Der Tod ist ein Kreditberater

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Warum liegt er da? Ausgerechnet da? Soll das ein Shooting für eine Straßenzeitung werden? Geht’s noch plakativer? Sterbender Sandler vor Bankfiliale. Und niemand hilft. Immer weiter klafft die Schere zwischen Arm und Reich, Leichen pflastern des Finanzkapitalismus Wege. Herrgott noch mal, wie lange sollen wir uns das noch anhören?

Ratlos betrachtet der Mann, der auf der Bank sitzt, den Mann, der auf den Kiesplatten liegt. Zwanzig Minuten noch bis Ende der Mittagspause. Er schiebt das Smartphone in die Tasche zurück. Und wenn er doch in Lebensgefahr schwebt? Der Vorwurf unterlassener Hilfeleistung ist keine gute Bürgschaft für den Kredit, den er, ein in Ungnade gefallener Unternehmer, dringend braucht.

Mit kleinen Schritten nähert er sich dem leblosen Mann, bleibt stehen und reckt den Oberkörper um genau jenes Stück vor, das seine Füße von ihm Abstand halten. „He Sie da, hören Sie mich? Sagen Sie Ja oder nicken Sie, wenn Sie mich hören.“

Weder nickt der Sandler noch sagt er ja; seitlings kauert er auf dem Boden, der linke Arm hängt schlaff nach hinten, an dessen Ende eine geschwollene Hand sich krümmt wie der Schlauch eines Luftrüssels, während die Finger der rechten, vom Torso abgeklemmt, eine fordernde Kralle formen. Fette Strähnen auf der Stirn, Rindenmulch an der roten Wange, Speichel netzt den struppigen Bart und die Speisreste darin wirken lebendiger als sein Träger.

Der Unternehmer schaut um sich, ob nicht doch ein Paparazzo des Gutmenschentums ihn im Visier hat. Vorsichtig stapft er zwischen den Bodendeckern zur Höhe des Kopfes vor, geht in die Knie und balanciert sein Gewicht auf den Ballen. Da entfährt ihm ein Ächzen. Er kippt zur Seite, stützt sich mit der Linken ab, kramt mit der Rechten ein Taschentuch aus seinem Mantel und hält es sich vor die Nase. Sachte wie ein Minenentschärfungsroboter schiebt er dann sein Handy zum Gesicht des Sandlers vor. Als er Atem darauf kondensieren sieht, schnellt er hoch und eilt zur Bank zurück. Er keucht. Presst die Lider zusammen. Schweiß tritt aus seiner Stirn. Er putzt das Handy mit einem Taschentuch und schmeißt dieses in die Büsche.

Wie kann man sich bloß so gehen lassen? Die Ausscheidungsfunktionen scheinen ja tadellos zu funktionieren. Bewundernswert die Menschen, die solch ein Leben von Mund zu Mund verlängern. Das blieb mir zum Glück erspart. Wüsste nicht mal, wie man es macht. Nein, der fidele Kamerad dort schläft sein Räuschchen aus, das ist wohl klar. Ach hätte er wenigstens die Drops aus den Pissoirmuscheln gelutscht, mit denen er auf Augenhöhe zu verkehren pflegt. Der Suffgeruch war noch die angenehmste Grundnote dieses Odeurs aus ranzigem Schweiß, Pisse und frischer Scheiße, der kein Ringmuskel den Weg verweigert. So sieht eure Freiheit aus! Unserem Tatendrang stellt man jedes nur erdenkliche Hindernis in den Weg, ihr aber könnt es frei flutschen lassen. Don’t dream it, shit it. Und beinah hättest du mich beim Mitgefühl gepackt, Freundchen.

So lange kannst du noch nicht hier liegen. Mittagspause ist seit halb eins. Das Tier in dir, auf das du runtergesandelt bist, hat sich nach der Wärme eines Bankfoyers gesehnt und ist vor verschlossener Tür dort ins Gemüse gesunken. Oder stellst du dich auch für einen Unternehmerstartkredit an? Würde mich nicht wundern, wenn du ihn kriegst und ich nicht. So ist das in diesem Land. Es reicht nicht, ein Verlierer zu sein, um vom System die Mutterbrust zu kriegen. Man darf auch nichts je gewonnen haben. Wer auf eigenen Beinen steht und fällt, den hebt man nicht auf. Besser gar nie gehen lernen. Das hält den Mutterinstinkt warm und die Milch am Laufen. So war es immer, und so wird es immer bleiben. Also, mein Freund mit dem schlaffen Rektum, hol dir deinen Kredit. Hast ihn dir verdient.

