Majas Epitaph

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Ein Gedicht aus »Donau-Farce« Trommeln vom anderen Ufer des großen Flusses. Maja  flüstert es dem Kapitän Zvonko zu, der ihr Geliebter war, als sie noch unter den Menschen weilte und bevor sie ertrank und zur Rusalka wurde, einem slawischen Flussgeist bzw. einer Donaunixe.

 

MAJA

Zvonko!

Erzähle ihnen nichts davon,

was uns einmal verband.

Und erzähle ihnen nicht davon,

wie unsre Liebe entschwand.

 

Es war die schönste Geschichte der Welt,

darum lass sie uns der Welt entziehen.

Weil das Wertvolle sich nur für die Nachwelt erhält,

wenn die Verwerter des Wertes wir fliehen.

 

Sie laben sich gleich Vampiren

an allem, worum man sie selbst betrogen.

Jeder Tropfen, den sie verlieren,

wird ihnen vom Gehalt abgezogen.

 

Glaube nicht ihren lauten Worten,

sie wollten leisen Stimmen Gehör verschaffen.

Denn sie wuchsen aus denselben Retorten

wie die, auf die sie runtergaffen.

 

Von uns trennt sie bloß ein Fünkchen Esprit,

denn sie haben studiert, wollten die Welt verändern.

Doch die Welt der Waren veränderte sie –

verlorene Unschuld suchen sie in exotischen Ländern.

 

Ihr Bewusstsein ist kritisch und sehr nuanciert.

Die bunte Fahne der Differenz wollen sie hissen,

doch das begehrte Andere wird nicht geehrt,

sondern verzehrt und als Kulturbrei geschissen.

 

Prämierte Sozialreportagen drehen sie,

doch schöpfen sie vom Sozialen nur die Tragik.

Vor Massenverwurstung beugen sie kein Knie

und ticken doch nach derselben Logik.

 

Sie glauben, seltenen Wert zu heben

Durch Hausschlachtung mit dem Designermesser.

Was sich nicht verwerten lässt, darf auch nicht leben.

Gott segne alle ehrlichen Menschenfresser.

 

Als individualistische Trüffelschweine

durchpflügen sie die Erde.

Und doch führt man sie an der Leine.

Gott segne die restliche Herde!

 

Sie suchen starke, echte Gefühle.

Sehnen sich nach dem prallen Leben,

doch wonach sie den Dreck durchwühlen,

müssen auch sie bei der Firma abgeben.

 

Ob Wissenschaft, Zeitung oder Kultur

und so sehr sie sich selbst dagegen wehren,

auch sie durchpulst das eine Prinzip nur,

die Welt als Mittel, nicht als Zweck, aufzuzehren.

 

Noch ist es nicht zu spät,

diesem Zirkel zu entkommen,

wo jeder jeden verbrät,

und alle nicht auf ihre Kosten kommen.

 

Niemanden außer uns geht’s an,

wie wir liebten, litten, stritten.

Werde nicht der O-Ton-Mann

Für die ahnungslosen Dritten.

 

Unsere Liebe sei wie ein geheimes Kunststück,

nicht auf den Rücken, sondern in den Mastdarm tätowiert.

Sein Abbild malt sich in unsren Brunstblick,

während die Meute unsere Häute perlustriert.

 

So erzähle ihnen nichts davon,

was uns einmal verband.

Und erzähle ihnen nicht davon,

wie unsre Liebe entschwand.

 

Es war die schönste Geschichte der Welt,

darum lass sie uns der Welt entziehen.

Weil das Wertvolle sich nur für die Nachwelt erhält,

wenn die Verwerter des Werts wir fliehen.

 

 

 

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