Petar Petrović Njegoš – der erste Byron’sche Held, der aus der Wildnis kam

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I.

Biljarda

 

»Die Dummheit ist ein schreckliches Gefängnis, / und Aufklärung des Schöpfers liebstes Kind

Petar Petrović Njegoš

 

Montenegro. Hoch über der Bucht von Kotor, einem von senkrechten Felsenhängen umrahmten Fjord, in einer karstigen Hochebene am Fuße des Berges Lovćen liegt das Städtchen Cetinje. Seltsam deplatziert muten die Fin-de-Siècle-Fassaden der zweistöckigen Häuschen an, wie verwunschene Operettenrequisiten, zurückgelassen in einer Steinwüste, angenagt von mediterraner Lethargie, kündet dieses Gründerzeit-Minimundus von der Zeit ihres Bauherrn, des Königs Nikola, dessen Ehrgeiz, mit den gekrönten Häuptern seiner Zeit in Grandesse Maß zu halten, ihm selbst den Ruf eines Operettenfürsten einbrachte. Er regierte über ein Volk, das außer seinem sprichwörtlichen Stolz und erbeuteten Türkenköpfen nichts besaß, und über ein Land, das, wie Karl Kraus ätzte, halb so groß sei wie sein Hintern.

Der »Wilde« evozierte zu dieser Zeit Chauvinismus oder Verklärung. Sobald er sich aber zivilisierte, verspottete man ihn als Karikatur. Mit Hochachtung sprach Bismarck vom Russen, der sein Hemd über der Hose trage, doch sobald er es in den Bund stecke, sei ihm nicht mehr zu trauen.

Als Bon Sauvage ging noch Nikolas Großonkel Radivoje Petrović Njegoš durch, der als Petar II. den Grundstein für die Macht des montenegrinischen Königshauses gelegt hatte. Wer dessen Spuren in Cetinje finden will, muss an den Stadtrand spazieren, wo seine burgartige Residenz steht, welche die Montenegriner Biljarda nannten, nach dem Billardtisch, den er auf Packeseln von Kotor hochschleppen ließ. Das dürfte der erste Billardtisch in Montenegro gewesen sein. Von einer Russlandreise brachte Petrović auch eine Druckerpresse mit, die bestimmt nicht die erste des Landes war, denn bereits 1493, ein halbes Jahrhundert nach Gutenbergs Erfindung, hatte der Mönch Makarije im Kloster Ostrog, nicht weit von Cetinje, eine Druckerwerkstätte eingerichtet. Montenegro ist ein Land der Überraschungen.

Die größte Überraschung erfährt der Besucher vor Petar Petrović Njegošs Bibliothek: Der gesamte Stand des um 1840 verfügbaren Wissens breitet sich in mehr als tausend Büchern vor ihm aus. Neben wissenschaftlichen Werken, der klassischen griechischen und lateinischen Literatur auch die französischen Aufklärer, Goethe und Njegošs Lieblingsdichter Puschkin und Lord Byron, deren Porträts nach wie vor in seinem Salon hängen.

Geringere als er wurden im nach charismatischen Persönlichkeiten gierenden 19. Jahrhundert zu Popstars verklärt. Petar Petrović Njegoš übererfüllt die Anforderungen an den romantischen Helden sogar, und der Grad seiner Widersprüchlichkeit übersteigt die Grenzen der Wahrnehmung eines solchen, die von Lord Byron gehörig ausgedehnt worden waren: Bon Sauvage und Universalgelehrter; Spross einer wilden, kriegerischen Stammesgesellschaft aus einem Land, das man die Schwarzen Berge nannte (Crna Gora), einer Gesellschaft, die den Osmanen das Fürchten lehrt und sich untereinander befehdet, deren Fürstbischof (Vladika) und oberster Feldherr er ist, ein Bischof, wie er sich weltlicher nicht gebärden könnte; düster-pessimistischer Grübler und Mystiker, Bildungsreisender in Neapel, Rom und Venedig; hemmungsloser Machtpolitiker, der, wenn er nicht gerade aufsässige Stämme unterwirft und die osmanischen Paschas der Herzegowina und Nordalbaniens bekriegt, Billard spielt und an seinem Schreibtisch Versdichtungen verfasst, die zu den unbestrittenen Glanzstücken der serbokroatischen Literatur zählen; zudem ein beinahe zwei Meter hoher Hüne, von dessen physischen, dunklen Schönheit auch Männer wie Vuk Karadžić und sogar Fürst Metternich schwärmen.

So viel zu den Zutaten eines romantischen Personenkults. Mehr noch faszinieren aber die gesellschaftlichen, historischen und politischen Bruchkanten, die quer durch seine Person verlaufen und ihn zu einem wahrhaft tragischen Helden machten; und das ist nicht minder romantisch. In ihm bündelt sich nämlich die Tragik eines, der mit den denkbar modernsten Ideen im Kopf dazu verdammt war, eine der denkbar archaischsten Gesellschaften anzuführen. Im Schnelllauf, unter dem permanenten Druck österreichischer und russischer Großmachtdiplomatie und osmanischer Lokalpolitik, wurden in seiner Regentschaft sowohl Jahrhunderte nachgeholt als auch künftige Entwicklungen antizipiert. Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen wäre im montenegrinischen Fall eine Untertreibung, und man braucht nicht Anhänger eines historischen Evolutionismus zu sein, um zu erkennen, welche Herrschaftspraxen, für die sich das restliche Europa ein Millennium Zeit ließ, in dieser kurzen Lebensspanne verdichtet wurden und als materialisierte Ideen der materiellen Basis voranpreschten. Zum Beispiel die Herausbildung einer Königsmacht aus relativ egalitären Clanstrukturen, gleich der des frühen Mittelalters, erste Ansätze eines zentralistischen Absolutismus auch, zugleich aber Kokettieren mit aufgeklärten Staatskonzepten, wie sie Njegoš durch seine Lektüre, aber auch die Nachbarschaft der ehemaligen Illyrischen Provinzen geläufig waren, ehe die Habsburger dort das Heft wieder in die Hand nahmen; und letztlich: die Entscheidung für ein ethnisch und konfessionell homogenes Nationsmodell, wie es aus der romantischen Bewegung, von Literaten und Philologen stimuliert, erst langsam zum vorherrschenden Ordnungsmodell östlich des Rheins avancieren sollte.

Radivoje Tomova Petrović war neunzehn, als sein Onkel, der Vladika (Bischof) von Montengro starb. Hundert Jahre zuvor wäre die Last auf den Schultern des jungen Mannes leichter gewesen, hatte dieses Amt, das seit Ende des 17. Jahrhunderts innerhalb der Sippe (bratstvo) der Njegoševi aus dem Stamm (pleme) der Petrovići vom Onkel an den Neffen vererbt wurde, noch eher symbolische und ausgleichende Autorität im Stammesrat (zbor glavara). Doch seine Ahnen hatten bereits einige Vorarbeit geleistet, die Machtfülle dieses Postens zu erweitern, war das von den Osmanen praktisch unabhängige Kernland um Cetinje, die Katunska nahija, doch in die Einflusssphären konkurrierender Mächte geraten und hatten größere Sippen durch geschicktes Paktieren Macht und Subventionen konzentriert (während kleinere allein von Raubzügen lebten). Von einer fürstlichen Gewalt über das anarchische Clangefüge konnte allerdings noch keine Rede sein. So galt es zunächst den Einfluss der Radonjići-Sippe auszuschalten, die wie die Petrovići aus dem Dorf Njeguši stammte und mit dem von den Venezianern verliehenen Titel der Guvernaduri die weltliche Macht über Küste und die Berge des westlichen Montenegros beanspruchte. Doch die Venezianer hatte an politischer Bedeutung längst verloren, und Vladika und Guvernadur konkurrierten immer heftiger, ehe es dem jungen Petar II. 1833 gelang, Vukolaj Radonjić, den letzten Guvernadur samt seiner Familie zu verbannen. Dieser erlag in Kotor den Verletzungen, die man ihm im Kerker von Cetinje durch Folterung zugefügt hatte. Njegoš ließ sich seinen Etat vor allem von Russland bezahlen. Immerhin gelang es ihm, eine gesetzgebende Versammlung, den sogenannten Senat, einzuführen, und mit der Gvardija eine als Exekutive fungierende Prätorianergarde, mit welcher er ihm loyale Häuptlinge und ihre Söhne mit Posten versah, die aufsässiger Stämme aber quasi als Geisel an sich band. Nichts anderes ist das als das Grundprinzip der feudalen Hofhaltung. Auch ein Gymnasium ließ Njegoš bauen. Die Disziplin der Gymnasiasten soll jedoch katastrophal gewesen sein. So wie man heute das Fernbleiben von der Schule mit einer Unterschrift der Eltern rechtfertigen muss, reichte dort das Vorweisen eines Türkenkopfes als Bestätigung, dass man nicht untätig gewesen war. Der Njegoš-Biograf Milovan Đilas: »Die Schüler verschwanden auf einige Tage, oft um sich einer Kriegergruppe anzuschließen, und es galt eine ungeschriebene Regel, diese Abwesenheit mit einem abgeschnittenen Türkenkopf zu rechtfertigen. Die Schüler waren selbstverständlich auch bewaffnet. Und dennoch lernten sie Lesen und Schreiben.«

Von seinem Onkel, dem Vladika Petar I., hatte Radivoje die schöngeistige Ader geerbt. Wie er selbst war dieser ein Dichter gewesen, hatte in Russland studiert, ein Gesetzbuch und eine kurze Geschichte Montenegros verfasst und soll neben Italienisch und Russisch auch Deutsch gesprochen haben. Seine Verse waren noch stark in der Volksepik verwurzelt, doch schrieb er sie unter Einfluss der Kunstdichtung bereits in Reimen. Petar I. ließ Rade, wie sein Neffe vom Volk genannt wurde, eine bescheidene Bildung angedeihen, ehe der serbische Poet und Abenteurer Sima Milutinović-Sarajlija 1827 am Hof von Cetinje auftauchte und für vier Jahre zu dessen Lehrer und Vertrauten wurde. Milutinović konnte damals schon auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken. Seine Karriere begonnen hatte der unstete Mitbegründer der neuen serbischen Literatur als Matrose in Zemun und Sekretär des serbischen Bischofs, in den Bande eines Hajducken hatte er am Zweiten Serbischen Aufstand (1815–1817) teilgenommen, war Gärtner bei einem Türken im bulgarischen Vidin gewesen, hatte in Russland Arbeitsstipendien des Zaren bezogen, zwei Jahre Philosophie in Leipzig studiert und mit den wichtigsten Herausgebern südslawischer Dichtung korrespondiert. Serbiens Fürst Miloš Obrenović hinterließ eine treffende Beschreibung Milutinovićs: »Ein Bursche, der den Wind mit der Mütze einfangen will und mit der Nase an die Wolken stößt.«

Jedenfalls verdankt sich die Selbstverständlichkeit, mit der Njegoš die montenegrinische Sache mit dem serbischen Nationalmythos verflocht, dem Einfluss seines Lehrers. Zwar waren viele Vorfahren montenegrinischer Clans nach der osmanischen Eroberung aus serbisch regierten Gebieten ins Gebirge eingewandert, zwar verknüpften manche ihre Genealogien mit dem Amselfeldmythos, zwar wiesen sich schon im 18. Jahrhundert viele Clanführer in ihren Korrespondenzen mit potenziellen Förderern in Westeuropa und Russland als Serben aus, doch waren das noch recht vage ethnische Selbstpositionierungen in einer Gesellschaft, wo die Loyalität in der Regel noch immer an der steinigen Grenze des eigenen Stammesgebiets aufhörte. Und die Frage, ob man sich als Serbe oder Montenegriner deklarieren soll, stellt in Montenegro bis heute ein heikles Politikum dar. Im romantisch stimulierten Volksbewusstsein des Serbentums wurden die Montenegriner stets als Edelserben hofiert, in Manneszucht, Ehre, in Freiheitsliebe und Unbezwingbarkeit eine Art montanes Role Model des eigenen Selbstbildes. Dass diesem Liebeswerben auf montenegrinischer Seite im Laufe der Geschichte so oft die kalte Schulter gezeigt wurde, zählt zu einer der vielen Anomalien der nationalen Narrative auf dem Balkan. Die serbischen Tieflandbauern zu osmanischen Zeiten, die regelmäßig von den plündernden Banden aus den Schwarzen Bergen heimgesucht wurden, dürften eine gänzlich andere Auffassung von der angeblich gemeinsamen Ethnizität gehabt haben.

