er anmaßend. Meint er sie nur unernst, gleichgültig. Er relativiert, ohne Relativist zu sein.

Ich mag die Aphorismen, die Schmetterlinge sind. Sie locken den Leser von seinen Standpunkten herunter, um diese zu umflattern, doch wissen sie stets, auf welchem Zweig ihr Platz ist, um auf die Dummheit herabzuhöhnen.

 

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Schon – sogar

Ein genialer Aphorismus stammt von Karl Kraus: Es gibt Schriftsteller, die schon in zwanzig Seiten ausdrücken können, wozu ich manchmal sogar zwei Zeilen brauche. Dieses Meisterwerk entfaltet seinen ganzen Witz durch den bloßen Tausch zweier Adverbien. Die größtdenkbare sprachliche Reduktion. Völlig unmöglich ist es hier, eine Sinn- von einer Formebene zu trennen. Wer Sprache als totes Material der Mitteilung unterwirft, dem wird dieser Satz rein gar nichts sagen, wem jene aber der lebendige Organismus ist, der sie auch sein kann, könnte sich vor Lachen zerkugeln wie jene Freundin, der ich ihn einmal vorlas. Wenige wissen, dass die Korallenketten, mit denen sie sich schmücken, nur die Skelette einst lebender, weitaus bunterer Tiere sind.

 

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Die besten Aphorismen sind die, die man noch nicht versteht

Aber zu verstehen glaubt. Es sind die, über die man schnell hinwegliest, an denen die Aufmerksamkeit nicht haften bleibt, weil deren Spähtrupps nichts auf den ersten Blick Nahrhaftes erkannten. Vielleicht aber sind die Späher hastig über einen Paradiesgarten köstlicher Früchte galoppiert, deren Nährwert ihnen fremd ist, weil sie eben nur nach Früchten suchten, die sie von ihren Nahversorgern kennen. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich war genauso. Unterziehe ich Aphorismensammlungen, die ich vor zwanzig Jahren gelesen habe, einer neuen Lektüre, so finde ich die Texte, die mich damals begeisterten, oft schal, es begeistern mich aber jene, die ich schal fand. Nichts hat das mit der unterschiedlichen Auffassungsgabe unterschiedlicher Lebensalter zu tun, nichts mit der angeblichen Weisheit, die Menschen mit zunehmendem Verwitterungsgrad für die Abnahme ihrer Libido entschädigen soll. Das Verständnis wächst mit Sprach- und Denkerfahrung. Eine Fünfzehnjährige, die in der Sprache denkt, wird mehr verstehen als ein eremittierter Professor von achtzig Jahren, der zeitlebens nur mit der Sprache gedacht hat. (Welch verwirktes Intellektuellenleben übrigens!)

So erschließt sich dem Anfänger, ganz gleich in welchem Lebensabschnitt er anfängt, zunächst stets das Knallige, Eingängige. Starker Tobak, schnelle Verständlichkeit, Sätze voll kräftiger Impulse. Doch das macht nichts, denn die besseren Aphorismen haben Zeit, die Verständigen von den Unverständigen zu sondern. Wessen Geist an ihnen wächst, der wird sie dereinst ausfüllen und lustvoll ihre Balken spüren; der Geist aber, der aus Eitelkeit und Konformismus, diesem bösen Geschwisterpaar, vorzieht, klein und für seine Umgebung sichtbar zu bleiben, tut sie als bedeutungslos ab, weil die Grenzen ihrer Bedeutung zu weit sind, um von ihm erkannt zu werden.

Die Gründe für diese Ignoranz gehorchen dem immer selben Schematismus, der sich – so steht es zu befürchten –  zur Conditio humana anthropologisieren lässt: Vertrautes schafft Sicherheit, Unvertrautes aber Angst. Dieses Muster mag banal sein, doch in vielen Varianten durchdacht, seiner ahistorischen Allgemeinheit enthoben, fördert es immer wieder Erstaunliches – neues Erstaunliches und neues Erschreckendes zutage.

Ein Sprichwort sagt: Alles, was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Viel schlimmer indes sind die studierten Kinder des Bauern, die zwar viel essen, was sie nicht kennen, darin aber nur dieselben vertrauten Geschmacksrichtungen suchen und den Rest ignorieren.

Die Conquista des Begreifens nimmt die Realität in Schubhaft. Die genormten Einzelzellen, in welcher ihre Bestandteile voneinander isoliert werden, nennt man Begriffe. Die Conquista des Begreifens vollzieht sich durch stets denselben Transformationsprozess: Ungleiches gleich machen. Das Ungleiche sich gleich machen.

So verhält es sich auch mit Texten. Der geistig Halbstarke liest über die Sätze, deren Sinn sich ihm nicht voll erschließt, flüchtig hinweg. Er ignoriert sie nicht bloß, sondern grast sie nach den wenigen Aspekten ab, die in seinem Wahrnehmungsvermögen Sinn ergeben, um die Missachtung, die ihm Macht gibt, vor sich zu rechtfertigen. Und vielleicht auch, um sich damit zu beruhigen, dass die Passagen, die ihm keine starken Reize und Wiedererkennungseffekte entlocken, ohnehin belanglos seien. Das noch nicht Begriffene zu banalisieren, ist ihm probate Abwehr, um Herr über den Text zu bleiben.

Wer kennt nicht den gekränkten Schüler, dem es gelingt, ein paar Bedeutungsaspekte von schwierigen Sätzen in seine Alltagssprache zu übersetzen und mit Verachtung dann über jene triumphiert, da sie ja ohnehin jedes Kind verstünde; oder den Studenten, der sich an der Theorie, an der er sich die Zähne ausbiss, rächt, indem er sogleich die Argumente der Gegentheorie annimmt, bevor er jene begriffen hat. 

Das Unbekannte wird mit den Kategorien des Bekannten kolonialisiert. Der Zwerg sieht im Knie des Riesen nur ein leeres Gesicht ohne Nase und Ohren. Und dem Bergbewohner ist das Meer auch nur versalzenes Wasser, das sich bloß nicht einbilden soll, nasser zu sein als der Bergsee daheim.

Ich weiß, wovon ich schreibe. Ich habe einst die besseren Aphorismen missachtet, weil sie nicht so laut waren wie ich, weil sie nicht so bunt waren, wie ich sein wollte, und weil sie nur gescheit waren – und nicht obergescheit wie ich. Ein einfacher und genialer Aphorismus hierzu stammt von Goethe: Man sieht nur, was man weiß. Eine Freundin mit geringem Vertrauen in die eigene Intellegibilität hatte einen Satz einmal abgetan mit den nicht minder wunderbaren Worten: Das verstehe ja sogar ich.

Die Blackfoot nannten die ersten Pferde, die sie zu Gesicht bekamen, große Hunde, die Lakota Medizinhunde, die Komantschen sogar Gotthunde. Vielleicht aber machten sie sich auch lustig über sie, weil sie so komisch bellten und weder jagten noch carnivor waren.

Begreifen projiziert das bereits Begriffene ins Neue, noch nicht Vertraute, und zwängt dieses dann in seine gewohnten Begriffe. Es wird ihnen unterworfen und assimiliert. Auf Kosten seiner jeweiligen Eigenheit.

Dass Rechteckmenschen, die keinen Begriff von Rundheit haben, in der Natur nur rechteckige Formen wahrnehmen, ist vielleicht dumm, aber menschlich. Eine viel größere Lachnummer in der menschlichen Tragikomödie sind die Besserwisser, die sich den Rechteckmenschen mit der Fähigkeit überlegen fühlen, auch Kreise zu erkennen und diese dann als verbogene Rechtecke klassifizieren.

Was wir gut finden und worüber wir lachen, sind Grenzmarken unseres Verstandes. Am problematischsten zeigt sich hierbei die Position derer, die sich mit ihrem Verstand über die Allgemeinheit zu erheben glauben. Sie wähnen sich Außenseiter, weil sie die Metropolen der Durchschnittsignoranz verlassen, aber sich in den Zeltlagern der Außenseiterignoranz draußen knapp vor den Stadtmauern eingenistet haben. Das hat für sie zwei Vorteile: von den Stadtbewohnern gesehen (also in ihrer Außenseiterrolle bestätigt) zu werden und sich in genug Gleichgesinnten zu suhlen. In die Wälder traut sich aber keiner. Ein tief sitzender Konformierungszwang verhindert, sich dorthin zu begeben, aus Angst, die Rolle des Insiders innerhalb der Outsider zu verlieren. Das war schon zur Schulzeit so. Zwar verspottete man Streber und Klassensprecher mit guten Gründen, aber keinen Witz oder Gedanken traute man sich formulieren, der innerhalb der Außenseitergang nicht auf Zustimmung gestoßen wäre. Eitelkeit in Kombination mit dem Wunsch nach Zugehörigkeit sind die besten Agenten bestehender Ordnung und somit Eisenkugeln an den Füßen der Erkenntnis.

Aber wer mag sich schon eingestehen, dass eine mühsam erworbene Position außerhalb des Allgemeinverstandes kein Gipfel, sondern bloß die erste Etappe auf einem nicht endenden Weg ist? Wer hat schon die Größe zu sagen: Ich hoffe zwar, auf dem richtigen Weg zu sein, aber was ich jetzt für geistreich und witzig halte, ist, von einer weiteren Position aus betrachtet, vielleicht platt und vorhersehbar. Doch lasse ich mich dadurch nicht behindern, meinen Teilerfolg zu genießen, freue mich aber darauf, bei konstantem Fortschreiten meines Geistes einst jene Höhen zu erklimmen, von denen aus das, was ich jetzt für groß halte, mickrig erscheint. Solch ein Mensch gehört von früh bis spät geküsst, will man ihn von seiner Entwicklung abhalten.

Eitelkeit ist im Übrigen eine harmlose Invariante der Seele, genug ist gegen sie moralisiert und geheuchelt worden, genug Stoff für mehr oder minder geistreiche Aperçus hat sie geliefert, und noch mehr für Gemeinplätze wie den etwa, dass wir doch alle eitel und die, welche es verleugnen, die Eitelsten seien. Eitelkeit ist, vor den richtigen Karren gespannt, eine überaus produktive Kraft, dürftig ist es, sie moralisch zu tadeln; Probleme bereitet nur ihre gesellschaftspolitische Konsequenz: Sie treibt uns dazu, nur für wahr und gut zu befinden, wofür es sozialen Lohn in Form von Verständnis und Bestätigung gibt. Kein soziales Netz fängt die auf, die sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Eher werden sie von hinten geschubst. Alles drängt zum gesellschaftlichen Mittelpunkt, und sei es nur jener der jeweiligen Außenseitergang.

