Schmalz für alle

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Eine Tragigroteske in drei Akten

 

 

Personen:

Nadine Miller, Versicherungsmanagerin

Lasse Lauclair, Versicherungsmanager

Humpy-Dumpy, Stadtstreicherin

Lady Gaga, das Freilandschwein

Sicherheitskräfte

 

 

«Schmalz für alle» spielt in einer Zeit, in der die Allmacht der Ökonomie mit einer allmählichen Demontage der Demokratie sowie  ordnungstechnischer Zurichtung der Menschen einhergeht – in der Gegenwart.

Nadine Miller, Anfang dreißig, kann auf eine beachtliche Karriere zurückblicken: Studium der Betriebswirtschaft, Postgraduate-Studium in Chicago und Hongkong. Ihren glorreichen Einstand feierte sie mit knallharten Rationalisierungsprogrammen in privaten Spitälern. Doch ihr größter Coup war das erste ökologisch und human produzierende Hochsicherheitsgefängnis Wolkenstein IV, wo Häftlinge im gefängniseigenen Forst Freilandschweine hüten, schlachten und zur glutenfreien «Knacki-Wurst» verarbeiten – ein wahrer Marktfeger. Trotz ihres Achtungserfolges ist sie seit fast einem Jahr arbeitslos und droht in die neuen Zwangsprogramme für Langzeitarbeitslose zu fallen – im Klartext heißt das: Eingliederung in Säuberungsbrigaden, die Obdachlose, Bettler und Punks aus den Fußgängerzonen und Tourismusmeilen der Großstädte vertreiben sollen («Intrinsic Cleansing Programme»). Kurz bevor sie in Panik gerät, erhält sie im letzten Moment den rettenden Job in der größten Gesundheitsversicherungsanstalt des Landes. Dort soll sie mit dem alerten Lasse Lauclair ein Projekt gegen die Volksverfettung ausarbeiten. Lauclair steht ihr in nichts nach und hat bereits durch jene ausgeklügelten Zwangsarbeitsprogramme für Langzeitarbeitslose auf sich aufmerksam gemacht, denen Nadine Miller beinahe zum Opfer gefallen wäre. Hier im Wartezimmer zur Job-Audition setzt die eigentliche Handlung ein. Miller und Lauclair wittern gegenseitige Konkurrenz und sind einander auf Anhieb unsympathisch. Doch das Stück würde nicht die Dramaturgie der Screwball-Comedy parodieren, würde unter dieser Apathie nicht schon längst das Feuer erotischer Anziehung lodern. Nadine Miller hat eine simple, aber bestechende Idee: Übergewichtige sollen ihren Selbstbehalt in versicherungseigenen Fitnessstudios einstrampeln, die dadurch erzeugte Elektrizität soll ganze Stadtviertel energieautark machen. Lauclair indes, der in der «Volksverfettung» eher ein ästhetisches Problem sieht, setzt auf Fettabsaugung und Export der «freigesetzten» Fettreserven in fettarme Länder. Nadine Millers Projektplan wird der Vorzug gegeben, man überträgt ihr die Leitung der Projekt-Abteilung und stellt ihr Lauclair als Mitarbeiter zur Seite. Es kommt zu einer Katzbalgerei der Geschlechter, bei ihrem gemeinsamen Projekt kommen berufliche Toughness und emotionale Bedürfnisse burlesk durcheinander. Eine Romanze ist unvermeidlich. Bei der Besichtigung eines Fettabstrampellagers gesteht Lauclair Miller seine Liebe. Diese, bedroht durch die Macht der Gefühle, gibt sich zynischer und gefühlloser, als sie ist, doch tappt sie letztlich in seine «Romantikfalle», indem er durch Herauskitzeln ihres Liebesbedürfnisses ihre Konkurrenzfähigkeit schwächt. Das Liebesglück dauert nicht lange, Lauclair lässt sie sitzen, sie sich fallen, er übernimmt ihren Job. Nadine stürzt sich in die Fresssucht und nimmt binnen Tagen das Doppelte ihres ursprünglichen Gewichts zu.

In der Zwischenzeit ist die Weltwirtschaftskrise hereingebrochen, fette Menschen werden auf den Straßen gejagt und in Strampellager verfrachtet. Nadine wird von solch einem Kommando durch die Stadtstreicherin Humpy-Dumpy gerettet, die in einer Ruine mit ihrem Schwein Lady Gaga haust und die Story von Anfang an als Kommentatorin begleitet. Mit Lady Gaga verbindet sie ein Liebesverhältnis. Dort sind sie sicher, denn das gesamte Viertel, ist eine No-Go-Area, wo sich die Verdammten der Gesellschaft verschanzen und wohin sich keine Sicherheitskräfte trauen. Humpy-Dumpy ist fett und hässlich. Als Insassin des Gefängnisses Wolkenstein IV ist sie einst mit ihrem geliebten Schwein Lady Gaga kurz vor dessen geplanten Schlachtung durch ein Loch des Gehegezauns entkommen. In Gesellschaft der Stadtstreicherin und des aufgeweckten Schweins erlebt Nadine Miller nicht für möglich gehaltene Menschlichkeit und kreatürliche Zärtlichkeit. Zuerst aber müssen ihr die beiden Außenseiterinnen mittels Exorzismus ihren Leistungs-, Schönheits- und Anpassungszwang austreiben.

