Die Donau – Autobiografie einer Kindheit in Skizzen

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Die Donau war meine Lehrmeisterin. Die Donau war meine heidnische Göttin. Die Donau half mir dabei, kein Niederösterreicher zu werden. Ihre Auen waren ihr Geleitschutz – in sie wagten sich weder Heimattümelei noch Katholizismus. Mein reinigender, dreckiger Ganges war sie, mein Mississippi – und ich ihr Huckleberry Finn.

Flüsse sind extraterritoriale Gelände, und während Berge, Fluren, Wälder aufgrund ihrer bemitleidenswerten Immobilität schutzlos dagegen sind, als Kulissen erfundener Nationalkulturen figurieren zu müssen, ist der Fluss schon längst weitergeflossen. Ihn schert weder österreichischer noch ungarischer noch rumänischer Unfug. Die Blasmusikkapelle findet nur am Lagerhausturm ihr Echo, der ungarische Pop vom Klubschiff verhallt zu seiner Mitte hin, und die bulgarischen Dudelsäcke vom Volksfest am Ufer vermischen sich bis zur Ununterscheidbarkeit mit dem Quäken der Pelikane. 

Nationale Grenzen haben sich an ihm verschoben wie die Sandbänke, und zu viel Blut hat sich in ihn ergossen, als dass er das alles noch ernst nehmen könnte. Er zieht das Wasser aus den Bergen und fließt ins Meer. Man kann ihn stauen und ihm Elektrizität abtrotzen, man kann auf seinen duldsamen Schultern Güter befördern, aber gehören tut er niemandem außer sich selbst. Er fließt der Zivilisation voraus, verbindet Länder und Kulturen, und doch ist er auch Refugium der Wildnis.

Die Reglementierungswut eines mechanistischen Weltbildes, ganz gleich, ob die Menschheit damit geknechtet oder befreit werden sollte, tat dem Fluss Gewalt an und bekam dafür noch mehr Hochwasser. In mühsamer Kleinarbeit versucht eine geläuterte Landschaftsarchitektonik – nicht wegen Versöhnung mit der Natur, sondern kalkulierter Nachhaltigkeit – die trockengelegten Altarmsysteme und die grünen Au-Lungen zu rekonstruieren oder ihre Vernichtung zu stoppen. Wer die Wildnis liebt, muss die Zivilisation nicht verachten, denn erst Zivilisation befähigte uns zur Ästhetisierung von Natur, welche nicht mehr als Feind uns gegenübertritt.

Dort wo ich aufwuchs, bei Emmersdorf gegenüber von Melk, ist die Donau breiter als je zuvor, ehe sie sich bei Schönbühel zur Wachau wieder verengt. Der Augürtel zu beiden Seiten ist schmal, aber undurchdringlich. Nicht für mich. Denn ich kannte alle seine Geheimnisse. Kaum war ich aus der Volksschule nachhause gekommen, hatte ich die Schultasche ins Eck geschmissen, das Mittagessen runtergewürgt, bin in die Au gerannt und durchs Unterholz gehuscht – zu meiner eigentlichen Lehrerin, bei der ich meine Nachmittage verbrachte.

Bis zu meinem zehnten Lebensjahr wollte ich Zoologe werden. Das Entdecken und Beobachten von Tieren war mein liebster Zeitvertreib. Erst später in Wien traf ich auf zahme Stockenten, doch bei uns waren es wilde, scheue Tiere, die einen nicht nah rankommen ließen, so man sich nicht auf die Indianerkunst des Pirschens verstand. Und ihre Schönheit hatte noch einen Wert, der für das verwöhnte Auge des Wiener Entenfütterers verloren gegangen war.

Ich suchte nach Pirolen, Fischadlern, Wespenbussarden, Wiedehopfen und Wieseln, fand die Brutröhren der Eisvögel, dieser gefiederten Edelsteine – meine unübertroffenen Lieblinge –, kiebitzte beim Balzritual der Haubentaucher, visitierte Molchskelette und fand in Astgabeln Mauskadaver, die Bussarde dort als Vorrat eingezwängt hatten. Auf dem sommerlichen Treppelweg zwischen Au und Donau ging ich vorsichtig, weil mich die erschrockenen Eidechsen erschreckten, und um nicht auf Akaziendornen zu steigen, die – wie mich mein Vater belehrte – eigentlich von Robinien stammten, welche der Volksmund aber botanisch unkorrekt Akazien nennt. Mein Vater kannte jedes Gras und jedes Insekt persönlich. Ihm verdanke ich die Einsicht in die Vielfalt, Lebendigkeit und Dynamik der Natur, und ihm verdanke ich auch, dass sich der Wald mir nicht als amorphe grüne Wand zeigt, sondern jedes Element darin seine Eigenheit, sein eigenes Recht besitzt und nicht bloß zum Dekor meiner Selbstanmaßung taugt, denn vielleicht  – wer weiß – bin ich jedem Strauch und jedem Baum selbst nur Requisite.

Der göttliche Humor der Wildnis liegt ja darin, dass man ihr so herzlich egal ist. Ein hochwirksames Antidepressivum ist sie. Jede narzisstische Kränkung kuriert sie durch eine Ignoranz, welche die der Menschen silberpappelhoch übertrifft. Die Gleichaltrigen scheuten die Wildnis deshalb, weil es dort für das ins Kraut schießende Ego nichts zu holen gab. Mir war sie eine Zen-Meisterin, die mir klipp und klar zu verstehen gab, dass es ihr völlig egal sei, ob ich existiere oder nicht, und wenn ich damit leben könne, ich ihre Geheimnisse mit interesselosem Gefallen genießen dürfe. Noch immer lindern der Fluss und seine Sümpfe durch die Anonymität, die ich in ihnen genießen darf, meine Schwermut – und das wird bis zum Tod so bleiben. Doch auch der Melancholie, mit der man sich so heilsam wichtig nimmt, ist sie eine treue und eingeschworene Komplizin. Wie oft habe ich mein Leid, meine Sorgen und Sehnsüchte zwischen Donaubrücke und Schönbühel spazieren geführt, und wenn es Winter war und der Altarm zwischen Grimsing und Gossam zugefroren, dann leuchtete mir das Abendrot auf dem Eis zwischen den nackten Bäumen in eine hoffnungsvolle Zukunft. Von den Alten unterscheiden sich die Jungen in dem glücklichen Verhältnis von Hoffnung und Enttäuschung, das bei diesen zu ihren Gunsten ausfällt. Sie haben viel Zukunft zur Verfügung, ein scheinbar unendliches Reich, in das sie ihre Träume wie Piratenschiffe vorausschicken und aus dem diese reich beladen mit Einbildungen in die trostlosen Heimathäfen zurückkehren.

