Der Kopf des Idris Pascha

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Die wunderliche Geschichte des Johann Jakob Brandtner, 

der auszog, Hellas zu befreien,

und dort lernte, Blut zu sehen

 

Synopse

 

Der Kopf des Idris Pascha ist historischer Roman von epischen Ausmaßen. Die Abenteuer des Antihelden und Hasenfußes Johann Jakob Brandtner in einer Revolution, in der es keine Guten gibt, zugleich die tragikomische Geschichte der Ideale von Freiheit, Demokratie, nationaler Selbstbestimmung, europäischen Werten etc., die mit unverbrüchlicher Naivität in die schartigen Säbel von beutegierigen Warlords und Kriegsprofiteuren laufen.

 

 

Exposé

 

Der historische Bildungs- und Schelmenroman erzählt die „Abenteuer“ des Regensburger Studenten Johann Jakob Brandtner, der sich Februar 1822 mit einem Dutzend anderer junger Enthusiasten in Marseille einschifft, um in Griechenland auf Seiten der Revolutionäre gegen die osmanische Oberherrschaft zu kämpfen. Die klassischen und romantischen Ideale vom edlen Griechenvolk, das sich der orientalischen Barbarei erwehrt, zerbrechen jäh an der Wirklichkeit des Aufstands. Die Begeisterung von Brandtners philhellenischen Mitstreitern schlägt schnell in Verachtung gegen die Griechen um – er aber, der immer schon das archaische Griechenbild Homers dem zivilisatorischen des perikleischen Zeitalters vorgezogen hat, fühlt sich gleichermaßen abgestoßen wie angezogen von dieser wilden Gesellschaft, zumal er unter Einfluss seines älteren Freundes Friedrich De Maizière steht, eines deutschtümelnden Erzromantikers und Antisemiten. Im kriegserfahrenen Leutnant Schneider findet er dessen aufklärerischen Widerpart. Dieser lebt aber nicht lange genug, um den konfusen und neurotischen Brandtner De Maizières Einfluss zu entziehen. Er fällt in der Schlacht von Peta. Brandtner wird dortselbst schwer verwundet, gerät in türkische Gefangenschaft und wird vom intellektuellen und kultivierten Idris Pascha freigekauft. Dieser, ein sinnenfroher Homosexueller, macht Brandtner Avancen und verführt ihn schließlich. Brandtner gelingt die Flucht, er wird erneut verwundet und landet in einem Dorf in der wilden Mani auf dem südlichen Peloponnes, wo er zwischen die Fronten eines gnadenlosen Blutrachefeldzuges gelangt. Als deutscher Exotist passt sich Brandtner zunehmend dem Volk an und erlernt dessen Sprache. Was zur Folge hat, dass der notorisch unsichere Jüngling nie richtig Anschluss an die Philhellenenkorps findet. Seine Reisen führen ihn nach Epiros, Thessalien und Mazedonien, wo er sich einem blinden Wandersänger und einem schwarzen Derwisch anschließt. An ihrer Seite lernt er viel über die ethnographische Komplexität und das verwirrende Netzwerk an Loyalitäten und Zugehörigkeiten, das diese vornationalen Gesellschaften kennzeichnet. In Saloniki findet er Arbeit im Kontor eines Hamburger Baumwollhändlers, wo er in die ihm zuvor verhasste Sphäre der Ökonomie eingeführt wird. Er freit um die Tochter eines jüdischen Kaufmanns, von welchem er bei den Janitscharen als Revolutionär denunziert wird. Erneut flüchtet er in die Berge Rumelis (Nordgriechenlands), wo er bei den zumeist illiteraten Banditenkapitänen Karriere macht als Schreiber von Schnorrbriefen an die provisorische Regierung unter Alexandrós Mavrokardátos. Der zunehmend verrohte Brandtner nimmt allmählich die Werte der Klephten (Banditen) an und auch teil an Massakern an den Türken während der Belagerung von Athen. Er landet schließlich in einer Bande auf dem Peloponnes, die ihn mit seinem mittlerweile selbst zum Banditen avancierten Freund De Maiziere zusammenführt und im Namen der Revolution einzig die Zivilbevölkerung malträtiert. Dort wird er endgültig seiner Entmenschlichung und der Verlogenheit des gesamten Krieges gewahr.

 

 

Neben einem kurzweiligen Handlungsverlauf soll „Der Kopf des Idris Pascha“ auch die Ideologien und Geisteshaltungen der Akteure und die Zerstörung einer multikulturellen Gesellschaft durch nationalistische Homogenisierung und als Freiheitskampf getarnte Raubökonomie erhellen. Des Weiteren wird in speziellen Kapiteln die Geschichte des griechischen Befreiungskampfes und des Engagements der europäischen Dichter und Intellektuellen darin erzählt. Dieses viel zu wenig bekannte Kapitel europäischer Historie nimmt Logik, Logistik und Ideologie der Balkankriege der 1990er Jahre vorweg und verblüfft durch viele weitere aktuelle Bezüge.