Dass ein Aphorismus allgemein verständlich ist, spricht noch nicht gegen ihn, genauso wenig wie für ihn sprechen könnte, wenn er kryptisch ist. Bloß dass er zu eingängig ist, macht ihn verdächtig, er muss zumindest ein Weilchen zum Denken gezwungen haben, erst dann hat er sich seinen Beifall verdient.

Darum: Die besten Aphorismen sind die, welche man noch nicht versteht, welche man überfliegt und nicht für stark genug hält, weil man selbst noch nicht stark genug für sie ist.

 

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The Anglo-Saxon approach – dry wit und Triebabwehr

Zwei scheinbar gegenläufige soziokulturelle Kräfte, Puritanismus und Exzentrizität, haben im britischen Raum einen Typus geformt, welcher der gewitzten Aphoristik einige herbe Gewürze beigesteuert hat. Und es scheint beinahe, als wäre die britische Akzeptanz von Schrulligkeit eine Entschädigung für die viktorianische Eindämmung der Sinnlichkeit gewesen. Psychologisch lässt sich der trockene Exzentriker auch zum Produkt Letzterer verkürzen. Als Sozialcharakter begleitet er den Aufstieg des protestantischen Mittelstandes. Der Wit der Stuart- und der frühen georgianischen Periode ist noch hedonistisch und verspielt und dem Wertekodex der Aristokratie verpflichtet. Jonathan Swift stellt einen Übergangstypus dar. In Lawrence Sternes Onkel Toby oder im realen Dr. Johnson feiert der neue character seinen Einstand, mit Evelyn Waugh und Winston Churchill seinen glorreichen Abgesang. Am reinsten tritt er in Shaws Professor Higgins und Conan Doyles Sherlock Holmes hervor: der blasierte Junggeselle, nicht mehr hetero- und noch nicht homosexuell; eloquent, sachlich, leidenschaftslos, spröde und stets kontrolliert. Sein ganzer Habitus weist auf Kompensation seiner Angst vor Kontrollverlust hin (den der Sexus bedeuten würde: Irene Adler lässt grüßen). Im amerikanischen Kontext tritt ein verwandter Typus plebejischer und aggressiver mit den Zügen des intellektuellen Grenzers auf, mit Einsprengseln von Dr. Johnsons Bärbeißigkeit und keltischem Mutterwitz. Niemand verkörpert ihn besser als Ambrose Bierce selbst: Der Gestus trockener Ironie dient der Invektive, diese wird mit der Unbarmherzigkeit von Revolverduellen angewandt: Es ist meine Absicht, den Journalismus dieser Stadt zu reinigen, indem ich solchen Schriftstellern Unterweisungen gebe, die Unterweisungen verdienen, und solchen, die sie nicht verdienen, umbringe. Auffällig oft ist diesem Typ zu beiden Seiten des Atlantiks ein infantiler Hang zum Makabren eigen. Inwieweit und welcher Art dies mit seiner Sexualpathologie zusammenhängt, sei den Psychogen überlassen. Leugnen lässt sich der Konnex nicht. In der spätviktorianischen Periode aber herrscht dieser einzelgängerische, vorgeblich misanthropische Gentleman noch unangefochten über sein Soziotop und ist sicher vor seiner Psychologisierung. Seine autistischen Anwandlungen sind nicht sonderlich sympathisch, aber amüsant. Dieser Habitus ist heute undenkbar, selbst als Zitat riskant. Wann immer ich mich darin versuche, nehme ich, um Missverständnissen vorzubeugen, den nasal-dozierenden Tonfall von Rex Harrisons deutscher Synchronstimme an. Nicht als Typ interessiert er länger, sondern methodisch ist er wert, in die Gegenwart gerettet zu werden: Viele Aphorismen gibt es, die ihren Witz aus dieser Distanz beziehen. Denn seine Unbeeindrucktheit – ein hässliches Wort, es gibt kein besseres – ist ein probates Mittel, gängige Meinungen, Vorurteile, vorgebliche Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen. Unbeeindrucktheit und Bagatellisierung. Auch Oscar Wilde imitiert jenen Ton blasierter Distanz, obwohl er zugleich das genaue Gegenteil zu besagtem Gentlemen repräsentiert: Wildes Witz kann sich alle Trockenheit der Wüste leisten, weil sein Naturell unerschöpflich feucht ist, wuchernd vor irischer Phantasmagorie und Paradoxa, frivol und menschenfreundlich. In diesem eigentümlichen Hotchpotch liegt seine Genialität. Wenn er über George Bernard Shaw, den Schöpfer des Professor Higgins, sagt: Er hat keine Feinde und keiner seiner Freunde kann ihn leiden, dann liefert er noch den Prototypen angelsächsischen Wits ab, sobald er aber in einem anderen Glanzstück der Aphoristik meint: Wenn England seine Kriminellen weiter so schlecht behandelt, dann verdient es keine zu haben, rührt er diese Trockenheit mit den feuchtesten Farben des Widerspruchs an. Ist das nicht wunderbar?

 

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The Celtic approach – Irish bull, Phantasmagorie und Widersinn

Ganz gleich ob als kulturalistische Projektion oder Realität gesetzt: Es gibt ein Gegenmodell zum protestantischen (bzw. anglikanischen) Geist. So wie die USA ihr Mexiko haben, hat England sein Irland. Will man diese Scheidelinie der Mentalitäten nicht auf nationale Grenzen fixieren, so bietet sich die durchaus problematische Etikette keltisch an. Als ein Hilfsbegriff freilich, dessen Essenzialisierung wie jede Essenzialisierung nichts als Unfug sein kann.

Auch wenn das Frühstück da wie dort schlecht schmeckt, die Lippen in Chichester, England, nicht dünner als die in Bangor, Wales, sein mögen und der Regen mit der gleichen Penetranz auf London wie auf Glenfinnan im schottischen Hochland fällt: Das Keltische ist die konzeptuelle Antithese zum Angelsächsichen, aus der vor allem die künstlerische Opposition gegen die vorherrschende Trias aus Kapitalismus, Prüderie und Pragmatismus in England seit dem 18. Jahrhundert ihre kräftigsten Farben bezog. Einen bunten Strauß sattsam bekannter Stereotype stellt die Antithese vor. Und trotzdem mag man das Auge nicht vor dessen Farben verschließen. Was sind seine Blüten, die sich vom trockenen Grau der Briten abheben?: Sie schillern derb-herzlich, archaisch, phantasmagorisch, verträumt, psychedelisch, dionysisch, trunken, aus- und abschweifend, plebejisch, poetisch, verworren, körperlich, ungezähmt, paradox, redselig, verspielt, atlantisch-mediterran. Terry Eagleton hat in einem luziden Werk den genuin irischen Charakter der Moderne innerhalb der angelsächsischen Literatur extrapoliert. Neben ihrem Hang zum Allegorischen und Musikalischen gilt seit vorchristlichen Zeiten das Spiel mit Paradox und Widersinn zu den hervorstechenden Merkmalen inselkeltischer Fantasie. Kein Wunder, dass die irische Literatur aus Mangel an einer bürgerlichen Soziogenese direkt von der Archaik in die Avantgarde sprang. Für den Aphorismus, den witzigen zumal, ist der Torfboden besonders fruchtbar. Eine eigene Art des Humors wird Irish Bull genannt: Wahrheit mit den Mitteln der Dummheit sagen. Aus vorgeblicher oder echter Naivität heraus logische Widersprüche beredt machen oder verschiedene Sinnebenen ad absurdum führen.

Beispiele: I’m not superstituous – I’m afraid it might bring me bad luck. – Isn’t it amazing how just enough things happen every day to fill the newspapers. – If God had meant us to be nudists, we would have been born with no clothes on. – Are ye a natural born Irish subject? No, I was a Ceasarean birth. – That’s a beautiful child you have. That’s nothing. You should see his photograph. – Youth is too wonderful a thing to be wasted on young people. – Do you believe in faeries? I don’t. But I know they are there and that they probably don’t believe in me either. Oder das wunderbare irische Atheistenbekenntnis: There is no God, and I am his prophet.

Eine gute Definition des Bull stammt von Sydney Smith, die er 1803 im Edinburgh Observer vorschlug: Bull sei eine Art umgedrehter Wit, denn: wit discovers real relations that are not apparent, but bulls admits apparent relations that are not real.

Und jetzt genug der schwärmerischen Kulturalisierungen, denn der Bull ist keineswegs Eigentum der konzeptuellen Iren, Waliser oder Kornen, sondern überall anzutreffen, wo gewitzte Individuen über tradierten Humor hinauswachsen. Im jüdischen Humor ist er nicht weniger stark ausgeprägt, und Johann Nepomuk Nestroy bediente sich seiner mit Raffinesse. Nicht unerwähnt soll hier sein, dass dessen berühmter Aphorismus Was hat denn die Nachwelt für mich getan? Nichts! Gut, das nämliche tu’ ich für sie ein Plagiat ist. Er stammt nämlich vom irischen Baron Boyle Roche aus dem 18. Jahrhundert. Und auch Woody Allens Die Ehe ist der Versuch, die Probleme zu zweit zu lösen, die man alleine nicht hat ist die Adaption eines Spruchs, der sich bereits in einer Sammlung von Irish Bulls aus den 20er Jahren findet.

Einer, der diese Disziplin zu vorher ungekannter und hernach nie wieder erreichter Brillanz getrieben hatte, lebte weder in Dublin noch in Brooklyn noch in Wien, sondern in München: Karl Valentin. Von ihm sind Bulls überliefert wie Ich bin auf Sie angewiesen, aber Sie nicht auf mich! Merken Sie sich das! Und Die Zukunft war früher auch besser! sowie bestechend geistreiche Aphorismen wie Fremd ist der Fremde nur in der Fremde und Metaphysik ist der Versuch, in einem verdunkelten Zimmer eine schwarze Katze zu fangen, die sich gar nicht darin befindet.

Und dennoch tun das die Pawlow’schen Hündchen des Hochkulturmarkts, weil es sich dazu lachen lässt, als niedere Muse ab, während sie – in ihrer Wertung stets unsicher –zu pathetischem Ernst hochwinseln, zu ihren von den Kulturreportern verordneten Nippesfiguren des Geistes. Müsste man vor der religiösen Notdurft der Menschen resignieren, dann wäre das ehrfürchtige Erschaudern vor dieser göttlichen Vermählung von Geist und Witz, wie sie auch ein Karl Valentin zustande gebracht hat, ein Kult, der ausnahmsweise das Richtige verehrt. Man kann es nicht oft genug sagen: Witzigkeit als bloße Unterhaltung steht unter dem künstlerischen Ernst, doch dieser tut gut daran, sich vor dem Witz zu verbeugen, will er weiterhin ernst genommen werden.