Ich übertreibe nicht, wenn ich den großen Strom auch als philosophischen Lehrmeister bezeichne. Denn wo sonst wird das Panta rhei deutlicher als in Au- und Überschwemmungsgebieten. Nicht nur sich, sondern auch die Landschaft verändert der Fluss unentwegt, nach jeder Überschwemmung zaubert er neue weiße Sandbänke an die Ufer, aus denen alsbald üppige Weidenmangroven wachsen. Nirgends verhöhnt das Wuchern der Formen mehr das Ordnungsbedürfnis des ängstlichen Menschen. Manche Freunde und Freundinnen, die ich in die Au führte, gestanden mir ihre Angst vor ihr. Und es dauerte eine Weile, bis ich sie verstand. Es waren das Fehlen klarer Orientierungsmarken, die verwischten Grenzen, das schlammige Miasma, das verwirrende Ineinandergreifen der Konturen, die freche Herrschaft der Grauzonen und Zwischenwelten, die ihnen Angst machte.

Hier in den Swamps und Bayous der Donau zeigte sich mir also im Kleinen die ganze Tragödie der fehlgeleiteten Moderne: die Unerträglichkeit der Ambivalenz. Meine Freude an der Wildnis mag aus dem Sumpf einer dekadenten Zivilisationsverachtung gesprossen sein, doch in die richtigen Kanäle geleitet, konnte sie auch zu einer ideellen Verteidigung von Zivilisation gegen deren eigene Verirrungen führen. Über einige Erkenntniskatarakte eröffneten mir diese Kanäle zum Beispiel das Wesen von Fremdenfeindlichkeit und Nützlichkeitsdenken. Mein Vater war ein stockreaktionärer Ökologist, ich eher ein anarchistischer, aber unser Denken und Fühlen traf sich in der Verteidigung des nicht Nützlichen gegen die kommerzielle Verwertung von Natur und Mensch. Der urdaoistische Gedanke, dass derjenige Baum, den der vermessen vermessende Mensch nicht zu Brettern verarbeiten kann, der schönste sei, fand in der Au mannigfaltige Inspiration.

Lange bevor ich diesen Ahnungen Theorien geben konnte, fühlte ich mich der Wildnis animistisch verbunden. Das Rauschen des Windes durch die Pappelkronen und das Ächzen der Stämme sprachen zu mir, die vereinzelten Föhren und die übers Altwasser ihre Äste breitenden Weiden waren meine Ikonen. In magischer Eingeschworenheit nahm mich das Flussbiotop auf und schützte mich vor den Gemein- und Falschheiten der Gesellschaft, denen ich mich aber – man kann nicht immer flüchten – früher oder später stellen musste. Und doch half mir das Asyl der Au, gesellschaftlich zu denken, denn aus dem Urwald heraus beobachtete ich das Treiben der kleinbürgerlichen Gemeinde, sinnierte über ihr Wesen und konnte meine notwendige Integration in die Gesellschaft so lange hinauszögern, bis mein Bewusstsein einigermaßen gefestigt war, mir selbst auszusuchen, wie weit ich mit ihren Normen und Erwartungen zu gehen bereit war.

Das klingt sehr hochgestochen und wie eine retrospektive Mystifizierung meiner frühen Donaubiografie, doch es ist alles mindestens so wahr wie meine Identität als Tarzan, Robin Hood und Häuptling Crazy Horse. Denn natürlich bot die abwechslungsreiche Landschaft am großen Fluss eine unendlich große Spielwiese. Welch Privileg, vor der Haustür den Sandokan-Dschungel Borneos, den Amazonasurwald und Good Old Dixie zu haben. Wie oft stellte ich mir vor, wie Krokodile von den Schlammbänken ins braune Wasser schnellen und wie im dunstigen Weichbild der Donaubiegung aus dem Nibelungengau Mississippi-Steamer auftauchen. Die älteren Schiffe der DDSG, wie die Johann Strauß und die Schönbrunn, die ihre Schlote unter den Brücken kippten und von prächtigen Schaufelrädern angetrieben wurden, kündeten von dieser Vergangenheit, die meiner Fantasie immer näher war als die verhasste Gegenwart. Auch die trockenen, Hänge der Wachau mit ihren wuchtigen Felsvorsprüngen beschenkten mich mit strategisch idealen Standorten, um General Custers verdammter Kavallerie Hinterhalte zu legen. Selbstredend waren die Burgruinen Weitenegg, Aggstein, Hinterhaus und Dürnstein unmittelbare Konsulate der Ritterzeit. In Dürnstein war immerhin mein Held und Namensvetter Richard Plantagenet, genannt Lionheart, von provinziellen Österreichern gefangen gehalten worden. Meine Ritterfantasien drängten mehr in den angelsächsisch-keltischen Raum als in den heimischen, der, weil zu sehr mit österreichischer Jetztzeit verbunden, schlicht uncool war. Meine Ritter sahen auch ganz anders aus als die, welche mein Vater in seiner Jugend sein wollte. Diese hießen Hadubrand und Dietrich von Bern und waren deutschnationale Jugendstilritter, ich kannte sie von den Illustrationen der uralten Bücher bei uns daheim. Meine Recken waren eher die effeminierten Hippieritter in byzantinischen Kaftans aus der BBC-Serie Die Legende von Robin Hood.

Zum Fasching in der vierten Klasse Volksschule ging ich als Robin Hood. Dazu legte ich einen pseudoafrikanischen Kaftan namens Daschiki an, band einen Gürtel darum und hängte mir einen Köcher mit Spielzeugpfeilen um. Die Daschikis waren damals als späte Ausläufer des Hippiechics in Mode, ich hatte meine Mutter gebeten, mir einen solchen aus einem Billigversand zu bestellen. Am ganzen Modemarkt glich eben keine Tracht eher den orientalisch anmutenden Langwämsen, die man im 12. Jahrhundert zweifelsohne unter byzantinischem und muslimischem Einfluss trug. Meine Lehrerin lachte mich aus, denn in ihrer Vorstellung trug Robin Hood grüne Strümpfe und den komischen Hut der norditalienischen Gebirgsjäger.