 

II.

Vom romantischen Objekt zum romantischen Subjekt

 

»Jedermann stirbt nur einmal, / wird einmal geboren, / doch alles stirbt, außer der Ehre / und diese lebt ewiglich. / Ein ehrliches Grab ist ewiges Leben, / ein schmachvolles Leben ein ewiges Grab

Petar Petrović Njegoš

 

Mit der romantischen Wende waren die halbzivilisierten Peripherien in den Fokus des europäischen Geisteslebens gerückt. Der den deutschen Romantikern gegenüber reservierte Goethe begeisterte sich für serbische Volkspoesie, wie er sich in seiner Jugend für die Ossianischen Gesänge begeistert hatte. Damals, ab der Mitte des 18. Jahrhunderts schon, hatte die rationalistische Aufklärung eine affektive Gegenbewegung in sich auszubrüten begonnen, die – inspiriert von Rousseau und Herder – den französisch imprägnierten Zivilisationsgedanken, und mit ihm Urbanität und Kosmopolitismus zurückstutzen wollte, um aus kulturellen Wurzeln neue Pflanzen zu treiben. Begonnen hatte das mit den schottischen Hochländern der »Ossianischen Gesänge« und der Aufwertung Homers gegenüber den Dichtern und Denkern der griechischen Zivilisation innerhalb des Klassizismus. Es setzte sich fort im Interesse für fremde Völker Nordamerikas (exemplarisch in Schillers Nadowessischer Totenklage) sowie der wiederentdeckten orientalischen Dichtung (Goethes West-östlicher Divan zum Beispiel) und natürlich für südosteuropäische, mitunter epische Volksdichtung, wie sie Vuk Karadžić, Wilhelm Gerhard, Therese Albertine Louise von Jacob alias Talvj, auch Sima Milutinović mit seiner Serbianka oder Claude Charles Fauriels Chants populaires de la Grèce moderne dem gebildeten Publikum näherbrachten.

Orientalismus war nur Teil eines Kontinuums schwärmerischen Interesses für alles, was anders, älter, fremder war als die postnapoleonische bürgerliche Verfasstheit der eigenen Gesellschaft. Aufstände gegen die Osmanen wie die serbischen Rebellionen von 1804 und 1815 und vor allem der Griechische Unabhängigkeitskrieg (1821–1828) lösten eine geradezu hysterische Anteilnahme an Taten und Sitten dieser beschaulichen Insurgenten aus. Es ist kein Zufall, dass in dieser Epoche mit den Romanen Walter Scotts die Abenteuerliteratur in den biederen Stuben Europas Einzug hielt. Und das Pressewesen einen neuen Aufschwung erfuhr. Wer in den Zeitungen dieser Zeit stöbert, den mag die Dichte an Information über jene abgelegenen Regionen erstaunen. Das gebildete Publikum war vertraut mit lokalen orientalischen Potentaten wie Ali Pascha von Janina, und Banditenführer und Rebellen des südlichen Balkans waren nicht nur namentlich bekannt, sondern wurden wie Helden verehrt. Jedes unbeugsame Bergvolk, das den Osmanen die Stirn bot, war in aller Munde, die Manioten vom südlichen Peloponnes, die Sulioten in Epiros, auch die Montenegriner entzündeten westliche Fantasien, waren sie doch in ihrem Stamm unverfälscht geblieben und hatten sich einer dekadenten Zivilisation erwehrt. In die Osmanen wurden nicht nur die eigenen neoabsolutistischen Regime projiziert, sondern auch das Regime bürgerlicher Langeweile, welches alles Heroische, Erhabene und Urwüchsige unter sich erdrückt. Erst mit ihrer Erhebung konnten sich die »Hellenen« im projektiven Bewusstsein des Westens die imaginäre Erbschaft der antiken Griechen sichern. Doch konkurrierten auch hier klassizistische mit romantischen Deutungen und waren bis zur Ununterscheidbarkeit vermischt. Antislawischer Chauvinismus war noch kein Thema, Russland erst am Vormittag seines Großmachtstrebens und die slawischen Minderheiten innerhalb der Habsburger Monarchie am Morgen ihrer Nationalisierung. Die rassistische Unterscheidung zwischen edlen Griechen und primitiven Slawen schlummerte noch. Überhaupt wurden die orthodoxen Christen unter osmanischer Herrschaft bis zur Griechischen Revolution als kulturell relativ homogen wahrgenommen. Oft bezeichneten sich Sprecher bulgarischer, serbischer oder wlachischer Idiome selbst als Griechen, weil allein die Konfession, in diesem Fall die griechische Religion, als vorrangiger Marker der ethnischen Identifizierung galt. Und immerhin waren die slawischsprachigen Serben den Griechen mit ihren Volksaufständen zuvorgekommen und hatten sich somit einen privilegierten Platz als Heroen der Freiheit gesichert.

Inspiriert von seinem Vorbild James Macpherson, dem Verfasser der vermeintlich authentischen Ossian-Dichtungen, hatte der junge französische Dichter Prosper Merimée 1827 einen für die Bedürfnisse des Publikums und dessen frühe Balkanophilie zurechtdesignten Band südslawischer Volkspoesie auf den Markt geworfen: La Guzla, ou Choix de poésies illyriques, recueillis dans la Dalmatie, la Croatie et l’Herzégovine, Volkslieder, die ihm der herzegowinische Barde (Guslar)Hyacinthe Maglanović eingegeben haben soll. Sogar Goethe und Puschkin fielen auf den Schwindel herein.

Wie gesagt war der romantischen Seele einerlei, ob der Bandit griechisch oder slawisch sprach, und in der Pariser Gesellschaft um 1820, so sagte man, sei es eine beliebte Frauenfantasie gewesen, von korsischen Briganten entführt zu werden. Alles Rebellische, Dunkle, Konventionensprengende hatte an Attraktivität gewonnen. Der Insurgent, der radikale Künstler, der Gesetzlose und der Zigeuner versprachen jeder auf seine Weise eine Substanz, nach der man umso mehr gierte, desto rarer sie wurde: Individualität!

So wie sich der Freiheitsbegriff von politischer Konkretion zu schwärmerischer Abstraktion gewandelt hatte, war Rebellentum seines politischen Objekts enthoben worden und wurde als persönlicher Habitus ebenso skandalisiert wie bewundert. Der romantic turn an der napoleonischen Jahrhundertwende hatte Erfahrung ins Innenleben verlagert, wo sie bis heute gefangen bleiben sollte. Diese Verarmung des Wahrnehmungsvermögens aber, das nicht mehr die Welt, sondern nur noch sich selbst in dieser verstehen will, führte genau zu dem Verlust der Persönlichkeit, die nur durch Selbstdistanz und Weltläufigkeit zu lukrieren ist. Der romantische Konsument aber will sich seiner selbst eher durch Identifikation als durch Interaktion versichern. Nur dadurch lässt sich die damals aufkommende Vergötzung der großen Persönlichkeit, des Genies, des Ausnahmemenschen erklären, ebenso wie die Psychologisierung und Personalisierung historischer und politischer Prozesse. Folglich erhält der Rebell nicht durch die Inhalte der Rebellion sein Sex-Appeal, sondern durch seine Leidenschaftlichkeit und Konsequenz, und folglich kann diese Rebellion sowohl einer progressiven als auch konservativen Sache dienen, und im Frühling des nationalen Erwachens sind beide noch schwer zu trennen. Die Selbst-Erhebung des Rebellen reizt und nicht wofür und wogegen er sich erhebt. Erst im Laufe des Vormärz sollte sich der revolutionäre Habitus wieder mit konkreten Inhalten aufladen, aber seine romantische Codierung, die «Ästhetisierung des Politischen» nie mehr verlieren.

Hier trat Lord Byron auf den Plan, der bad boy der europäischen Romantik, die erste und größte Popikone seiner Zeit, institutionalisierte Seitensprungfantasie der bürgerlichen Frauen und Vorbild aller Männer, denen nicht der Sinn danach stand, Amt oder Firma des Vaters zu übernehmen. Alle wollten sein wie er, viele imitierten sein Hinken, Heinrich Heine sogar das nervöse Zucken seiner Oberlippe. Durch seine Dichtung, mehr noch durch seine Person und noch mehr durch das ihm angedichtete Image verkörperte Byron einen Typus, der als Byron’scher Held zu einem Evergreen der Kulturindustrie avancieren sollte.

Was ist ein Byron’scher Held? Moralisch ambivalenter Außenseiter mit kleidsamen Scharten in der Seele und poetischem Verhältnis zur Welt; jedoch kein naiver Schwärmer wie die anderen witzlosen Bubis der Romantik, sondern ein abgeklärter Spötter mit verdüstertem Sinn und gebrochener Identität; Wüstling, Abenteurer, radikaler Individualist; er sucht nicht nach Licht und Einheit mit den Elementen, sondern steht eher an sturmumtosten Klippen unter gewittrigem Himmel und lässt seine Blicke dämonisch den Mächten des Bösen entgegenglänzen. Er stellt sich auch, wenn es ihm gerade in den Sinn kommt, auf die Seite der sozialen Revolte, weniger um die Welt zu verbessern, als deren Ordnung die Stirn zu bieten, die er ebenso gering schätzt wie er selbst deren Meinung von ihm.

Die witzigste Parodie dieser Selbst- und Fremdstilisierung hat Michail Lermontow mit seinem Roman Ein Held unserer Zeit geschaffen. Selbst ein Byronist durch und durch ließ er in dieser selbstironischen Abrechnung mit der Romantik kein Klischee des Byronismus aus und starb gleich seinem zweiten Vorbild Puschkin höchst byronistisch – wie er im Roman bereits antizipiert hatte – bei einem Duell.

