Alice in Greaseland

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Animierter Jugendfilm (noch nicht realisiert)

Alice in Greaseland – ein animierter Kurzfilm, der Alice, ein 12-jähriges Mädchen, das sich zu dick findet, auf eine dämonisch-märchenhafte Bildungsreise in die absurde und höchst widersprüchliche Welt der Übergewichtsdiskurse, des Selbstzurichtungswahns und der Schlankheits- und Wellnessmanien führt. Sein gutgelaunter Guide dabei ist ein irisches Schweinchen namens Fatty O’Toole, das Alice bei einer ihrer Bulimieattacken in die WC-Muschel gekotzt hat. Alice in Greaseland ist ein didaktisches Schauermärchen voll surrealistischer Bilderfülle, dessen schwarzer Humor  nie auf Kosten der Empathie mit der Hauptprotagonistin und all den wohlgenährten Opfern einer irrationalen Diskriminierung geht. Der Film soll in Englisch sein, einerseits, ein internationales Publikum  anzusprechen, andererseits, um auch der Inspiration durch fantasievoll grausame englische Kinderlieder und Auszählreime Rechnung zu tragen.

Die Referenz zu Lewis Carrolls Alice-Romanen beschränkt sich lediglich auf die psychedelische Atmosphäre, das Motiv des Sich-Verlierens und in der künstlerischen Ausführung durchaus auf mögliche Zitate des Vintage-Stils der ersten Alice-Illustrationen von John Tenniel (1865).

Alice bemerkt um ihren 12. Geburtstag herum unwillkommene Speckansammlungen an Bauch und Hüften und ist verzweifelt, denn der Sommer steht bevor und sie wollte das erste Mal so richtig ihren nicht mehr ganz kindlichen Körper präsentieren. Ihre Familienverhältnisse sind zerrüttet, die Mutter ist fitnesssüchtig und bettelt um die Liebe ihrer wechselnden Lover, die sie aber mies behandeln. Ihr von der Mutter geschiedener Vater ist ein hagerer depressiver Typ, der in einer Versicherungsanstalt darauf spezialisiert ist, zu dicken Menschen die Versicherungsleistungen zu kürzen.

Alice erinnert sich an ihre Volksschulzeit und an Freddy zurück, eine gutmütigen Mitschüler, der wie seine Eltern etwas korpulent war, nicht mehr und nicht weniger aß, nicht mehr und nicht weniger Sport betrieb als die meisten anderen und trotzdem von der ganzen Klasse, inklusive Alice,  gemobbt wurde. Jedes Mal, wenn Freddie seine Jause verzehrte, wurde ihm das mit sadistischem Vergnügen als Fresssucht vorgeworfen. Dieses wohlbekannte Szenario wird im Film moritatenhaft übersteigert, sowohl in der dialogischen wie visuellen Darstellung. Je mehr ihn die anderen hänseln, desto schneller und panikartiger knabbert Freddy an seinem Brötchen und desto mehr plustert sich seine Körperfülle auf. Als ihm Tränen die Wangen runterrinnen, will darin die kleine Alice, die sich bei der Meute profilieren will, das überschüssige Schmalz erkennen, das Freddies Körper nicht verarbeiten konnte. Daraufhin bekommt Freddie einen weiteren Verfettungsschub und wächst ihnen über den Kopf. Wütend schreitet die Lehrerin ein und schimpft die Kinder, nur um Freddie danach selbst eine Standpauke zu halten, wie ungesund für die Gefäße und Gelenke zu viel Gewicht sei und dass er mit seiner mangelnden Körperdisziplin nie eine Freundin bekommen werde. Lachen der Kinder. Die Lehrerin zitiert Freddies Eltern zu sich.

 

 

Alices Off-Stimme schildert kurz das weitere Schicksal von Freddies Familie. Die Eltern wollten dieser feindseligen Welt auf Hometrainern davonradeln, doch kamen sie nie vom Fleck, biss der Herzstillstand sie von ihren Geräten fallen lässt. Freddie indes, der überdimensionale Formen angenommen hat, wird als Schattenriss im Sonnenuntergang von einem Schiffskran auf ein großes Schiff gehievt. Möwenkreischen. Nebelhörner. Man weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Manche sagten, er sei Pharao von Lardistan (von „lard“ = Schmalz) geworden, manche, er sei vor Schmerz zerronnen und jetzt ein Fettfleck auf der Sahara, der nur von Satelliten aus erkennbar sei.