Doch zurück zur Donau. Ich war ein Sonderling und Einzelgänger, wenngleich nicht ungesellig. Das hatte damit zu tun, dass bei uns zuhause Besuch nicht gerne gesehen war. Meine Mutter litt zeitlebens unter der neurotischen Sorge, kein repräsentatives bürgerliches Heim bieten zu können. Das Haus, das sie alleine entworfen und mit ihrem Vater gebaut hatte, er war Maurer, Bauer, Landwirt und Sozialist in einer Person, bot nach außen hin einen prächtigen Anblick, doch konnte es aus Geldmangel nie zur Gänze eingerichtet werden. Der Zwiespalt zwischen Mamas Aufstiegsträumen und der Realität – mein Vater war ein leidlich erfolgreicher Landtierarzt – sowie die Angst vor dem Tratsch nährten in ihr eine hartnäckige Soziophobie, vor deren Ansteckung wir Kinder uns nach Kräften wehrten. Ich spielte zwar mit meiner jüngeren Schwester und gelegentlich mit den Nachbarkindern, doch lebte ich zumeist in meiner eigenen Fantasie. Die schwoll aber dermaßen an, dass es zu einer Heidenarbeit wurde, meine Innen- mit der Außenwelt der Gleichaltrigen zu akkordieren. Das gelang zwar irgendwann, doch lebte ich dadurch in sehr verschiedenen Welten, heute würde man sagen: Identitäten, weiter. Mühsam war das, aber auch ergiebig. Ich teilte meine Zeit zwischen den Lausbübereien nach der Schule und meinen einsamen Streifzügen in die Au auf.

Emmersdorf war Mitte der 70er-Jahre noch ein Platz mediterraner Umtriebigkeit. Nahezu will mir mein Gedächtnis die Einbildung aufschwatzen, über die Hauptstraße seien Wäscheleinen gespannt gewesen, doch dazu war sie doch zu breit. Das Leben spielte sich, da das Fernsehprogramm erst am frühen Abend begann und nicht jeder Haushalt ein TV-Gerät besaß, wirklich auf der Straße ab. Der Ort war schäbig und lebendig, mit allen Vor- und Nachteilen, fröhlicher Geselligkeit und widerlichem Ausrichten von Außenseitern. Welch Kontrast zur leeren Antisepsis des Touristenortes von heute. Und bevor es das Freibad in Melk gab, picknickte der gesamte Ort im Sommer auf den riesigen Schotterbänken. Kaum ein Plätzchen, das nicht von halbnackten Emmersdorfern belegt war.  

Die ganz Nackten badeten auf einem langgezogenen Austrand zwischen Schönbühel und Aggsbach Dorf, der allgemein unter dem Namen „Insel“ bekannt war. Vor allem das aufgeschlossene Stadtbürgertum, das auf die katholischen Landplebejer runtersah, kam sich dort befreit vor. Auf der Waldviertler Seite in den Auen bei Grimsing wurde gleichfalls nackt gebadet. Das war das Revier meines Vaters, des Königs aller Nudisten.

In eigenartigem Widerspruch zum doch entsexualisierten Ethos des Nudistentums stand die Gier, mit der er Frauenkörper taxierte und stundenlang auf der Grimsinger Ufermole mit dem Marinefeldstecher seines Vaters nach Nymphen vom gegenüberliegenden Ufer Ausschau hielt. Den wissenschaftlichen Beweis für seinen Voyeurismus lieferten ethologische Experimente, die ich zum Gaudium meiner Mutter mit ihm durchführte. Das hatte er sich, ein Verehrer von Konrad Lorenz und Irenäus Eibl-Eibelsfeldt, selbst zuzuschreiben, denn von ihm hatte ich das Interesse für die Verhaltensforschung übernommen. Nichts hasste mein Vater mehr als Fernsehwerbungen, zu Recht verfluchte er sie als Verdummung der Massen und hielt sich bei Werbepausen Augen und Ohren zu. Wäre da nicht die junge Fa gewesen. Kaum tauchten nackte Frauen in Seifenwerbungen auf, wuchsen seine Augen wie in der Trickfilmanimation der Mattscheibe entgegen. Mein Experiment bestand nun darin, mich immer dann, wenn die schöne, junge Fa den Fluten entstieg, vor das Fernsehgerät zu stellen, und meine wissenschaftliche Ausgangshypothese bestätigte sich zu hundert Prozent, denn mein Vater reagierte stets gleich, mit unkontrollierbaren Tobsuchtsanfällen, und fuhr mich an, ich solle mich doch zur Seite scheren. Meine Mutter, sie saß meistens hinter ihm am Bügeltisch, konnte sich dann nicht halten vor Lachen, und ich vollführte dieses Experiment auch ihr zuliebe, denn sie hatte wenig zu lachen. Mutter war eine interessante Mischung aus Opfer und Täter. Am Anfang ihrer Ehe hatte sie, eine schamhafte Bauerntochter, Vaters nudistische Neigungen widerwillig mit ihm geteilt. Doch seitdem sie von Bauern, welche die Äcker neben dem Augürtel bestellten, erkannt worden war, sonnte sie sich nur noch im Bikini.

Dies wiederum ärgerte meinen Vater. Sehr oft erzählte sie die Geschichte – sie redete eigentlich immer schlecht über ihn, nicht immer zu Recht –, dass er ihr den Bikini versteckte, oder, als sie sich weigerte, diesen abzulegen, aus Protest zur Insel rüberschwamm, wo sich seinem Auge das Gewünschte in Übermaß bot. Für die Frauen von der Insel hatte meine Mutter nur eine Bezeichnung: Huren. Hätte ich mich nicht selber weitergebildet, würde ich heute wohl noch glauben, Huren sei die Bezeichnung für unbekleidete Frauen.