 

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Seine Blasiertheit

Die Selbstgewissheit des Aphoristikers nimmt viele Menschen gegen ihn ein. Besonders solche mit mangelndem Orientierungsvermögen in der hübsch-verwirrenden Tonika zwischen Ernst und Unernst, ganz zu schweigen von den Halbtonschritten zwischen ernstem Unernst und unernstem Ernst, oder gar den Vierteltonschritten dazwischen. Und wenn er dann auch noch Paradoxiker ist und die antithetische Provokation bevorzugt, also die bewusste Herausforderung gängiger Denk- und Fühlgewohnheiten, dann kann er zum beständigen Ärgernis werden. Ich glaube mich gut ins Innenleben solcher Empörten hineinleben zu können, denn ich habe als Jüngling, der sich viel auf sich einbildete, diese Eingebildeten selbst gehasst. Ich kenne das Ressentiment, das rufen will: Mit welchem Recht kommt dieser Spruch so selbstgewiss daher? Kann er das überhaupt belegen? Na warte, du arrogantes Schwein, trau dich nur in unsere Selbsthilfegruppe!

Der Aphoristiker wird es tunlichst unterlassen, sich den Selbsthilfegruppen der Witzlosen auszuliefern, so wie der Lyriker vor keiner Instanz den Sinn seiner Metaphern zu rechtfertigen hat. Weil seine Aphorismen zwingend die Eitelkeit der Schwachköpfe kitzeln, projizieren die Schwachköpfe diese in ihn. Da es keinen Sinn hat, sich vor ihnen zu erklären, zum Beispiel, dass die Apodiktik oft eine notwendige Pose vorstellt, eine Pose allerdings nicht um ihrer selbst willen, sondern als Technik der Gegenwahrheit, macht er sich oft einen Spaß daraus, seine Selbstgefälligkeit zuzugeben – doppelte Pose, doppelte Provokation, doppelter Spaß. Das Triumph- und Wutgeheul der Kleingeister mag ihn amüsieren, überraschen kann es ihn nicht.

Es ist das alte Spiel. Man erblickt sich im Spiegel und sagt sich zuzwinkernd: Was für ein schöner Mann! oder Was für eine schöne Frau!, nur um den anwesenden Heuchlern den Eitelkeitsvorwurf zu entlocken, jenen, die sich zwar ständig in menschlichen und echten Spiegeln suchen, es aber nie eingestehen.

Ein Meister darin war Oscar Wilde. Er wurde nicht müde, als Selbstverliebter zu posieren, um die viktorianischen Pharisäer zu ärgern. Dabei gab es niemanden, der dermaßen selbstvergessen in die Schönheit der Welt verliebt war und die Fähigkeit besaß, schöpferisch an ihr Gefallen zu finden. Ambrose Bierce brachte solch Selbstironie nicht auf, sie wäre ihm als zu weibisch erschienen.

 

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Saint Oscar

Es ist schwer, anhand von Aphorismensammlungen zu Oscar Wildes Denken vorzudringen. Viele der Sentenzen darin sind Dialogfetzen aus seinen Komödien, wobei zu unterscheiden ist, ob sie aus dem Mund älterer Damen kommen, die mit vorgeblicher Naivität Wahrheiten sagen, oder von Wildes Alter Egos, den zumeist adeligen Provokateuren moralischer Konventionen formuliert werden. Darin erschöpfen sich Wildes geistreichen Aperçus auch: charmante Frechheiten, mit wissenschaftlicher Gewissheit proklamierte Amoralismen und die Huldigung von Schönheit und Jugend, Sinnlichkeit und Sünde. Durch all die Dekadenz hindurch schillern jedoch zwei beständige Eigenschaften dieses Mannes durch: Wit und Liebenswürdigkeit. Er ist immer freundlich, und er ist immer smart. Oscar Wilde war der einzige Décadent, den die näselnde Evaluierung einer Krawatte nicht affig wirken ließ, und der wohl einzige Dandy, der ein kritischer Denker war. In Essays wie The Soul of Man Under Socialism und The Decay of Lying hat er es hinlänglich bewiesen. Mit solchem Wissen sieht man ihm auch die vielen Albernheiten und Oberflächlichkeiten nach, und kann sie ohne Skrupel genießen, weil man weiß, dass man schon im richtigen Salon gelandet ist, und auch, wo sich dort die Tapetentür zu unbestechlichem Denken befindet.

Es stimmt schon, dass viele seiner Aphorismen nicht mehr sind denn amüsante Paradoxe, doch fühlt man sich in ihrer Gesellschaft wohler als im mittelmäßigen Tiefsinn vieler ernster Aphoristiker, die sich Wilde gewiss überlegen fühlten. Denn unabhängig davon, dass die Spannung zwischen menschenfreundlicher Heiterkeit und unerbittlicher Kritik bessere Kontrasteffekte erzielt, taugt dieser luxuriöse Teppich aus Bagatelle und Witz in Wildes Fall als Trampolin, den Geist nach Belieben so weit in die Höhe schießen zu lassen, wie die Seriösen in ihre Metaphysik gar nicht runterzuwühlen imstande sind. Seine Paradoxe können ständig mit scharfer Munition nachgeladen werden, während die grüblerischen Weltklugen gar keine Munition haben. Alle Aphorismen von Cioran, Dávila und Canetti tauschte ich ein gegen den albernsten Spruch von ihm. Er ist die Ausnahme. Oscar Wilde ist der kultivierteste Mensch.

 

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Was hat er bloß damit gemeint?

Ein Aphorismus, der sich interpretieren muss, gleicht einer Robbe an Land. Linkisch watschelt sie auf ihren Flossen daher, durchs Wasser aber schnellt sie mit beispielloser Eleganz, wechselt unerwartet die Richtung und dreht sich spiralförmig um sich selbst. Wer den Aphorismus (oder das Epigramm, das Aperçu, den Kurzessay) auf eine Aussage reduzieren will, hat dessen Wesen nicht verstanden, nämlich dass seine Form sein Wesen ist. Dieser hat die plane These gerade wegen ihrer Plumpheit ins Meer entführt, wo er sie kokett umschwimmt, wie einen Ball auf der Nase balanciert und von Strömung und Gegenströmung durchbeuteln lässt. Die witzlosen Pharisäer unterstellen ihm, er drücke sich vor der klaren Aussage und gefalle sich in formalem Flitter. Er aber erwidert: Ihr erdrückt die klare Aussage – ich umspiele sie, und ich habe sie bloß aus eurem Büßergewand befreit und in das Biotop der Widersprüche zurückgebracht, aus dem ihr sie gestohlen habt und in dem sie sich bewähren muss.

Einem Aphorismus, der mit einer Aussage nicht den Pfad zu weiteren ausleuchtet, fehlt es an Strahlkraft. Er ist dünne Suppe. Seine Form, den Dummköpfen bloßer Dekor, ist dermaßen organisch mit seinem Inhalt verwachsen, dass die operative Trennung zu seinem augenblicklichen Tod führen würde. Er ist der leibhaftige Spott jeder deduktiven Zerlegung, und am gelungensten, wenn er sich dadurch den analytischen Ernst nicht nehmen lässt.

Weder die Robbe noch wir haben etwas davon, wenn wir sie dorthin locken, wo sie am linkischsten ist und man ihr zudem das Fell über die Ohren ziehen kann, wie sehr aber können wir profitieren, wenn wir im Wasser ihren graziösen Bahnen zu folgen lernen.

 

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Schaum vorm Mund

Eine beständige Reaktion auf meine Polemiken ruft in mir ebenso beständige Verwunderung hervor. Ich kenne auch die Gründe des Missverständnisses. Wie zu erwarten sind sie nicht bei mir zu finden. Kurz war ich nun verleitet, hinter den letzten Satz das Emoticon des Zwinkerauges zu setzen, um durch vorgebliche Ironie den berechtigten Verdacht der Selbstgefälligkeit abzuwenden. Aber dass Ironie durch ein Piktogramm indiziert werden muss, ist ein ebenso großes Armutszeugnis für das Sprachempfinden, wie es ein Schild mit der Aufschrift Arschloch um den Hals von HC Strache für das menschliche Wahrnehmungsvermögen wäre.

Man attestierte manchen meiner Texte, sie seien aggressiv, wütend, voll strafendem Pathos und anklagendem Ernst – ich schriebe mit Schaum vorm Mund.

Seltsam. Wie kann Eigen- und Fremdwahrnehmung bloß so weit auseinanderklaffen? Ich fühlte mich beim Schreiben stets wie Scarlet Pimpernel, sie aber hörten nur einen Savonarola heraus. Oder für jüngere Semester: Ich sah mich als heiter-schwuchteligen Tony Curtis, und sie nahmen einen strafenden Mel Gibson wahr. Ich lachte mich krumm beim Schreiben meiner Sätze, die in ihren Ohren wie Donnergrollen klangen.

Verschiedene Gründe hat solch Missverstehen. Political Correctness und zu langes Leben im trügerischen Wohlstandsghetto haben die Gebildeten verhätschelt. Political Uncorrectness ist das logische Ventil solcher Heuchelei. Die einstige Kunst der Invektive gilt ihnen als psychische Verirrung, weil sie selbst nichts mehr anders denn psychologisch fassen können. Da sie auf ihr Selbst zurückgeworfen sind, ist ihnen schwer verständlich, dass man – so wie sie es gerne täten, aber sich nicht trauen – aus anderen Gründen attackiert als aus persönlichem Ressentiment. Wer den Mut hat, unhaltbare Verhältnisse zu bastonieren und stellvertretend dafür konkrete Menschen, löst in ihnen unwillkürlich Mitleid aus, weil sie sich mit gutem Instinkt selbst als mögliche Opfer solcher Behandlung wähnen. Und was ihnen das größte Unbehagen bereitet, ist, was ich an anderer Stelle einmal als doppelte narzisstische Kränkung bezeichnet habe: sich zuerst als Person angegriffen fühlen, um hernach begreifen zu müssen, dass man nicht einmal als solche gemeint war, sondern bloß als austauschbarer Hampelmann der Verhältnisse, deren Kritik den Kritiker einzig als seriös ausweist.

Sie sind Wellness-Weicheier und deshalb nicht wehrhaft. Sie predigen gewaltlosen Widerstand, um gleich gar nicht widerstehen zu müssen. Deshalb ist ihnen auch die Fähigkeit abhanden gekommen, zwischen Florett und Hammer zu unterscheiden, denn weh tut beides. Und ob die Flut der geistigen Gegenwehr sich über Kaskaden der Ironie und Mehrdeutigkeit ergießt oder wie ein plumper Brecher daherschwappt, entzieht sich ihrem Differenzierungsvermögen, weil sie sich nur darum sorgen, nicht nass zu werden. Schließlich könnte man sich Schnupfen holen.