Was den Vogel aber abschießt: Er trägt den gleichen Mantel wie ich. Einen Baldessarini. Kamelhaar. Kein Zweifel. Die spitz zulaufenden Laschen am Ärmel, die schrägen Manteltaschenschlitze: Das ist Baldessarinis Handschrift. Aus welchem Container er den wohl hat. Sollte das der Demonstration dienen, dass wir doch alle gleich sind und der Mantel den Menschen macht, dann, Freunde, habt ihr euch aber ordentlich vergriffen. Seht euch bloß das speckig-abgewetzte Gewebe an, die Sabberflecken am Revers, die weiß umrandeten chinesischen Wolkenbilder, die sicher nicht von Streusalz stammen, sondern von Sekreten, über deren Herkunft man am besten gar nicht nachdenkt. The United Colors of Baldessarini.

Würde mich interessieren, wie viel Notstand du beziehst. Vielleicht mehr als ich. Warum auch nicht? Was hab ich schon geleistet? Habe bloß ein angesehenes Branchenblatt ins Defizit geritten. Du warst von Anfang an schlauer als ich, hast nichts riskiert, einfach dein Leben versoffen. An der Infusionsflasche des Kommunismus hängen wir beide jetzt, bloß dass mein Baldessarini sauberer als deiner ist. Initiative, mein Freund, ich kann noch so viel von dir lernen, Initiative wird nicht belohnt. Wo kämen wir da hin?

Die gesamte IT-Branche, die Wirtschaftskammer, alle haben sie uns die Türen eingerannt. Meine Leitartikel über den Niedergang des Mittelstands waren stets der Knüller. Bruderküsse, Einladungen zur Jagd, Nightclubs … Natürlich zog das Internet die Sponsoren von uns ab. Aber das ist nur die halbe Geschichte. Meine Mitarbeiter, acht hatte ich in Lohn und Brot, Freunde waren wir, amerikanisches System. Carissimo Guido, dein Text über die besten Parkplatz-Apps hatte echt Pep, das nächste Mal weniger Adjektiva, aber tolle Leistung. Un’ Espresso doppio come sempre? In welcher Firma bringt einem der Chef Kaffee an den Schreibtisch? Als sie merkten, dass es den Bach runterging, war’s plötzlich aus mit der Freundschaft. So schnell konnte ich ihnen gar nicht Beteiligungen anbieten, rannten sie zu Insolvenzfonds, Gewerkschaft und Arbeitsgericht. Die liken alle auf Facebook jetzt Kinder und Diäterfolge ihrer neuen Chefs.

Der Unternehmer streckt sich über die Lehne zurück, stößt ein befreiendes Schnauben aus und lässt den Nacken nach hinten fallen. Er kuschelt sich in die Einsicht von Vergeblichkeit, weil er sich längst nicht mehr bedauert, sondern über den grausamen Humor Gottes lachen kann. Das erhebt ihn in die Halbgottetage. Ein Windstoß entfesselt Unternehmereuphorie, der Frühling peitscht neues Leben aus müden Zweigen, tiefblau ist der Himmel, und die Sonne versteckt sich noch hinter einer fetten Wolke, deren Ränder gloriolenhaft leuchten wie in den Religionsbüchern der 70er Jahre.

Wir wissen ja, wie grausam der Markt ist, murmelt der Unternehmer, während sein beiger Mantel sich über der Brust bauscht und seine Finger aneinanderkuppen. Man muss die bösen Energien dieses Löwen nutzen zum Wohle der Menschheit, nicht ihn bändigen, zähmen, ihm Zähne ziehen und Klauen stutzen, ihn anketten und fettfuttern. Dass ihr das nach 200 Jahren noch immer nicht versteht.

Ihr müsst uns auch nicht als Helden verehren, uns Löwendompteure des freien Marktes, verachtet uns ruhig, aber lasst uns machen, verdammt. Dass kein Stein dieser Zivilisation auf dem anderen bliebe, wenn wir humansten Egoisten aller Zeiten nicht Va banque spielen würden, geht in eure formatierten Hirne nicht rein. Darum lasst uns bloß machen. Lasst mich in einer Viertelstunde in diese Bank gehen und mit Herrn Steiner, der noch ziemlich grün hinter den Ohren ist, aber ein vernünftiger Mann zu sein scheint, verhandeln. Ich weiß, dass er nach Rücklagen fragen wird, das ist der heikle Punkt an der Sache, aber die Geschäftsidee ist so genial – ein Dummkopf wäre er, würde er nicht mitschneiden wollen.