Gerüche und Bilder kehren zurück. Dort bei Grimsing gingen manchmal Motorboote vor Anker, ihnen entstiegen nackte Landakademiker. Sie begrüßten meinen Vater mit Herr Doktor. Ich kann mich an eine sehr schöne dunkelhaarige Frau in Begleitung irgendeines Ingenieurs oder Notars oder Primars und einiger Freunde erinnern. Sie störten mein Idyll, und schüchtern wie ich war, hielt ich mich fern von ihnen, während mein Vater sich durch ihre Wertschätzung geehrt fühlte. Die Eindringlinge klappten Sessel und einen Tisch auf und luden ihn zu Tee ein. Die steife Höflichkeit ihres Gesprächs in Kontrast zu ihren nackten Leibern war sehr komisch. Mein Vater sprach von der anwesenden Dame als der Frau Gemahlin, und ich bin mir sicher, dass er ihr viel auffälliger als ich auf ihren Busen starrte, der doch ein – ich habe ihn wieder deutlich vor mir – außergewöhnlich schöner Busen war. Schiffe fuhren vorbei, das Motorboot schaukelte sachte auf den Wellen. Dieselgestank verdeckte den üblichen Schlammgeruch. Das Sonnenlicht auf den kleinen Wellen ließ Lichtbänder an den Weidenstämmen tanzen. Ich erinnere mich wieder: An diesem Nachmittag landete nicht nur dieses riesige Motorboot, sondern auch ein rotes Spielzeugschiff an unserem Strand. Es wurden immer wieder Spielzeug und Flaschen der ersten Plastikgeneration angespült. Dort wo sich die Weiden zu Kronen verzweigten, hatten sich während des Hochwassers riesige Nester aus Treibgut verfangen, Zweige, Stämme, Umweltmüll. Sie glichen den Reisigplattformen, auf denen die Prärieindianer ihre Toten bestatteten, die vielen teils ausgebleichten Plastikfetzen aber glichen den bunten Bändern, wie sie Orthodoxe und Buddhisten vom Balkan bis China in die Bäume binden.

Ich konnte kaum abwarten, dass die Eindringlinge wieder ihr Boot bestiegen und wegfuhren. Obwohl ich diese schöne Frau mit großer Neugierde und einem mir unerklärlichen Gefühl der Sehnsucht betrachtete.

War mein Vater ausnahmsweise angezogen, dann sehr nachlässig und schäbig – dieser ebenso bizarre wie interessante Mensch passte mit seinem Neuheidentum, seiner enzyklopädischen Bildung, seiner sozialen Ungeschicklichkeit und der recht offensiven Nacktheit keineswegs in das Bild, das sich seine Kunden, die katholischen Bauern der Jauerlinggegend, von einem Tierarzt machten – und dass er sie regelmäßig wegen Umweltverschmutzung anzeigte, war ebenfalls keine besonders vertrauensbildende Maßnahme. Sie wandten sich allesamt an seine Konkurrenten. Er war als Loser und Sonderling gebrandmarkt, und wir, obwohl objektiv der Schicht des Kleinbürgertums angehörend, waren mitunter ärmer als die Arbeiter- und Bauernkinder, mit denen wir zur Schule gingen. Meine Mutter litt sehr unter diesem Leben, und sie tat alles dafür, uns mitleiden zu lassen. Ständig fürchteten wir uns vor der Pfändung, die sie zu beschwören pflegte. Einige Familien des Orts waren wirklich delogiert worden. Viel Geld gab es nicht, aber wir kamen über die Runden. Dafür gab es viel Ehre. Mein Vater taufte die Abschnitte der Altarme in den Auen nach seinen Kindern. Es gab eine Richard-Lacke, einen Helenen-See, vermutlich auch Gerhard- und Oswald-Lacken, und meine jüngere Schwester Dagmar erhielt nicht nur das Privileg eines eigenen Sees, sondern auch eine Insel war nach ihr benannt, eine kleine entzückende Schlammbank inmitten des Helenen-Sees. Was verlebten wir für Sommer am Fluss. Sommer so prall wie die stinkenden Fischleiber, die die Donau anspülte.

Nirgends war die Selbstmordrate unter Bäuerinnen größer als in unserer Gegend. Meine Mutter gehörte zur ersten Generation von Frauen ihrer Schicht, welchen Magazine und Filme ein besseres Leben versprachen. Anders als bei deren Müttern, welche nichts kannten als die tausende Jahre währende Selbstgenügsamkeit bäuerlicher Kargheit und für die ein zufriedenes Leben ein gottgefälliges ohne Ernteausfälle, marodierende Truppen, Epidemien und prügelnde Gatten bedeutete, führte bei dieser neuen Generation der Zwiespalt zwischen Arbeitstier und kulturindustriellem Glamour zu schweren Depressionen. Viele erhängten sich, andere jagten sich den Bolzen eines Schlachtschussapparats durch den Kopf, wieder andere, wie eine von Mamas Schulfreundinnen namens Ida, gingen in die Donau. In Emmersdorf hatte sie sich ertränkt, bei Krems barg man ihre Leiche. Dieser Freitod legte sich wie ein dunkler Schleier über unsere Familie, denn meine Mutter ließ in ihrer Verzweiflung keine Gelegenheit aus, ihren eigenen Selbstmord anzudrohen. Wann immer ich nachts Schritte hörte, lief ich zum Fenster, aus Angst, sie würde sich zur Donau aufmachen.

Die Schiffe gefielen mir besonders. Am meisten die bereits erwähnten alten Raddampfer. Die neueren Passagierschiffstypen wie die Wachau oder die Austria hingegen fand ich nicht so schön. Umso mehr begeisterten mich die Kohleschlepper und Schubverbände, besonders jene aus Ländern, von denen man zur Zeit meiner Kindheit wenig erfuhr. Ein Spiel meines Vaters und mir bestand darin, anhand des Schiffnamens die Herkunftsnationen zu erraten. Die vom Rauch oft verschmutzte Fahne am Heck verriet die Lösung. Ich erinnere mich genau, dass ich einmal – fünf, sechs muss ich gewesen sein – der Besatzung eines sowjetischen Schiffs zuwinkte, diese winkte freudig zurück. Mein Vater, russophil, aber kommunistenfeindlich, verbat mir diese Freundlichkeit. Ich fragte ihn nach dem Grund. Er versetzte mir, dass meine Geste als politische Zustimmung aufgefasst werden könnte. Ich weiß nicht mehr, ob ich Stolz oder Erstaunen oder beides empfand, dass er mir kleinem Knirps solch eine systemverräterische Funktion zutraute, zumal ich von der Sowjetunion nicht mehr kannte als Breschnews Augenbrauen und die antikommunistische Propaganda in den Auen, in denen ich mich herumtrieb, nichts zählte.