Der Wandel von analoger zu digitaler Technik scheint auf gespenstische Weise ihr Bewusstsein mitstrukturiert zu haben. Sie sind nuancenblind. Negativität, die bestimmte Kritik des Bestehenden, ist zur Charakterfrage verkommen. Und da ihnen Sprache nur noch kommunikatives Instrument ist, zur Empörung bestenfalls, zur Selbstentblößung, Mitteilung, Exposition von Haltungen und Meinungen, ist ihr Sensorium für die Spannung der Gegensätze verkümmert, zu der jede einzelne Syntax fähig ist. Anklage und Betroffenheit in der politischen Praxis, Spaßkultur in der Freizeit. Je mehr sie in ihren poststrukturalistischen Jargons vom Spiel der Signifikanten schwafelten, desto mehr Terrain hat sich binäres Entweder-Oder zurückerobert. Eine wechselseitige Durchschlierung von Ernst und Unernst, die als spoudogelonion noch zum Wesen der antiken Satire und kynischen Spottrede gehörte, ist ihnen ebenso unbegreiflich wie das Mysterium der Sprachkomposition selbst. Ihre Intellektuellen reden viel von Differenz, und doch fallen sie in ihrer kognitiven Kapazität hinter die Dialektik zurück. Da sie außerhalb der Sprache stehen, stehen sie außerhalb der Welt. Welch vergeudete Energie: Im Ringen um Wahrheit wird die Sprache zu standardisierten Blöcken gefroren, womit man dann Stelen aus Ansichten und fertigen Argumenten schichtet. Nicht ahnend, wie viele Möglichkeiten der Wahrheitsfindung bereits innerhalb der jeweiligen Sätze einander lustig wie Kaulquappen umschwammen, ehe man sie tieffror.

Das ist auch der Hauptgrund, warum die Menschen nur noch Witzigkeit verstehen, aber keinen Witz. Der Witz kaulquappt innerhalb der Sprache, Witzigkeit ergibt sich aus außersprachlichen Mitteln wie Grimassen, Parodien oder aber jener Versklavung von Sprache, kraft derer sie schwerfällige Pointen schleppen muss.

Und hiermit zurück zu der Frage, warum man nur noch den Schaum vor meinem Mund, nicht aber die bunten Seifenblasen sieht, die ich daraus puste. Da man nicht mehr versteht, was sich in der Sprache ereignet, sondern bloß zu verstehen glaubt, was sich mit ihr machen lässt, bleibt als einzig verlässliche Verständnisquelle die Intention des Autors übrig. Meint er’s ernst oder nicht? Er ist so negativ, folglich kann er nur wütend sein. Der einzige Fehler, dessen ich mich schuldig machte, bestand darin, hinter jedem Satz auf das Emoticon des zwinkernden Auges verzichtet zu haben. Dann wäre alles klar gewesen. Oder doch nicht? Es bestünde nämlich die Gefahr, dass man zwar die Ironie würdigte, aber glauben könnte, ich meinte das gar nicht so streng, wie ich es schreibe. Und das wiederum würde weniger stimmen als die Wut, die man mir unterstellt.

 

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Streber und Störenfried

Erinnern wir uns zurück. In jeder Klasse gab es sie. Den Liebling der Lehrer und den Störenfried. Weiblich oder männlich. Einzeln oder in Gruppen. Da waren zunächst die Vorzugsschüler, oft wurden sie zu Klassensprechern gewählt, seriöse junge Männer und Frauen, die sich kraft ihres Bedürfnisses, möglichst schnell erwachsen zu wirken, pflichtbeflissen auf die Bahnen begaben, die das Schulsystem für sie vorgezogen hatte. Ihre uns widerwärtige Vernünftigkeit war der Kniefall vor einer integrativen Vernunft, die mit den Streicheleinheiten der Konformierung lockte. Oft waren das recht gebildete junge Menschen, ernst und gar nicht unsympathisch. Was am meisten an ihnen störte, war ihre beinahe aggressive Konstruktivität; sie trugen stets die Verantwortung des Jungchristen als Gloriole herum, die sie täglich vor dem Einschlafen wie nach dem Aufwachen blankpolierten.

Oft stellten auch sie die falsche Ordnung der Welt in Frage, beim Redewettbewerb und bei der Diskussion zum Beispiel. Dabei erfüllten sie aber die Funktion, mit dem verordneten Phrasenkatalog und ethischer Verbindlichkeit jene Grenze knapp links von der Mitte zu markieren, deren Überschreiten dann als verschroben, extrem und unseriös gebrandmarkt würde.

Nie schlugen sie über die Stränge, ihr ganzes Streben strebte zur Mitte, zum Kompromiss, zur Affirmation. Sie waren, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, Kapos der Nutzbarmachung. In ihnen kündigten sich, selbst und gerade wenn sie gesellschaftliches Engagement zeigten, der künftige Funktionsträger an: der leitende Angestellte, der Kulturfuzzi, der Uni-Prof, der Redakteur.

Die Störenfriede hingegen waren zumeist das, was man ihnen vorwarf: unreif, albern, destruktiv und gemein. In ihren zuweilen infantilen Provokationen erkannte man nicht selten bereits die Male rechter Verirrungen. Doch trotz allen Unfugs trugen sie jenen kleinen, aber fruchtbaren Keim der Anarchie in sich, der darin bestand, die Regeln des Systems nicht zu akzeptieren, denen sich die Streber in vorauseilendem Gehorsam unterwarfen. Unter den richtigen klimatischen Bedingungen konnte dieser Keim dann über die bloße Verweigerung zur Infragestellung jener Regeln hinaussprießen, zu einer kritischen Vernunft vielleicht, die jenseits der Vernünftigkeit der Streber liegt.

Was aber hat das mit Aphorismen zu tun? Auch unter ihnen gibt es Streber und Störenfriede. Scheinbar Seriöse und scheinbar Unseriöse. Die in die Köpfe der Vernünftigen implantierte Matrix wiederholt auch hier die falschen Wertungen der Pubertät. Sie gibt der konstruktiven Lebensweisheit den Vorzug. Doch sobald die durch eine dialektische Bewegung verzerrt wird, lässt sie uns auch darin wieder das Gesicht des einstigen Störenfrieds aus der hintersten Bank erkennen. Bestenfalls werden solche Texte als originelle Übertreibungen und Sprachspiele ins Reich der Unterhaltung abgetan und dort mit einiger Herablassung geschätzt, bloß nicht dürfen sie sich aufs Podium des konstruktiven Ernstes wagen. Dann bekommen die Securities übers Headset ihre Instruktionen.

Der Streber unter den Aphorismen ist die seriöse Lebensweisheit. Wie der Vorzugsschüler von dazumal prätendiert er Verantwortung und Tiefsinn, wenn er sich den existenziellen Fragen des Lebens stellt. Da gibt es kein Tändeln und Tänzeln, weder Chuzpe noch Provokation, einzig provoziert er bescheidwissendes Nicken, weil er den Leisetretern unter den Intellektuellen in die geistigen Chefetagen des Mittelmaßes hinableuchtet, die ihnen als Olymp des Denkbaren dünken. Doch nicht einmal dort traut er sich zu weit aus dem Fenster lehnen. Salbungsvoll, aber ohne Scham stoßen solche Aphorismen bereits das Tor auf zum gravitätischen Feuilleton des stellvertretenden Chefredakteurs.

Ich will nicht leugnen, dass es bei den Strebern auch gute Sprüche geben kann, und obwohl die Störenfriede unter den Aphorismen nie zu Podiumsdiskussionen über den Weltenlauf eingeladen werden, ahnt der Leser schon, dass ich ihnen nicht nur den Vorzug gebe, sondern sie jenen für kaukasus-, ja, nangarparbathoch überlegen halte. Mehr noch: Neben seiner Funktion kunstvollerer Aufklärung gäbe sich der Störenfried-Aphorismus – ein böser, neckischer Affendämon mit Flügeln ist das – schon zufrieden mit seiner vorrangigen Lebensmission, die einzig in der Jagd, Verspottung und Vernichtung der Streber besteht. In der Welt des Aphorismus geht es nämlich zu wie bei Hieronymus Bosch: Dort wird mit großem Vergnügen gefoltert. Denn die Schmerzensschreie der Streber, wenn die Störenfriede ihnen zunächst die Lebensadern, sprich die Marionettenfäden kappen, die sie mit den Instanzen von Macht, Anerkennung und Subvention verbinden, und dann wie mit der Nagelklemme peu à peu die Heuchelei ihrer dummen Seriosität von den normierten Körpern zwicken, ist die schönste Musik in ihren Ohren. Sie können nie genug kriegen davon. Das ist ihr Zweck, das ist ihr Nutzen. Dass sie nebenbei das Denken auch noch auf originelle Weise von dessen verwalteten Bahnen runterlocken, ist ein nicht beabsichtigter Kollateraleffekt. So hat jeder was davon. Die Störenfriede haben ihren Spaß und wir unsere Einsicht davon.

 

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Witz und Feminismus

Dass guter Witz auch von Aphoristikern stammt, die ausgewiesene Misogyne waren, verleitet viele Feministinnen dazu, den Mann mit dem Bade auszuschütten und auch guten Sarkasmus als maskuline Deformation der Seele abzutun. Dabei täten sie gut daran, seine besten Mittel für ihre Zwecke zu nutzen, um das teils zugeschriebene, teils reale Image von Aufgeregtheit und Larmoyanz gegen mehr Smartness und Souveränität einzutauschen. Ihre Ahnfrauen fänden sie nämlich in englischen Feministinnen des frühen 18. Jahrhunderts wie Mary Montagu und Mary Astell oder des frühen 20. wie Rosa Luxemburg und Dorothy Parker oder des frühen 21. wie Elfriede Jelinek, die ihnen die Vorstellung, Wit sei eine männliche Attitüde, schon austreiben würden. 

 

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Ja, meint er überhaupt, was er sagt?

Ein Aphoristiker, der nicht mehr kann, als seine plane Meinung auszudrücken, soll besser beim Feuilleton bleiben oder etwas Nützliches lernen wie Hoch- und Tiefbau. Gerade in der Subjektivität des Ausdrucks, die dem Aphorismus zugeschrieben wird, tritt das Subjekt des Autors zurück, da sich bestenfalls zu viel im Text selbst abspielt, als dass seine Person noch interessieren würde. Und idealerweise ist sein autoritativer Habitus ein ironisches Als-ob, das dem Text mehr Gewicht verleihen soll.