Eines der wichtigsten Ingredienzien des Byron’schen Helden aber ist sein Verhältnis zu fremden kulturellen Milieus. Nicht wie der Bildungsreisende der Grand Tour, nicht wie der Orienttourist stelzt er dort mit offenem Mund und exotistischem Kitzel herum, sondern bewegt sich mit aristokratischer Selbstverständlichkeit wie unter seinesgleichen; als Sittenloser kann er auch in fremde Sitten schlüpfen, exemplarisch dafür selbst Lord Byron als junger Mann am Hof des südalbanischen Ali Pascha von Janina, wo er sich als schottischer Hochländer unter albanischen Hochländern geriert. Ein Teufelskerl unter Teufelskerlen. Niemand hat die Lächerlichkeit der byronischen Stilisierung so erkannt wie er selbst, trotzdem trieb ihn der Druck seines Images, als er anfing, Haar zu verlieren und Gewicht zu gewinnen, an die Spitze der Griechischen Revolution, wo er nicht den Heldentod fand, sondern – recht unbyronisch – an Fieber verstarb.

Sowohl als Dichter wie als Person erfüllte Njegoš eine ganze Menge der Kriterien zum Byron’schen Helden. Zeitzeugen bestätigen das. Der serbische Diplomat Jeremia Gagić, der dem politisch naiven Njegoš von der russischen Regierung als Konsul in Dubrovnik vor die Nase gesetzt wurde, machte diesem in seinen Korrespondenzen mit St. Petersburg folgendes unfreiwilliges Kompliment: »Der Bischof von Montenegro ist ein Hitzkopf. Er ist nicht zum Bischof geschaffen, sondern gäbe einen guten Grenadier ab, und man spricht von ihm als einem jungen, dreisten, gesetzlosen Mann, der durch die Lektüre von sittenlosen Büchern verdorben wurde und deshalb sowohl für sich als auch für die Montenegriner gefährlich ist.«

Und Fürst Metternich notierte nach einem Gespräch mit dem jungen Bischof: »Geistig und psychisch entwickelt; er besitzt wenig Respekt vor den Prinzipien der Religion und Monarchie und ist in ihnen auch nicht fest; er neigt zu liberalen und revolutionären Ideen; muss überwacht werden.«

Metternichs Empfehlung, dass man überwacht oder das eigene Werk verboten gehöre (eine Ehre, die auch dem Byronisten Heine zuteil wurde), zählte wohl zu den größten Komplimenten, die man sich im Vormärz erwarten durfte.

Doch in einem wesentlichen Punkt unterscheidet sich Njegoš vom Byron’schen Typus. Während Byron und Lermontow vor der Welt mit ihrer Fähigkeit, kulturelle Grenzen zu überwinden, durch den Umgang mit balkanischen und kaukasischen Banditen prahlten, führte Njegoš diese an. Während jene sich gerne in exotischen Milieus malen ließen, war er dieses selbst. Mit ihm, vertraut mit den europäischen Diskursen seiner Zeit, bekommt die Requisite erstmals eine eigene Stimme. Njegoš ist der erste Byron’sche Held, der selbst aus der Wildnis kommt. Der erste Winnetou, der selbst Winnetouromane schreibt.

Die zivilisierte Welt betrachtete Montenegro durch die romantische Brille, ihr autodidaktisch gebildeter Priesterfürst betrachtete die Welt durch dieselbe und begann auch die Sitten seiner Gesellschaft für den romantischen Goût zu filtern. Selbst den kroatischen und serbischen Intellektuellen des aufdämmernden Nationalbewusstseins waren die dinarischen Berge im Süden geheimnisvoll fremdes Land über den Wolken, Indianergebiet, Residue, Reservoir und Tankstelle nationaler Tugenden. Darum darf es nicht verwundern, dass der Dichter Ivan Mažuranić einen Stoff aus dem herzegowinisch-montenegrinischen Grenzland für einen Versepos wählte, der auch als Schlüsseltext kroatischen Selbstbewusstseins gilt, denn die Karten der nationalen Spiele wurden damals erst gemischt, und die Illyrische Bewegung, der Mažuranić voranstand, hatte zwar einen katholisch-kroatischen Kern, streckte aber noch die Bruderhände aus zu allen möglichen protojugoslawischen Allianzen. Sein »Tod des Smail Čengić Aga« (Smrt Smail-age Čengića) behandelte ein Ereignis aus der unmittelbaren Gegenwart, den Hinterhalt, den montenegrinische Krieger dem berühmten herzegowinischen General Smail Čengić Aga legten. Das Bemerkenswerte daran: Der Auftraggeber dieses politischen Mordes war niemand Geringerer als Mažuranićs geschätzter Dichterkollege, der Vladika von Montenegro selbst, Petar II. Petrović Njegoš. Dessen Biograf Milovan Đilas, seines Zeichens Montenegriner, Partisanenheld, Dichter und unter Tito in Ungnade gefallener Politiker, schreibt: »Als er den – dem Brauch nach gewaschenen und gekämmten – Kopf des Smail Aga zum Geschenk erhielt, warf er ihn wie einen Apfel in die Höh und rief, als er ihn wieder auffing: ›Nun bist auch du, armer Smail, zu mir gekommen.‹«

Zu dieser Zeit schrieb Njegoš gerade am Gjorski vijenac (Der Bergkranz), einem Versepos, der das Werk seines kroatischen Kollegen überstrahlen, zu den kanonischen Texten der südslawischen Literatur und auch zum Gründungstext der montenegrinischen Nation werden sollte, die Njegoš zufolge eine serbische sein müsse. Der Preis, der in dieser Dichtung für die Nationswerdung bezahlt werden muss, ist allerdings kein besonders appetitlicher: die Rechtfertigung des Ethnozids an allen muslimischen Montenegrinern.

 

III.

Clash of Cultures im Karst

 

»Was ist los hier Brüder Montenegrer? Wer hat diese Glut entfacht zur Flamme? Und woher der unglückselige Einfall, / Unsern Glaubenswechsel zu bereden? / Sind wir denn nicht ohnedies auch Brüder? / Ziehen wir gemeinsam nicht zum Streite? / Wohl und Wehe brüderlich wir teilen.«

Skender-Aga in Gorski vijenac

 

»Nimmer braucht der Wolf des Fuchses Wesen, / Und was soll dem Habicht eine Brille? / Reißt denn ein Moscheen und Minarette …«

Der Vojwode Batrić in Gorski vijenac

 

Njegošs literarisches Vermächtnis ist ein wahrer Glücksfall sowohl für die slawische Philologie als auch die nationalen Aspirationen der Südslawen – seine ungebrochene Faszination erhält es allerdings durch seinen Ausnahmestatus. Während der gebildete Mittelstand Europas, Dichter, Komponisten, Philologen, in die Niederungen der ihm oft fremden Volkskultur hinabstieg, um dort wilde Früchte zu sammeln und daraus Edelbrände für den gehobenen Geschmack sowie neue Identitäten zu destillieren, errichtete der oberste Häuptling des unbändigsten Widerstandsnestes, in das sich selbst die glühendsten Türkenhasser nicht ohne türkische Eskorte wagten, dort oben im Karst seine eigene Destillerie. Erstmals kommt das romantische Verwertungsprogramm von unten, aus dem autochthonen Schoß einer bewunderten, gefürchteten und verachteten Volkskultur, die weder einen nennenswerten Feudalismus kannte noch eine bürgerliche Klasse. Es ist die Leistung eines Einzelnen, der sowohl die archaischen Sitten seiner Gesellschaft als auch den Geist der Aufklärung sowie die Nationalisierungsbestrebungen der Romantik in sich trägt. Aus der Gluthitze der Reibung dieser Widersprüche sind seine Verse geschmiedet. Zwar pflegte Njegoš intellektuellen Austausch mit seinem Lehrer Sima Milutonović sowie Vuk Karadžić, den Begründern der neuserbischen Dichtung, doch war er wohl vertraut mit, aber relativ abgeschottet von den literarischen Schulen seiner Zeit, was ihn vor einer gewissen Konformität bewahrte. Seine Zehnsilber tragen die Signatur der montenegrinischen Volksepik und erheben sich aufgrund der Kenntnis der Weltliteratur dennoch über diese. Der nüchterne Pragmatismus seiner Herkunft treibt ihn eher zu Gedankenlyrik als zur Poesie der Verinnerlichung und Ergriffenheit, wie in den grüblerischen metaphysischen Reflexionen seines Werks Luča Mikrokozma (Lichtstrahl des Mikrokosmos). Die Härte und Ausweglosigkeit der ihn umgebenden Lebensverhältnisse schlagen sich auch in einem düsteren Pessimismus nieder, dem Schwärmen und Positivität fremd bleibt. Auch sein Individualismus, ansonsten Programm bürgerlicher Romantik, ist noch ganz nach dem Muster der vorbürgerlichen Individualität der Bergstämme geschnitten. Individualität in der pastoralen Stammesgesellschaft zeigt sich in einem pathetischen Ehrgefühl, in Eloquenz, der Wertschätzung bildreicher Rede also, vor allem aber in Egalität, der völligen Unfähigkeit, sich einer anderen Autorität zu beugen als der der eigenen Familie, des eigenen Bratstvo beziehungsweise Pleme. In der jugoslawischen Partisanenarme, die proportional hoch mit diesen geborenen Freischärlern bestückt war, so erzählt man, soll diesen das Abzählen der Truppe große Probleme bereitet haben. Die Zahlenreihe wurde von ihnen als Ranking verstanden. Keiner der Soldaten wollte sich als Nummer zwei oder drei bezeichnen, sondern als der Mann, der neben eins beziehungsweise einen Mann weiter von eins steht …

Obwohl Njegoš diese Tugend poetisch verklärt, wird er als Politiker alles daran setzen, sie zu brechen. Der Montenegriner gehörte niemandem, aber am wenigsten sich selbst. Er ist organischer Bestandteil seines Stammes. So verhält es sich in allen vorfeudalen Gesellschaften. Jeder Versuch, moderne Individualität in diese Kollektiv-Individualitäten zu projizieren, ist ein ahistorisches Missverständnis.

Njegošs Opus magnum Gjorski vijenac montiert moderne lyrische Formen mit traditioneller Volksepik. Es behandelt einen Konflikt und seine Lösung. Ein – wie nachzuweisen sein wird – fiktives Ereignis aus der jüngeren Vergangenheit, angesiedelt am Ende des 17. Jahrhunderts, als sein Vorfahr, der Vladika Danilo I. und der Stammesrat beschließen, alle muslimischen Renegaten (poturice) auszurotten. Doch die bloße literarische Verherrlichung dieses Massakers wäre auch Njegoš zu ruchlos gewesen, und so positioniert er den Fürstbischof als verantwortungsvollen Zweifler, der die Knezen, Vojwoden, Glavinare und Serdare, wie die Stammesführer heißen, zur Mäßigung aufruft. Denn schließlich seien die Renegaten vom selben Blute. Dieses zu vergießen hieße auch eigenes Blut vergießen. Andererseits ist er sich bewusst, dass der schleichenden Muslimisierung, mit welcher die Osmanen einen Keil durch die Stammessolidarität treiben wollen, Einhalt geboten werden muss. Man offeriert den muslimischen Notablen, zum Glauben der Väter zurückzukehren. Diese lehnen ab, und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

So ist er eben, der Balkan! Ethnische Gemetzel, Nationalismus, der ewige Krieg zwischen Kreuz und Halbmond; dort unten Folklore wie anderswo Oktoberfest und Faschingsumzüge, uralt wie die Felswände des Dinarischen Gebirges selbst, der redundante Beweis, dass Zivilisation in Südosteuropa eine dünne Humusschicht ist auf beständiger Archaik. Njegošs Versdichtung passt wie die Faust auf das vor historischer Realität verschlossene Auge. Es bedarf einiges Differenzierungsvermögens, um mit der auf den ersten Blick provokanten und doch in jeder Hinsicht belegbaren These zu kontern, dass es sich genau umgekehrt verhält: Die Gewaltexzesse auf dem Balkan seit der Auflösung des Osmanischen Reichs sind nicht vorzivilisatorisches Erbe, sie sind die Zivilisation! Respektive ihre ungustiösen Abfallprodukte. Sie sind die logische Konsequenz einer nationalistischen Homogenisierungspolitik, die im Konkurrenzkampf um Ressourcen auf unzähligen Ebenen miteinander verknüpfte und einander überlagernde Identitäten zu potenziellen Nationalidentitäten einschmolz. Der Gorski vijenac ist nicht der poetische Nachhall einer vormodernen Welt, sondern die Avantgarde einer zutiefst modernen. Wahrlich mangelte es auf dem osmanischen Balkan nicht an »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, außer einem: dem von Njegoš postulierten! Um diese Behauptung zu vertiefen, wird es notwendig sein, einige Schlaglichter auf die Verfasstheit der montenegrinischen Gesellschaft zu werfen.

