Bus nach Bingöl

Posted by richard Category: Uncategorized

 

Exposé

 

«Bus nach Bingöl» – Roman und gesellschaftliches Miniatur-Porträt der heutigen Türkei in zwei Teilen (die Handlung spielt im Jahr 2008, also vor der Totalitarisierung der AKP-Regierung). Der erste Teil lässt einige Charaktere in einem Überlandbus von Istanbul nach Bingöl in Ostanatolien aufeinandertreffen. Hauptprotagonist ist Ahmet Arslan, ein einst politisch verfolgter, in Wien lebender kurdischer Politologe, der nach Aufhebung des Einreiseverbots sein Heimatdorf in Dersim besuchen will. Weitere Mitreisende sind Meltem, eine junge Frau vom Land, die in Istanbul eine Abtreibung vornehmen ließ, der deutsche Reiseschriftsteller und -journalist Alfred Horn, der sich irgendwo in den Bergen im Niemandsland eine Kugel in den Kopf schießen will, Ali, ein junger Rekrut, der seiner Einberufung nach Diyarbakır zu seinem ersten Militäreinsatz Folge leistet, Hatice, eine neokonservative Frau in mittleren Jahren, und Dilek, ein selbstbewusste Unternehmerin, deren Auto in Reparatur ist und die zur Geburtstagsfeier ihres Onkels, eines feudalen Großgrundbesitzers im Osten, ausnahmsweise mit dem Bus anreist. Und es reist im Laderaum des Busses auch der Leichnam einer toten Frau mit, welche in ihrem Heimatdort beerdigt werden soll.

Die Schicksale dieser Menschen überschneiden sich zuweilen; Reflexionen, innere Monologe, Gespräche begleiten diese Busreise im Frühling 2008. Ahmets Geschichte ist der Hauptstrang, die der anderen sind Nebenstränge.

Ahmet Arslan, der während der Militärdiktatur im Widerstand war, inhaftiert und gefoltert wurde, kommt mit dem jungen Rekruten ins Gespräch. Dieser spricht voller Verachtung von den kurdischen Terroristen, die er nun töten wolle. Ahmet muss seine Aggressionen gegenüber dem Jungen unterdrücken, viele schmerzhafte Erinnerungen kehren zurück. Alfred, der deutsche Starpublizist, hat seine Frau, eine wohlhabende Juristin aus Istanbul, verlassen und sich ohne Gepäck, bloß mit einer Pistole, in den Osten aufgemacht. Bereits in den Toiletten der jeweiligen Stationen will er sich das Leben nehmen. Seine Zögerlichkeit und diverse Störungen, die sein Vorhaben vereiteln, verleihen der Handlung einen bisweilen komischen Drall. Dennoch ist er fest entschlossen. In seiner Lebensbilanz geht er hart mit sich ins Gericht: Sein ganzer Erfolg sei auf Lügen gegründet, stets habe er das Bedürfnis des halbgebildeten Publikums nach kulinarisch aufgemotzten Gemälden des Fremden, Exotischen befriedigt, selbst seine Sozial- und Politreportagen habe er mit üppigen Prisen Kultur gewürzt. In einer schonungslosen Selbstdemontage analysiert Alfred den Widerspruch zwischen sozialer Realität und ihrer publizistischen Zurichtung.

Hatice, eine heuchlerische Konservative, sucht die Gesellschaft der blassen, verstörten Meltem. Sofort ahnt sie, was diese in Istanbul getrieben hat. Und sofort nützt sie diese Ahnung erpresserisch aus, das Mädchen mit dem eigenen neoreligiösen Weltbild zu malträtieren, und droht ihr zudem mit Anzeige. Ihre Moralpredigten geraten aber zu einer Lebensbeichte, infolge welcher sie die Biografie einer vielfach ausgebeuteten und gedemütigten Frau offenlegt, die nun in Werten, wie sie zum Beispiel von der neuen Regierung propagiert werden, Halt und Selbstermächtigung findet. Das Machtgefälle zwischen der jungen und der älteren Frau kehrt sich alsbald um. Meltem geht gestärkt hervor, Hatice steht vor den Trümmern eines geraubten Lebens.