Die fette Wolke ist unter der Sonne geschmolzen, einen heißen Schwall patzt sie auf das Gesicht des Unternehmers, der in unverdrossener Gewinnerwartung vor sich hindöst. Es geht wieder bergauf. In Amerika, dort muss man erst zwölf Firmen an die Wand gefahren haben, bevor sie dir die Zigarre der Anerkennung ins Mäulchen stecken. Wann werdet ihr das endlich kapieren?

Genug jetzt, zehn Minuten noch, weg mit all den müßigen Zweifeln. Unternehmer – mach dich leer und tanke Frühlingssonne, lass den Föhnwind deine Wangen streicheln, lass das Vogelzwitschern nicht länger das Angstgeschrei der konkurrenzgeplagten Kreatur sein, sondern Wellness, genieß sogar das Lärmen der Kinder vom Spielplatz, das der Wind in Schüben rüberweht. Kinderschreien, das rostige Quietschen der Hutschen, das sich seit deiner Kindheit nicht verändert hat, Dröhnen des Verkehrs, verhallendes Mahnen der Mütter, all das der wunderbare Soundtrack zu deiner Wiederkehr.

Ich kann nicht verlieren. Materie geht auch nicht verloren. Entweder ich besorge es dem Markt, oder er besorgt es mir. Wenn ich unterliege, dann soll der auch seinen Spaß an mir haben. These are the rules. Ansonsten hätte ich mich gleich vors Foyer legen und wie Rübezahl dort in die Hosen machen können.

Durch sonnenverengte Lider mustert er den Spielplatz. Dort stehen Mütter, nur wenige Väter, und beobachten müde die stupide Lebendigkeit ihrer Zwerge, dort stehen aber auch Frauen, die nicht Mütter sind, jüngere, ungebundene, die auf anderer Mütter Kinder aufpassen. Wie die – so vermutet der Unternehmer – Studentin, die mit dem melanzanifarbenen Anorak und dem pinken Rolli. Naturrote Locken wölben sich über ihren Schultern. Sommersprossen kann er aus der Entfernung nicht erkennen. Doch würden sie zu ihrem Typ passen. Und auch typisch: Sie flirtet mit den kleinen Langeweilern. Mögen die noch so stumpf und gameboysüchtig und hässlich sein, mit ihren breiten Stupsnasen, für Frauen sind die alle schöne Prinzen, während gleichaltrige Mädchen, den Buben fast immer überlegen, sich um Anerkennung bei den Vätern anstellen müssen, was zugleich schon das Ende ihrer Genialität markiert, weil diese Väter eben, um nichts klüger als ihre kindlichen Miniaturausgaben, nur das Allergewöhnlichste an den Töchtern belohnen und den Rest nicht verstehen. Der Unternehmer weiß alles von der Ungerechtigkeit der Geschlechterverhältnisse, aber er wird sich hüten, sie zu ändern, denn hat er nicht schon unter den Testosteronstinkern genug Konkurrenz?

Aber Elvira ist anders. Moment. Hat er die junge Frau dort drüben soeben Elvira genannt? Ja, denn sie sieht Elvira zum Verwechseln ähnlich. Wer Elvira war? Elvira war mit sieben weiter als die anderen. Niemand in der Klasse mochte sie, weil sie später dazugekommen war und ihren eigenen Kopf hatte, der noch dazu mit kupferrotem Haar geharnischt war. Sie wohnte jenseits der Gleise, was sie reizvoll machte, denn gänzlich andere Leute wohnten dort, Arbeiter und Fremde, und sie sprach viel und schnell, was die Laune ihr gerade zutrug, und eine zahme Eidechse hatte sie, kaum war die in ihrem Ärmel verschwunden, kroch sie unterm Kragen hervor, und wie eine Eidechse fühlte sich auch Elviras Zunge an, als sie ihm diese eines Tages auf den Gleisen in den Mund schob. Was aus Elvira bloß geworden ist.

Diese Elvira dort drüben ist weniger wild, das heißt, sie ist nach seinem Maß. Und wenn er jetzt nicht handelt, wird er sie nie wiedersehen. Na los, geh schon hin. Gibt es eine bessere Methode, das Selbstvertrauen für einen Kreditantrag anzuwärmen?

Ein kokettes Lächeln kräuselt den Mund des Unternehmers, denn er weiß um seine Schüchternheit. Als er noch Chef war, fielen ihm die Affären in den Schoß. Als er nach drei Monaten Gefängnis an die Costa Brava flog, um richtig auf den Putz zu hauen, musste er einsehen, dass er nur ein Stirnglatzinger unter vielen war. Der Lack war ab, sogar vor Kellnerinnen stotterte er. Er muss über seine Feigheit lachen, und dabei schlenkert er wie ein Wackeldackel mit dem Kopf.