 

IV.

Hundert Stämme, fünf Ethnien, vier Religionen – eine Gesellschaftsform

 

»Überfallen wir hier unsre Türken; / Wird von seiner Sippe niemand lassen, / Aufgespalten wird das Land in Stämme, / Die in blutiger Fehde sich zerfleischen

Bischof Danilo im Gorski vijenac

 

Zum Verständnis der Stämme muss der national verengte Fokus auf die Dinarischen Alpen ausgeweitet werden, also einen Gebirgszug, der sich vom Velebit und der Lika im heutigen Kroatien über die Herzegowina, Montenegro, Albanien bis Epiros erstreckt und im Pindos-Gebirge seine Fortsetzung findet.

Die nationale Ideologie des 19. Jahrhunderts gründete vorrangig auf linguistischen Kriterien. Um die Achse einer gemeinsamen Sprache wurden auch alle anderen Kriterien kultureller Identität aufgefädelt und auf Deckungsgleiche gestutzt. Eine frühere Schicht kollektiver Selbstidentifizierung setzte bei der Konfession an, der zentralen vorbürgerlichen und vornationalen Fremd- und Eigenzuschreibung. Da sie eine beständigere Identität vorstellte, versuchte man auch sie ins zunächst säkulare ethnonationale Narrativ einzuweben, was erwartungsgemäß zu unauflösbaren Widersprüchen führte.

Da Gebirgsgegenden dazu neigen, Residuen jeweils älterer Kultur- und Gesellschaftsformen zu beherbergen, entzieht sich der gegebene Fall sowohl den säkular-ethnischen als auch den konfessionellen Modellen, mit welchen ab der Romantik Völker gebastelt wurden. Ganz gleich, ob serbokroatischer, albanischer oder wlachischer Sprache, ob orthodoxer, katholischer oder muslimischer Religion, von der Drina in der Herzegowina bis zum Shkumbin in Albanien herrschte ein und dieselbe Gesellschaftsform vor mit derselben dazugehörigen Kultur: patriarchale, pastorale Stammesstrukturen, mal mehr auf Clan-, mal mehr auf Territorialprinzip basierend, mit der dazugehörigen Kultur aus Ehrenkodex, Wehrhaftigkeit, Volksepik und, weil der Boden nicht viel hergibt, Viehhaltung und Viehraub als Subsistenzformen. Interessanterweise glichen sich beinahe alle pastoralen Stämme dieser Welt darin, vor allem was das Banditenethos anbelangt, wie die frühirischen Heldenepen ebenso zeigen wie die nach wie vor gepflogene Praxis des Viehraubs bei Massai und Samburu in Kenia und Tansania. Ob Fehde oder Allianz, quer zu allen sprachlichen und konfessionellen Grenzen bilden sie ein Substrat. Ein Angehöriger des muslimisierten albanischen Berisha-Stammes hatte zum Beispiel mit einem des montenegrinisch-orthodoxen Bjelopavlić-Stammes in jedem Aspekt seiner Existenz mehr gemeinsam als mit einem albanischen Bauern vom Ohrid-See, und ein Bjelopavlić mehr mit einem Berisha als mit einem serbischen Bauern aus der Gegend von Kragujevac. Das leitet keinerlei Anspruch auf eine gemeinsame politische Identität ab, ebenso wenig wie – bis ins 19. Jahrhundert – auf eine großserbische oder großalbanische. In erster Linie, über alle sprachlichen und konfessionellen Überlagerungen hinweg, ist man seiner eigenen sozioökonomischen und politischen Einheit verpflichtet, dem pleme, dem bratstvo oder dem fis, wie die Stämme, Clans und Verwandtschaftsorganisationen bei Montenegrinern und Albanern heißen.

Woher kamen diese Stämme aber? Manche montenegrinische Vojwoden des 18. Jahrhunderts, die ihre Genealogien zu serbischen Adelshäusern hindichteten, wären verwundert darüber gewesen, dass ihre Vorfahren zweihundert Jahre zuvor noch wlachisch sprachen, und vielleicht sogar albanisch.

Was ist Wlachisch? Die Dinarischen Berge waren jenes Gebiet, das am spätesten slawisiert wurde, und diese Slawisierung ereignete sich selten durch Gewalt, sondern durch langwierige Akkulturierung, ähnlich wie etwa wie Germanisierung der slawischen Bevölkerung Ostösterreichs. Wlachen waren ursprünglich der Prototyp der patriarchalen Hirtengesellschaften Südosteuropas, ihre Sprache ist ein romanisches Überbleibsel aus den vorslawischen Zeiten des Imperium Romanum, die auf der gesamten Balkanhalbinsel gesprochen wurde, bis zu jener mal auf-, mal abwandernden Linie, ab der Griechisch gebräuchlich war. Albanisch hingegen ist das Nachfolgeidiom jener illyrischen Bevölkerungen, die sich nie romanisiert haben, respektive sich romanisiert und danach realbanisiert haben (ebenso wie es nachweislich immer wieder zur Albanisierung serbokroatisch oder wlachisch sprechender Menschen kam). Wlachen stammen also von einst romanisierten Illyrern (oder im Osten von Dakern und Thrakern) ab, Albaner von nicht romanisierten Illyrern. Diese Vereinfachung verletzt zwar eine viel komplexere Realität, darf aber als ungefähre Tendenz festgehalten werden. Wlachischsprachige Bevölkerungsgruppen hielten sich in Istrien, Albanien, Bulgarien, im Kosovo und in Mazedonien, aber mehr noch im nordgriechischen Pindos-Gebirge und Thessalien. Serbische, kroatische oder »bosnjakische« Patrioten vom westlichen Balkan, die noch immer an «linguistisches Blut» glauben, würden sich wundern, wie wenig echte slawische Immigranten sich in ihrer Ahnenschaft getummelt haben.

Die ethnischen Verhältnisse in der dinarischen Region sind durch venezianische und osmanische Kataster relativ gut dokumentiert. Bis ins 16. Jahrhundert war Wlachisch noch das Hauptidiom in der Herzegowina, und auch ein starkes albanisches Substrat ist feststellbar. Viele der heutigen nordalbanischen Stämme dürften aus dieser Region nach Süden gewandert sein, auch die Heldenlieder der blinden Barden und Fidelspieler (Lahutari, der Entsprechung der montenegrinischen Guslari) bestätigen diesen bosnisch-herzegowinischen Einfluss. Nördlich der Ebene von Podgorica kam es zu einer massiven Serbisierung einer wlachischen und zu geringerem Teil albanischen Bevölkerung, südlich davon zu einer Albanisierung, die bis jetzt anhält. Die mittelalterlichen Fürstentümer der – je nach albanischer oder slawischer Interpretation – Balshas oder Balšići weisen sich zum Beispiel noch nicht als explizit albanisch oder slawisch aus. Der Adel der Region heiratet untereinander; es handelt sich dabei indes nicht um ethnische »Mischehen«, weil eben nicht die Sprache und nicht einmal die Konfession die kulturellen Grenzen munizipieren. Auch das Königreich der Nemanjiden war kein serbischer Staat im nationalen Sinn, sondern eine von einem serbischsprachigen Adelsgeschlecht beherrschte Domäne, die kulturell so bunt geriet, das die an monokulturelles Grau gewohnten Nationalistenaugen bei ihrem Anblick erblinden würden.

Der montenegrinische Bergstamm aber, wie er sich im 19. Jahrhundert den nationalen Schwärmern als urserbische Résistance gegen die verhassten Türken darbot, in welcher die Großfamilie (zadruga) in unverfälschter Permanenz untergegangener Serbenherrlichkeit fortwest, verdankt sich den Osmanen selbst! Der Stamm braucht den Türken nicht nur als Antagonisten zur Überwindung interner Konflikte, er verdankt diesem auch seine Existenz. Wie das? Als die slawisch-albanisch-wlachischen Fürstentümer der miteinander verwandten Kastrioti und Crnojevići den Osmanen unterlagen, füllte sich das dadurch entstandene Machtvakuum mit einem Equilibrium miteinander konkurrierender Stämme. Während es sich bei den nordalbanischen Stämmen um relativ »reine« Abstammungsgruppen handelte, stellten die sich erst formierenden montenegrinischen oft bunt zusammengewürfelte Territorialgemeinschaften dar, was sie nicht hinderte, auch kollektive Genealogien zu entwerfen. Durch die osmanische Expansion ausgelöste Wanderungsbewegungen in die Berge verstärkten das slawische Element innerhalb der montenegrinischen Gesellschaft und führten letztlich zu dessen Dominanz. In einem noch direkteren Sinn erwiesen sich die »Türken« als Geburtshelfer der Stämme: Oft bilden sie sich als Territorialgemeinschaften auf von der osmanischen Verwaltung festgelegten Verwaltungseinheiten, den sogenannten Nahijen (auf albanischem Gebiet entsprachen ihnen die Bajraks).#1#

Die Stämme in Crna Gora sind folglich sowohl ein archaisches als ein rezentes Phänomen – rezent, weil sie sich aus Alteingesessenen und neuen Zuwanderern zur Zeit der osmanischen Landnahme neu formierten, archaisch, weil sie dort uralte, zumeist wlachische Territorial- und Sozialsysteme revitalisierten. Interessanterweise bildeten sich die montenegrinischen und herzegowinischen plemena zur selben Zeit heraus wie die schottischen Highlandclans, denen in der nationalistischen Mythografie gleichfalls biblisches Alter attestiert wird. Die einzige Region auf dem osmanischen Balkan, wo sich der alte südslawische Adel erhielt, war Bosnien, und zwar durch geschlossenen Übertritt zum Islam.

Die identitätsstiftende Konfliktlinie, somit die ethnische Grenze, stellt in Njegošs Versdichtung die konfessionelle zwischen Islam und orthodoxem Glauben dar. Das ist der Stand der Dinge um 1830. Von genuin montenegrinisch-albanischen oder serbisch-albanischen Konflikten aber ist noch lange nicht die Rede. Zwar leben montenegrinische Stämme mit nordalbanischen in ständiger Fehde, aber das tun beide auch untereinander, und ebenso häufig schließen sie Allianzen. Noch Njegoš bemühte sich regelmäßig um antiosmanische Allianzen mit den Fiset#2# des Berglandes an der Grenze, das man Malësia e Madhe nennt, mit den Hoti, Kastrati, Gruda, Kelmendi und Shkrela, aber auch weiter im Süden bei den mächtigen Mirditen. 1832 griff Njegoš an der Spitze seiner Armee gemeinsam mit den albanischen Hoti Podgorica an.

