Oscar Wilde und der Sozialismus

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»Die Kunst ist Individualismus, und der Individualismus ist eine zerstörende und zersetzende Kraft. Darin liegt seine ungeheure Bedeutung. Denn was er zu zerstören sucht, ist die Eintönigkeit des Typus, die Sklaverei der Gewohnheit und die Erniedrigung des Menschen auf die Stufe einer Maschine

Oscar Wilde

 

Dumpfer Fortschrittsglaube und ästhetizistische Weltflucht waren die zwei Seiten einer ideologischen Münze, welche die kapitalistische Transformation des 19. Jahrhunderts prägte, und das zu einer Zeit, als das Individuum, kaum erfunden, schon wieder nichts mehr wert schien. Als der junge englische Dandy Oscar Wilde 1881 zu einer Lese- und Vortragsreise nach Amerika übersetzte, waren die Amerikaner hinter ihrem Pragmatismus in Stellung gegangen – und der Cincinnati Commercial höhnte ihm entgegen: »Wenn Mr Wilde seine Lilien und Narzissen verlässt und zu uns in den Westen nach Cincinnati kommt, werden wir ihm zeigen, wie man 30 Schweinen in einer Minute die Eingeweide herausnimmt.« Dieser brutale Satz bringt en miniature zwar das reziproke Verhältnis von Unternehmergeist und Décadence auf den Punkt, verfehlt jedoch sein Ziel: Oscar Wilde!

Denn Wildes acht Jahre später veröffentlichter Essay »The Soul of Man Under Socialism« (»Der Sozialismus und die Seele des Menschen«) hätte den in Samt gehüllten Gecken als gelassenen Befürworter des technischen Fortschritts ausgewiesen, eines absolut notwendigen Fortschritts, mittels dessen der Sozialismus erst zum Individualismus führen könne, da Maschinen dann die Drecksarbeit verrichteten: »Die Sklaverei von Menschen ist ungerecht, unsicher und entsittlichend. Von mechanischen Sklaven, von der Sklaverei der Maschine hängt die Zukunft der Welt ab.« Der sich auf Wilde berufende Ästhetizismus kam irgendwann in Gestalt von Marinettis Futurismus beim Faschismus an, wo im Kult der Maschine das Individuum seine eigene Liquidation zelebriert. Wildes Verhältnis zur Mechanisierung ist jedoch ein instrumentelles und gleicht somit dem Majakowskis, der sagte: »Die Ära der Maschinen verlangt nicht Hymnen zu ihrem Preis, sie verlangt, in ihrem Interesse gemeistert zu werden.«

Bedeutet der Décadence der Kult des Individuums die Flucht aus sozialer und politischer Realität (um dereinst als Ideengeberin ihrer Transformation im Faschismus zu münden), macht Wilde erst die Transformation dieser Realität zur unabdingbaren Bedingung für Individualismus. Kein wahrer Individualismus also ohne Sozialismus!

Jede nachfolgende Generation sollte ihr eigenes Interesse daran nehmen, hinter dem dekadenten »Lilienpoeten« den Homo politicus, den Aufklärer, ja den Sozialisten verschwinden zu lassen. Kein Wunder also, dass Wildes Essay, den Karl Kraus 1904 in der Fackel als »das Tiefste, Adeligste und Schönste, das der vom Philistersinn gemordete Genius geschaffen« habe, als »das wahre Evangelium modernen Denkens« bezeichnete, zugleich sein am meisten ignorierter ist. Wildes Zeitgenossen taten dies radikale Manifest als dekadenten Jux eines charmanten Widerspruchsgeistes ab, der sich für die Wintersaison ’91 etwas unpassend die Attitüde des Sozialanarchisten zugelegt habe; die ästhetizistische Rezeption des Fin de Siècle musste in ihrem Bestreben, Wilde zum Ahnvater ihrer eigenen Weltflucht zu degradieren, den Sozialisten erst recht verdrängen – und eine »linke« Interpretation verdoppelte dies Unrecht nur, indem sie ihn und seinen Essay partout durch den Filter der Ästhetizisten wahrnahm.