Auch ich befuhr die Donau, mit dem denkbar besten Bootstyp, der je erfunden wurde. Den zirkumpolaren Inuit verdanken wir den Kajak. Ich habe zwar bis jetzt verabsäumt, die sogenannte Eskimorolle zu erlernen, eine Technik, um ein gekentertes Boot wieder aufzurichten, doch man muss sehr ungeschickt sein, um auf einem behäbigen Fluss wie der Donau zu kentern. Der einzige Ort, wo einem das leicht passieren kann, sind die trügerischen Gewässer hinter den Felsen Kuh und Kalb, die mitten aus der Donauenge bei Schönbühel ragen. Gerät das Boot mit dem Bug in den Strömungsschatten hinter den Inseln und bleibt mit dem Heck im äußerst schnellen Fluss, so kann es leicht passieren, dass es herumgewirbelt wird. Mein älterer Bruder verlor dort ein Kanu und manch ein Ruderer sein Leben.

Dieser Bruder brachte mir das Kajakfahren bei, und zwar mit einer sehr zweifelhaften Methode, die jedoch seiner Lebensphilosophie entsprach, welche sich mit dem Spruch umreißen lässt: Nur die Harten kommen durch. Ich war elf oder zwölf, als er mir die erste Unterrichtsstunde gab. Und die war brutal und gefährlich. Der Wasserstand der Donau war hoch, die Strömung stärker als sonst, es war ein kalter Frühlings- oder Herbsttag. Kaum hatte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben ins Boot gesetzt, stieß mein Bruder mich mit einem heftigen Ruck weit in die Strömung hinaus. Sein pädagogisches Konzept ließ keine Zweifel offen: Lerne paddeln oder verrecke! Der Fluss hatte mich einen halben Kilometer abgetrieben, ehe ich meine Panik in den Griff bekam, die das Boot bedrohlich schaukeln ließ. Mit dem Mut der Verzweiflung kämpfte ich gegen den Strom an. So lernte ich Kajakfahren, und meines Bruders darwinistische Lektion hatte noch einen weiteren Effekt, denn als ich da – only the fittest survive – unter Tränen um mein Leben paddelte, schwor ich mir, ihn, sollte ich das Abenteuer überstehen, auf der Stelle umzubringen. Dieses folgerichtige Vorhaben vereitelte aber die Eitelkeit des Siegers. Und so bekam ich eine weitere, sozialpsychologische Lektion erteilt, die viel zum Verständnis autoritärer Systeme beitragen könnte. Heldenhaft überlebt, korrumpierte mich der Stolz über meine Bewährung und die Bestätigung, die ich dadurch – vor allem von meinem potenziellen Mörder – erfuhr. So machte ich mich zum Komplizen seines testosteronverseuchten Vitalismus. – Brudermord aufgeschoben. Er verdankt mir sein Leben.

Ich war bisweilen ein trauriges Kind. Die feindselige Stimmung zuhause (ein wichtiger Grund, in der Au um Asyl anzusuchen) sowie ein permanentes Gefühl des Missverstandenwerdens (meine überbordende Fantasie ließ sich schwer in die karge Sprache meiner Umgebung übersetzen) ließen sehr früh ein böses Gemisch aus Trotz und Verächtlichkeit in mir gären, das sich bald in ein Faible für alles Bizarre, Unheimliche, Widersinnige ergoss. Und in dämonische Allmachtsfantasien. In Düsterkeit und Dämmerung fühlte ich mich besonders wohl. Wenn Stürme und Gewitter aufzogen, und wenn der Himmel schwarz verhangen war, der Wind die Weiden tanzen ließ, neckische Muster in die Felder malte und die Menschen in ihre Heimstätten flüchteten, zog es mich hinaus an den Fluss, selbstgerecht in verschwörerischem Einklang mit dem wüsten Tanz der Elemente gab ich mich dann dem Rausch des Chaos hin, von dem sich meine Seele verstanden fühlte. So schmarotzte ich an der Allmacht der Natur über die Menschen mit, und brütete finstere Misanthropie aus, die mit meiner Menschenliebe fortan im Streit lag. Und dass die erstere sich aus enttäuschtem Altruismus nährte und letztere heuchlerische Spuren des Menschenhasses in sich trug, diese Dialektik machte es mir auch nicht leicht. Immerhin, andere fusionieren ihre Ohnmacht mit der eingebildeten Macht faschistischer Führer oder terroristischer Organisationen. Ich regnete und schneite meine Vergeltungsbedürfnisse mit dem Sommer- und dem Schneesturm aus. Ich war eben meines Vaters Sohn. Wann immer es ihm daheim zu viel wurde, rannte er in die Au. Ich hielt es nicht anders. Manchmal trafen wir einander dort, und gingen gemeinsam heim.

Meine Schultern wurden allmählich kräftiger, die Last größer. In unzähligen inneren Monologen, Selbstrechtfertigungen und kühnen Plänen erging ich mich bei meinen Spaziergängen entlang der Donau.

Mit etwa 14 war ich sogar Pyromane. Oberhalb der Ufersteine wuchsen üppige Grasbüschel. Im Herbst waren sie vertrocknet und mitunter in ausreichend weitem Abstand zueinander, sodass ein kleines Feuer wohl nicht übergreifen würde. Das Betrachten der züngelnden Flammen bereitete mir große Lust. Ich war Herr der Elemente. War es die Freude an der Zerstörung oder der ästhetische Genuss – ich weiß es nicht mehr genau, irgendwann geriet das Feuer außer Kontrolle und breitete sich über die gesamte Böschung aus. Ich rannte davon, und wanderte – um meine Spuren zu verwischen – in weitem Bogen über die Äcker zwischen Gossam und Hofamt nachhause. Das schlechte Gewissen hatte mich in seinem eisernen Griff, weniger wegen des wirtschaftlichen Schadens, den ich angerichtet haben mochte, sondern wegen der Kleintiere, die verbrannt sein könnten. Von meinem Zimmerfenster aus sah ich dann die Folgen meiner Tat in Form einer großen Rauchsäule neben der Au. Feuerwehrsirenen signalisierten mir, dass ich ein Verbrecher, aber auch, dass die Au gerettet war. Und siehe da – ich kleiner Teufel –, meine Angst und mein schlechtes Gewissen verwandelten sich wieder mal in Größenfantasien und mich zum bösen Meister über das Schicksal, so als wäre das Ausmaß der von mir verursachten Zerstörung Wille und Plan gewesen. Einige Jahre später erfuhr ich, dass einem meiner Vorbilder, Henry David Thoreau, Ähnliches passiert war. Er, der Freund der Bäume und Feind ihrer Roder, hatte versehentlich den Wald angezündet, und wurde ausgerechnet von jenen kritisiert, vor denen er ihn schützen wollte.

