Stockenten sind auch nur Menschen

Posted by richard Category: Uncategorized

 

Ein Auszug aus meinem nie vollendeten Roman Abschaumkrönchen, im Großen und Ganzen die Prosafassung des Treatments und Drehbuchs, die unter dem Namen Handygeschichten, Das grüne Handy sowie Lisi Fischer und der Dealer kursierten. Die seelische Dekomposition des Drogenpolizisten Ferry, welcher Lisi, der Witwe des Dealers Martin Hastings verfällt, den er im Einsatz getötet hat.

 

 

Ferry Huber, hochdekorierter Bezirksinspektor außer Dienst, ist noch immer auf heißer Spur. Doch von dort, wohin sie ihn führt, von dort gibt es kein Zurück. Er wehrt sich längst nicht mehr dagegen, denn die heiße Spur weist ihm den Weg aus Kälte und aus Finsternis, und das Licht, zu dem sie führt, heißt Lisi, Lisi Fischer; sie hat Löcher in die graue Schneewächte geschmolzen, die er bisher für die Welt hielt.

Doch zwei lästige braune Menschen, vermutlich Inder, ja sogar Studenten, wollen sein Glück vereiteln, sie stellen sich ihm in den Weg und wagen ihn zu fragen: „Excuse me, Mister, where is Technische Uni? Where is Technische Uni?“ Mauswieselflink ist Lisi im Menschenstrom verschwunden, der sich durch die engen Gefäße des Naschmarkts schiebt. Ferry hetzt hinterher, schwitzend – wieder einmal zu warm gekleidet. Den Pullover unter der graubraunen Antiklederjacke hätte er ruhig zuhause lassen können an diesem unerwartet schwülen Wintertag.

„Jetzt passen Sie doch auf, Sie Tölpel“, fährt ihn die Dame mit den Geishanadeln im Haar, den dunkelbraun bemalten Lippen und dem knielangen Pepitawollkleid an. Ferry hat sie angerempelt, zwei Taschen sind zu Boden gefallen. Ihr Inhalt rollt in alle Richtungen. Missmutig geht Ferry in die Knie und klaubt Früchte auf, die er nie im Leben fressen würde.

Ist ja schon gut, du dämliche Galeristin, da hast du deine Jackfruits und Lychies und deine blöden Tamarillos und Physalis für die Einweihung deiner blöden Galerie. „Danke. Sie müssen schon a bissi aufpassen. Sind Sie betrunken oder was?“ Ferry drückt ihr die Taschen in die Hände und nimmt Reißaus, um ihr nicht ins Gesicht schlagen zu müssen. Seine Wutanfälle, die bei seiner Schwester Beate übrigens nicht minder dramatisch ausfallen, werden immer häufiger.

Es stimmt nicht, dass er etwas gegen Ausländer habe – sie brauchen sich nur nicht einbilden, dass sie uns verarschen können. Wenn Ferry irgendjemand hasst, dann sind das die ausgewiesenen Ausländerfreunde, das ganze lauwarme Gesocks, das in Naschmarktnähe abhängt, mit seinen Einkaufstaschen und Ambitionen herumstelzt und sich freut, dass sein Kulturreservat so schön bunt ist. Galeristen, Künstler, Studenten, die Wichser halt. So was wie die Sau von zuvor. Er hasst sie und sie hassen ihn, weil er ihnen den Dreck auf Distanz hält, den aus der Distanz sie nur beschaulich finden.

Aber ihre geliebten Kurden, Afrikaner, Zigeuner und weiß Gott noch was sind für sie auch nur Requisiten wie der indische Tisch zuhaus’, der nur deshalb schön sein soll, weil er eine bucklige Oberfläche hat und handgegossene Kupfernägel in ihn getrieben sind, die keine Funktion haben und nicht einmal glänzen.