Dass Wilde, der mit Zunge und Feder die Unzulänglichkeiten seiner Gesellschaft sowie jegliche Form prätendierter Sittlichkeit mit dialektisch zugespitztem Spott überzog, in seinem privaten Handeln und Umgang mit Menschen Großzügigkeit und außerordentliches Zartgefühl an den Tag legte, mochte nur jene verwundern, die Humanität und Moralismus nicht als Widerspruch zu begreifen fähig sind. Sein irischer Landsmann George Bernard Shaw (1856–1950), ein veritabler Sozialist und Langeweiler, staunte nicht schlecht, als gerade Wilde als einziger englischer Intellektueller seine Unterschrift unter eine Petition zur Begnadigung von acht zum Tode verurteilten Anarchisten setzte. All die anderen »heroischen Rebellen und Skeptiker auf dem Papier« hatten nicht den Mut gefunden, sich öffentlich zu bekennen. »Eine völlig interesselose Tat Wildes, die ihm für den Rest seines Lebens meinen uneingeschränkten Respekt sicherte.« Der dies sagte, ein Mann, dem Wilde mit etwas weniger Respekt attestierte, er habe keine Feinde und keiner seiner Freunde könne ihn leiden, war prominentes Mitglied der Fabian Society, einer der drei bedeutendsten sozialistischen Bewegungen, die sich infolge der Zuspitzung der sozialen Widersprüche in den 1880er-Jahren formiert und begonnen hatte, Marx zu rezipieren.

Die britische Ökonomie erlebte zu dieser Zeit drastische Konjunktureinbrüche. Der Konkurrenzdruck der kontinentalen Industrie und insbesondere die Einfuhr billiger Landwirtschaftsprodukte aus den USA (Verbesserungen der Hochseeschifffahrt und innovative Gefrierverfahren hatten den britischen Markt mit billigem Weizen und Fleisch überschwemmt) ließen die Preise fallen, und Zollschranken behinderten die Ausfuhr britischer Produkte. Zwischen 1851 und 1881 hatte sich die Zahl der in der Landwirtschaft Beschäftigten halbiert, die Proletarisierung der Massen erlangte in der endgültigen Transformation vom Agrar- zum Industriestaat eine neue Dimension und führte zu blutigen Klassenkämpfen, deren intellektueller Überbau erst allmählich von zivilisationskritischer Schwärmerei zu kapitalismuskritischer Theoriebildung reifte. Bereits 1872 hatte der liberale Denker John Stuart Mill prophezeit: »Das vordringliche soziale Problem der Zukunft wird darin liegen, wie sich größtmögliche individuelle Handlungsfreiheit mit dem kollektiven Besitz der globalen Rohstoffressourcen und der gleichen Teilhabe aller an den Errungenschaften vereinter Arbeit verbinden lässt.« Welch ein Hohn, dass derlei Einsichten auch heute noch als Lippenbekenntnisse auf IWF-Banketten und als Schlusspointen der globalisierungskritischen Trivialliteratur Neuigkeitswert behaupten.

Oscar Wildes gedankliche Stärke blitzt am ehesten in seinen Aphorismen auf, er ist ein Kurzstreckenläufer der Reflexion, der beim Stilmittel des Essays, welches konsistente Komposition verlangt, schnell ermattet und sich in gedanklicher Willkür verliert. In seinem Sozialismusessay geraten jene Passagen am stärksten, wo er Bestehendes kritisiert; doch ermüdet er den Leser dort, wo er sich dem Schwärmerisch-Utopischen hingibt. »The Soul of Man Under Socialism« folgt einem abenteuerlichen Zickzackkurs, hebt mit einer großartigen Moralkritik an, um abrupt in eine individualanarchistische Exegese der Botschaft Jesu abzusacken. Kaum ist man geneigt, das von Gustav Landauer und Hedwig Lachmann ins Deutsche übersetzte Traktat beiseite zu legen, bäumt sich Wilde wieder mit einer scharfsinnigen Polemik gegen den Kulturjournalismus auf, welche Karl Kraus besonders goutiert haben muss, und liefert einige Mosaiksteinchen einer ästhetischen Theorie nach. Welche Logik diesen thematischen Sprüngen zugrunde liegt, ist schwer nachzuvollziehen. Dazwischen immer wieder die ermüdende Apologie des von Erwerbszwang und Publikumsgunst befreiten künstlerischen Individuums, dessen Reichtum nicht in seinem Besitz, sondern »Sein« begründet sei; jener Reichtum des menschlichen Wesens – um einem älteren Zeitgenossen Wildes das Wort zu erteilen –, durch den »ein musikalisches Ohr, ein Auge für die Schönheit der Form, […] die menschlichen Genüsse und fähigen Sinne, welche als menschliche Wesenskräfte sich betätigen, teils erst ausgebildet, teils erst erzeugt« würden. Der Letzteres in jungen Jahren schrieb, versteckte sich nicht hinter Lilien- und Narzissensträußen vor einer ignoranten Welt, sondern in der Mansarde seiner Manchester-Substandardwohnung vor den Gläubigern: Karl Marx.