Die unendliche Vielfalt der Allianzmöglichkeiten quer über alle sprachlichen und konfessionellen Grenzen hinweg stellt noch nicht den Umstand in Rechnung, dass eine Vielzahl der Grenzlandstämme eine gemischte Genealogie aufweist. Oft leitet sich ein und derselbe Stamm von albanischer und montenegrinischer Seite her von unterschiedlichen Vorfahren ab, viel öfter sind es aber dieselben mit alternierend slawischer oder albanischer Schreibweise.

Kuči, Piperi oder sogar die mit den Petrovići verwandten Martinovići wuchsen auf einem starken albanischen Substrat. Mit dem intellektuell stimulierten serbo-montenegrinischen Nationalgefühl ab 1800 und dem albanischen ab 1870 wurden die Genealogien kontinuierlich nationalen Reinheitsgeboten unterworfen, was an der gesellschaftlichen Realität allerdings weitgehend scheiterte und auch scheitern musste. Bereits unsere Verwendung von Begriffen wie gemischtethnisch oder gemischte Stämme zeugt von der nationalen Formatierung unseres Bewusstseins, denn Mischung setzt zwei disparate Mengen voraus, die sich da vermischen. Als Hauptmarker dieser Differenz wird uns seit zweihundert Jahren die Sprache eingebläut. Aber wer sagt, dass sich sogenannte gemischtethnische Stämme als gemischt empfanden?

Als weitaus auffälliger und widersprüchlicher wurden mehrere Konfessionen innerhalb eines Pleme, Bratstvo oder Fis empfunden. Eines der signifikantesten Beispiele für eine völlige Indifferenz gegenüber dem, was später eine ethnische Identität ausmachen soll, ist der Stamm der Kuči, der sich bis heute gegen Zuordnungen durch Muster sträubt, die bestimmt von keinem Kuči erfunden wurden. In offensichtlicher Verlegenheit teilt man dieses Volk in albanische und montenegrinische Teile, doch selbst der albanische (Trieshi/Zatribejač) ist, höchst selten unter nordalbanischen Fiset, orthodox und katholisch, und der muslimische Teil der Kuči siedelt nach wie vor auf montenegrinischem Gebiet. Und nun eine Situation, die weltweit vornationale Ethnizitäten bestimmt: Vorrangige Identität der Kuči war Kuči, alles andere bedeutungslos. Sie waren bilingual und multikonfessionell.

1856 wollte Mustafa Atallah, der Gouverneur von Shkodra, einige Kuči-Sektionen, die zu den Montenegrinern übergelaufen waren, durch Geschenke und Privilegien auf osmanische Seite zurückbringen. Der Turkologe und Osmanologe Maurus Reinkowski kolportiert in seinem fantastischen Buch Die Dinge der Ordnung die Verhandlungen zwischen den Parteien. »Auf die Frage des Gouverneurs, warum sie Zuflucht bei Montenegro gesucht hätten, antworteten die Vertreter der Kuči, dass ihre Gebiete in der Nähe zu Montenegro lägen und sie seit jeher ohne besonderen Grund ihre Zughörigkeit wechselten.«

Dass diese Mischung aus pragmatischem Umgang mit oktroyierter Loyalität und gelebter Bilingualität und Multikonfessionalität kein historisches Relikt ist, sondern nach wie vor gelebte Praxis, weist die in Wien lebende Anthropologin Jelena Tošić nach, die in ihren Feldforschungen im albanisch-montenegrinischen Grenzland Mehrfachidentitäten nachspürte und in einem nicht erwarteten Ausmaß fündig wurde. Diese würden Tošić zufolge in der erforschten Region eher die Regel als die Ausnahme darstellen und hätten durch die Generationen hindurch allen nationalen Anrufungen und Bekenntniszwängen gleichmütig widerstanden. Besonders der weit verzweigte Sarapa-Clan#3# wiese orthodoxe und muslimische Zweige auf. Man könne allerdings nicht von montenegrinischen und albanischen Lineages des Stammes sprechen, denn albanische und serbokroatische Sprache seien gleichermaßen Muttersprachen. Somit bezeichneten sich viele von Tošićs Informanten als montenegrinisch und albanisch, und zwar zu beiden Seiten der Staatsgrenze. Und nicht nur meldeten manche von ihnen ihre Zweifel an dem von Njegoš kolportierten Massaker an den Muslimen an, sondern übten heftige Kritik an der unheilvollen Rolle des Nationaldichters bei der Mobilisierung von ethnischen Grenzen, welche quer durch die Stämme verliefen.

Es braucht hier nicht detaillierter darauf eingegangen werden, dass der Begriff Türke auf dem Balkan selten ethnische, also kleinasiatische Türken bezeichnete, sondern Menschen muslimischen Glaubens. Ethnische Etikettierung als Kongruenz von Sprache, Kultur und Gruppe war noch ziemlich bedeutungslos im Vergleich zu den größeren konfessionellen und den kleineren lokalen Identitäten. Lediglich die Stammeszugehörigkeiten der Gebirgsregionen nahmen unsere aktuellen Vorstellungen von kultureller Einheit vorweg, diese aber konstituierten sich in der Regel quer zu den heutigen Zuschreibungen Albanern, Serben, Bosnjaken und Kroaten. Türke bedeutete nichts mehr als jemand, der die Religion der türkischen Invasoren angenommen hat, und mit den türkischen Invasoren waren die Truppen und Verwaltungsbeamten einer turksprachigen Herrscherdynastie gemeint. Zwar wurden im Peloponnes, in Thessalien, Mazedonien und auch dem heutigen Serbien türkische Bauern angesiedelt und hielt sich einige Jahrhunderte das Timar-System, von osmanischen Rittern (Sipahis) gehaltene, aber nicht erbliche Lehen, diese drangen allerdings selten ins Bergland vor. Das osmanische Verwaltungssystem der Millets gliederte die Bevölkerungen des Reiches im Allgemeinen, des europäischen Teils (Rumeli) im Speziellen in Muslime und Raja (reâyâ). Damit waren abgabepflichtige Untertanen, also Christen und Juden gemeint.

Schwer nur konnten die Gebirgsregionen und ihre wehrhaften Bewohner unterworfen werden. Wie überall sonst auf der Welt behalf man sich mit Indirect Rule, Sonderrechten, Steuererleichterungen oder -befreiung, sowie dem Versuch, durch Zuwendungen die Loyalität der Stämme zu sichern, sie durch Intrigen gegeneinander aufzuhetzen, in Elitetruppen zu integrieren oder als lokale Polizeitruppen einigermaßen an sich zu binden.

Es waren vor allem die Rechtsunterschiede und das Steuersystem, das den Keim zu Konflikten zwischen den Konfessionen legten, die jedoch nie ursächlich konfessionell waren, auch wenn sie sich als solches artikulierten. In den Bergen aber, mit ihren autarken und oft von der Lokalmacht privilegierten Stämmen, musste muslimischer Glaube nicht zwingend Solidarität mit der muslimischen Oberhoheit bedeuten. Besonders albanische Stämme muslimischen Glaubens lehnten sich in periodischer Regelmäßigkeit gegen zumeist slawisch- oder albanischsprachige Paschas und Gouverneure auf, oft gemeinsam mit christlichen Stämmen, genau so oft, wie christliche Stämme im Sold der osmanischen Macht unbotmäßige Muslime zur Räson brachten. Seit dem 18. Jahrhundert und dem Bedeutungsverlust der Janitscharen avancierten albanische Söldnertruppen zum prägenden Element der osmanischen Militärmacht.

Wie wenig zum Beispiel der Griechische Unanhängigkeitskrieg den vereinfachenden Mustern seiner Wahrnehmung entspricht, beweist eine Episode aus seiner nationalen Heldengeschichte. Als neuer Leonidas wurde der Freischärler Markos Botsaris von der europäischen Presse gefeiert, als er sich am 21. August 1823 mit einer kleinen Schar Getreuer in einer Kamikazeaktion ins türkische Feldlager bei Karpenisi stürzte und dort den Tod fand. Der »Grieche« und seine Mitstreiter waren aber orthodoxe Albaner vom Stamm der Sulioten und die »Türken« Katholiken vom nordalbanischen Stamm der Mirdita, der zu dieser Zeit militärisch schlagkräftigsten Stammeskonföderation der Berge. Und die gemeinsamen Revolten albanischer und montenegrinischer Clans im 17. und 18. Jahrhundert, sowohl orthodoxer, als auch katholischer und muslimischer, welche die Geschichtsschreibung als protonationale Erhebungen gegen den Sultan preist, waren Aufstände gegen eigenmächtige Lokalpotentaten – und zwar weil sie die alten, von der Hohen Pforte garantierten Sonderrechte sukzessive unterhöhlten. Diese zentrifugalen Lokalmächte – zu Zeiten Njegošs und der Griechischen Revolution waren dies exemplarisch der Bosnier Ali Pascha Rizvanbegović, der Südalbaner Ali Pascha von Tepelene, die Dynastie der Buschatlis in Shkodra oder der albanische Vizekönig von Ägypten, Mehmet Ali Pascha – waren selbst Spaltpilze des Reichs und mussten von Istanbul aus militärisch niedergerungen werden. Oft handelten die Stammeskrieger folglich im Auftrag des Sultans, oft aber im Sold Venedigs, Russlands oder Österreichs, wobei Franziskaner und orthodoxe Bischöfe sich fleißig in protonationaler Propaganda übten.

Besonders rebellische Antagonisten innerhalb Rumelis, der »europäischen Türkei«, fand der Sultan indes in den muslimischen Agas Bosniens, und als Mahmut II. Reformen und Modernisierungsschübe vorantreiben wollten, kleidete sich der Kampf um bosnische Sonderrechte in eine Wertedebatte, in den Widerstand alter osmanischer Werte gegen die Gottlosigkeit, gegen die Europäisierung der Zentralgewalt. Njegoš selbst bemühte sich am Beginn seiner politischen Karriere um eine konservative Union mit den bosnischen und albanischen Lokalautoritäten gegen Istanbul, ehe er auf ein serbisch-montenegrinisch-russisches Machtmodell umschwenkte.

 

V.

Kreuz und Halbmond?