Zu dieser Zeit hatte ich Nietzsche zu lesen begonnen. Mit meinem besten Freund spazierte ich in den Mittagspausen – ich besuchte mittlerweile das Stiftsgymnasium Melk – durch die Melker Au zur Schiffsanlegestelle. Dort diskutierten wir des Langen und des Breiten, erzählten uns von unserer jeweiligen Lektüre, und begeisterten uns für Amoral und das Böse und alles, was von der wohlgeordneten katholischen Kleinbürgergesellschaft verachtet und gefürchtet wurde. Wir überlegten, zum Islam zu konvertieren, rezipierten den Buddhismus und verachteten die Demokratie. Ich tendierte zum Stalinismus, mein Freund eher zum italienischen Faschismus, den Nationalsozialismus fanden wir verächtlich, schon allein weil er eine deutsch-österreichische Ideologie war. Schließlich rauchten wir auch amerikanische Zigaretten, österreichische fanden wir zum Kotzen. Und für das Verbrechen in allen seinen Facetten begeisterten wir uns, das Verbrechen als ästhetischen Akt. Mein Freund hatte sich bereits eine Pistole zugelegt, und wir planten den Überfall auf eine Sparkassenfiliale im südlichen Waldviertel. Es war uns sehr ernst damit. Glücklicherweise fand der Vater meines Freundes die Pistole, und unser Plan wurde vereitelt. Für alle, welche die Moral überwinden wollen und bei der Ethik noch nicht angekommen sind, ist solch eine böse Phase eine fruchtbare Kinderkrankheit, und je früher sie ausbricht, umso besser. Wir landeten zielsicher bei Rimbaud, den Dadaisten und Surrealisten. Der politische Anarchismus und der Marxismus holten uns wieder zu altruistischen Idealen zurück. Und die Donau floss unbeeindruckt an uns vorüber.

Meine Helden waren die unverstandenen Method-Acting-Trotzköpfchen der 1950er-Filme, James Dean, Paul Newman, Marlon Brando, Richard Burton oder Montgomery Clift. Als solcher fühlte ich mich bei meinen stundenlangen Spaziergängen an der Donau, wo ich Selbstmitleid und Größenfantasien ausbalancierte. Der Wald war auch moderner geworden. Ich las die amerikanischen Klassiker des 20. Jahrhunderts, das Schwelgerische war dem Knappen gewichen.

Mit vierzehn war ich unsterblich in die junge Elizabeth Taylor verliebt und identifizierte mich mit dem gebrochenen Charakter mit dem gebrochenen Bein in der Katze auf dem heißen Blechdach. Paul Newman als Brick. Er war Trinker, sarkastisch und hinkte. Schon Jahre zuvor hatte ich das Hinken meines Helden Captain Ross Poldark aus der gleichnamigen englischen Serie imitiert, die Folge einer Schussverletzung aus dem Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Später las ich, dass Lord Byron hinkte. Hinken und Schwindsucht waren die Modedefekte des 19. Jahrhunderts gewesen. Unkontrollierte Hustenanfälle fand ich äußerst kleidsam. Nachdem ich Die Katze auf dem heißen Blechdach gesehen hatte, lieh ich mir bereits am nächsten Nachmittag in der Melker Stadtbibliothek die gesammelten Dramen von Tennessee Williams aus. Und verschlang sie zur fiebrig-erotischen Stimmung von Südstaatennachmittagen. Genau erinnere ich mich des Film-noir-Schattens, den die Sonne durch die Jalousien auf die Wand meines Zimmers warf. Bei den dramatischsten Szenen von Endstation Sehnsucht brach dann ein Sturm los, und die sich im Wind wiegenden Pappeln und Weiden verwandelten sich in die Bäume einer Südstaatenplantage, über der sich Unheil zusammenbraute.

Ich war ununterbrochen verliebt. In die eine wie die andere. Wichtig für die Dramaturgie meiner Sehnsucht war, dass die begehrten Mädchen von der anderen Seite des Flusses kamen. Einige Zeit vor meinem Wechsel zur literarischen Moderne hatte ich die schwarzen Romantiker gelesen, vor allem Edgar Allan Poe. Neben den grausigen und unheimlichen Shortstorys gefielen mir seine Gedichte und Liebesgeschichten. Vor allem die Ballade Annabell Lee rührte mich. Als frühpubertärer Decadent schlüpfte ich in Gummistiefel, die als Ersatz für verwegene Reiterstiefel herhalten mussten, band mir einen bunten exotischen Schal um den Hals und spazierte mit einem geschwungenen weißen Holzstock, den die Donau geschält und angespült hatte, in die Dämmerung. Auf den Steinen des Donauufers saß ich dann und schmachtete mal nach Schönbühel, mal nach Melk, mal nach Pöchlarn rüber. In Melk begegneten ich den Objekten meiner Sehnsucht am Schulgang, viel zu schüchtern war ich aber, sie anzusprechen geschweige denn, meine Gefühle zu bekennen. Als aktiv Liebender mag ich ein Spätzünder gewesen sein, als Verliebter war ich in Volksschulzeiten schon ein durchgesottener Profi. Dass meine Wünsche unerfüllt blieben, hatte vielleicht auch sein Gutes. Zweierkisten in der Provinz hätten mich gezähmt, richtig los ging es bei mir erst in Wien, und dort erst lernte ich Frauen kennen, von denen ich mir einbildete, mich mit ihnen gegen die Welt verschwören zu können. Das Interessante daran: Die meisten meiner Freundinnen und Affären waren an der Donau aufgewachsen, und wenn sie nicht unmittelbar von dort stammten, so waren doch ihre Familien mit ihnen irgendwann dorthin gezogen. Und zwar ganz gleich, aus welcher Nation – Deutschland, Österreich, Ungarn oder Serbien. Als ich einmal in eine Frau aus Belgrad verliebt war und ich an einem Wochenende meinen Heimatort besuchte, fuhr prompt ein Schubschiff, das ihren Namen trug, an mir vorüber, und eine halbe Stunde später begegnete mir ein Eisvogel. Eisvögel sind nicht nur meine Lieblings-, sondern Glücksvögel. Wann immer ich einen sehe, eine große Seltenheit, bringt es mir Glück oder macht mich zumindest glücklich.