Ein Kompromiss muss her. Nach dem Gespräch mit Steiner, wenn alles gut gegangen ist, und es gibt keinen Grund, warum es nicht gut gehen soll, wenn er den Kredit also in der Tasche hat und Elvira noch immer auf dem Spielplatz ist, wird er schnurstracks auf sie zugehen, sie höflich um Verzeihung bitten und sie küssen. Richtig umgesetzt, mit der passenden Balance von Überraschung und Charme, könnte er die Festung stürmen, die wie jede Festung gestürmt sein will, und den Eindruck der Uneinnehmbarkeit nur vermittelt, um sich die plumpen, die feigen und die rohen Belagerer vom Hals zu halten. Er wird sie küssen und dann erst verraten, dass sie seine Glücksfee ist, und schließlich einladen auf ein Wochenende nach Triest, nach Opatija oder Piran.

Elvira lehnt am Pfosten einer Hutsche: Wie sehr er diesen verträumten Blick ins Innere liebt, diesen Blick in ein unverschämtes Übermaß an Zukunft. So hat auch er geblickt, bevor er seine erste Firma gründete. Wenn sich ihre Blicke bloß kreuzen könnten.

Verdammt, sie hat hergesehen! Und tut es noch immer. Hitze steigt ihm ins Gesicht, aber wo Hitze, da Leben. Der Unternehmer mag diese kindliche Scheu an sich, diese kleinen Konfusionen zwischen Angriff und Flucht. Starrt sie überhaupt zu mir, und wenn ja, bestraft sie mich dafür, dass ich mit meinen Augen so schamlos in sie gedrungen bin? Ein weiteres Mal, wagt er es, sie zu fixieren. Plötzlich blickt sie zur Seite.

Das ist kein Beweis. Vielleicht hat sie nur ins Leere geschaut, und die befand sich zufällig in deiner Richtung, und jetzt schämt sie sich dafür, dass du alter Bock diesen Blick auf dich bezogen hast. Doch nein, was ist denn das? Sie lächelt, sie lächelt kurz, sie lächelt kurz und blickt zu Boden. Mann, Unternehmer, du bist mitten in einem Flirt, und das fünf Minuten, bevor die Bank aufsperrt und sich der Sesam zu deiner Zukunft öffnet. Zufälle sehen anders aus.

Was zum Teufel findet sie an einem Kamelhaarmantel wie mir? Die hängt doch sicher mit bärtigen Wollmützenträgern ab und demonstriert gegen das Freihandelsabkommen. Aber vielleicht ist es eben das. Unterschätze nie die Exotik fremder sozialer Milieus. Neunzehn, zwanzig mag sie sein, spielt wie ein Kätzchen noch mit dem Schrecken, ehe sie selber Teil davon wird, eine zynische Feihandels-Ratte wie du erregt noch nicht ihren Ekel, sondern Neugier vielleicht.

Plötzlich ist dem Unternehmer alles klar: zuerst der Penner dort und dann Elvira. Nun weiß er, dass er den Kredit bekommen wird, dass all die Demütigungen nicht umsonst waren, dass er unsterblich ist. Mit Schwung erhebt er sich und setzt über das Cotoneasterbeet. Er zückt seine Brieftasche und zieht einen Hunderteuroschein raus. „Das ist einer der drei letzten vom Sozialgeld, Bruder“, flüstert er und steckt ihn dem Sandler in die Manteltasche, auf die er dann dreimal liebevoll klopft. Es geht bergauf, Junge.

Der Unternehmer ergreift das Handgelenk seines Glücksbringers und misst den Puls. Hast du Fieber, Rübezahl? Er legt die Hand auf dessen Stirn. Erst jetzt fällt ihm ein, dass seine Sorge um den gefallenen Menschenbruder Elviras Sympathie erwecken könnte, mit einem Mal ist er sich selbst sympathisch, und diese neue Qualität lässt den gärenden Bottich seines Selbstvertrauens überschwappen. Ein dezenter Blick zu Elvira. Sie ist bis zum Weg gelaufen, der den Spielplatz vom Bankgelände trennt, und starrt besorgt herüber. Mit der Hand gibt er ihr ein Zeichen der Entwarnung, sie nickt beruhigt.

Hast du das gesehen, Rübezahl, was für ein lieber Mensch sie ist? Und jetzt kommt es knüppeldick: Sie hält auch mich für einen. Der Unternehmer muss sich in den Handrücken beißen, um sein Lachen zu unterdrücken, das in einem schrillen Kehllaut erstickt.