In der Zwischenzeit ist das Versicherungssystem, dessen Gewinne nur noch auf Spekulation beruhten, zusammengebrochen. Der Volkszorn wird von den Fetten auf die Spekulanten übertragen, der ehemalige Zentralverbandsdirektor Lasse Lauclair flüchtet mit einer Bande weiterer Spekulanten ins Sperrgebiet. Als er sich an Lady Gaga vergreifen will, stürzt sich Humpy-Dumpy auf ihn und wird im Zweikampf getötet. Lady Gaga nimmt blutige Rache. Lauclair bittet Nadine Miller im Namen ihrer großen Liebe um Hilfe – doch diese sieht seiner bestialischen Tötung teilnahmslos zu.

Nadine und Lady Gaga ziehen in die Welt hinaus, dabei erzählt jene dieser von ihren neuen Geschäftsideen, zum Beispiel wie sich aus einer «Humanisierung des Kapitalismus» neue Gewinne lukrieren ließen. Die böse Schlusspointe des Stücks.

 

«Schmalz für alle» ist zugleich böses Märchen und analytische Parabel, ein grotesker Abgesang auf den Neoliberalismus. Es zeigt, wie der totale Zwang zur Verwertung, zur Leistung und zur Selbstzurichtung bis in die letzten Winkel der Seele das Individuum durchdringt und dessen eingebildeten Individualismus konfektioniert. Die zentrale Komik des Dramas ergibt sich aus dem Kontrast zwischen der weiblichen Selbstermächtigung der Hauptfigur Nadine Miller im Berufsleben und den menschenfeindlichen Aktivitäten, auf denen sie und Lasse Lauclair ihre Karrieren bauen (die im Stück dargestellten Gesundheitsprogramme übertreiben real existierende nur geringfügig). Der Geschlechterkampf zwischen IHR und IHM borgt sich Elemente der Romantic und Screwball Comedy, deren Dramaturgien (Konkurrenz, Abneigung, Anziehung der Geschlechter) zerstückelt und schematisch-collagenhaft verzerrt wieder zusammengesetzt werden. Musicaleinlagen verstärken diesen Effekt. Die zweite Komikebene resultiert aus den Illusionen einer Powerfrau, durch Selbstkonformierung im Patriarchat zu reüssieren. Sie hält sich für «kalt bei der Entscheidungsfindung und trotzdem für the hottest chic in town … », was Humpy Dumpy folgendermaßen paraphrasiert: «Du bist nur der Eiswürfelautomat für die Cocktails der Investoren und the hottest Brathähnchen des Firmenbüffets».

Nadine Millers und Lasse Lauclairs beruflich-persönliche Verstrickungen tänzeln heiter durch eine Horrorshow des Gesundheits-, Leistungs- und Schönheitszwangs, der Diskriminierung und Verfolgung von Fettleibigen, Randständigen und Verlierern. Durch alle Ritzen und Poren der Handlungsarchitektur aber tropft und trenzt und strömt das verfolgte und verdrängte Fett und ertränkt die neoliberale Ideologie am Vorabend der Krise.

Gelungen sind Stück und die Inszenierung dann, wenn sich der kathartisch-geschmacklose Schockcharakter der derben Exposition von Fett, Hässlichkeit, Sodomie, Orgien etc. in lustvoll-empathische Selbstverständlichkeit auflöst. Wenn dem Publikum die unansehnlichen Verlierer (zu denen sich Nadine Miller im letzten Akt gesellt) selbst in ihren plakativsten und unhygienischsten Exzessen als die sympathischere Alternative zur kalten Geschäfts- und Verwaltungswelt wie die selbstverständlichste Sache der Welt erscheinen, kurz: wenn das Schwein Lady Gaga zum humansten Wesen des Stücks wird. Dass das Ganze nicht in den einseitigen Kitsch der wahren Schönheit innerer Werte ausartet, dafür soll der uferlose Witz der Dialogführung sorgen!

 

Der Ort der Handlung ist eine nicht näher ausgewiesene Großstadt in einem (deutschsprachigen) europäischen Land, verschieden interpretierbare Namen weisen über einen engeren deutschen Rahmen hinaus. Es soll ein europäisches Stück werden!

 

Der Name Humpy Dumpy ist zwar von Lewis Carrolls surrealer Figur Humpty Dumpty inspiriert, verzichtet aber absichtlich auf das «t», um enger noch die Assoziationen mit den Wörtern «hump» (Buckel) und «dump» (Abfall, Mülldeponie) zu knüpfen.

 

 

 

 

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