 

FERAT ZACIR: »Mag das Land auch wenig Raum uns bieten, / Können doch zwei Glauben sich vertragen / Wie in einer Schüssel zwei Gerichte. / Leben wir denn brüderlich wie bisher, / Größrer Liebe können wir entraten.«

KNEZ JANKO: »Täten’s gern, ihr Türken, doch es geht nicht; sonderbar ist diese unsre Liebe, / Unheimlich begegnen sich die Blicke, / Können nicht nach Bruderart sich treffen, / Sondern nur voll Feindesarg und Wildheit. / Augen sprechen, was das Herz heißt reden.«

Petar II. Petrović Njegoš, Gorski vijenac

 

Scheinkonversionen und Krypto-Islam sind ein häufiges Phänomen auf dem osmanischen Balkan, und nationalistische Historiografien stürzen sich verständlicherweise darauf, um die heimliche Glaubenstreue der Christen zu bezeugen. Doch ist damit nicht alles gesagt. Denn Motive des Übertritts sind so mannigfaltig wie die Gestalten religiöser Praxis selbst. Eine in seiner Tendenz richtige und dennoch naive Auffassung führt politischen Pragmatismus, ökonomische und soziale Faktoren ins Treffen. Dem liegt ein etwas ahistorisches, modernes Verständnis von zweckrationalem Handeln zugrunde und mündet in der banalen Erkenntnis, dass religiös argumentierte Konflikte ja keine echten Glaubenskonflikte seien. So weit, so richtig. Doch selbst ehrlich empfundene Religiosität kann von einem heute schwer nachvollziehbaren Pragmatismus durchdrungen sein. Die eher von magischen Praktiken und Ritus bestimmte Volksreligiosität ist nicht mit Begriffen der Bekenntnisreligion zu fassen. In jedem Kontext ist zu fragen, wie sehr Dogmen und Grundsätze tatsächlich das religiöse Bewusstsein der Gläubigen bestimmten. Was für Städte galt, musste nicht für bäuerliche Gemeinschaften gelten, und galt schon gar nicht für die Bewohner der Berge. Hinlänglich beschrieben wurde, wie dünn der Firnis von Christentum und Islam auf den beständig paganen Vorstellungen in Südosteuropa war, und logischerweise war er nirgends dünner als in den Gesellschaften der Gebirgszüge. Die gesamte Neuzeit hindurch gleicht sich das Entsetzen kirchlicher oder aber muslimischer Legaten in ihren Beschreibungen der religiösen Unbildung lokaler Priester und Hodschas in Katechismus und Grundsätzen ihrer jeweiligen Konfessionen.

Keine einzige Abweichung bei Berichten von Zeitzeugen findet sich seit dem Mittelalter zudem von dem Urteil über die extreme religiöse Flexibilität der Nordalbaner. Diese nahmen Islam oder die christlichen Bekenntnisse nicht allein zum Schein an, um heimlich ihre wahre Herzensreligion zu leben – vielmehr wahr ist, dass keine der handelsüblichen Religionen ihrem Herzen nahe genug kam. Manche Reisende attestierten ihnen auch ein geringeres Maß an Aberglauben als benachbarten Völkern. Jedenfalls war bei ihnen die Glasur der konkurrierenden monotheistischen Glaubenssysteme dünner als sonst wo, und es gibt keinen Grund, warum das in Montenegro und der Herzegowina über lange Zeit hinweg nicht ebenso gewesen sein soll. Pragmatismus heißt hierbei nicht bloß, einen Sohn muslimisch, den anderen katholisch taufen zu lassen, um Steuerbefreiung von den Osmanen und Geschenke von der Kurie, Venedig oder Österreich zu bekommen, sondern auch, sich zwei, wenn nicht sogar drei Varianten der Heilsversprechung zu versichern. Die Steuern waren ohnehin schwer einzuheben. Volksreligiosität war in den Bergen also mehr als anderswo ein Synkretismus aus Parodien von christlichem oder muslimischem Ritus und paganem Geisterglauben und Schutzzauber. Theologische Dispute, wie ihn zu dieser Zeit Protestanten mit Katholiken austrugen, waren auf dem Balkan von geringer Relevanz, zumal auch die europäischen Glaubenskriege nach den ewig gleichen Motiven von Macht und Kampf um Ressourcen orchestriert waren. Der christliche Dschihad gegen die Ungläubigen, wie ihm Njegoš als Bestandteil eines serbomontenegrinischen Nationalprogramms vorschwebt, dürfte den Berg-Hajducken zwar ein ganz praktischer Vorwand zu Plünderzügen und »Steuerflucht« gewesen sein, aber in seiner militanten Exklusivität letztlich unverständlich.

Der weltliche Charakter des kriegerischen Bonvivants Njegoš, den der russische Konsul Gagić und andere Zeitgenossen bezeugten, war nur eine moderne Zuspitzung der allgemein recht diesseitsbezogenen Praxis der orthodoxen Kirchen. Die Popen erfüllten das Bedürfnis der einfachen Leute nach Ritus und dem Numinosen, als politische Beamte ihres Millets oblagen ihnen in weiten Teilen Südosteuropas auch weltliche Pflichten wie Rechtsprechung und Besteuerung. Als größte christliche Profiteure der osmanischen Macht bedeuteten sie den Bauern oft eine größere Plage als die muslimischen Lokalbehörden. Die orthodoxe Kirche erwartete vom Sultan die Eindämmung des katholischen Einflusses auf dem Balkan, und die dominante griechische Kirche zudem die Eindämmung der autokephalen serbischen und bulgarischen Orthodoxien. Was sie nicht hinderte, intern eine antimuslimische Programmatik zu schüren. Speziell als das erstarkte russische Zarenreich begann, sein Expansionsinteresse auf dem Balkan mittels der Ideologie eines orthodoxen Neo-Byzantinismus geltend zu machen, dem Vorläufer des säkularen Panslawismus, schwankten viele kirchliche Notabeln zwischen Loyalität zum Sultan und offener Revolte. Eine harte Front der griechischen Orthodoxie gegenüber den serbischen und bulgarischen Kirchen sollte gegen Ende des 19. Jahrhundert auch die Konkurrenz der ethnonationalen Nationalismen unterfüttern und besonders bei der Aufteilung der letzten osmanischen Provinzen wie Mazedonien zu solch scheußlichen Pogromen führen, wie sie Njegoš im Gorski vijenac ideologisch vorbereitete.

 

VI.

Leben und leben lassen

 

»Wo das Samenkorn den Keim getrieben, / Dort nur soll es seine Frucht auch tragen

Petar II. Petrović Njegoš, Gorski vijenac

 

»Noch kurze Zeit, und dann werde auch ich in den Himmel kommen, und dort werde ich Smail Aga treffen, und er wird auf mich zugehen, mir die Hand schütteln und zu mir sagen: Ich habe dich erwartet, Todfeind aus dem Tal der Erde; dort habe ich dich gehasst, aber hier liebe ich dich

Novica Cerović, der Mörder des Smail Čengić Aga

 

Das Osmanische Reich hatte lange keine besonders gute Reputation. Die nationalistischen Narrative kontrastierten ihre Erfolgsstorys mit Jahrhunderten türkischer Despotie und Bestialität, eurozentristische und christliche Narrative schlugen in dieselbe Kerbe. Dies führte innerhalb eines kritischeren Diskurses zu einer Neubewertung osmanischer Herrschaftspraxis, die dem abwertenden Image gegensteuert und dabei verlässlich übers Ziel hinausschießt, weil sie selbst ex negativo in besagten Narrativen gefangen bleibt, diese aber bloß positiv wendet. Mit einem nicht minder ideologischen Filter siebt diese in recht ahistorischer Manier die positiven Aspekte der Osmanen aus ihrem jeweiligen Kontext. Es sind das vor allem die religiöse und kulturelle Toleranz, die dem Bild von der asiatischen Barbarei das eines multikulturellen Wohlfühlreichs entgegenhalten. Oft dient diese moralische Geschichtsinterpretation als Argumentation gegen aktuelle Türken- und Islamfeindlichkeit. Dieselbe Halbbildung ist das, deren Träger Menschen, welche aus rassistischen Gründen Kopftuchträgerinnen angreifen, nicht, wie es sich gehört, überwältigen oder zumindest die Polizei rufen, sondern den Aggressoren stattdessen Vorträge über das hohe zivilisatorische Niveau des Kalifats von Cordoba, über Ibn Ruschd und Ibn Sina halten. Die enthusiastische Verteidigung der Osmanen, gegen Eurozentrismus gerüstet, affirmiert die organischen Konzepte von ethnischer und konfessioneller Identität. Dass im Osmanischen Reich konfessionelle Unterdrückung oder kultureller Assimilationszwang geringer ausfielen als ihn vielen europäischen Domänen beziehungsweise nicht existierten, war nicht dem Goodwill der Sultane und Wesire gutzuschreiben, sondern stand schlichtweg noch nicht auf der Herrschaftsagenda. Im System indirekter Herrschaft erhielten sich bis weit in die Neuzeit hinein Muster der Antike und des Mittelalters, die Praxis etwa der persischen und byzantinischen Großreiche. Wer die subtilen Historienromane Ivo Andrićs liest, dürfte ein relativ realistisches Bild erhalten von der Härte der osmanischen Lebensbedingungen und der Stagnation gesellschaftlicher Dynamik. Die Herrschaftsdomäne, die Osmanisches Reich genannt wird, gestaltete sich in Zeit und Raum als dermaßen heterogen, dass Verallgemeinerungen nicht greifen und selbst den Verdacht des Organizismus erwecken, denn niemand käme etwa auf die Idee, Politik und Kultur zu Zeiten Karls V. mit der Epoche Josephs II. in einen Topf zu werfen.

Ein Großteil der »türkischen« Gräuel, welche die nationalistische Fama als Konstituens ihrer Passionsgeschichte behauptet, ist Propaganda. »Chios!« – so erschallt der Einwand unisono. Was ist mit der Ausrottung und Versklavung der griechischen Zivilbevölkerung der Insel Chios im April 1822 und anderen Pogromen in Istanbul und Smyrna? Erst die Berichterstattung darüber löste eine Welle der internationalen Solidarität mit dem Schicksal der geschundenen Griechen, zumal Nachkommen der großen Zivilisation, aus. Die Zeitungen berichteten allerdings nicht darüber, was zwischen März 1821 und April 1822 auf dem Peloponnes vorgefallen war, worüber aber der große philhellenische Brigadist Thomas Gordon und alle anderen beteiligten Westeuropäer Zeugnis ablegten: die Ausrottung und Versklavung der gesamten muslimischen und jüdischen Bevölkerung, an die zehntausend allein in den ersten Kriegsmonaten, durch die griechische Aufständischenarmee, größtenteils Kleften, eine Kaste freier Banditen. Voll Abscheu berichten die Zeitzeugen, die gekommen waren, um den edlen Griechen in ihrem Kampf gegen türkische Barbaren beizustehen, vom Abschlachten, Foltern, Vergewaltigen, von einem nach wie vor nahezu unbekannten Genozid, der alles, was im 17. und 18. Jahrhundert an Grausamkeit in Rumeli passiert war, in den Schatten stellte. Auch Kinder und Frauen wurden wahllos gemordet, besonnenere Gemüter versklavten sie. Als durch das plötzliche Überangebot die Preise auf den nordafrikanischen Sklavenmärkten fielen, entledigten sich die griechischen Freiheitshelden ihrer Ware durch Messer und Gewehr. Das einzige griechische Dokument der Revolution sind die Memoiren des Kriegshelden Yannis Makriyannis. Darin verleiht dieser seiner Scham und Abscheu über die Taten seiner Waffenbrüder Ausdruck; immerhin war sein eigenes Leben zweimal nach verlorenen Schlachten von omanischen Feldherren verschont worden. Und rechnet man die Kriegsgräuel beider Seiten gegeneinander auf, wird es schwierig, nicht parteilich zu sein. In der Tat schonten die osmanischen Akteure weitaus häufiger die Zivilbevölkerung, als die Insurgenten es taten. Durchaus aus politischem Kalkül, die osmanischen Strafexpeditionen mussten die Nachschubwege ebenso sichern wie ein gutes Image. Denn die größten Opfer der griechischen Rebellen waren die griechischen Bauern selbst. So nimmt es nicht wunder, dass die griechische Bevölkerung von Attika, Christen und Muslime, den Wesir Mehmed Reschid Pascha und seine Armee als Befreier begrüßte, nachdem sie ein Jahr lang von den Warlords Odysseus Androutsos und Yannis Gouras terrorisiert worden war. Die attischen »Griechen« sprachen im Übrigen größtenteils albanisch, wie beinahe vierzig Prozent aller Einwohner des befreiten Gebiets, Epiros und Thessalien nicht miteingerechnet.