Wäre das nicht die letzte Gelegenheit, ein solcher zu werden? Was meinst du, Rübezahl? Wer hätte sich das gedacht?: Ich verdanke dir nicht nur, dass ich den Kredit kriege, sondern die Antiglobalistin gleich dazu. Wie machst du das bloß, du liebenswerter Stinker? Wie viele Talente besitzt du noch? Du bist heute mein persönlicher Glücks-Abschaum, weißt du das? Aber du musst durchhalten – ja? –, ich kann jetzt nicht die Rettung rufen, in drei Minuten sperren sie auf. Aber ich werde euch nicht vergessen. Wir drei, wir bilden ein magisches Dreieck; bilden du und Elvira die Kathete, und steht meine Achse in rechtem Winkel zu dir, dann verbindet mich und Elvira die Hypothenuse. Hypothenuse, ist das nicht ein wunderschönes Wort? Damit werde ich sie zum Lachen, zumindest zum Staunen bringen. Ich sage ihr: Junge Frau, wissen Sie, was uns verbindet? Eine Hypothenuse, und das ist bezaubernder als eine Pinguingeburt bei Nordlicht. Und deshalb werde ich Sie jetzt küssen, denn Sie haben mein Leben wieder zu einer Hausse gemacht, einer Hausse so hoch, dass ich Ihnen die Sterne vom Himmel holen könnte. Suchen Sie sich ein paar aus. Und dann, mein Freund, lauf ich zu dir zurück und kümmer mich um dich – versprochen -, bring dich ins Spital, desinfiziere und bade dich, und rasier dir den Gesichtsfilz ab oder föhn ihn dir zur Hipstermatte, wenn dir das lieber ist. Ich hol dich in meine Firma. Versprochen. Es geht um Bio-Brombeer-Energy-Drinks mit Vampirimage. Jäger der freien Radikalen. Aber pscht. Todsicher, sag ich dir. Hab schon Kontakte zu Romadörfern in Rumänien. Fairtrade, Diversity, Strukturhilfe, kultureller Anspruch, Polyphenole, Flavonoide … die ganze Scheiße halt. Meinen Cousin müssen wir noch rumkriegen. Der hat die Infrastruktur und Kohle, und Kräutercola hat er auch schon gemacht. Ich bin dein Onkel Dracula und du mein Renfield. Das ist gut. Ich Higgins, du Eliza Doolittle. Exactly. Wir beide, wir werden diesen arschlahmen Klassenkämpfern zeigen, dass Erfolg nicht das Privileg von Millionenerben ist. Aber dazu musst du lernen, früher aufzustehen – mein lieber Schwan: zwei Stunden Fitness, Wechselduschen, Zumba ist gut, Ernährungsplan, Transfette adé, Alkohol zwei Viertel rot Maximum, wegen der Polyphenole, und kein rotes Fleisch, obwohl das den Kampfgeist schürt. Fisch, viel Fisch. Omega-3. Wär ich nicht auf norwegischen Wildlachs umgestiegen, würd ich jetzt wie du in der Gosse liegen. Und selbst wenn das alles wissenschaftlich nicht bewiesen ist, mit Autosuggestion kannst du den Ural verschieben. Du bleibst am Leben, Schatzi, ja? Mir zuliebe. Wenn du mir verreckst, war alles umsonst! Hörst du mich?

Plötzlich röchelt der Sandler und schnappt nach Luft. Halb öffnen sich die Lider, unter ihnen glitzert trüber Schleim. Der Unternehmer fährt mit beiden Händen unter dessen Schultern, hebt ihn mit einem Ruck hoch, sodass die Borken von den Wangen blättern und sargförmige Abdrücke hinterlassen. Der Unternehmer presst ihn so fest an seine Brust, dass dessen Kopf vorne über seine Schulter sackt, er wiegt ihn wie ein Kind und spricht im Rhythmus des Wiegens mit tränendünner Stimme Formeln.

So einfach schleichst du dich nicht davon. Du und ich und Elvira, wir haben noch so viel vor. Hörst du mich?

Seine Finger bahnen sich die Kopfhaut entlang durchs fette Haar.

Ja, ich war ein Arschloch. Aber mit der neuen Firma wird alles anders. Ich hab die Zeichen der Zeit erkannt: Der Kampf muss bleiben, aber mit friedlicheren Mitteln, die Zeit der Neandertaler ist vorbei, Maggie Thatcher ist tot. Sanftmut, Nachhaltigkeit, Solidarität, Entschleunigung, Liebe, ja, Nächstenliebe – die ganze Scheiße halt. Das System ist nicht schlecht, Rübezahl, es ist bloß die Art, wie wir damit umgehen. Auch ein Flächenbrand schafft Fruchtbarkeit. Stell dir mal vor: Ein alternder Yuppie, ein Penner und eine Antiglobalistin, was für schräges Team, unschlagbar wären wir. Aber das, verdammt, geht nur, wenn du mir nicht krepierst. Du wirst erst dann gehen, wenn du Wert geschaffen hast! Verstanden? Die Drähte des Lebens müssen immer gespannt sein. Wer gibt dir das Recht, sie so durchhängen zu lassen? Ich habe keine Lust, meine Scheiße zurückzuhalten. Ergo: flutsch. Ich mag nicht leben und nicht kämpfen. Ergo: kratzi kratzi ab ab ab. Hörst du mir überhaupt zu, du Scheiße?