Was hat es mit Wildes Individualismus auf sich und lässt er sich mit den Schablonen linker Dekadenzkritik fassen? Versteckt sich dahinter nichts weniger als die viktorianisch-liberalistische Variante des egoistischen Marktsubjekts, hinter seiner Verwerfung jeglicher Autorität dieselbe Gesinnung, welche die Zerschlagung der Zollschranken fordert? Man warf ihm vor, er habe sich nicht um ökonomische Analyse oder sozialistische Perspektiven gekümmert, sondern gebe seiner L’art pour l’art bloß einen sozialanarchistischen Anstrich. Außerdem plustere er die minoritäre Position des Künstlers zu einem allgemeinen Gesellschaftsprinzip auf. Doch so viele Blößen sich Oscar Wilde geben mochte, auch heute noch, gerade heute, mag er einer Linken, die – so ihr die Eigentumsverhältnisse überhaupt noch ein Thema sind – bestenfalls um die Verlangsamung der Sozialstaatzertrümmerung bettelt, mit einigen seiner radikalen Einsichten ein Stachel im Fleisch sein. Schon zu Lebzeiten hätten diese der Rezeption bedurft, als das zersetzende Ferment des Moralismus in den jungen englischen Sozialismus einzusickern begann und sentimentale Sozialutopien die bürgerlichen Linksintellektuellen verzückten. Der ästhetizistische Sozialanarchist William Morris (1834–1896) etwa, ein wichtiger Impulsgeber Wildes, forderte in Ablehnung der Industriegesellschaft die Reorganisation in Handwerkerkommunen. Diese kleinbürgerlichen Regressionswünsche samt der damit einhergehenden Romantisierung früherer Gesellschaftsformen, des Authentischen und Naturschönen kamen Oscar Wilde, diesem hartnäckigen Anwalt der Moderne, nur läppisch vor. Der Spott über die Naturvergötzung zieht sich durch sein gesamtes Werk. Natur wollte er überhaupt als nichts anderes wissen als die Imitation der Kunst. Auf die Spitze treibt er dieses amüsante Paradox in seinem philosophischen Dialog »The Decay of Lying« (»Der Verfall der Lüge«), wenn er behauptet, der berühmte Londoner Nebel sei eigentlich von den Impressionisten erfunden worden. »Wo die Kultivierten einen künstlerischen Eindruck empfangen, fangen sich die Unkultivierten einen Schnupfen.«

Selbst wenn der Vorwurf zutreffen mag, dass Oscar Wilde unter dem Einfluss von William Morris sowie des Kritikers und Kunsttheoretikers John Ruskin (1819–1900) die Position des Künstlers verallgemeinere, die Identität von individueller Selbstverwirklichung und künstlerischer Kreativität proklamiere, und zwar für alle, ist es doch vermessen, einem Künstler und Ästheten vorzuschreiben, er solle über etwas anderes schreiben als die Produktionsbedingungen, die er selbst kennt. Wie viele Feuilletons misslangen allein deshalb, weil ihre Autoren sich einbildeten, Ökonomen, Politologen oder Philosophen zu sein. Wilde schreibt aus der Position des depravierten Künstlers unter dem Verwertungszwang des Marktes. Und seine so anarchistisch anmutende Ablehnung jeglicher Autorität bezieht sich weniger auf politische Organisation als auf seine subjektiven Erfahrungen mit der Zensur des Staates, der subtilen Repression durch den Kulturmarkt und dem von beiden Institutionen dirigierten Selektionsdruck des Publikumsgeschmacks: »Es gibt drei Arten von Despoten. Erstens den Despoten, der die Gewalt über den Körper ausübt. Zweitens den Despoten, der die Gewalt über die Seele ausübt. Drittens den Despoten, der zugleich über Seele und Leib die Gewalt ausübt. Der erste heißt der Fürst. Der zweite heißt der Papst. Der dritte heißt das Volk.«