Die Freiheitskämpfer sind Warlords, denen es zunächst um Plünderung geht. Doch anders als es das romantische Banditen- und Rebellenidyll will, sind das oft sehr moderne Banditen, die die geraubten Summen auf italienischen und ionischen Banken veranlagen oder damit gleich an den Börsen Westeuropas spekulieren. Das erste Mal wird die Frage der humanitären Intervention erörtert, und das erste Mal eine Infrastruktur von Hilfslieferungen aufgebaut, die prompt, auch ein Debüt der Geschichte, von den Warlords verkauft werden. Nationale Identität ist der gesamten Bevölkerung fremd. Die muslimische Bevölkerung des Peloponnes wird innerhalb weniger Wochen abgeschlachtet oder in die Sklaverei verkauft. Europäische Kreditgeber spekulieren selbst mit den Krediten und drängen einen künftigen Staat Griechenland durch hohe Zinsen in ewige ökonomische und politische Abhängigkeit …

Durch diese politischen, und sozialen Wirren muss Brandtner zudem noch einen schweren Ranzen aus persönlichen Lasten schleppen. Er ist chronisch unsicher in seiner Identität, auch seiner sexuellen. Da seine Seele schnell entflammt (auch für Männer und Kinder), und seine Schüchtern- und Verklemmtheit ihn sehr lange am Ausleben seiner körperlichen Lust hinderten, ergießt sich seine Libido auch in Kanäle, die sein Schamgefühl wie seinen Selbstwert arg strapazieren. Er kompensiert das durch Härte und archaische Männlichkeit und gerät gerade dort, in den balkanisch-orientalischen, patriarchalen Hirten/Räuber-Gesellschaften in Teufels Küche, wo er von Schwulität umschwirrt wird wie der Nektar von den Bienen. Diese Verwirrungen machen den burlesken Drall des Romans aus.

Einen Ausweg aus dem Chaos des Krieges und seiner Seele scheint Brandtner durch die Verantwortung zu finden, die er für die stumme Türkin Shana und ihren geistig behinderten Bruder Parsman übernimmt, welche er vor seiner eigenen Bande rettet. Sie in den letzten Kriegswochen außer Landes zu schaffen, wird die einzig sinnvolle Aufgabe, der er sich in sechs Jahren gewidmet hat …

 

 

„Der Kopf des Idris Pascha“ wird ein opulentes Epos, in dessen Handlungsgewebe die Topoi Nationalismus, Romantik, Männlichkeitswahn, Entmenschlichung, Homophobie, Brüchigkeit und Flexibilität von Identitäten wie Goldfäden zu unerwarteten, filigranen Mustern verwoben sind. Realismus und fabelhafte Überzeichnung wechseln einander ab.

Gleich den Reifemetamorphosen, den Erkenntnisgewinnen und Regressionen des gemütvollen, aber feigen und sich notorisch missverstanden fühlenden Antihelden Johann Jakob Brandtner wird sich auch das stilistische Gepräge von Kapitel zu Kapitel ändern.

Das erste Kapitel („Die Philhellenen“) will keinesfalls historistisch den sprachlichen Duktus des frühen 19. Jahrhunderts nachahmen. Dennoch soll die Sprache sich mimetisch dem Zeitgeist, vor allem dem schwärmerischen Idealismus und der Sensitivität seiner Helden nähern (um in späteren Kapiteln der Desillusionierung durch knappe, dokumentarische Sprache zu weichen).

Das zweite Kapitel („In der Mani“) wird sich als verschollenes Tagebuchfragment des Romanhelden ausgeben und dementsprechend einen zeitgenössischen Erzählton rekonstruieren.

Im dritten Kapitel („Brandtner im Hades“), erlebt der Romanheld einen psychotischen Schub, dessen Wahngebilden sich eine zunehmend expressionistische Sprache nähert.

Im vierten Kapitel („Die Heiligen Drei Könige“) zieht der Romanheld mit einem blinden griechischen Wandersänger und einem schwarzen Bektaschi-Derwisch durch Nordgriechenland. Hier wird der Ton ethnographischer Reiseberichte angeschlagen und der Verwunderung des Helden über eine verwirrende Buntheit kultureller Äußerungen gerecht; durchsetzt wird der Text sein von griechischer Volksepik und der paradoxen Weisheit des Bektaschi-Sufismus.

Das fünfte Kapitel („Saloniki“), das Brandtner ausgerechnet im Herzen des Osmanischen Reiches in die trockene Sphäre der modernen Ökonomie führt, wird in nüchternem Ton erzählt.

Von dieser ihm verhassten Sphäre flüchtet er im sechsten Kapitel („Der Klephte“) in die Berge, wo er als Bandit das letzte Mal seinen eskapistischen Romantizismus zelebriert. Durchaus ironischen Niederschlag auf der Stilebene erhält dieses Kapitel durch den Erzählton von neugriechischen, anatolischen und balkanischen Heldenliedern und -sagen.

Das letzte Kapitel („Schana“) beobachtet den Helden, seine Un- und Heldentaten, mit kalter, trockener Sprache. Die letzten Desillusionierungen und der erste Reifesprung.

Dazwischen immer wieder reportagenhafte Einschübe zur Schilderung der historischen Ereignisse vor Ort.

 

 

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