Der Aphorismus ist weder Ausdruck einer fertigen Meinung noch beweisbarer Fakten, sondern selektive Hervorhebung bestimmter Nuancen und Aspekte. Oft vermittelt er den Eindruck, der Autor habe die Wahrheit eines originellen Effekts willen gebeugt. Ist dem so, ist der Aphorismus schlecht. Doch andererseits: Ohne jeden originellen Effekt bliebe bloß eine nackte Wahrheit zurück. Der gute Aphorismus funktioniert folglich wie ein umgekehrter Striptease, er kleidet die nackte Wahrheit mit den Mitteln des Sprachspiels und auch des Witzes in neue Zusammenhänge, nachdem man sie deduktiv aus alten geschält hat. Wenn das nicht viel aufregender ist!

Der Aphorismus ist somit ein praktikabler Vermittler zwischen einem absoluten Wissen, das es nicht gibt, und einem bloßen Meinen, dass es nicht geben sollte. Meint er es also wirklich? Wie denn das?, erwidere ich: So schnell, wie ein Aphorismus eine oder mehrere Wahrheiten oder Unwahrheiten umflattern kann, so schnell kommt der Aphoristiker mit seinem Meinen gar nicht nach. Sucht nicht nach der Arroganz des Autors – der Aphorismus, diese Schlampe, selbst schaut auf euch herab, ist eitel, frech und selbstgefällig, aber er riecht die Leichen in euren Kellern, eure Illusionen und eure Heuchelei. Kurzum: Er weiß, wo ihr wohnt!

Als Jonathan Swift in seinem grandiosen Prototypen der gesellschaftskritischen Satire, A Modest Proposal, Kochrezepte zur Verarbeitung irischer Kinder vorschlug, um das Armutsproblem in Irland zu lösen, war die Empörung groß. Erwartungsgemäß derer, die von der Armut in Irland profitierten. Ein Zyniker der schlimmsten Sorte wurde Swift geschimpft. Wer also glaubt, beim „neuen Wörterbuch des Teufels“ eklatanten Widersprüchen zwischen Autor und Werk auf die Schliche gekommen zu sein – seit einem halben Jahrzehnt in einer glücklichen Beziehung und dennoch so böse Sprüche über Ehe und Zweierkiste, Facebook-Mitglied und Gelegenheits-Twitterer voll der Gemeinheit gegen Soziale Medien, ethnologenfeindlicher Ethnologe und kapitalismuskritischer Aktienmillionär und nicht zu vergessen: Quargelverächter mit aphoristischen Elogen auf den Quargel (S. ) usw. usf. – wer also in meiner Person herumstochern will und sich fragt, was dem Buam in der Kindheit wohl angetan ward, soll es ruhig weiter tun – ich habe nichts zu verbergen –, der soll sich aber von mir sagen lassen, dass er möglicherweise viel von dem versäumt, was der jeweilige Aphorismus selbst zu sagen hat.

Zur Lösung dieses Problems will ich zwei wunderschöne Aphorismen kreuzen, einen von Lichtenberg mit einem von Nietzsche. Lichtenberg schrieb: Es ist fast unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu sengen. Nietzsche indes schrieb: Die Menschen drängen sich zum Lichte, nicht um besser zu sehen, sondern um besser zu glänzen. Und ich schreibe: Wenn ihr es schon nicht lassen könnt, die Fackeln der Wahrheit als Scheinwerfer zu verwenden, um in ihrem Lichte zu glänzen, dann rasiert euch wenigstens. Kann ja keiner mitansehen.

 

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Der geschmacklose Aphorismus

Man muss seine Mutter prügeln, solange sie jung ist. Ein typisches Beispiel für avantgardistische Radikalität. Der Spruch entstammt dem Fundus der französischen Surrealisten Paul Éluard und Benjamin Péret. Unschwer ist nackte Provokation als sein einziges Motiv zu erkennen, mehr hat er nicht zu sagen. Geschmacklosigkeit als Herausforderung gesellschaftlicher Konvention. Doch auch etwas anderes kann man daraus lesen: die Gemeinheit patriarchaler Boheme-Schnösel gegenüber dem am meisten unterdrückten Teil der bürgerlichen Familie. Der Schockeffekt dieser Parodie gängiger Sprichwörter entspringt einer Rohheit, die vom zeitgleichen Faschismus im Ernst viel effizienter eingelöst wurde als von den Surrealisten im Scherz. Dieser Spruch ist nicht nur widerlich, er ist witzlos.

Wie sich die geschmacklose Anleitung, Schwächere zu züchtigen, durch ein charmantes Paradox, durch eine überraschende Inversion in eine zutiefst humane Kritik der patriarchalen Familie wenden lässt, beweist der liebenswürdige Belgrader Aphoristiker Dušan Radović: Schlagen Sie Ihre Kinder, sobald Sie merken, dass sie beginnen, Ihnen ähnlich zu sehen.

 

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Warum ist er nur so negativ?

Ob die Negativität mancher Aphoristiker nur Pose, ob sie Methode oder ob sie unmittelbarer Ausdruck eines sinistren Charakters ist, bleibt für den Erkenntniswert des Werks unerheblich. Nun finden sich in meinem Wörterbuch, gut versteckt und doch findbar, Definitionen, deren Tendenz sogar als menschenfreundlich bezeichnet werden könnte. Ein Trick des Autors etwa, um sich gegen den Vorwurf der Misanthropie zu immunisieren? Ein perfides Verwirrspiel?

Da der Autor zufällig zugegen ist – welch seltener Glücksfall –, kann er diese Fragen gleich selbst beantworten. Eine positive Tendenz, die Anleitung zum richtigen Handeln etwa, ist, sofern sie gut formuliert wird, nicht verwerflich. Selbst das Phantasma der Morgenröte einer besseren Welt, in die sich der geistige Blick gerne verliert, um nicht jene zu erspähen, die den Tag verdunkeln, kann noch als menschliche Schwäche durchgehen. Leider wird diese utopische Vertröstung fast immer als Kitschbild gemalt und hernach ins Wohnzimmer gehängt. Und stellt man sich die Morgenröte der besseren Welt nicht in den Polyacrylfarben des Wohnzimmers vor, wird man gleich als Fürst der Finsternis gescholten.

Zur Menschenliebe lässt sich so viel sagen: Wer die Menschen liebt, wie sie sind, liebt auch die Verhältnisse, die sie dazu machen. Vor allem die Profiteure dieser tun sich als Menschenfreunde hervor. Und die Herde findet den Wolf im Schafspelz stets netter als den Menschen, der sie anbellt, sich gefälligst den Möglichkeiten ihrer Gattung gemäß, als die freien Menschen zu verhalten, die sie sein könnten.

 

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Attitüde der Abgeklärtheit

Die Pose der Illusionslosigkeit übte auf junge Nihilisten immer größere Anziehungskraft aus als das naive Pathos der Aufklärung. Das rührt nicht nur davon her, dass sie Aufklärung leider zuerst mit Schiller und nicht Diderot rezipierten, sondern dass sich durch die Attitüde der Abgeklärtheit mehr Smartness und Lebenserfahrung prätendieren lässt. Man bewunderte den schwärmerischen Shelley, ging aber lieber mit dem Kotzbrocken Byron ins Bett. Und wirklich hat es den Anschein, der Aphorismus fühle sich im Terrain der Verächtlichkeit wohler als im Feld konstruktiver Diskursethik. Zu sehr läuft er dort Gefahr, Erbauungsparole und Kalenderspruch zu werden, sexy ist er in der Tat nur in der Negation, die ihn, hat ihn das Ethikseminar zu sehr gelangweilt, Gefahr laufen lässt, in Zynismus zu kippen.

Die alten Satiriker von Swift bis Bierce waren konservative Realisten, die Menschen sahen sie von Grund auf als verderbt, als eitel, dumm und böse an, und wollten ihnen die starke Hand eines Königs oder des Gesetzes anempfehlen. Den Progressiven waren es erst die Verhältnisse, die den Menschen verderbt, eitel, dumm und böse machten. Das  führte zu ambitionierten gesellschaftlichen Projekten, die der negativen Satire allerdings wenig Nahrung ließen.

Sowohl die Konservativen als auch die Progressiven haben recht, und mit meiner Satire will ich beide Stränge verknüpfen. Denn ich bin ein Weltverbesserer und ich mache mir keine Illusionen über das Wesen des Menschen. Eben darum lohnt sich der Kampf gegen die Ungleichheit der materiellen Mittel und gesellschaftlichen Chancen – die einzige Möglichkeit, dem kleinen, dreckigen Teufel im Menschen den Nährboden zu entziehen und den Engel in ihm, wenn schon nicht zu erwecken, so doch auch nicht zu behindern. Aus diesem Grund ist es eine Sünde, moralische Kataloge zu erstellen, wie sich der Mensch richtig zu verhalten habe, während Verhältnisse bestehen, die ihn auf die tierischen Aspekte seines Wesens zurückwerfen. Das ist nicht neu, und muss eben deshalb immer wieder gesagt werden. So leistet im Aphorismus das Prinzip diabolischer Negativität auch nach Zurückdrängung des Pfaffenterrors wichtige Dienste, das Pfäffische in Gesellschaft und Alltag aufzuspüren und zu verspotten.

 

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Subversion auf verlorenem Posten

Nur ein Konzept des Zeitgeists ist lästiger als die Political Correctness: die Political Uncorrectness. Als spaßkulturelles Phänomen ging diese jener sogar voraus. Im deutschsprachigen Raum mit einer postpolitischen Kultivierung der fröhlichen Sinnlosigkeit, als Dadaismus der verwöhnten Jungs, die, da es zum Yuppie nicht langte, nicht wussten, wofür sie sich engagieren, folglich auch nicht, wofür sie leben sollten. Die Neue Deutsche Welle hatte es popmusikalisch vorweggenommen, fortan gefielen sich jene, die sich abgeklärt gaben, ohne je aufgeklärt worden zu sein, in ebenso forcierter Infantilität wie Geschmacklosigkeit, zusammengehalten wurde das durch absurden Humor. Der Einzige, der sich aus diesem Kulturotop mit eigenständiger Ironie erhob, war Max Goldt, der seinem Talent folgend auch von der L’art pour l’art zu kritischer Reflexion fand, und dessen philanthropischer Sanftmut ihn von den Gemeinheiten dieser Szene abhob.