Die Perspektive des Satelliten schweift ins All. Riesige wachsende, pulsierende, sich voneinander lösende und vereinende Zellstrukturen in psychedelischen Farben. Der eigentliche Vorspann beginnt, Freddie schwebt schwerelos ins Nichts. Aus anderer Richtung schwebt die 12-jährige Alice daher und versucht sich verzweifelt ihre fast nicht vorhandenen Fettwülste wegzukneten.

In ihrem Zimmer gelingt es ihr, eine Wulst zu lösen, sie schmeißt sie weit von sich, als wäre er ein böses Tier, und wie ein böses Tier kommt er schlangenhaft und schnell zurückgeflitzt und vereint sich wieder mit ihrem Bauch. Sie wiederholt das einige Male, schließlich schluckt sie die Wulst runter, doch am Bauch wächst sie immer wieder nach. Sie läuft zum Kühlschrank und frisst diesen leer. Mit cremeverschmierten Mund beginnt sie laut zu heulen, und nennt sich das unglücklichste Mädchen der Welt. Man sieht die Weltkugel, zuerst wächst Alices Sprechblase daraus, dann dutzende, hunderte, die allesamt dasselbe sagen: „Ich bin das unglücklichste Mädchen, der unglücklichste Junge der Welt.“ (Lediglich aus der südlichen Hemisphäre wachsen diese Spechblasen nur vereinzelt hoch.) Alice öffnet die Klotür. In einem Splitscreen machen etliche Jugendliche das Gleiche. Sie übergeben sich in Klomuscheln. Darauf folgt zu Happysound ein Kotzballett, Bulimistenchoreographie, allesamt wirken sie wie glückliche Brunnen-Wasserspeier, die in allen Farben Regenbögen speien.

Zurück zu Alice. Unter konvulsivischen Krämpfen würgt sie eine Riesenbrocken hoch, der lautstark in die Muschel plumpst. Es ist Fatty O’Toole, mit vollem Namen Squire Fatburn Fintan Manus O’Toole der Vierunzwanzigste, das fidele Schweinchen trägt einen grünen Zylinder und ein grünes Frack sowie einen Shillelagh, einen irischen Knotenstock. Es könnte das Personal eines abgefahrenen Horrorfilms sein, ein dämonischer grunzender und oinkender Leprechaun, doch erweist er sich als gleichsam fieser wie gutmütiger Geselle, der Alice durch einen schmerzhaften Rite du passage zu mancher Erkenntnis führen und in diesem Horrorfilm ihr einziger Freund sein wird. Auf der Klobrille entzückt das doch rundliche Schwein die zutiefst erschrockene Alice mit graziler Beinarbeit, indem er einen irischen Jig tanzt.

Alice beichtet Fatty ihre Figurprobleme und wird von ihm lauthals ausgelacht. Ihre Figurprobleme, gibt ihr das schlaue Schweinchen etwas rätselhaft zu verstehen, seien nicht ihr privates Problem, sondern das Fett in ihrem Bauch sei das Bindegewebe, das das gesamte System zusammenhalte. Alice versteht gar nichts. Da nimmt Fatty sie an der Hand und führt sie auf eine Reise.

Ab hier werde ich die Handlung allgemeiner umreißen, da der Inhalt mit einer sehr kurzgeschnittenen Abfolge schräger und überraschender visueller Ideen gekoppelt sein soll.

Darum soll die inhaltliche und die visuelle Struktur hier zunächst getrennt skizziert werden.

 

 