Die Scheißcurrysuppe ist über den Tellerrand geflossen vor zwei Jahren, als er bei seiner Schwester zum Essen eingeladen war, weil der blöde Tisch lauter Buckeln hatte. Kaum hatte er die Ingwerflachsen, die er nicht zerbeißen konnte, heimlich unter der Tischkante verschwinden lassen, um seine eigentlich durch und durch beleidigenswerte Schwester nicht beleidigen zu müssen, hat Beate aus voller Kehle verkündet: „Seit letzten Mai liebe ich Ingwer. Komisch, vorher hab ich ihn gar nicht gemocht. Aber seit letzten Mai ist ein Essen ohne Ingwer für mich nicht mehr denkbar.“ Eine Selbsterkenntnis, die sie für so mitteilenswert hielt, dass sie diese sogleich ihrem schwulen Seelenbruder Markus am Handy mitteilen musste. Das glaubt mir keiner, dachte sich Ferry damals. Und dann hat sie eine halbe Stunde telefoniert mit ihrem Markus, was heißt telefoniert, gekichert hat sie und gekudert über seine – wie sie sagte – messerscharfe Schilderung einer Literaturpreisverleihung, eine halbe Stunde gekichert, zweieinhalb Oktaven höher als der überzeugte Ton, mit dem sie über ihre Diplomarbeit zu referieren pflegt. Gekichert, gekudert und nichts gesagt außer „Wahnsinn“ und „Na, hör auf“ und „Du bist so oag“. Als einen Ästheten hat Beate ihren Markus beschrieben, ohne nähere Erklärung, aber mit bedeutungsvoll hochgespreizten Brauen, als sei ein Ästhet der Träger einer fast ausgestorbenen, unvorstellbar luxuriösen Lungenkrankheit. „Du musst Markus unbedingt kennen lernen, der sprüht nur so vor Geist“, hat sie ihm gedroht, „von dem könntest du einiges lernen. Der is so oag.“

Ach, Ferry will gar nicht mehr an diesen scheußlichen Abend denken, ihm reichen schon die selbstgerechten Gestalten, die ihm da auf dem Naschmarkt wieder einmal entgegenstaksen. In seinen Gewaltfantasien, die sich ihm immer öfter aufdrängen, substrahiert er all die verhassten Typen von ihren eingebildeten Identitäten auf ihre plane stoffliche Existenz, demonstriert ihnen als gottgleicher Metzgermeister, wozu sie dann noch taugen. Sie hängen nackt kopfüber von rostigen Haken, ihre Behandlung dauert unendlich lange. Es gibt keine Narkose, aber viele kopulationswillige Tiere, die Ferry fleißig assistieren.

Die Frage ist, ob es wirklich in den gemeinsamen Genen liegt, dass Beate sich mit ähnlichen Bildern befriedigt, nur dass ihr Schlachtvieh in SS- oder Četnik-Uniformen steckt und sie als ideeller Antifa-Ninja Konzentrationslager freischlitzt. Und nicht nur das. Wie sich Beate in ihrer Fantasie dann belohnt, das bleibe besser ihr Geheimnis.

Wo verdammt hat sich die Dealerwitwe versteckt? Jedes der in der Parallelgasse neu entstandenen Restaurants hat er abgeklappert. Wo bist du, mein Licht? Lisilisilisilisilisilisilisilisi heißt seine Instantzauberformel, die er unaufhörlich murmelt, beim zu späten Einschlafen wie beim zu frühen Aufwachen, manchmal ergänzt durch kindliche Abwandlungen wie „Lisitschpschirip“ oder „Lisi-Bisi – Bisi-Lisi“. Kurzum: Der Himmel ist immer lisifarben, selbst der Straßenverkehr zur Stoßzeit wird allein durch eine Spur Lisiduft erträglich, und die sich wie Kariesteufelchen auf dem nikotingelben und frustgrauen Volkskörper ausbreitenden Afrikaner hier sind seit etwa einem halben Jahr super Typen, da sie Lisifreunde sein könnten.