Schön ist die Einbildung, dass es eine eigene nationenunabhängige Donaurasse gäbe. Oder die Einbildung, im Geruch all dieser Frauen das Bouquet des Donauschlamms wiederzuriechen. Und das meine ich durchaus als Kompliment, denn der Donauschlamm, in dem ich als Kind so gerne suhlte, ist einer der prägenden Düfte. Überall fühle ich mich zuhause, wo er die Luft sättigt, nur im März und April vermischt er sich mit dem würzigen Odeur des Bärlauchs. Und kein Wunder, dass ich in Wien seit dreißig Jahren zwischen Donaukanal und Augarten lebe, einer Residue der alten Wiener Auen, einst Jagdgebiet des Adels, später von Josef II. für die Bürger Wiens zugänglich gemacht.

Man braucht wohl nicht zu sagen, dass der fiebrige Dschungel vollgesogen ist mit paganer Erotik. Und wer im Donau-Oder-Kanal, jenem von den Nazis begonnenen, und von der Natur eroberten türkisgrünen Märchenwasser mitten in der Lobau, noch nie im Glitzern des Sonnenlichts, zwischen duftenden Seerosen, von Libellen umschwirrt, sanft auf einen treibenden Baumstamm gestützt gefickt hat, weiß nicht, was Glück bedeutet. Einmal vereinte ich mich mit einer Freundin am Ufer eines Altarmes, am sogenannten Toten Grund, einem beliebten Treffpunkt der Wiener Schwulen, dessen irreleitender Name davon ablenken soll, dass es sich dabei um den lebendigsten Abschnitt der Donauinsel, ein Überbleibsel der alten Auen, handelt. Dort trieben wir es also, und bemerkten erst danach, dass am gegenüberliegenden Ufer ein Radfahrer Halt gemacht hatte und masturbierte. Niemanden ist zu verdenken, Spanner zu hassen. Wir indes hassten ihn gar nicht. Auch machte uns seine Zeugenschaft nicht an. Unausgesprochen war zwischen mir und ihr, dass wir ihm diese Brosamen, die von unserer Lust der seinen zugefallen waren, von Herzen gönnten. Wenn das nicht interesselose Menschenfreundlichkeit ist. Wir hatten an diesem Tag beide nicht geahnt, dass es uns überkommen würde, und es überkam uns, und dieses unerwartete Fest hatte eben einen unerwarteten Zeugen gefunden. Ich und sie, wir wurden kein Paar, aber wir wussten stets, was uns verband.

Der Fluss ist weiblich. Diese mythologische Allegorie ist universell. Im letzten Jahr der Mittelschule und im ersten Jahr des Ethnologiestudiums bäumten sich meine dekadenten Spinnereien ein letztes Mal kraftvoll auf, ein letztes surrealistisches Spiel mit der Realität, bevor der nüchterne Ernst der Sachlichkeit begann. Bevor ich mich also endgültig für die nackte, kühle Rationalität der Aufklärung entschied, erlebte ich noch einmal mein magisches Woodstock, den letzten Sommer der Anarchie. Ich experimentierte mit mittelalterlichen Hexendrogen, studierte sibirischen Schamanismus, machte Pippi Langstrumpf zu meiner Heldin, verwarf Marx zugunsten von Kropotkin, und studierte alle möglichen Mythologien. Nie mehr kam die Donau bei mir zu solchen Ehren: Sie war zur Göttin aufgestiegen. Und ich stieg – so oft sich die Gelegenheit bot – in ihren Schoß. Geschwommen in ihr war ich, seit ich schwimmen kann. Und ich vermisse diese Schwimmer im satten Frühabendlicht, mit einigen kräftigen Zügen unter der Donaubrücke in den Fluss hinaus, und dann sich treiben lassen, während die Wälder zu beiden Seiten vorüberziehen.

Man braucht keine Angst vor der Donau zu haben. Sie tut einem nichts. Unfug die Geschichten von den Strudeln. Im Staubecken in der Nähe der Mauer zu schwimmen, das ist gefährlich. Gefährlich können auch Motorboote und schnelle Passagierschiffe werden, aber dafür kann man nicht den Fluss beschuldigen.

Jedes Jahr schwamm ich einige Male über die Donau. Am wenigsten treibt man ab, wenn man etwa hundertfünfunddreißig Grad gegen den Strom übersetzt; das ist anstrengend, aber bei uns, wo er die beachtliche Breite von dreihundertfünfzig Meter erreicht, kann man mit dieser Methode je nach Kraftaufwand und Strömung nach einem halben Kilometer am anderen Ufer anlangen. Ich stieg bei der Emmersdorfer Bootsanlegestelle oder weiter in Richtung Luberegg ein, und erreichte stets die Pielachmündung, knapp neben der Brücke. Unangenehm war bloß, auf der Steinbrüstung so weit flussaufwärts stapfen zu müssen, dass man beim Zurückschwimmen auf der Höhe von Schallemmersdorf Land erreichte.