Schwarzer und makabrer Humor hatten ihre Vollendung bereits in der viktorianischen Gesellschaft erfahren, und waren mehr ihr pathologisches Symptom als Revolte gegen sie. Absurder Witz bewährte sich einst als Provokation des fortschrittsgläubigen Positivismus, einer bürgerlichen Ordnung, in der Sittenstrenge und naturwissenschaftliche Logik gleichermaßen Angstabwehr als auch Naturbeherrschung dienten. In Edward Lears Limericks, Lewis Carrolls magischen Welten bis zu Christian Morgensterns absurd-makabren Gedichten und Flann O’Briens schnoddrigen Phantasmagorien ließ diese Gesellschaft auf liebevolle Weise Dampf ab, machte sie Urlaub von instrumenteller Vernunft. Die Dadaisten schließlich füllten Handgranaten mit absurdem Witz; ihnen war es ernst damit, die bürgerliche Ordnung zu sprengen, doch deren weltoffenere Sektionen empfanden die Detonationen als Bereicherung, und dadaistische Ästhetik endete als Impulsgeber für die Werbeindustrie. Schon der Surrealismus hatte Dada in eine Ästhetisierung des Irrationalen und Traumhaften geleitet und war felsenfest von dessen Subversion überzeugt. Doch dem Aufstieg des Naziterrors als wahren Irrationalismus hatten die zerfließenden Uhren und aufgeschlitzten Mädchenaugen wenig entgegenzusetzen. Folgerichtig landete Dalí bei Faschismus und Dekor, Aragon und Buñuel aber wandten sich nicht nur dem Kommunismus zu, sondern vom Surrealismus ab, weil sie beides für unvereinbar hielten. Als eine der großen tragischen Figuren seines Jahrhunderts glaubte der autoritäre Führer der Bewegung, André Breton, bis zu seinem Lebensende an die Kompatibilität von surrealistischer und proletarischer Revolution.

Auch die bemühte Geschmacklosigkeit und das Obszöne als Mittel des Schocks bewährten sich nur, solange die Spießer ehrliche Puritaner waren. Der aufgeschlossene Spießer fand und findet hingegen in der zynischen als auch pornographischen Provokation den willkommenen Kitzel für sein erschlafftes Bewusstsein. Und der Provokateur erblickte in seinem Konsumenten bloß sein Spiegelbild. Ein Alteuropäer wie Günther Anders, der mit de Sade und Pietro Aretino aufgewachsen war, mokierte sich über jenen Freigeist bei einer Party im Beverly Hills der 40er Jahre, der überzeugt davon schien, sein Dirty Talk, mit dem er die anderen Cocktailhalter zu schockieren trachtete, stünde in programmatischem Zusammenhang mit seiner bolschewistischen Gesinnung. Und jemand wie Jean Améry, der in den Konzentrationslagern den höchsten Exzess von  Obszönität erlebt hatte, fand in einem großartigen Essay die richtigen Worte für die schmuddelige Bürgerschreckprosa Georges Batailles. (Noch einmal versucht der Markt, den letzten Saft aus der Zitrone zu pressen, und zwar mit der obszönen Frau, deren Kitzel nur auf den Residuen patriarchaler Rollenideologie schmarotzt.)

Beinahe könnte man dem kolumbianischen Aphoristiker Nicolàs Gómez Dávila rechtgeben: Der ‹Immoralist› ist in diesem liederlichen Jahrhundert der heroische Angreifer auf Festungen ohne Verteidiger. Doch der Jammer auf das liederliche Jahrhundert verrät auch Dávila als Spießer. Denn wäre das 20. Jahrhundert wirklich liederlich gewesen, hätte das die Boheme ihrer liederlichen Attitüde beraubt.

Wie öde also, mitanzusehen, wie sich das Spiel stets aufs Neue wiederholt, in jeder Generation mit noch trostloserem Personal; wenn der Markt sich nach Phasen der Politisierung das Feld für das vorhersehbare Paradigmenwechselchen bestellt, und als Werteumpflüger dann nichts Besseres findet als Botho Strauß und Michel Houllebecq, da Typen vom Schlage Jüngers und Célines nicht mehr verfügbar sind. Jene trauen sich Sachen zu sagen, die sich sonst niemand zu sagen traut, und führen mit düsterer Nihilistenpose doch nur den Tross von etablierteren Aktenkoffern wie Sarrazin an, die dann doch wohl bittesehr noch sagen dürfen, dass …

Wie probat oder unnütz schwarzer, makabrer Humor, absurder Witz, provokative Obszönität und Zynismus als subversive Waffengattungen zu ihrer Zeit gewesen sein mögen, darüber lässt sich diskutieren, fest steht, dass sie heute, weil ihnen das Objekt abhanden kam, ins Leere schlagen und somit zu Attitüden verkommen sind.

Sie lassen freilich Nostalgie aufkommen für jene Flegeljahre der kapitalistischen Welt, als der böse Unternehmer noch ein reaktionärer Sinnesfeind war und kein Hermann-Nitsch-Fan und experimentierfreudiger Swinger.

Geschmacklosigkeit als Mittel der Provokation fand jeweils zwei Gestalten: als Beleidigung sittlicher Heuchelei oder als Affirmation und Vorwegnahme vorherrschender Geschmacklosigkeit. Der Rüpel, der die Werte der bürgerlichen Gesellschaft anbellte und sich anarchistisch dabei wähnte, sah sich plötzlich in Gesellschaft anderer Rüpel bellen, und die waren von der SA.  

Eine permissive, einzig den Regeln des Marktes gehorchende Gesellschaft macht es der Subversion nicht leicht. Diese kreischt sich den Hals wund, um Beachtung zu finden, der Markt ignoriert sie. Und befindet er, dass es noch ein paar Landeier, Gläubige vor dem Herrn oder Pensionisten gibt, die sie aufregen könnte, klebt er ihr gnadenhalber das Warenzeichen auf. Und das ist noch das Beste, was ihr passieren kann.

Die Pornographisierung der Gesellschaft lässt Obszönität als Provokation ganz schön lächerlich aussehen, Zynismus und Geschmacklosigkeit als persönlicher Habitus wird von Zynismus und Geschmacklosigkeit der Weltordnung in den Schatten gestellt, und auch das Absurde schafft es nicht mehr als zu einer Verdopplung der Wirklichkeit.

All dies Schattenboxen erschöpfte sich aus Mangel eines Opfers in sich selbst, hätte sich nicht im letzten Augenblick die Political Correctness angeboten, jene Mode einer linken Bigotterie, die Denken und Handeln zu Benimmregeln schockfriert. Ein mehr als dankbares Opfer. Der ersehnte Regen in der Wüste. Hätte es also nicht endlich wieder Tabus zu brechen gegeben, man wäre an sich selbst zerbrochen. An der Political Correctness ist alles richtig außer sie selbst. Ihre Absichten mögen sympathisch sein, doch sie verklebt Ethik mit Moral und lockt dauerpubertierende Tabubrecher an wie Scheiße die Fliegen.

Das Makabre, Absurde, Geschmacklose, das Obszöne und das Zynische als Selbstzweck schlagen auf Chimären ein. Dass sie von Regression oder schlechtem Charakter zeugen könnten, geht mich nichts an, dass sie aber die Realität verkennen und schlimmer noch, unverstandene Echos vergangener Realitäten röhren, zeugt von verkümmertem Bewusstsein. Dabei ist es schade um ihr schöpferisches Potenzial. Doch es gibt eine Möglichkeit, diese Untoten für eine gute Sache zu erwecken: ihnen das Blut des kritischen Gedankens einzuträufeln. Wer Böses nur um der Bosheit willen sagt, ist nicht besser als sein Wort. Wer als aphoristischen Akt das böse Wort mit einem kritischen Gedanken beseelt und es gegen die allgemeine Bosheit ins Feld schickt, hat es als Kamikazeflieger der kritischen Vernunft rehabilitiert und sowohl ethisch als auch ästhetisch legitimiert. Der »böse Spruch« vereinigt die Lust am Paradox mit der Lust an der Illusionszerstörung. Er rettet das Infantile des Tabubruchs in eine höhere Sphäre, wo die gewitzte Negation im Dauerkampf mit der positiven Setzung von Wahrheit sich befindet. Nur durch die Vermählung mit dem Gedanken wird ihm die Subversion geschenkt, die er bislang nur prätendiert hat.

 

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Die politische Korrektheit: der deutsche Michel unter den geistigen Möglichkeiten

Auf sie trifft zu, was Friedrich Nietzsche den Deutschen in Hinblick auf Witz und Esprit konzedierte: Der Deutsche, welcher sich auf das Geheimnis versteht, mit Geist, Wissen und Gemüt langweilig zu sein, und sich gewöhnt hat, die Langeweile als moralisch zu empfinden, — hat vor dem französischen esprit die Angst, er möchte der Moral die Augen ausstechen — und doch eine Angst und Lust, wie das Vöglein vor der Klapperschlange.

 

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Experimentelle und aphoristische Literatur

Es kommt irgendeinmal der Punkt der Entscheidung. In einem früheren Leben, es begann etwa mit 14 und hörte mit 25 auf, war meine literarische Heimat anderswo. Ausgehend von absurder und unheimlicher Literatur begab ich mich auf die Reise in die literarische Moderne, in Texte, die allgemein als experimentelle Dichtung oder Avantgarde bezeichnet werden. Zunächst fand ich in jedem Feld, auf das ich meinen noch halbwüchsigen Fuß setzte, die freundlichen Fußstapfen von H. C. Artmann vor.

Rimbaud, Lautréamont, Apollinaire, die Dadaisten, die Surrealisten, Joyce, Beckett, das absurde Theater, Charms, die Beatniks, die Wiener Gruppe, Jandl – in der Syntax- und Logikzertrümmerung dieser abenteuerlichen Geister fand ich meine eigene nomadische Heimat. Wie für jenes Alter üblich waren es weniger die Formen der sprachlichen Dekonstruktion oder aber einer Écriture automatique selbst, die mich in ihren Bann zogen, sondern die Mythisierung der Szenen und Biografien, denen diese entsprangen, das Feeling, das Image, der Geist ästhetischer Revolte, denn zur Evaluierung ihrer literarischen Qualität waren meine Kriterien noch recht unterentwickelt. Diese Phase als Jugendkrankheit zu bezeichnen, wäre etwas frech, dennoch trug das adoleszente Fieber, dessen intensiven Erfahrungen ich in respektvoller Erinnerung halte, zu einer gewissen Immunisierung bei. Es ist nicht viel übriggeblieben bei mir von jenen anarchischen Geistern, die mit der Überwindung gängiger sprachlicher Sinnstrukturen in tiefere Sphären der Wirklichkeit vordringen wollten und doch zu oft hinter ihre Ausgangspunkte zurückfielen. Beckett, die besseren Gedichte Jandls und einiger Expressionisten haben standgehalten. Vermutlich könnte ich auch Arno Schmidt einiges abgewinnen, würde ich ihn besser kennen.