In einigen didaktischen, mit Tanz und Liedeinlagen gespuckten Lektionen, lehrt sie Fatty, dass sich die Menschen weniger fettfressen als fetthungern, und dass das Fett und noch mehr die Angst und Abscheu vor Fett nur ein kleines Glied in einer riesigen Maschinerie ist, dass sich alle Menschen als ungenügend und defizitär empfinden lassen sollen. Sie müssen in Dauerunzufriedenheit, in Dauerstress, in Dauererregtheit gehalten werden. Natürlich erklärt er ihr – quasi als Einführung – in die Materie den Jojo-Effekt mit einem Calypso-Song. Das ist lediglich die medizinische aufklärerische Seite des Films, die ergänzt wird durch die Erkenntnis, dass es für die meisten Menschen zum normalen genetischen Programm gehört, dass sie in der Pubertät und dann vor allem in der Lebensmitte um die Leibesmitte etwas zunehmen, und gerade die körpertechnische Verhinderung davon das wahrlich medizinisch wie psychisch Kranke darstellt, ja dass alle verfügbaren Studien zu dem Thema ermittelten, dass Menschen mit (nach neoliberaler Norm) leichtem Übergewicht eine längere Lebenswerwartung hätten. In weiterer Folge führt Fatty O’Toole Alice an der Hand durch die gesellschaftspolitische Dimension der Fettsucht wie Anti-Fett-Hysterie. Im Body-Workout werden die Menschen zusätzlich zu ihren beruflichen Leistungen und dem täglichen Zwang, gezwungen, sich und ihre Familien finanziell abzusichern, sich übertrieben mit sich selbst zu beschäftigen, was sie effizient davon abhält, die Welt, die Gesellschaft, die Ordnung der Dinge, und ihre eigenen Zwänge zu verstehen. Alice erfährt in teils witzigen, teils phantasmagorischen Passagen, dass der schöne geile Superbody das Symbol für die totale Vereinheitlichung der Körper sei, an den Menschen ihren fragilen Selbstwert knüpfen und warum sie beides nie erreichen können. Der Mythos vom Übergewicht als Folge eines dekadenten Lebensstils wird pikanterweise von einem spindeldürren Revolutionär vertreten (er arbeitet in einem Schweineschlachthof und agitiert unter den Arbeitern dort), Fett sei für ihn Ausdruck von Überfluss, mangelnder Disziplin und hemmungslosem Hedonismus, dem er protestantische Werte von Verzicht und Selbstzucht entgegensetzen will. Als die Polizei kommt, läuft er als Erster weg, während sein dicker Kollege erfolgreich Widerstand leistet.

Wenn es so etwas wie Verfettung gibt, dann ist sie das Produkt von Stress, Unglück, Erschöpfung und seelischer Überforderung. In stroboskopartigen Übertreibungen, in einem visuellen Fanal erhöht sich visuell der Rhythmus der Anforderungen, das Scrollen, Liken, Wischen, schnelle Bilder, schnelle Popvideoschnitte, Maschinengewehr-Staccato, Multitasking, schreiende Kinder an der Supermarktkasse, Technobeats und Keuchen, beschleunigter Herzschlag, Treträder und Hometrainer, stupide Pornostöße – wie ein lachender Dämon dirigiert dies Fatty alles, während Alice sich die Ohren zuhält. Alice dringt in nie zuvor geahnte Zombiewelten einer permanenten hedonistischen Selbstentsagung ein, wo Selbsthass wegen nicht eingelöster Versprechungen von Freiheit und Erfolg, auf Schwächere und Außenseiter, vor allem auf Korpulente, Adipöse, Übergewichtige übertragen wird.

Befreiung verspricht kurz eine Selbstentschleunigungs-Cafeteria von zwangsentspannten Hipstern, die Alice zum Verweilen und Aussteigen eingeladen wird, aber auch da spürt Alice bald den Zwang und den Krampf zu einer Selbstoptimierung durch Loslassen. Fatty wollen die Hipster fressen, weil er zu viel weiß. Im letzten Moment kann ihn Alice vom Grillrost retten, und weiter geht die fantastische Reise zwischen einem Supergau der Fettproduktion. Denn je mehr das Fett bekämpft wird, desto stärker bloppt es an anderen Stellen hervor. Das Wuchern des Fetts ist längst von individuellen Körpern auf eine riesige gesellschaftliche Fettproduktion als Rache der Natur an ihrer Bändigung übergegangen. Jeder Versuch, dem Fett Herr zu werden, wird mit rapide zunehmenden Wucherungen konfrontiert. Die gesamte westliche Welt bebt und grummelt wie vor einem Vulkanausbruch. Unentwegt mutieren zu glucksenden Geräuschen Zellen im wunderschönen Psychedelic-Design. Jogger in Frühlingsparks sehen riesige Schmalztsunamis auf sich zurollen, versuchen davor wegzujoggen und fressen in Panik dabei unzählige Süßspeisen, dabei nehmen sie zu, verlangsamen sich und werden Teil der Fettmasse. In Panik versuchen die letzten Schlanken, fette Menschen im öffentlichen Raum zu lynchen und zu martern. Dabei werden sie selbst immer fetter, in Beulen bloppen Lipome an den ungewöhnlichsten Stellen aus ihren Körpern. Auch Alices Volksschullehrerin ist darunter, und sie entschuldigt sich für ihren Exzess mit denselben Argumenten, mit denen sie Freddie bereits malträtiert hat, dass Übergewicht eben die Gelenke und Gefäße gefährdet.   