Vom Sozialismus, der sich ja bekanntlich erst im Absterben des Staates verwirklicht haben würde, verspricht sich Wilde die Autonomie der Kunst, deren Verständnis ihn zum Avantgardisten kommender Avantgarden macht: »Wenn sie sagen, ein Werk sei heillos unverständlich, meinen sie, der Künstler habe etwas Schönes gesagt oder vollbracht, das neu ist; wenn sie ein Werk als heillos unmoralisch bezeichnen, meinen sie, der Künstler habe etwas Schönes gesagt oder vollbracht, das wahr ist. Der erste Ausdruck bezieht sich auf den Stil, der zweite auf den Gegenstand. Aber gewöhnlich gebrauchen sie die Worte ganz unbestimmt, wie ein gewöhnlicher Pöbel fertige Pflastersteine benutzt.« Die Kunst sei keiner Ethik, nicht einmal einer sozialistischen etwas schuldig. Der Mann, der Petitionen für Anarchisten unterschrieb und lange vor seiner Haft die Barbarei des liberalen Haftsystems anprangerte – »wenn England seine Verbrecher weiter so behandelt, verdient es überhaupt nicht, welche zu haben« –, spricht sich implizit gegen eine Littérature engagée aus, wie Sartre sie forderte und Adorno sie verwarf. Gegen eine Kunst, die sich mit dem Pathos ihrer Gesinnung vor den Ansprüchen des Sujets drückt: »Das schlechteste Werk ist immer mit den besten Absichten geschaffen.« Um damit ein für alle Mal Schluss zu machen, fordert Wilde keine repressiven Maßnahmen, sondern gesellschaftliche Verhältnisse, die dem Pathos des Widerstandes die Notwendigkeit entziehen und die Arbeit am Kunstwerk vom gesellschaftlichen Engagement entlasten.

Es waren auch Adorno und mehr noch Horkheimer und Marcuse, die in den 1930er-Jahren dem von kleinbürgerlichen Linken so verachteten Hedonismus (und somit auch Wilde) eine Ehrenrettung widerfahren ließen. Hedonismus schien ihnen letztes Refugium individueller Autonomie in einer verwalteten Welt, die vom Individuum Selbstaufgabe und Unterordnung unters völkische Gemeinwohl forderte. Und ein halbes Jahrhundert bevor Horkheimer und Adorno sich auf das Wagnis einließen, Nietzsche und Marx zu verknüpfen, hatte Wilde, der weder Marx noch Nietzsche gelesen haben dürfte, die Ressentimenttheorie mit der Forderung nach sozialer Revolution rechtem Zugriff entzogen.