Der Unternehmer packt den Sandler am Kragen seines Baldessarinimantels und schüttelt ihn so heftig, dass sein nach hinten gekippter Kopf mitfedert.

Hätt’ ich nur einmal, hätt’ ich nur einmal, hätt’ ich nur ein einziges Mal in meinem Leben die Drähte durchhängen lassen, hätt’ ich mein Lebensrecht verloren. Eine Minute nur schlaffe Sehnen, und ich selbst hätt’ die Bagger angefordert, um mich verwirktes Leben mit ihren schweren, rostigen Schaufeln aus dieser Welt zu schieben, zu all dem anderen Schmarotzerdreck, der sich dafür entschieden hat, dass sein einziger Wert der Proteinwert ist. Ja, schiebt uns in die Grube, mit fetter Erde, all den Dreck, Blut und Dreck und platzende Schädeldecken, knackende Rippen, zermalmte Därme, zu ockerrotem Brei, von den Planierraupen des Lebens zu neuer Materie gepresst.

Der Unternehmer wird so laut, dass drei Krähen hochflattern und schreiend in Richtung Elvira fliegen. Er stößt den Sandler keuchend von sich. Dieser schlägt mit dem Kopf gegen die Mauer der Bank, die in letzter Zeit ohnehin schwere Rückschläge einstecken musste.

Nein, du missverstehst mich, Bruder. So denk ich nur über mich. Aber dich kann ich zulassen. Du bist anderer Meinung als ich, und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen. Das war von Voltaire. Ich werde mich vor den Bagger stellen, sobald er dich wegschaufeln will, aber nicht zögern, mich wegschaufeln zu lassen, sobald ich werde wie du. Hast du mich, Rübezahl?

Der Unternehmer legt sich neben den Sandler, Gesicht an Gesicht. Ich stehe zu meinem Wort, Rübezahl. Ich mach dich zu meinem Kompagnon, wenn du guten Willens bist. Aber zuerst wirst du mein Evangelium lernen. Und das stammt nicht von deinem Saufbruder Jesus, sondern von einem, der mehr konnte als Wasser in Wein zu verwandeln, damit du dich wieder vollaufen lassen kannst. Von einem, der wirklich was geleistet hat, zum Beispiel die Sklaven befreit. Das stammt vom guten alten Abe Lincoln.

Bei diesen Worten packt der Unternehmer das Gesicht des Sandlers und quetscht es zu einer moorleichenhaften Fratze. Wärst du bei Bewusstsein, würd ich dich zwingen, dass du mir nachsprichst, und selbst wenn ich dafür deine Prostata zerdrücken müsste wie eine unreife Avocado. Horch zu: Ihr werdet die Schwachen nicht stärken, indem ihr die Starken schwächt. Ihr werdet denen, die ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, nicht helfen, indem ihr die ruiniert, die sie bezahlen. Ihr werdet keine Brüderlichkeit schaffen, indem ihr Klassenhass schürt. Ihr werdet den Armen nicht helfen, indem ihr die Reichen ausmerzt …

Plötzlich schnappt der Sandler nach der Hand des Unternehmers, seine Augen öffnen sich weit, Fauchen dringt aus seiner Kehle. Der Unternehmer erschrickt. Lass mich los! Bist du verrückt? Stöhnend bäumt sich der Sandler auf und sackt in sich zusammen. Der Unternehmer massiert seine Hand und stolpert zur Bank zurück. Er nimmt Platz und säubert mit einem Taschentuch sein Revers. «Du bist langweilig», ruft er dem Sandler zu. Danke, dass es mir jetzt wieder scheiße geht. So schön hätten wir es haben können. Steiner wird meine üble Laune spüren. Das wird sich rächen.

Der Unternehmer blickt auf sein Handy. Es ist zwei Minuten nach zwei. Die Bank müsste längst offen sein. Er vergräbt sein Gesicht in Händen. Als er die Fingerkuppen beschnüffelt, befällt ihn Schwäche. Sehnsuchtsvoll suchen seine Augen nach Elvira. Ein Lächeln noch, ein letzter Blick als Talisman, und der Kreditantrag kann beginnen.