Eine graue Betonwand, auf welche in verwitterter weißer Schrift „Europe“ steht und „No entry“. Am Boden davor brackige Abwassergerinnsel und hunderte halbverhungerte Gestalten aus dem globalen Süden. Sie vernehmen Donnern und Beben hinter der Wand. Risse entstehen, aus denen zunächst Fett tropft und schließlich in druckvollem Strahl nach außen spritzt. Die Südländer erkennen es als Fett und sind glücklich vor Freude, manche stürzen sich in den frischen Fettsee, um darin zu baden und sich den Bauch vollzuschlagen. Da schreit Alice von der oberen Kante herunter, das sei reines Gift, sie dürften davon nicht essen, es sei verseucht mit den Angsthormonen und Unglücksenzymen des gesamten Westens. Zu spät. Die Ersten fallen tot um. Die Mauer bricht zusammen und riesige Fettfluten ergießen sich in die Wüste.

Auf einem Teller treiben Alice und Fatty O’Toole auf dem Fettmeer. Idyllische Musik (Vorschlag: „Piece Pipe“ von den Shadows). Beide dösen in der Sonne. Und beginnen aus Hunger zu halluzinieren. Alice sieht Fatty als Spanfergel. Dieses Bild wird sofort von innen wie Papier zerrissen, heraus tritt der echte Fatty mit der Mahnung: „Denk nicht einmal daran.“ Er sieht kreischende Papageien am Himmel. Eine Kokosnuss treibt an ihnen vorbei.

Eine Tagesreise südsüdost von hier müssten sich die Paradiesinseln befinden, sagt Fatty. Die beiden beginnen zu rudern.

Epilog: Die Paradiesinseln. Trommeln und polynesische Gesänge. Ein hagerer, verbittert wirkender Insulaner ist beunruhigt über die Dichte an Fettinseln auf dem Meer, da wird ein Buch angeschwemmt, fettverschmiert, versteht sich. Er blättert darin und beginnt, böse zu grinsen. Im Wald tanzen die Insulaner ausgelassen und fröhlich. Sie sind allesamt korpulent bis fett. Der hagere Insulaner tritt mit dem Buch inder Hand in ihre Mitte und schreit: „Schluss jetzt mit der Party“.

Die Trommeln verstummen. Auf dem Buchcover steht: Miranda Bleecher: Abnehmen in 60 Tagen.

 

Inhaltliche Richtigstellung: Alice in Greaceland ist kein kulturpessimistisches Pamphlet, auch keine apokalyptische Moralpredigt. Dazu ist der Grundton zu heiter. Der Weltuntergang durch platzende Lipome ist eine produktive Übertreibung, der Film zeigt in Form eines Kinder/Jugendfilms, (der er natürlich nicht oder nicht nur ist) die Absurdität, Falschheit und Grausamkeit der gängigen Vorstellungen über Gesundheit, Körperideale und Fettgewebe auf, dies aber mit satirischen Mitteln und surrealistischer Fantasie.

Die künstlerische Form soll das Kunstwerk zuwege bringen, völlig unterschiedliche Animationsstilzitate in einer durchgängige Bilddramaturgie zu kanalisieren. Weder zu realistisch (Disney Style) noch zu abstrakt (South Park), sondern something in between. Wobei die Figur der Alice durchaus von einem minimalistischen Kinderzeichenstil inspiriert sein kann, Fatty O’Toole aber eine realistischere Vintage-Figur mit Schraffur sein soll. Alice sollte in ihrer Passivität eher starr, Fatty dafür umso beweglicher dargestellt werden. Der Kontrast zu ihr ist auch als driftende Wolkenfelder am Himmel vorstellbar. Die Schlanken erscheinen abgekämpft, passiv, roboterhaft, die Dicken, so sie nicht unglücklich sind, grazil, beweglich, temperamentvoll. Frühere Illustrations- und Comictraditionen (Alice in Wonderland, Little Nemo, Rubber Hose) könnten zum Einsatz kommen und dem Film eine überzeitliche Qualität geben. Und als permanentes Setting die psychedelische Darstellung von Fett und Zellensrukturen.

 

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