Petar Petrović Njegoš muss mit den Ereignissen auf dem Peloponnes vertraut gewesen sein, denn was die westlichen Medien unterschlugen, verbreitete sich unter den Christen Rumelis schnell. Und er musste die griechischen Hajducken beneidet haben um die Skrupellosigkeit, mit der sie sich ihrer muslimischen Nachbarn entledigt hatten. Bis zu einer ehernen ethischen Schranke: Frauen zu vergewaltigen, sie und ihre Kinder zu töten war in den montenegrinischen und nordalbanischen Berggesellschaften eine untilgbare Schande, die zur Ächtung der gesamten Familie des Täters führte. Dieser sympathische Aspekt des tribalen Ehrenkodex hat natürlich recht unprosaische Motive. In den bettelarmen, von Hunger, Krankheit und Blutrache bedrohten Sozietäten galt die Frau als lebenswichtige »Reproduktionsmaschine«, noch dazu als »Privatbesitz« der Familie des Mannes.

Die Blutrache ist, entgegen landläufiger Vorstellungen von der prinzipiellen Gewalttätigkeit der Gesellschaften, die sie ausüben, dessen exaktes Gegenteil – nämlich ein Regulativ dieser Brutalität. Wo Rechtsstaatlichkeit fehlt, dient sie dazu, jeglichen Verstoß gegen den oral übermittelten Ehrenkodex per Drohung zu sanktionieren. Man vermeidet jeden Anlass dazu tunlich, denn sie kann weite Bevölkerungsteile über Generationen hinweg ins Unglück stürzen, und die Methoden, sie beizulegen, sind kostspielig und kompliziert. In der Realität lief dieses System aber regelmäßig aus dem Ruder, und die Flucht vor der Vendetta stellt einen nicht unbedeutenden Push-Faktor für Emigration und Konversion dar. Dies gilt weniger für die muslimischen Stämme, die ihr Gewohnheitsrecht beibehielten. Doch die verfluchten Berge hinter sich zu lassen, sich in tieferen Gefilden oder in einer Stadt unter muslimischer Herrschaft anzusiedeln, konnte auch eine Option der Befreiung sein. Dass Njegoš die Blutrache unter seiner Regentschaft abschaffen wollte, darf nicht nur als Akt der Humanität oder der Befriedung interpretiert werden, sondern als logischer Schritt bei der Usurpation des Gewaltmonopols. Doch seine »Regentschaft¡ war schwach und den montenegrinischen Sitten noch unverständlich, umso mehr bedurfte es zur Durchsetzung einer res publica, wie wir seit Carl Schmitt wissen, eines absoluten Feindes. Ein Massenmord an muslimischen Sektionen gemischtkonfessioneller Stämme hätte das Land in den permanenten Terror der Blutrache gestürzt. Bischof Danilo aus dem Gorski vijenac weiß das, doch der Sachzwang konfessioneller Reinheit obsiegt, zum Glück einstweilen nur in der Dichtung.

Natürlich waren die »Türken« als Feindbild schon vor Njegoš ein einigendes Band in der montenegrinischen Gesellschaft, und die mythischen Bezüge zu einem alten serbischen Adel und zum Opfergang auf dem Kosovo polje (Amselfeld) wichtiges Ingrediens diverser Stammesgenealogien. Dennoch ist ein Massenmord an Teilen der eigenen Stammesgesellschaft, wie ihn Njegoš programmatisch in die Vergangenheit projiziert, ein Ding der Unmöglichkeit. Aus vielen Gründen.

Festzuhalten bleibt, dass die ethnische Grenze zu einem absoluten Feind, in gegebenem Fall dem »Türken«, ein probates Mittel war, den Ehrenkodex zu dispensieren, der die Koexistenz mittelloser Clans in fragiler Balance hielt. Auf dem ganzen Balkan grassierte das Hajducken- und Kleftenwesen – romantisiert und gefürchtet: freie, rechtlose Banditen. Bei Nordalbanern und Montenegrinern war dieses durch die Clan- und Stammesorganisation quasi ethnologisch institutionalisiert. Einer der Gründe, warum die Reste des alten Clansystems heute im Kosovo solch eine ideale Organisationsbasis für das Organisierte Verbrechen darstellen.

Das überbevölkerte Montenegro lebte von ausgemergelten Rindern und dürren Schafen auf kargen Weiden, der organisierte Plünderzug in Hügelland, Tiefebene oder Stadt war somit wichtiger, vielleicht auch notwendiger Bestandteil der Stammesökonomie, des Erhaltes der eigenen Sippe. Die Religion, sogar der Amselfeldmythos, lieferte den heroischen Plünderern die maßgeschneiderte Ideologie, sich außerhalb der Berge auszutoben, wie es einem zuhause selbst zum Verhängnis gereichen konnte. Marko Miljanov Popović, Held im Kampf gegen die Muslime, Sohn eines orthodoxen Vaters und einer albanischen katholischen Mutter, schildert das anhand seines Stammes der Kuči: »Von den Qualen des Hungers getrieben, wollten die Kuči Kampf, und selbst wenn sie keinen Grund zum Kampf gefunden hätten, dann hätten sie einen gefunden, nur um zu plündern. […] Die Kuči sind so vom Teufel besessen, dass wenn sie sich eine Zeitlang nicht mit den Türken schlagen, sie sich aber mit ihnen schlagen wollen, ihr ganzer Körper zu jucken beginnt.« Eine Sektion dieser Kuči war selbst muslimisch, was den christlichen Stammesteil jedoch nie dazu veranlasst hätte, das Schwert gegen ihre Verwandten zu erheben. Später, unter Njegošs Nachfolger Nikola, sollten sie mit dem Pascha von Shkodra paktieren und das erste Mal zu spüren bekommen, dass es so etwas wie eine montenegrinische Zentralgewalt gibt.

Bei aller antislamischer und antiosmanischer Rhetorik wurde jedoch nie so heiß gegessen wie gekocht. Dort wo der Stamm die alles überragende Institution der Zughörigkeit bedeutet, waren ständig wechselnde Allianzen und Loyalitäten das oberste Gebot politischer Vernunft, ja der Gewährleistung der eigenen Identität. In den griechischen Bergen nördlich des Golfs von Korinth gehörte das taktische Paktieren mit der prinzipiell feindlichen osmanischen Lokalautorität zu den allgemein akzeptierten Institutionen des Zusammenlebens und trug einen eigenen Namen: Kalpakia.

Zudem bewegten sich viele Montenegriner ungezwungen in der muslimischen Welt. Zuhause am Herdfeuer ließ es sich leicht antiosmanischer Maulheld sein, als »Gastarbeiter« waren die Montenegriner in Istanbul wegen ihrer Ehrlichkeit und Worttreue beliebt. Natürlich gehörte wie bei den nordalbanischen Kollegen das Söldnerwesen auch bei ihnen zur lukrativen Einnahmequelle. Der bekannteste Landsknecht aus Crna Gora war wohl Vasil Brajović vom Stamm der Bjelopavlići, der in türkischem Sold gegen kurdische Agas in Anatolien focht, ehe er als Vasos Mavromoúniotis (Vasos von den Schwarzen Bergen) zum Helden der Griechischen Revolution aufsteigen sollte, was nicht mehr heißt, als dass er sich wie die anderen Warlords dieser Erhebung sein eigenes Territorium absteckte.

Die Geschichte der Berge hielt während der osmanischen Zeit prinzipiell jede Möglichkeit der Allianz offen: orthodoxe slawischsprachige Stämme mit muslimischen albanischen gegen andere orthodoxe Stämme oder gegen den Pascha von Shkodra und so weiter und so fort. Nichts war prinzipiell unmöglich.

Bis zu ihrer beiden Tod (1851) verband Njegoš eine tiefe Freundschaft mit Ali Pascha Rizvanbegović, dem Wesir der Herzegowina (während er Osman Pascha Skopljak von Shkodra als seinen Erzfeind betrachtete) – eine Zuneigung, die dem von Njegoš hofierten serbischen Fürsten Miloš Obrenović gar nicht in den Kram passte, wofür dieser den Vladika auch maßregelte und zu stärkerem militärischem Engagement gegen die herzegowinisch-bosnischen Nachbarn drängte.

Die Apodiktik des übergeschichtlichen Hasses der Montengriner gegen die Muslime und dessen Ideologisierung zu einem alles entscheidenden Glaubenskampf ist ein Produkt von Njegošs romantischer Fantasie und politischer Pragmatik, der Import europäischen Zeitgeists in ein soziales System, dem dieser fremder war als nur irgendetwas – zudem der zu seinen Lebzeiten leidlich erfolgreiche Versuch, nicht nur absolutistische, sondern ethnonationale Diskurse in den Schwarzen Bergen zu implementieren.

Doch bleiben wir bei der prinzipiellen Unmöglichkeit des Ethnozids und seiner Ideologie. Das Stammessystem war ein dermaßen komplexes System der Allianzen, Verwandtschafts- und Beistandsverpflichtungen, dass die neuen homogenisierenden Trends, die Njegoš vorschwebten, lange daran abprallten. Da der Stamm und dessen Gewohnheitsrecht die vorrangig bestimmende Bezugseinheit war, rührten Bestechungen durch die lokalen Paschas, Nichtangriffspakte und sogar Militärdienste nicht an der Identität der Bergkrieger. Solange diese Identität unangetastet blieb, war der Bischof von Cetinje ein ebenso guter Verbündeter wie der Pascha von Shkodra. Und ein ebenso guter Feind. Es ist wahr, dass sich die Stammsführer als notorische Aufwiegler gegen die Osmanen erwiesen, aber das waren sie prinzipiell gegen jede Autorität. Auch von einem selbst ernannten König ließen sie sich nichts vorschreiben. Sie hatten schon dem Pascha die Kopfsteuer verweigert, welchen Sinn hatte die permanente Rebellion gegen die »Türken« dann, wenn sie diese den Petrovići entrichten sollten? Wir sind nicht Nummer zwei in einer fiktiven montenegrinischen Hierarchie, sondern die, welche neben Nummer eins stehen. Petar Petrović Njegošs Onkel Petar I. hatte sich noch als primus inter pares verstanden.