Der zeitgenössischen Kultur- und Gefühlslinken seien als materialistische Auffrischungsimpfung zunächst die ersten zehn Seiten von »The Soul of Man Under Socialism« empfohlen. Warum tat sich Oscar Wilde die Fleißaufgabe an, vom Schreibzimmer seines luxuriösen Hauses in der Tite Street Nummer 16 aus die Notwendigkeit des Sozialismus einzufordern? Weil es ihn etwa anödete, sich bloß mit einer begrenzten Anzahl von Upperclass-Sprösslingen in literarischem und modischem Esprit zu messen, während »unerbittliche, unvernünftige, entwürdigende Tyrannei der Not« so viele potenzielle Konkurrenten zwang, »die Arbeit von Lasttieren« zu tun? So sähe eine typische Wilde’sche Denkfigur aus. Doch ohne seinen dialektischen »wit« einzubüßen, enthält sich Wilde in seinem Sozialismusessay des gewohnt eleganten Witzelns – und lässt diesen mit den scharfsinnigen Worten beginnen: »Der größte Nutzen, den die Einführung des Sozialismus brächte, liegt ohne Zweifel darin, dass der Sozialismus uns von der schmutzigen Notwendigkeit, für andere zu leben, befreit.« – »Die meisten Menschen«, heißt es einige Zeilen weiter, verdürben ihr Leben »mit einem heillosen übertriebenen Altruismus […]. Sie sehen sich von scheußlicher Armut, scheußlicher Hässlichkeit, scheußlichem Hungerleben umgeben. Es ist unvermeidlich, dass ihr Gefühl durch das alles stark erregt ist. Die Gefühle der Menschen bäumen sich schneller auf als der Verstand, und […] Mitgefühl und Liebe zu Leidenden ist bequemer als die Liebe zum Denken. Daher machen sie sich mit bewundernswertem, obschon falsch gerichtetem Eifer sehr ernsthaft und gefühlvoll an die Arbeit, die Übel, die sie sehen, zu kurieren. Aber ihre Mittel heilen diese Krankheit nicht; sie verlängern sie nur. Ihre Heilmittel sind geradezu ein Stück der Krankheit.«

An anderer Stelle entlarvt Wilde das Mitleid als die niedrigste Form des Mitgefühls, da ihm stets »ein gewisses Element der Angst um die eigene Sicherheit« eigne. »Jeder kann die Leiden eines Freundes mitfühlen, aber es erfordert eine sehr vornehme Natur – es erfordert eben die Natur eines wahren Individualisten –, den Erfolg eines Freundes mitzufühlen.« Hat Nietzsche die gar nicht noblen Triebkräfte des Mitleids aufgestöbert, so geht Wilde einen Schritt weiter und erhellt dessen ideologische Funktion bei der Festschreibung der Eigentumsverhältnisse. Ziel soll nicht die Sisyphosarbeit der Armutslinderung sein, welche höchstens die Sinnkrisen der Linderer lindert, sondern der »Versuch und Aufbau der Gesellschaft auf einer Grundlage, die die Armut unmöglich macht. Und die altruistischen Tugenden haben tatsächlich dieses Ziel verhindert. Gerade wie die schlimmsten Sklavenhalter die waren, die ihre Sklaven gut behandelten und so dafür sorgten, dass die Grässlichkeit der Einrichtung sich denen nicht aufdrängte, die unter ihr litten, und von denen gewahrt wurde, die Zuschauer waren, so sind in den Zuständen unserer Gegenwart die Menschen die verderblichsten, die am meisten Gutes tun wollen; und wir haben schließlich erlebt, dass Männer, die das Problem wirklich studiert haben und das Leben kennen – gebildete Männer, die im Londoner Eastend leben –, auftreten und die Gemeinschaft anflehen, ihre altruistischen Gefühle und ihr Mitleid, ihre Wohltätigkeit und dergleichen einschränken zu wollen. Das tun sie mit der Begründung, dass solches Wohltun herabwürdigt und entsittlicht. Sie haben völlig Recht. Mitleid schafft eine große Zahl Sünden.« – Reichtum dagegen entsittliche nicht, ganz im Gegenteil, er sei bloß, so Wilde, ein Hindernis für individuelle Entfaltung, denn die Pflichten des Kapitals lägen dessen Eignern – ein zutiefst marxistischer Gedanke – schwer auf den Schultern und hinderten sie, seine Früchte zu genießen. Schon allein im Interesse der Reichen müsste das Privateigentum abgeschafft werden, meint Wilde.