Lisi hat sich schon längst an das Hündchen gewöhnt, das ihr seit beinahe sieben Monaten, fünf davon ohne amtliche Befugnis, durch die Stadt folgt. Ist einem solchen Hündchen noch zu helfen? Und da es nicht beißt und da es Respektabstand hält und da sie selbst wie ein verlorener Köter durch den Tag trottet und ihr alles schlichtweg egal ist, macht sie nicht viel Aufhebens darum.

„Hallo Ferry“, spricht ihn Alparslan, mit der Perlenschnur spielend, aus seinem Geschäft heraus an, „trinkst’ einen Caj mit mir?“

„Jetzt nicht, Alp. Hab ka Zeit. Später vielleicht.“

„Nur ka Eile.“

Alparslan hat die Ruhe weg. Ferry hetzt weiter. Wenn Beate wüsste, wie gut er sich mit den Ausländern versteht, der Neid würd’ sie packen. Für ihn sind sie weder Opfer noch faszinierende Fremde, sondern Menschen. Manchmal schlägt er sie – wie Menschen, manchmal trinkt er Caj mit ihnen – wie mit Menschen. Er kennt sie besser als Beate, er kennt sie von der Straße, Beate kennt sie nur aus Buch und Club. Er schneidet ihnen nicht das Kulturkarree aus dem Körper, wickelt’s hernach in Diplomarbeitspapier und lässt es auf der Uni stempeln.

Die Türken mag er am liebsten. Die Jugos waren ihm schon bei seiner Ankunft in Wien zu wienerisch vorgekommen. Doch die Türken. Solche wie Alparslan. Ganz Salzburg und Seekirchen am Wallersee obendrein würde er eintauschen gegen einen wie ihn.

Die Kollegen beneiden Ferry um seine Tuchfühlung mit den Indianern. Sie tragen bloß Kavallerieuniformen, er das edle Fransenwams des Old Shatterhand. Oft sagt er ihnen: „Der Alparslan hat Ehre. Spielautomaten ja, aber nie Weiber und Drogen.“ Und: „Bei dem könnt ihr euch sicher sein, welche Partei er wählt!“

Ferry ist mächtig stolz darauf, von Alparslan und seinen türkischen Freunden wie ihresgleichen behandelt zu werden. Und sie ihrerseits wissen, wie sie den Herrn Inspektor behandeln müssen, damit er sich wie ein echter Indianer fühlt. Handschlagqualität nennt man das, und ein Augenzwinkern im richtigen Moment. Die Jungs besitzen noch was, das wir Österreicher längst verloren haben. Mit ihnen kann er noch richtig Ferry sein, jene nach Leder, Tabak und Kardamom riechende ehrliche Männlichkeit leben, die Jahrtausende die Geschicke der Welt bestimmt hat und auch in Zukunft allen Anfechtungen standhalten wird, sollen doch die Ränder Europas noch so verschweden und verschwulen; solange Kerle wie Alparslan und er Zeit finden zu einem Glas Tee, einer Zigarette und einem Plausch, bleibt die Welt im Lot.

Alparslan ist eine Quelle wertvoller Informationen. Doch hat er nichts vom üblichen schleimigen Denunziantentum, stets mannhaft und gerade bleibt er. Solche Informanten kann man sich nur wünschen. „Da drüben, Ferry, der dürre Moshiashvili aus Georgien manipuliert die elektronische Waage, wie es sein Vater wahrscheinlich schon mit der mechanischen getan hat. Aber was willst du von einem Juden schon erwarten! Zwei Stände weiter: Kurden aus Erzincan. Alles Terroristen. PKK. An deren Händen klebt nicht nur Hammelblut. Der Schwarze mit dem Discman und den Sonnenbrillen dort drüben, der an der Limonadenpackung nuckelt, genau der, verkauft Tabletten an Kinder, drüben im Grünwald-Park.“

Ferry ging dieser Sache nach. Es stimmte jedes Wort. Er ist Alparslan zu Dank verpflichtet. Der winkt meist ab und lächelt. „Ich weiß, wie du dich erkenntlich zeigen kannst. Hast du eine Schwester?“

Ferry hat ihm von Beate abgeraten.