Die unterschiedlichen Ausprägungen dieses heterogenen Felds, das als Avantgardeliteratur eine zwingend oberflächliche Marktetikette erhielt, fänden ein Gemeinsames zum Beispiel darin, dass sie mit der Form des Aphorismus, die oft als veraltet gescholten wird, nicht kompatibel sind. Aphoristisches Schreiben und Denken ist das Konzentrat von essayistischem Schreiben und Denken. Selbst in seinen gewagtesten Paradoxen bleibt es den konventionellen Sinnstrukturen der Sprache treu.

Erst Regelbewusstsein, schreibt Otto F. Best, erlaubt Spiel mit der Ausnahme, mit dem, wie es in der Linguistik heißt, „pathologischen Fall“. Auch Ironie, Untertreibung, als eine Erscheinung der Witzigkeit, hat immer ein objektives Verhältnis zum anerkannten, zivilisierten Wort zur Voraussetzung. Ohne die gesellschaftlich abgesicherte Hülle des Ernstes kann es kein Spiel geben. Wie ohne gesundes Selbstbewusstsein keine Selbstironie.

Aphoristisches Schreiben spielt mit der Logik als Verkehrssprache des Denkens, um die Verknotungen des Positivismus zu lösen. Oder wie Karl Kraus schrieb: (…) Kunst darf nicht die Feindin der Logik sein. Logik muss der Kunst einmal geschmeckt haben und von ihr vollständig verdaut worden sein. Wer aber wirklich etwas zu sagen hat, wird eine Form suchen, die verständlich ist, aber nicht um den Preis schneller Eingängigkeit. Gute Aphorismen zwingen zum Gedanken, mehr an Subversion lässt sich nicht leisten. Denn ungewöhnliche Worte zu gebrauchen, schreibt Kraus, ist eine literarische Unart. Man darf dem Publikum bloß gedankliche Schwierigkeiten in den Weg legen.

Den Vorwurf des Kunstkonservativismus, der einen in die gleiche Reihe stellen will wie die Verächter nichtgegenständlicher Kunst, muss man ertragen, ebenso wie man nicht schadenfroh sein darf über die allgemeine Missachtung experimenteller Literatur. Eine große Herausforderung stellt es für Sprachkunst also dar, sich sowohl den Konservativen als auch der Anmaßung von Fortschrittlichkeit sicheren Schrittes zu entziehen.

Mir ist im Übrigen noch kein Bewunderer des Sprachexperiments untergekommen, der fähig oder willens gewesen wäre, gute von schlechter Avantgarde zu unterscheiden. Ich kenne dieses radikale Joyce-Feeling aus eigener Erfahrung recht gut, die popästhetische Vergötzung vergangener Sprachverwegenheit. Meist steckt nicht mehr dahinter als die Bewunderung des in die Großstadt abgewanderten Provinzintellektuellen für einen Mut, den er selbst, in allerlei Konventionen gefangen, nie aufbrächte: die althergebrachte Syntax umzuwerfen, denn das würde man sich bei uns zuhaus in Waidhofen an der Ybbs nie trauen, zumal man sie dort nicht mal richtig bauen kann.

Das Machtwort hierzu hat – wie so oft – vor 100 Jahren schon Karl Kraus gesprochen:

Ich bin wohl der Letzte, der dem erlebten Misston den Weg in die Wortschöpfung nicht freihielte, und wenn der Verzicht auf das sprachliche Element nur die Macht hätte, das Erlebnis zu übertragen, so wäre gegen die „neue Ausdrucksform“ füglich nichts einzuwenden. Gerade, wo es für den Verstand nichts mitzuteilen und nichts aufzulösen gibt, wo er nichts fördert und nichts hindert, bliebe alles dem gestaltenden Wunder überlassen. Aber es muß schon so sein, dass nichts was in der Welt erlebbar ist, nicht auch in der Sprache erlebbar wäre, doch was außerhalb ihrer Grenzenlosigkeit gesagt wird, der Willkür verfallen und dem Glauben entrückt bleibt. Solange ich mit dem Stammler nicht fühle, glaube ich nicht, dass er ein Gefühl gestammelt hat …

 

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Von Kieseln und Edelsteinen

Der Kulturjournalist Hans Haider meinte in einer Fernsehdiskussion einmal, jeder Satz Thomas Bernhards sei ein Aphorismus. Diese Expertise verwundert nicht in einem Land, wo es bestenfalls der Tafelspitz schafft, ein Gedicht genannt zu werden. Sie ist rundweg falsch. Man kann jeden beliebigen Satz aus Bernhards Werk herausklauben und wird nichts als Kiesel wie folgenden finden: In Österreich musst du entweder katholisch oder nationalsozialistisch sein. Alles andere wird nicht geduldet. Alles andere wird vernichtet. Und zwar hundertprozentig katholisch und hundertprozent nationalsozialistisch. Ja und?, möchte man einwenden, wo bleibt die Pointe? Ein Stein wie jeder anderer, aber kein geschliffener. Aufgeklaubt, um ihn zu werfen. Aber muss man dafür Schriftsteller werden? Zumal dieser Schriftsteller keine Geschichten erzählt, sondern permanent Meinungen absondert. Sein monomanischer Duktus würde dazu einladen, die Steine so lange zu schleifen, bis sie als Prismen der Wahrheit taugen. Aber das hätte diesen Dichterfürsten um sein liebstes Vergnügen gebracht: von seinem einsamen Försterstand aus ununterbrochen damit um sich zu werfen. Bernhard, dieses literarische Tourette-Syndrom, gibt sprachlich wenig her, worauf und woraus Gedanken wachsen können. Sein Werk ist eine leblose Wüste der Haltungen und Meinungen. Man kann sie gutheißen oder nicht. Man kann sich damit identifizieren oder es lassen. Weiter kommt man nicht. Solch Widerspruchslosigkeit des Denkens findet in jedem seiner Sätze statt; deshalb muss er zur Repetition greifen, was diesen vielgepriesenen Bernhard-Sound ergibt. Sein nobel näselndes Märmeln ist der Rap, den die Kulturspießer so sehr an ihm lieben. Es ist Gesellschaftskritik, die sie gut nachfühlen können: das beleidigte Kläffen des Hündchens gegen das Herrchen, das ihn ausgesperrt hat, im vertrauten Rhythmus des Rosenkranzbetens.

Ein anderer österreichischer Schriftsteller, bei welchem jeder Satz ebenso nachweislich ein Aphorismus ist, wie es bei Bernhard nicht der Fall ist, Michael Scharang, weiß es besser: Sprache ist kein totes Mittel, dessen man sich bedient, um etwas mitzuteilen, sondern lebendig wie der Mensch, dessen sich zu bedienen daher heißt, sich in einem Gewaltakt über ihn und die Sprache zu stellen. Weder soll der Mensch sich die Sprache, noch die Sprache sich den Menschen gefügig machen.

Scharangs Texte – beziehungsreich, elegant und scharf – sind polyphone Kompositionen, wo jeder Satz ein Ganzes in sich selbst ist. Aber das ist nicht verwunderlich, denn er kommt von Karl Kraus, Bernhard von der Fürbitte.

 

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Alte Hüte

Immer dasselbe: Kapitalismuskritik, der Mensch ist ein Schwein, ein verführ- und verwurstbares zumal, seine Individualität in der verwalteten Welt eine Chimäre, Hohn der Konformität, Medien und Kulturindustrie sind Dummmacher und so weiter und so fort. Das haben schon unsere Großeltern gewusst.

Warum wisst ihr es dann nicht mehr?

Natürlich wissen wir es, aber es ist banal.

Warum aber, wenn ihr das alles wisst, bestimmt es euer Handeln nicht, und – viel wichtiger – warum könnt ihr es nicht mehr angemessen formulieren, zumindest so gut, wie es eure Großeltern konnten?

Ach lass uns in Ruhe, wir müssen jetzt zum Konzert dieser tollen neuen Experimentalrockdiva, die mit einem unrasierten Bein auftritt und zuvor zum Vortrag des neuen argentinischen Modephilosophen, der Neoliberalismuskritik im Milonga-Rhythmus vorträgt und ganze siebzehn neue Begriffe erfunden hat.

Der Zwang zur Innovation gehorcht auf geistigem Gebiet denselben Marktgesetzen wie in der Popindustrie. Eine frühlingsfrische Wahrheit muss, damit sie bloß nicht wirksam wird, der Halbwahrheit der Herbstsaison weichen, und nicht nur, weil Halbwahrheiten kleidsamer sind. Was heute Morgen der letzte Schrei war, wird zu Mittag schon heiser klingen, und der jüngste Diskurs wird am Abend euch wieder alt aussehen lassen.

Darum allemal besser alte Hüte von bleibender Qualität, als die Einwegkappen, die euch für den Gewinn von ein paar Stunden kollektiver Aktualität wie Werbeträger einer Firmenfaschingsfeier aussehen lassen. Auch hierzu hat Karl Kraus einen hübschen Aphorismus gefunden: Auf einem Kostümfest hofft jeder der Auffallendste zu sein: aber es fällt nur der auf, der nicht kostümiert ist. Sollte das nicht einen Vergleich geben?

Ich stecke zumindest neue Blumen in die Krempen jener alten Hüte, die für mich nie aus der Mode gekommen sind und auf euren Köpfen leider lächerlich aussähen, weil ihr sie euch nie tragen trautet, ohne das als retro zu deklarieren.

 

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Scarlet Pimpernel oder der polemische Text, wie er mir vorschwebt

Der ideale Text, wie er mir vorschwebt, beschwört weder das Gute, Schöne und Wahre, noch affirmiert er das Schlechte, Hässliche und Unwahre. Er weiß, dass die Einheit von Ersterem Illusion sein mag, doch die Einheit von Schlechtem und Unwahren ist es ganz und gar nicht, und ihren Pakt zu stören ist sein ganzer Zweck.

Eine Filmfigur, die mich schon als Kind faszinierte, war die des Scarlet Pimpernel. Zwar entstammt sie einem romantischen Trivialroman und ihre Sache ist die Rettung französischer Adeliger vor der Guillotine, also ein Produkt des Kitsches sowie eine Agentin des Feudalismus, doch das störte mich nicht, denn es war allein die Travestie dieser Figur, die mir gefiel: ein verwegener Abenteurer, Sir Percy Blakeney alias The Scarlet Pimpernel, der für die Sache, die er für richtig hält, sein Leben gefährdet, und daheim in England, um jeden Verdacht von sich zu lenken, als mal alberner, mal geistreicher, aber stets amüsanter Stutzer posiert, dem man solch Engagement nie zutraute. Oscar Wilde war der Erste, der die Maske des Stutzers nicht als Verkleidung seines intellektuellen Ernstes, sondern als dessen Werkzeug benutzte!