Dilek, die chice Powerfrau, führt laute Handygespräche, macht keinen Hehl aus ihrer Verachtung für die Landeier im Bus und die neue Religiosität. Sie verkörpert eine neoliberale konsumfreudige Schicht, die gerade von den ersten Ausläufern der Istanbuler Zivilgesellschaft erfasst wird, und diese Widerständigkeit selbst bloß als aufregende Bereicherung ihres Lifestyles wahrnimmt. Sie sucht Kontakt zu Ahmet, der ihr als in Europa lebender Landsmann interessant erscheint.

Die Romanfiguren verlassen den Bus in verschiedenen Stationen, nur Ahmets Geschichte wird weitererzählt. Er kehrt also ins Dorf seiner Kindheit zurück und bereut dies bald. Nur noch wenige aus seiner Familie leben dort. Sein Bruder, der es als ehrgeiziger Biobauer zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat, misstraut ihm. Er ist regierungskonform, und es kursieren Gerüchte, er habe zehn Jahre zuvor Dorfbewohner an die Geheimpolizei verraten. Zwischen den Brüdern schwelt ein komplizierter Konflikt. Ahmets Mutter ist nicht vom TV-Gerät wegzubekommen und lebt nur noch in der Welt ihrer Telenovelas. Schnell langweilt sich Ahmet und sehnt sich nach Laura, seiner Frau, zurück. Mit Angelo, einem alten Schwerenöter, der als Gastarbeiter lange in Italien gelebt hat, begibt er sich ins Nachbardorf geht, um noch einmal an einem Cem, einer alewitischen Zeremonie teilzunehmen. Ein letztes Mal in seinem Leben tanzt er zur Saz den Semah, den Kranichtanz, und nimmt Abschied von der Welt seiner Kindheit. In der Nacht vor seiner Abreise taucht eine Gruppe halbverhungerter, vom Militär verfolgter PKK-Aktivisten beim Haus seines Onkels auf. Ahmet erklärt sich bereit, ihnen einen geheimen Weg über die Berge zu zeigen. Als am nächsten Tag Militärpolizei ins Dorf kommt und Ahmet verhaftet, glaubt er, dass sein Bruder ihn verraten hat.

Alfred begegnet indessen in einem Café einer Busstation einem kurdischstämmigen Fernsehjournalisten aus Deutschland, einem windigen und gewitzten Kerl, der ihn von seinem Vorhaben, Selbstmord zu begehen, abbringen will. Dieser erzählt ihm eine Liebesgeschichte (die sich im Übrigen wirklich zugetragen hat), von der Liebe zwischen zwei Eseln. Mit dieser romantischen Tiergeschichte, diesem Stilbruch, findet der Roman/die Novelle sein Fanal, sein bizarres Ende.

 

Mit «Bus nach Bingöl» schwebt mir ein ruhig erzählter Kurzroman bzw. eine Novelle vor, der/die auch Vorstellungen von Eigenem und Fremdem unterläuft. Vor allem aber will ich einer vergessenen Generation türkischer und kurdischer Linker meine Reverenz erweisen, die ohne internationale Unterstützung gegen Faschismus und Kemalismus gekämpft haben, inhaftiert, gefoltert und ermordet wurden – oder nach Europa flüchten konnten, zum Beispiel nach Wien, wo ich einige von ihnen kennenlernte.

Die Handlung spielt 2008, zur Zeit eines Umbruchs, als sich der aktuelle Kurs der Ära Erdoğan erst konsolidierte, viele aufgrund der vorgeblichen Überwindung des Kemalismus an ein liberaleres Klima glaubten (zum Beispiel an eine Lösung der Kurdenfrage) und die eigenwillige ideologische Verquickung von Kemalismus, Nationalismus und Islamismus noch ihrer Verwirklichung harrte. Ahmet Misstrauen gegenüber der neuen Macht sollte sich als richtig erweisen, wie die jüngsten Ereignisse in der Türkei zeigen.

Erste Textteile hatte ich als für sich stehende Erzählungen schon um 2008 verfasst. Freunde rieten mir, ihnen einen größeren Rahmen, zum Beispiel in Form eines Romans, zu geben. Ich kehrte immer wieder zum Manuskript zurück, vund ergaß dieses  mitunter. Der letzte Schub erfolgte 2016, als ich Dersim bereiste und zwei Monate später der “Putsch” in der Türkei stattfand. Vieles, was ich Jahre zuvor im Manuskript vorhergesehen hatte, trat ein. Spätestens da wusste ich, dass der Roman fertiggeschrieben werden musste.

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>