Fünf Schulkollegen aus Ferrys Maturajahrgang hat es nach Wien zur Polizei verschlagen. Sie waren nicht nur mit Mel Gibson und Schwarzenegger aufgewachsen, sondern auch mit den sozialkritischen Copfilmen des New Hollywood der 70er Jahre und hatten sich ihrem Alter gemäß die Action von der Sozialkritik gekratzt. Wenngleich ihnen der „abgefuckte Bulle“ mit seiner Großstadteinsamkeit damals schon nachahmenswert erschien, hätten sie doch nie ahnen können, wie einsam auch das Wiener Polizistenleben sein würde. Der tägliche Stumpfsinn und der alle Maße des Vorstellbaren sprengende seelische Druck, den man sich als ganzer Kerl aber, als Milchbart zumal, nicht eingestehen durfte. Bevor ihm in der Suchtgiftabteilung eine bescheidene Karriere gelungen war, hatte er seine Empfindsamkeit in der Säure von Leichensäften aufgeätzt, die ihm von erhängten Selbstmördern auf die Seele tropften oder aus auseinander brechenden, fetten Verwesenden entgegenspritzten. Das Bergen von Toten hatte zu seinen Hauptaufgaben gehört, als er noch im Bezirksdezernat Dienst schob.

Ein Zwölfstundentag bringt dir, wenn du Pech hast, vier Leichen. Eine ist schlimm genug, die zweite verdirbt dir das Mittagessen. Die dritte lässt dich nachts heulen, während sich deine Frau oder Freundin genervt zur Seite dreht und sie im Bett – das merkt sie später als du – immer weiter von dir wegrückt. Stumpfsinn oder Gefahr. Durchgedrehte Ehemänner überwältigen, Psychopathen mit Schusswaffen oder in die Enge getriebene Einbrecher verhaften, dann wieder selbst in eine Wohnung einbrechen. Und schon der Gestank im Stiegenhaus verrät dir, was dich oben erwartet.

Mit niemanden kannst du darüber reden. Frau, Freundin, Kinder verlassen dich irgendmal, weil sie das müssen; weil sie es selbst nicht ertragen. Deine Alpträume, deine Weinerlichkeit, deine Wut. Niemand mag dich, die Leute begegnen dir mit dieser konstanten Mischung aus Unterwürfigkeit, Misstrauen und verhohlener Verachtung. Und nur ein bestimmter Schlag von Frauen will dich ficken, aber bloß, wenn und weil du Uniform trägst. Die einzigen, die dich verstehen, sind die, die du in Schach halten sollst. Die Strizzis, die Wettcafébesitzer, die Huren und Hehler. Sie sprechen deine Sprache und zunehmend eignest du dir die ihre an. Sie verstehen deine Einsamkeit und schlagen Profit daraus – und solltest du den Polizeidienst einmal quittieren, wirst du bestimmt nicht Germanistik studieren, sondern bei ihnen anklopfen. Doch kein Quereinstieg wird das sein, weil du längst Fleisch von ihrem Fleisch, Dreck von ihrem Dreck bist.

Deine romantischen Fantasien von Sepsis und Infektion, mit denen du als Rotzlöffel in die Hauptstadt gekommen bist, sind wahr geworden, auf völlig andere Weise, als du es je vermutet hättest. Der Polizeidienst bedeutet also ein probates Mittel, den eingebildeten Dreck zu bekämpfen und gleichzeitig in ihm aufzugehen. Wer von Amts wegen das Volk vor dem Dreck schützt, darf sich als Belohnung damit beschmieren. In größerem Ausmaß entstehen aus so was ganze politische Systeme.