Die Angst vor dem Fluss rührt von seiner elementaren Strömungsgewalt und Undurchsichtigkeit her. Viele trauen sich nicht in trübes Wasser. Sie würden lieber in klarer Säure baden als in sauberem, aber unklarem Wasser. Diese Angst rationalisieren sie oft mit hygienischen Argumenten. Doch ob ein Gewässer klar ist oder trüb, grau oder türkis, sagt nichts über seine Qualität aus, sondern bloß über die Beschaffenheit des Untergrundes und den Gehalt an darin gelösten Sedimentpartikelchen. Der bereits erwähnte Donau-Oder-Kanal ist so klar und grün wie ein Bergsee wegen seines schottrigen Grundes. In der Regel aber sind Auseen und Altarme braun. Einen Altarm schwimmend zu erforschen ist ein spannendes Erlebnis, denn die Vögel und Wildtiere lassen einen näher heran als Menschen, die sich ihnen von Land her nähern. Von einem auf dem Wasser treibenden Kopf scheint keine nennenswerte Gefahr auszugehen. Und so treibt so ein Kopf vorbei an abgestorbenen Bäumen, deren Äste bizarr aus dem Wasser ragen und Graureihern und Eisvögeln Aussichtsstationen gewähren. Und was für Belohnung solch einer Schwimmtour, wenn langsam und elegant der Reiher aufliegt oder der Eisvogel, dieser fliegende Edelstein, in Augenhöhe an einem vorbeiflitzt, mit einem Ruf, den mein Vater mit dem Geräusch eines über die Eisdecke schlitternden Kiesels verglich. Man denkt am besten gar nicht darüber nach, wie oft dabei ein meterlanger Wels oder ein Hecht sich einem bis auf Bissnähe genähert haben mag. Dass die dann doch nie von ihrem Recht, den Eindringling zu attackieren, Gebrauch machten, zeugt einmal mehr von der wunderbar trägen Gleichgültigkeit der Natur.

Die jeweilige Färbung des Gewässers hängt auch von den Lichtverhältnissen ab. Im Herbst bekommt die Donau mitunter ein frisches Grün und gewährt erstaunliche Tiefensicht, was an die Alpenflüsse erinnert, von denen sie gespeist wird.

Säue nannte meine Mutter Menschen, die in solch einem Dreckwasser wie der Donau badeten. Damit meinte sie – wie könnte es anders sein – meinen Vater, und beinahe alles, was er tat, qualifizierte ihn ihren Augen zur Sau. Ich schloss mit mir den Kompromiss, dass die Wasserqualität bei uns gerade noch passabel sei, ich aber nie und nimmer östlich der Wachau in ihr schwimmen würde. Man muss bedenken, dass es damals noch kaum Kanalisationen gab, wobei die Fäkalien für Fluss und Wasserqualität das geringste Problem waren. Als ich später wie die meisten Bewohner Novi Sads mit großer Wonne in dem nicht besonders wohlriechenden Wasser des Flusses am Stadtstrand gegenüber der Festung Petrovaradin badete, und Kenntnis davon nahm, dass es die Menschen bis zum Delta hin mit der gleichen Bedenkenlosigkeit taten, sprang ich fortan auch bei der Wiener Donauinsel in den Fluss. Die Wasserqualität ist vorzüglich. Nur keine Angst. Angst ist die Quelle so vieler Übel.

Mitten im großen Strom treiben, sich mit dieser kühlen Göttin vermählen. Sie könnte dich zermalmen und doch hält sie dich behutsam, schützend auf ihrer Handfläche und freut sich über deine Freude an ihr.

Ich habe es mir zum Grundsatz gemacht, gegen jeden Strom von Dummheit und Ungerechtigkeit anzuschwimmen. Vitalität ist nicht die Gymnastik des falschen Lebens, sondern stolzer Widerstand gegen dieses, ist aber auch Anschwimmen gegen all die kleinen sozialen Vorteile, gegen das schnelle Verstanden- und Bestätigtwerden, mit dem die Stromlinienförmigkeit des falschen Lebens lockt, und selbst wenn dieser Kampf dich zum einsamsten Narren der Welt macht und alle deine Sehnen zerreißt – lieber ertrinken als nur einen Millimeter mitschwimmen. Und nachdem den ganzen Tag ich dieser Molasse des Bösen und Dummen brav widerstanden habe, darf ich mich zur Kur am Abend in die Donau schmeißen und all den Dreck aus eitlem Buckeln und Mitmachen und Renommieren, mit dem sich auch der, der ihm widersteht, beschmutzt, mit ihren reinen Wassern von mir spülen und meine von den Menschen geleugneten, ungesehenen und unverstandenen Heldentaten ihr verraten, und sie wird mich verstehen und mit ihren Streicheleinheiten meinen ewig jungen Körper belohnen.

Schon lange bin ich nicht rausgeschwommen in die Mitte des Flusses. Auch dieses Jahr haben mich Ehrgeiz und Ausreden daran gehindert. Doch der nächste Sommer kommt bestimmt. Dann werde ich dorthin fahren, wo ich aufwuchs, und auch meinen Frieden schließen mit den Unbilden meiner Kindheit und Jugend, und erneuern werde ich mich. Bei Luberegg will ich wie früher in meinen Ganges, Mississippi, Orinoko, in meine Wolga springen, dort wo Fluss und Land breiter sind als sonst, und ich werde mich in ihre kühlende Obhut begeben, und vor den Wäldern und Hügeln respektvoll auf die Stirn tippen, und mit den Auen werden meine Erinnerungen an mir vorübergleiten; und dort am Damm zwischen Donau und der Richard-Lacke bei Schallemmersdorf werde ich meinen Vater stehen sehen, aufrecht, nackt und sonnengegerbt wie jener Buschmann-Jäger auf dem Cover eines der ethnologischen Bücher, die er besaß, und ich werde wie damals die Spannung der Leiden gewahren, die sich in sein Gesicht gegraben haben; doch dann, wie immer, wenn er eines von uns Kindern wiedersah, werden seine Augen fröhlich lachen und sein Mund dazu; und einen Kilometer stromabwärts bei Grimsing wird Mama auf einer rosa-himmelblau karierten Fleecedecke sitzen und Äpfel für ihre Kleinen speiteln, und sie wird mir lächelnd zuwinken, und dann werde ich weitertreiben bis ans Ende jenes Flusses der Freuden und der Schmerzen, der für uns alle im Nichts mündet. Hängt nicht zu sehr an der Vergangenheit, träumt nicht zu sehr von der Zukunft, lebt nicht zum Tode hin, aber tut nicht, als wäret ihr nicht vergänglich. Nur wer das System der Altarme kennt, weiß diesem Strom für selige Weilchen auszuweichen, ehe die Reise weitergehen muss.

Ich bereue, dass ich manchen Menschen meine Zuneigung zu wenig gezeigt habe. Das soll sich ändern. In Hinkunft werde ich ihnen sagen: Ich liebe dich wie die Donau.

 

Dieser Text erschien 2018 in der von Wolfgang Kühn in der Literaturedition Niederösterreich herausgegeben Anthologie Meine Donau.

 

 

 

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