Der ideale polemische Text, wie er mir vorschwebt, funktioniert auf mehreren Ebenen. Als Instrument des Ernstes verwendet er Witz, den er als dritte Ebene seiner Vermählung von analytischem mit ästhetischem Anspruch, also von Wissenschaft und Kunst einzieht. Jedes seiner sprachlichen Komponenten trägt Bedeutung, und er ist geladen mit dialektischer Elektrizität. Solch Text ist im Idealfall objektiv und subjektiv, heiter und ernst, gelassen und wütend, engagiert und distanziert, nüchtern und trunken, infantil und weise, liebevoll und böse. Sein Erkenntniswert vollzieht sich neben der sachlichen und sprachkompositorischen Ebene auch in der Travestie der Gesten, welche die konfektionierten Wahrnehmungsmuster des durchschnittlich verbildeten Intellektuellen beständig foppt. Kaum glaubt der den Autor gefasst zu haben, macht dieser im Text einen Pulcinellasprung zur Seite. Solch ein Text changiert zwischen anklagendem Ernst und der vergnüglichen Blasiertheit des Dandys, steigert sich auch mal in die donnergrollende Allegorienwut des psychopathischen Predigers, zwinkert dann mit Ironie und zerrt den Leser, nachdem der mit seinen Schemata der Interpretation Schiffbruch erlitten hat, ins Rettungsboot, wo dieser – endlich schutzlos – dem sprachgewaltigen Staccato einer kritischen Vernunft ausgeliefert ist. Als leise Pointe aber wagt der Text im letzten Satz vielleicht einen klitzekleinen Seitensprung in heiteren Unernst und beschert sich selbst somit ein stumpfes Ende. Was wäre das für Wetterleuchten der Kontraste! Aber da niemand bereit ist, mir solche Texte zu bescheren, werde ich sie wohl selber schreiben müssen.

 

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Und zum Schluss noch ein paar alte Hüte – Rage Against the Machine

Weder geht es darum, die einfachen zugunsten der komplexen Wahrheiten zu missachten, noch darum, die komplexen zu trivialisieren, einzig darum geht es, die Komplexität der Mechanismen zu erkennen, die uns am Erkennen einfacher Wahrheiten hindern. Und daran hindert uns bereits unsere intellektuelle Scham. Niemand möchte gerne als Extremist, als zu tendenziös oder als zu simpler Denker gelten. Dieses Über-Ich hat das System seinen potenziellen Kritikern als Anstandsdame vorgesetzt. Dass das „System“ kein bewusster ideologischer Apparat mit einem gebündelten Täuschungswillen ist, braucht hier nicht näher erörtert werden, das wusste man bereits in den 20er Jahren, und das Prahlen mit meinem theoretischen Wissen hierzu wäre wieder bloß jener Scham geschuldet. Der Witz dabei ist, dass das System in manchen Bereichen sehr wohl so bewusst ideologisch arbeitet wie ein simplifizierendes Schaubild von sich selbst.

Denn die Wahrheiten liegen offen zutage. Der Kaiser trägt gar keine neuen Kleider. Die Diplome in Modesoziologie waren alle umsonst.

Nach über zwanzig Jahren der diskursiven Verbildung weiß ich nicht mehr, als ich damals gewusst habe. Nie zuvor hat sich Macht so vulgärmarxistisch gebärdet wie heute. Kein Wunder, niemand lehrte sie das Fürchten, niemand tat ihr weh. Sie konnte sich in ihrer ganzen vulgärmarxistischen Pracht entfalten.

Es ist im Grunde alles ganz einfach:

Demokratie und Politik sind nicht länger ideologischer Überbau der kapitalistischen Wirtschaftsmacht, sie sind deren Funktion, Reflex und weitgehend mit ihr identisch, die Kultur ist in Anbetracht dessen, wie Brecht sagte, ein Palast, der aus Hundescheiße gebaut ist; Kultur- und Unterhaltungsindustrie betreiben seit Generationen die Potenzierung der Dummheit, was daran zu ermessen ist, dass selbst Kritik, Subversion und Gegenkultur immanente Täuschungsfunktionen derselben totalen Maschinerie sind.

Finanzkapitalismus, Neoliberalismus, Postdemokratie und Digitalisierung haben mit qualitativen Metamorphosen zeitgenössische Kritik zwar vor neue Herausforderungen gestellt, die alte Kritik jedoch nicht außer Kraft gesetzt. Die totale Verwertungsmaschinerie ist der gleiche Behemoth geblieben, bloß gefräßiger und destruktiver. Aus der Kritik an sich selbst schlägt sie ebenso Profit wie aus der Verwüstung ihrer eigenen Lebensgrundlagen und kommt aus den Wetten für und gegen den Untergang der Welt bei deren letztem Atemzug noch zu ungeahntem Reichtum.

Doch noch nie waren die Möglichkeiten des konsequenten Erkennens dieser Totalität und noch nie die Möglichkeiten einer Solidarität gegen sie in weitere Ferne gerückt. Der Mensch ist wie ehedem ein kleines, eitles, verführbares, sich über sich selbst und über alles rundumher täuschendes Tier, voller Ressentiments, Angst und religiöser Abszesse, über seinen Wunsch nach Anerkennung in tausenden Konformierungsfallen gefangen. Er möchte mitmachen, dabeisein, gestreichelt und beim Vornamen genannt werden, noch in diesem Leben, und weil er verstanden werden will, muss er die handelsüblichen Codes verwenden, so lange, bis er nur noch in ihnen verstehen kann. Über diese Bedürfnisse macht die Maschine sich ihn gefügig, sie kassiert sich ihn, selbst wenn er auf Punk und Occupy macht … gerade dann!

Wie es Adorno in seiner Minima Moralia mehrfach dargestellt hat, wird eine radikale Kritik der Verhältnisse, die auch nicht vor den Kritikern und den behaupteten Alternativkulturen haltmacht, noch immer als soziopathisch, selbstgefällig, schrullig, eigenbrötlerisch und destruktiv, als Mangel an Teamgeist und Verbindlichkeit, kurzum als psychologisches Problem diskreditiert, am meisten von denen, die sich am linken Rand des Systems ihre reformistischen Wohlfühlcorner eingerichtet haben.

Radikale Kritik all dessen inmitten dieser Narrenwelt braucht von der Macht somit nicht mehr gefürchtet zu werden, denn die kann sich voll und ganz auf ihre Agentin, die systemimmanente Kritik, verlassen, die dafür sorgt, dass ihre Position innerhalb der Maschine nicht durch deren Zerstörung verloren geht.

Als jammernde Anklage wird Kritik gerade noch geduldet, als Bescheidung auf Teilprojekte gefördert, als schrulliger Prediger- und Prophetenhabitus gütig belächelt, als moralische Entrüstung mit Menschenrechtspreisen behangen und wie ein folgenloses Korrektiv zur Unmenschlichkeit des Systems gestreichelt, wehe aber, sie wagt sich unbeeindruckt, verächtlich und formvollendet den Verhältnissen entgegenzustellen, als Einheit von wissenschaftlicher Analyse, künstlerischer Brillanz und zersetzendem Witz. Wie fauchende Vipern stürzen zuerst die alternativen Lebensentwürfe sich anstatt auf das System auf ihre unliebsamen Konkurrenten. Einer der Gründe, warum alles beim Alten bleibt, ist die Ächtung einer Kritik, welche die Illusionen der Kritiker mitkritisiert und diesen zeigt, dass sie auch nur bunte Rostflecken auf der Maschine sind und sich dort insgeheim kleidsam fühlen. Wahrheit schmerzt, sonst wäre sie keine. Deren Substitute verkaufen sich am besten in homöopathischen Dosen. Niemand hält die Einsamkeit aus, zu der eine der Wirklichkeit angemessene, radikale Position verdammt. Nur durch Abtötung vieler menschlicher Regungen in sich kann der Kritiker den Schmerz über das permanente Missverstandenwerden besiegen, und das empathische Wissen um die Gründe dieser Missverständnisse spenden nur schalen Trost, denn niemand der Verblendeten würde je seine Verblendung zugeben, am wenigsten, wenn er ein gewisses Alter und eine gewisse Position erreicht hat.

Für eine Sekunde dann können Juden, Roma, Schwule, Behinderte, Bettler und andere aufatmen, wenn sich der gebündelte Hass auf die herzlosen, abgehobenen Besserwisser entlädt, wenn vom arbeitslosen Spielautomatenbediener bis hinab zum radikalen Theatermacher die eigene Unfreiheit mit Fäusten verteidigt wird gegen die Anmaßung einer Freiheit, die mit nichts zufrieden ist.

Somit birgt jeder Zombiefilm mehr gesellschaftliche Wahrheit in sich als ganze Institutsbibliotheken der Soziologie. Diese Wahrheit ist beschämend einfach, und doch will sie niemand hören. Der Grund dafür ist sogar noch einfacher und noch beschämender: Sie verdammt zum Eingeständnis der eigenen Verdinglichung, der eigenen Ohnmacht. Diese Wahrheit einbekannt zu haben, führte entweder zu Selbstmord, zu äußerstem Zynismus – oder zur Revolution. Und alle drei Optionen lassen sich nur schwer mit dem Umstand vereinbaren, dass am Dienstag diese interessante Doku über Lehman Bros. im Fernsehen läuft und wir am Mittwoch eigentlich die Zucchini in unsrem Stadtgarten ernten wollten.

Dass der Mensch und alle seine Beziehungen seit dem 19. Jahrhundert zur Ware wurden, ist noch immer die Grundwahrheit jeglicher zeitgenössischen Kritik. Wer immer wieder darauf herumreitet, wird schnell theoretischer Antiquiertheit und Redundanz überführt. Welch billiger Trick, die Kritik mundtot zu machen.

Nichts verdrängt der Mensch lieber als seine Verdinglichung durch die Macht, also dass man ihn zur Schraube einer Mechanik erniedrigt, sowie seine Bereitschaft, sich verdinglichen zu lassen durch das Lockmittel sozialer Anerkennung, also dass er sich auch noch freut, wenn er ins Gewinde passt. Allein diese Wahrheit ein Leben lang zu wiederholen und in allen Farben fantasievollen Spottes zu variieren anstatt den Trostlosen tröstende Lügen von ihrer Würde aufzutischen, trägt mehr zur Erkenntnis bei als alle Referate des Forums Alpbach seit 1945. Und wer es mit Sprachfantasie, Chuzpe, Witz und Souveränität tut, dabei auf den Ton moralischen Jammerns verzichtet, sondern den Verhältnissen sich bis auf Mundgeruchnähe entgegenstellt, ohne Wimpernzucken ins Gesicht grinst und an seiner Bereitschaft keinen Zweifel lässt, ihnen ohne Narkose die Eier abzuschneiden, wird einmal von sich behaupten können, nicht umsonst gelebt zu haben. Howdy, Cowboy, howdy, Cowgirl! The fame is yours.

 

 

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