Doch Ferry weiß nicht mehr, was dreckig und sauber, was septisch ist und was keimfrei. Die Wirkung der Schutzimpfung hat schon lange nachgelassen. Das verdankt er Lisi, die nichts von ihrem engelhaften Einfluss ahnt – noch nicht.

Du hast neue Saiten in mir angeschlagen, so erschrecke nicht wegen des schrecklichen Tons. Ich bin noch nie gestimmt worden.

Verloren schwimmt Ferry auf stinkendem Rinnsal.

Wann kommst du, meine Königin, mit deinem goldenen Löffel und schöpfst mich von der Brühe, ehe es mich ich in den Abfluss spült?

Ferry steht dort, wo zwei Marktgässchen sich kreuzen, und streicht sich mit der Linken den Atemtau von den Bürstenspitzen seines Schnurrbarts – mit dem schwermütigen, unsteten, rot umflorten Blick eines Menschen, der wenig schläft und gerne trinkt. Ferry gibt die Suche auf.

Er betritt Alparslans Lebensmittelladen bedächtig und gebückt wie ein Nomadenzelt, obwohl die Tür hoch genug ist und Alparslans Familie die letzten fünfhundert Jahre nachweislich nichts mit Nomaden am Hut gehabt hat. Zwei weitere Männer haben sich hinzugesellt. „Darf ich vorstellen: Das ist mein Freund Ferry. Der hier ist mein Cousin Sinan. Und das ist Halil.“ – „Merhaba.“ – „Merhaba.“ Ferry legt beim Händeschütteln reflexhaft die linke Hand auf die Brust. Die Sonne bricht durch die Wolken. Die Männer rauchen, trinken Tee und schweigen. Aus den Boxen dringen klagende Lieder, angepeitscht von diesen Saiteninstrumenten mit diesem zerrenden, surrenden Klang. Ferry glaubt, das Eiern der Kassette gehöre zur Tradition. Er nimmt einen Schluck heißen Tee und sinkt in eine Blase aus würdevoller Zeitlosigkeit. Jetzt eiert die Kassette zum besonders eieranfälligen Klang eines Instruments namens Balaban.

Die Nachmittagssonne malt schicksalshafte Erdfarben auf Ferrys Gesicht. Er kneift die Augen zusammen und schaut so, als röche er den nahenden Schneesturm oder einen Angriff der kurdischen Banditen. Er schaut wie ein Mann, der nach Jahren ins Dorf zurückgekehrt ist. Ein kurzer Blick zu Alparslan. Der nickt. Ferry kommt sich ein wenig episch vor.

Da plötzlich, ist es möglich, da plötzlich schwebt die Witwe des afrikanischen Dealers vorbei. Kein Zweifel. Die Elastizität ihres Gangs, die alabasternen Reine ihres Gesichtes, der schläfrige Schimmer ihrer schrägen, schiefergrauen Augen, der fette Glanz ihrer streng zurückgebundenen Haare, die kleinen, aber festen Brüste, deren selbstbewusstes Wippen schmierige Männerblicke verhöhnt, ja, Ferry Huber wittert sogar ihren schweren Duft, den er sich ebenso einbildet wie ihre herzzerreißende Traurigkeit. Nein, Ferry kann jetzt sein türkisches Dorf nicht gegen die PKK verteidigen, tut leid, grußlos eilt er aus dem Geschäft. Ohne von dem Strick zu wissen, der an Ferrys Seele gezogen hat, zischt Sinan zwischen seinen Lippen: „Was für armer Trottel.“ Halil grunzt zustimmend, obwohl ihm das gar nicht zusteht

Markus, Beates Seelenbruder, indes, der zwar nicht, wie Ferry vom Ohrenschein annahm, schwul ist, jedoch eine schwuchtelige Attitüde kultiviert hat, weil man mit solch einer im heimatlichen Oberösterreich Ende der 80er Jahre noch Oberösterreicher schockieren konnte, so einfach ist das, und der in einem lichten Moment einmal behauptete, seine Heterosexualität sei eine seiner erträglicheren Neurosen, die sich für einen Therapieplatz hinter so vielen anderen Neurosen anstellen müssten, dieser Markus hätte Ferrys Verhalten folgendermaßen kommentiert: „Da kraxelt einer in sein Verderben empor“ – und zweifellos hätte er verschwiegen, dass dieser Spruch nicht von ihm, sondern von Nestroy stammt.