Eine Frau in blauem Trenchcoat geht geradewegs auf den Unternehmer zu. Eineinhalb Meter misst die Bank, auf der er sitzt, die mittlere von drei Bänken in einer Reihe, und nicht nur setzt sie sich ausgerechnet auf seine, sie nimmt so knapp neben ihm Platz, dass ihr Po die Flanke seines linken Oberschenkels abzwickt und er wie eine Heuschrecke zur Seite springt.

Sagen Sie mal, haben Sie noch alle?, sind die Worte, die ihm im Hals stecken bleiben. Fassungslos starrt er dieses Wesen an, das sich eine Zigarette anzündet, etwa in seinem Alter und somit das genaue Gegenteil davon ist, was er an Elvira mag. Spitzes Näschen, große Brillen und dünne, listig lächelnde Lippen …

Ich kenne deinen Typ: schrullige Tante, die nicht mehr merkt, wie sie auf andere wirkt, und hui schreit, wenn ihr der Märzwind unters Röckchen fährt.

Sie nimmt einen tiefen Zug und noch immer keine Notiz von ihm.

Soll das etwa Anmache sein, oder wartest du auch auf einen Kredit, Lady? Aha, verstehe. Die Ignoranznummer: Du willst mir zeigen, wie bedeutungslos ich bin. Wer hält es länger aus, den anderen nicht wahrzunehmen. Wie du willst.

Der Unternehmer verschränkt die Arme und schmollt.

Er erinnert sich an seine Volksschullehrerin. So laut hatte er nicht krächzen können, dass sie von ihrer Methode abgerückt wäre, ihn zu ignorieren. Damit datiert der Beginn seiner Wut, die fortan in ihm wachsen würde wie ein böser, hungriger Zwilling. Geld hat er gewonnen und verloren. Doch die Wutspeicher sind zum Platzen voll. Das Weltenergieproblem könnte man allein mit seiner Wut lösen.

Und seine Erinnerungen blättern noch weiter im Wutbilanzbuch zurück. Die Mutter, sie schminkt sich und tanzt zu Olivia Newton-John vor dem Spiegel. Er dreht auf dem Plastiktraktor ratternd seine Runden um sie und schreit „Schau mich, schau mich“, doch sie schaut ihn nicht. Er schreit lauter. Doch sie schaut ihn noch immer nicht. Er holt den Fleischhammer aus der Küche und schlägt ihn ihr gegens Knie. Die Mutter weint. Es tut ihm leid. Jetzt muss sie reagieren. Mit Schimpfen zwar. Doch besser als gar nicht. Der Liebesentzug ist ihm Beweis, dass es überhaupt Liebe gab, die entzogen wurde. Die lustvolle Qual, ihr weh zu tun, dann bestraft und missverstanden zu werden, und schließlich das kleine Glück der Wiederversöhnung, wenn sie ihn an ihr Herz drückt und er seine Kinderlungen mit ihrem sauren, hautcremigen Mamaduft füllen kann, diese Dramaturgie von Schmerz, Lust und Rache wird neben seiner Wut eine Konstante in seinem Leben bleiben, mit und ohne Mama.

Eigentlich hasse ich Frauen. Ich habe sie immer gehasst. Sie geben nur vor, dich auszufüllen, und dann zerdrücken sie dich wie leere Brombeersaftdosen. Der Unternehmer hat sie von Anfang an durchschaut und ist ihnen stets zuvorgekommen. Zutzel sie aus, bevor du dich an sie verlierst. Mit Elvira wird es nicht anders sein. Nach der ersten Firmengründungseuphorie, nach dem Rausch der Entfesselung deiner Marktkräfte wirst du neben ihr aufwachen und erkennen, wer sie eigentlich ist, und sie, noch schlimmer, dass auch du nicht mehr bist. Und dann wirst du mit kleinen gezielten Stichen ihre Schutzschicht perforieren, die sie zu jener gesunden, liebenswerten Person formt, vor der du dich insgeheim fürchtest. Damit auch sie weiß, wie das ist, wenn das Selbst ausrinnt. Denn nur wer lernt, sich zu verlieren, kann gewinnen. Ansonsten kann man gleich in einem Staatsbetrieb verschlampen.

«Hallo! Hallo Sie. Ich bin ein Mensch. Reagieren Sie auf mich. Sie haben meine Intimsphäre verletzt. Entweder wollen Sie mich anmachen oder mich verarschen. Aber hören Sie auf, so zu tun, als wär ich nicht da. Verdammt noch mal, jetzt habe ich die Spielchen aber satt.»