Verdiente Kämpfer gegen die Osmanen und Helden der montenegrinischen Volksepik – Jole Piletić zum Beispiel und der bereits genannte Marko Miljanov – sollten in erbitterte Opposition zu Njegošs Nachfolger Nikola geraten. Doch schon die monarchistischen Allüren des Onkels stießen auf heftigen Widerstand, freilich hatte Njegoš noch nicht genug militärische und juridische Macht massiert, diese an den unbotmäßigen Stämmen zu exekutieren. Er versuchte es, und wurde von vielen dafür gehasst. Sein Biograf Milovan Đilas: »Bischof Rade schrieb noch wie sein Onkel Hirtenbriefe, obwohl er in diesen Briefen immer weniger beschwor und immer mehr befahl.«

Nach einem missglückten Aufstand bei Grahovo, der wie so oft aus Weigerung, Steuern zu zahlen, losgebrochen war, hatte Ali Pascha Rizvanbegović dem Vojwoden Jakov Daković und seinen Leuten über Vermittlung Smail Aga Čengićs das Leben geschenkt, »doch nur unter der Bedingung«, wie Milovan Đilas schreibt, »dass sie den Tribut an seinen Emissär Muy Aga Mušović aus Nikšić zahlten. Es heißt, dass Bischof Rade von Jakov forderte, er möge die Köpfe des Mušović und seines Gefolges abschneiden. Doch Jakov wies dies als einen Vertrauensbruch zurück.« Eine weitere Konstante des Gebirgsethos: das gegebene Wort. Von der Herzegowina bis Kreta existiert ein Begriff albanischen oder wlachischen Usprungs dafür: Besa, die Griechen nennen es Bisa.

Es gehört zu den Gemeinplätzen der nationalen Erzählungen, die Poturice, die Renegaten, seien bei den montenegrinischen Christen verhasster gewesen als die «echten» Türken. Abgesehen davon, dass die wenigsten Montenegriner je einem »ethnischen« Türken den Kopf abgeschnitten haben dürften, geschweige denn einen solchen zu Gesicht bekamen, meint das die muslimisierten Montenegriner, weniger die bosnischen slawischsprachigen, mazedonischen oder albanischen Muslime. Aber allein der Umstand, dass manche Stämme in christliche und muslimische Teile gegliedert waren, ohne dass das die Stammessolidarität beeinträchtigt hätte, und dass viele muslimische Bergbewohner verdiente antiosmanische Rebellen waren, berauben diese Vorstellung zumindest ihrer planen Apodiktik.

Auch logistisch ließ sich der von Njegoš postulierte und insgeheim gewünschte Massenmord schwer bewerkstelligen. Die Briganten der Berge waren gute Partisanen, ihre Stärke Hinterhalt und Rückzug; Krieg erschöpfte sich, abgesehen von einigen größeren Feldzügen, in Scharmützeln. Da das Ermorden von Frauen und Kindern – noch nicht – zum guten Ton gehörte und man es mit wehrfähigen Männern zu tun gehabt hätte, waren die altmodischen Vorderlader und Kurzschwerter wohl kein geeignetes Werkzeug für Völkermorde.

Ein erstaunliches Dokument des mächtigen Stammes der Vasojevići aus dem 18. Jahrhundert hat der Historiker Ilija Jelić geborgen. Die Vasojevići lebten im ostmontenegrinischen Bergland, der sogenannten Brda, inmitten muslimischer Bevölkerung, blieben jedoch strikt orthodox und beugten nie das Knie vor den Osmanen. Ihr gesamtes Rechts- und Sittensystem wurde von einem anonymen Autor in zwanzig Punkten niedergelegt und gleicht somit dem albanischen Kanun des Lekë Dukagjini. Zwar erlaubt es den Diebstahl »türkischen« Eigentums, aber verbietet es strikt, Renegaten zu töten! Ein ebenso verwunderlicher wie in seiner protofeministischen Tendenz amüsanter Punkt, der bereits die Herkunft der Geschlechterdifferenz reflektiert, lautet: »Gott, und nicht der Teufel hat das Weib geschaffen, und so soll es immerdar sein. Amen. Wer das Gegenteil behauptet, soll verflucht sein.«

Die Beschreibungen Venedigs und Istanbuls im Gorski vijenac enthalten bereits die auch für die faschistische Ideologie üblichen antizivilisatorischen und antiurbanen Vorwürfe von Verweiblichung und Dekadenz. Die Frau selbst erscheint als potenzieller Risikofaktor. Eine gewisse Ruža wird von einem gewissen Ruza Mujo Alić für seinen jüngeren Bruder entführt. Es gibt allerdings Hinweise, dass diese Entführung von der Entführten gewünscht war. Ein gewisser Knez Rogan macht sich in Folge Gedanken über die Psychologie der Frau und kommt zu einem wider Willen sympathischen Schluss: »Weibersinn ist sonderbares Ding doch! / Nimmer weiß das Weib, wer welchen Glaubens; / Hundertmal wird es den Glauben wechseln, / Um zu tun, wonach das Herz begehret.« Die Alić-Brüder werden aufgespürt und getötet – »und ungewollt die Unglücksbraut mit ihnen, / Haben schwer an unsrer Ehr gesündigt / Und verscherzt ein Teil des Himmelreichs.« Die scheinbar unabsichtlich getötete Ruža lässt sich auch als Allegorie lesen für die Unzuverlässigkeit von Njegošs Landsleuten, die sich – grundvernünftig – nach dem Winde biegen und nicht, wie er es sehnlich wünscht, nach dem Willen des Zaren, nach den neumodischen Ideen der serbischen oder illyrischen Nation, nach seinem Willen!

Letztlich ist nicht schwer zu verstehen, welches Süppchen Njegoš in seinem Gorski vijenac kocht: Das Einschwören einer unbotmäßigen Stammesgesellschaft auf einen absoluten Feind zur Legitimierung einer zentralen Staatsmacht. Erst sein Neffe Danilo I. sollte in Angriff nehmen, was er selbst nur zur Disposition stellte. Dazu ließ jener die Lettern aus der Druckerwerkstatt seines Onkels zu Kugeln schmelzen. Zwar fügte er mit einer montenegrinischen Armee, die bereits mehr war als die lose Allianz undisziplinierter Freischärler, den osmanischen Truppen empfindliche Niederlagen zu. Das von Njegoš beschriebene Pogrom führte er jedoch gegen die eigenen Untertanen durch, gegen die größtenteils orthodoxen Stämme der Bjelopavlići und Kuči zum Beispiel, die sich nach wie vor weigerten, Steuern zu zahlen und mit Shkodra konspirierten. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass viele von ihnen durch die umgeschmolzenen Lettern fielen, die Njegošs Verse einst dem Papier aufgeprägt hatten. Marko Miljanov erinnert sich: »Die Köpfe der Männer und Kinder, die abgeschnitten wurden, wurden auf dem Bienenhaus des Popen Luka gesammelt und auf die Pfähle um das Bienenhaus gesteckt, damit der Woiwode Marko sie überschauen konnte und sehen, wie viele es waren. Man sagt, dass es 243 waren und dass es unter diesen Köpfen nur 17 von Soldaten gab, die in den Kampf gegen die Türken hätten ziehen können, aber das übrige waren Alte, Kranke und Kinder.«

Bereits Njegoš selbst soll 83 politische Gegner ermordet haben: Marko Miljanov: »Das waren weder Mörder noch Verräter, sondern solche, die sich aus diesem oder jenem Grund seinem Herrscherwillen nicht unterworfen hatten.« Unter ihnen befand sich auch der »Held« Petar Krsikapa, weil er ihm nicht die Flinte aushändigen wollte, mit der Smail Čengić Aga ermordet worden war.

Petar Petrović Njegoš war ein Mensch von übermenschlicher Ambition. Und ein Visionär. Seine Visionen sollten von den Balkankriegen zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis zu den Bruderkriegen an dessen Ende blutige Wirklichkeit werden. Er holte ein Jahrtausend der gesellschaftlichen Entwicklung nach, einen rudimentären Feudalismus, einen fragilen Absolutismus und arbeitete, beseelt von den romantischen Ideen seiner Zeit, bienenfleißig an der Verwirklichung einer Nation. In seinem Übereifer antizipierte er bereits die praktischen Konsequenzen dieser Ideologie. Denn während einer allgemeinen Auffassung zufolge der Frühzeit des nationalen Erwachens noch jungfräuliche Unschuld zugestanden wird, personifiziert im dichterischen und zutiefst friedfertigen Idealismus ihrer frühen Protagonisten, Rigas Velestinlis’ nationalem Multikulturalismus, France Prešerens slowenischer Identität mit kosmopolitischem Antlitz, Vuk Karadžićs und Ivan Mažuranićs philologischen Bemühungen, während sie alle zu einem freudigen Hochamt der Selbstbestimmung gegen Habsburger und osmanischen Kolonialismus aufriefen, warf Njegoš auf seine barsche montenegrinische Art die Schatten dieser Ideologie voraus. Mit großer Weitsicht vermerkte Franz Grillparzer 1849: »Der Weg der neuen Bildung geht von der Humanität durch Nationalität zur Bestialität.«

Njegošs Vernichtungsfantasien sind somit nicht Kolportagen archaisch-balkanischer Grausamkeit, sondern düstere Vorwegnahme der Konsequenzen einer höchst modernen Ideologie, gegen die sich die Stammesgesellschaft zwischen Drina und Shkumbin länger wehren sollte als anderswo auf dem Balkan. Er nahm als Erster die logische Konsequenz von Rasse, Nation und Konfession als Basis staatlicher Exklusivität vorweg, während die herderianischen Baumeister dieser Exklusivitäten noch sehnten und schwärmten: die Massenmorde des 20. Jahrhunderts. Sind genannte intellektuelle Vaterfiguren – und jedes Staatsvolk der Welt hat seine liebevollen literarischen und philologischen Paten zwischen Humanität und Nationalität –, so fordert Njegoš bereits den Preis ein, den jene nicht dafür bezahlen wollten: die Bestialität. Er ist der düstere Byron’sche Pate der Völkermorde auf dem Balkan.

In einem Brief vom 5. Oktober 1847 schnorrt Petar II. Petrović Njegoš seinen Erzfeind Osman Pascha Skopljak um Verständnis seiner Visionen an:

»Ich wäre gern etwas später zur Welt gekommen, und dann würde ich meine Brüder sehen, wie sie sich ihrer selbst und der Ihren bewusst sind und wie sie offen vor der Welt bekennen, dass sie die würdigen Enkel und Nachkommen der alten Ritter unseres Volkes sind. […] Ich weiß, du wirst sagen, wenn Du meinen Brief erhältst: ›Was schreibt und träumt dieser Mensch nicht alles zusammen?‹ Aber ich hoffe, dass unsere Nachkommen, wann immer das auch sein mag, die patriotischen Gedanken und den Brief des Bischofs, auf den man von allen Seiten wie auf einen weißen Raben zeigt, würdig einschätzen werden.«

Sein Onkel Petar I. verstand wenig von Romantik, doch sehr viel von der Realität, als er einst klagte: »Lebte ich unter den Türken, ich litte weniger Gewalttätigkeiten, als ich von den Montenegrinern erleide.«

 

Anmerkungen:

1 Diese These wurde eindrücklich vom Historiker Karl Kaser belegt, dessen verdienstvolle Arbeiten zu Ethnografie und Geschichte der pastoralen Gesellschaften des Westbalkans auch für diesen Essay wertvolle Fakten und Impulse lieferten.

2 Plural des albanisches Begriffs Fis (Stamm).

3 Clan wird hier als Abstammungsgemeinschaft verwendet, entspricht in der serbokroatischen Terminologie am ehesten dem bratstvo. Stamm (pleme) ist eine dem bratstvo übergeordnete, zumeist territoriale Einheit. Oft deckt sich die Stammesgenealogie aber mit einem Clan, wie dies häufig beim albanischen Fis der Fall ist.

 

Dieser Essay wurde im Juni 2013 verfasst und in meiner dreibändigen Anthologie Rost und Säure veröffentlicht.

 

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