Wer am meisten an Geld denke, das seien die Armen, deren Erniedrigung sie zu gar nichts außer niedrigen Wesen machen könne, bei ihnen gebe es »keine Grazie, keine Anmut der Rede, keine Bildung oder Kultur oder Verfeinerung der Genüsse, keine Lebensfreude«. Denn sie sind, nach Marx, »auf ihre tierischen Funktionen« zurückgeworfen. Wie auch anders? Und wer die depravierten Objekte seiner sozialpädagogischen Begierde moralisch erhöhen muss, neigt dazu, sich die erniedrigenden Verhältnisse wegzulügen, die jene depravieren. Die einzige Tugend der Mittellosen macht Wilde in einem Prinzip aus, das er als <I>die<I> Triebfeder des sozialen Fortschritts erkennt: die Unbotmäßigkeit: »[…] aber die besten unter den Armen sind niemals dankbar. Sie sind undankbar, unzufrieden, unbotmäßig und aufsässig. Sie haben ganz Recht, so zu sein. Sie fühlen, dass die Wohltätigkeit eine lächerlich ungenügende Art der Rückerstattung ist oder eine gefühlvolle Spende, die gewöhnlich von einem unverschämten Versuch seitens der Gefühlvollen begleitet ist, in ihr Privatleben einzugreifen. […] Was die Unzufriedenheit angeht, so wäre ein Mensch, der mit solcher Umgebung und so einer niedrigen Lebenshaltung nicht unzufrieden sein wollte, ein vollkommenes Vieh. Unbotmäßigkeit ist für jeden, der die Geschichte kennt, die recht eigentliche Tugend des Menschen. Durch die Unbotmäßigkeit ist der Fortschritt gekommen, durch Unbotmäßigkeit und Aufsässigkeit.«

Wer meint, Wildes simple Einsichten auf eine Kritik der christlichen Soziallehre beschränken zu können, ist entweder ein Dummkopf oder Sozialdemokrat, wahrscheinlich beides. Sie treffen ebenso auf das Gemeinschaftsgesülze mancher Zivilgesellschaftsschwärmer und die heuchlerischen Zinsnachlässe des IWF zu wie auf die Statuten der Parteiprogramme von Old und die Fußnoten der Parteiprogramme von New Labour. Und wer meint, sie als utopisch abtun zu können, der nimmt für seinen Pragmatismus Maß an der eigenen Ohnmacht respektive Feigheit. Wessen Pragmatismus indes nicht mit Verdrängung bezahlt wurde, sondern mit der bitteren Einsicht, im Augenblick aus Mangel an organisierter Gegenkraft wenig an den sozialen Widersprüchen ändern zu können, der hat sich wenigstens von seiner Ohnmacht nicht verrückt machen lassen und der Realität ins Auge geschaut. Den Intellektuellen aber, die sich beim Gestank des Elends die Nase, beim Knurren hungriger Mägen die Ohren zuhalten, weil sie diese mit dem Duft aus der Mode gekommener Theorien, mit den grollenden Stimmen von Theoretikern, die sie einst zum Handeln aufforderten, verwechseln, die, kurzum, die soziale Ungleichheit, auf welcher unsere Demokratien gedeihen, für naturgegeben oder eine Erfindung des Marxismus halten, denen geschieht es nun ganz recht, bis an ihr Lebensende das ewig gleiche Symposionspublikum mit den ewig gleichen impulslosen Impulsreferaten über Demokratie und Zivilgesellschaft in den Schlaf beten zu müssen. Die Blüten der Diskurse über Rassismus, Feminismus, Minderheitenrechte, Nationalismus et cetera wirken in der Tat etwas farblos und verwelkt, seitdem sie nicht mehr vereint in der Vase der Politischen Ökonomie stecken.

Wie amüsant, dass wir gerade dem angeblich weltentrückten Lilienpoeten Oscar Wilde in die Falle gingen, als wir uns vor der Wirklichkeit in seinen Dandysalon flüchteten, wo gerade er uns mit Schneid und ohne Schnörkel die einfachen Grundwahrheiten referierte, die wir vom alten Marx nicht mehr hören wollten. Zum Beispiel, dass unser Individualismus eine Chimäre ist, da wir – ob arm, ob reich – doch nichts sind als ins Tretrad des Kapitalverwertungszwangs gesteckte Laborhamster. Und während die heutige Linke darüber zetert, wie viel soziale Ungleichheit eine sozialistische Ethik respektive kapitalistische Demokratie erträgt, verhallt Oscar Wildes Ruf aus der Vergangenheit, dass es schlicht und einfach unsittlich sei, »das Privateigentum dazu zu benutzen, die schrecklichen Übel zu lindern, die die Institution erzeugt hat«.

 

Dieser Essay erschien im Februar 2001 in der deutschen Zeitschrift Konkret.

 

 

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