Ehe der Unternehmer der Frau die Zigarette aus dem Gesicht schlagen kann, greift ihm von hinten eine Hand auf die Schulter. Langsam blickt er hoch, schemenhaft nur sieht er den Mann, da ihn die Sonne blendet. Aber die Hahnenkammfrisur weist ihn als Steiner, den Kreditberater, aus. Die kahlgeschorenen Schläfen und der hochgegelte Scheitel stehen in seltsamem Kontrast zum kühlen Ernst des jungen Mannes, das hat sich der Unternehmer schon beim ersten Treffen gedacht.

«Es ist Zeit.»

Der Unternehmer reibt sich, noch immer geblendet, die Augen. Erschrocken fragt die Frau im blauen Trenchcoat den Mann, ob er mit ihr spreche. Höflich bedeutet ihr dieser, keine Angst zu haben, er werde später alles erklären. Die Frau überzeugt das nicht, sie greift nach ihrer Tasche und trippelt davon. Der Unternehmer legt die Stirn in Falten, er hat so viele Fragen, doch blockieren sie einander. Seine Blicke wandern unruhig zwischen Steiner und dem Sandler. Da beginnt er zu verstehen. Traurig schaut er zu dem jungen Mann hoch. Er weiß, dass der nicht mit sich verhandeln lässt.

«Ist es wirklich so?»

«Es ist so.»

«Und sind Sie auf diesen Nebenjob angewiesen?»

Der Bankangestellte weiß, dass der Unternehmer Zeit schinden will, und grinst.

«Ich arbeite schwarz.»

Herrgott, warum blendet die gelbe Sau da oben so? Unter dem Schutz seiner Hand an der Stirn macht er Elvira aus. Sie jagt den vor Freude japsenden Kindern nach. Da ergreift der Unternehmer mit beiden Händen den Arm des Kreditberaters, der noch immer auf seiner Schulter ruht.

«Eine letzte Bitte. Lassen Sie mich zu ihr rübergehen. Einmal noch möchte ich von den Lippen der Jugend kosten. Das werden Sie mir doch nicht verwehren. Ich verspreche, ich komm sofort zurück.» Der Unternehmer wischt sich den Speichel von den Lippen. Jetzt erst bemerkt er das Gestrüpp in seinem Gesicht, an welchem er zupft, als könnte er es jäten.

«Mein lieber Freund, wir haben Ihnen genug Zeit gewährt. Selbst wenn wir Ihren Wunsch erfüllen wollten, Sie würden es nicht mehr schaffen.»

Der Unternehmer neigt den Kopf zur Seite und spannt die Sehnen seines Halses an, um das Weinen zu drosseln, von dem das leichte Beben seines Kopfes kündet. Dann ein trotziges Schnauben, kindlich lächelt er zu Steiner hoch.

«Das war kein gutes Leben.»

Steiner presst die Lippen zusammen und schenkt dem Unternehmer einen aufmunternden Blick. Dieser nickt und tätschelt Steiner am Arm.

«Nun gut. Was soll ich tun?»

«Stehen Sie auf und gehen Sie zu ihm. Der Rest kommt von allein.»

Der Unternehmer steht auf, Schmerzen fahren ihm in die Glieder. Er schleppt sich in Richtung des Obdachlosen. Noch einmal zu seinem Berater zurückblicken will er, da erfasst ihn ein Sog und reißt ihn nieder. Wie ein Stück Alteisen gegen einen Magneten schlägt er gegen den Rücken des Obdachlosen, an dem er eine Weile in Löffelstellung kleben bleibt, ehe er langsam in seine Gefäße wächst und eins mit ihm wird. Ungewohnt sind die Kontraktionen der inneren Organe zunächst, der wild jagende Puls und das Erstickungsgefühl, das der Körper mit stetem Röcheln und gierigem Schnappen nach Luft besiegen will, doch bald legt sich über all das ein milchiger Schleier. Und bald erstirbt auch das Röcheln in einem letzten rasselnden Schnauben.

Die Sonne holt in wenigen Stunden nach, was zehn graue Wintertage vereitelt haben. Sie saugt neongrünen Flaum aus den Weiden, sie lässt die Vögel sich verrücktzwitschern und malt zartes Rot auf ungeschützte Kindergesichter. Denen ist es einerlei. Das Mädchen mit den Kupferlocken und der lila Jacke schüttet Kies aus dem Schuh eines ihrer Schützlinge und sehnt sich nach dem Kinobesuch mit dem Freund, in den es verliebt ist. Der Himmel ist heute blauer als sonst, den Glücklichen zur Freude, den Trostlosen zum Hohn, und wölbt sich mit heiterer Gleichgültigkeit über die Lebenden wie die Toten.

 

 

 

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