Wo ist dieser sympathische Schwerenöter übrigens, von dem wir schon so lange nichts mehr gehört haben?

Markus steht im Stadtpark am Teich und – das sieht ihm ähnlich – füttert Enten. Es ist kalt geworden. Krähen krähen und krächzen im kahlen Geäst. Grell hat die Dezembersonne die frostige Epidermis des Parks bestrichen und sie in glitzernd-glitschiges Mus verwandelt, auf das die heranschleichende Dämmerung wieder ihren kalten Zucker haucht.

Markus zerteilt eine Semmel und flirtet mit drei Entenweibchen, die genau wissen, wie er ums Schwimmhäutchen zu wickeln ist. Sie paradieren ungeduldig auf und ab, umschwimmen einander in unvorhersehbarem Zick-Zack-Kurs und tun so, als bemerkten sie ihn nicht, werfen ihm dennoch kurze, schamlose Blicke zu, beherrschen die Choreographie des Versprechens und Verweigerns viel zu gut, als dass sie sich zur Aufdringlichkeit herabließen. Geziert neigen sie die Köpfchen zur Seite, spreizen zum Entladen der Spannung die Flügelchen und schnattern sich kleine Spötteleien zu, die zweifellos ihrem gönnerhaften Financier gelten. Genauso will ich euch haben, denkt sich Markus.

Dass sich diese graziösen Tändeleien eher auf die Semmel beziehen als auf seine Person, darüber braucht man einen Markus nicht aufklären. Gleichwohl er mit zynischer Genugtuung hier im Tierreich ein Prinzip vom Menschenmarkt wiederentdeckt: Stolz und Würde als Mittel, den Preis zu treiben. Allein dafür gehören sie belohnt. Wer ihm nun vorwürfe, er fantasiere menschliche Eigenschaften in die Viecher, spinnt Markus den Gedanken weiter, solle zur Hölle fahren. Das weiß er selbst, und es ist ihm so egal wie die Frage, ob Bob Dylan wirklich existiert hat oder Tanjas Orgasmen echt waren.

Seine Fantasie schweift viel weiter aus. Er versetzt das Szenario ins Italien um 1820. Die drei Entendamen verwandeln sich plötzlich in Wäscherinnen am Brunnen eines Dorfes in der Emilia, er in niemand Geringeren als Lord Byron, ihrem künftigen Cicisbeo, frisch mit der Postkutsche aus Genua gekommen. Byron spielt mit seinen Handschuhen, die übermütigen Signorine mit seiner Selbstliebe. Sie wissen, wer der vornehme Herr ist, sie wissen, wie locker ihm die Silbermünzen in der Tasche sitzen. Dass er nebenbei ein hübscher Kerl ist und angeblich von athletischer Ausdauer, ist auch kein Schaden nicht.

Da kommt in Keilformation ein Verband Erpel angeschwommen, nicht um die Weibchen wegen ihrer Treulosigkeit zu bestrafen, sondern um ihnen die Silbermünzen streitig zu machen.

Stockentenmännchen sind schöne Tiere: das klar gezeichnete Rückengefieder, die wie mit Airbrush auf Rücken und Bug gesprühte Abstufung von Beigebraun bis Weiß und natürlich der grün schillernde Kopf, der des Farbspiels kokett bewusst, mit dem die Natur ihn beschenkt hat, bisweilen blau und violett irisiert. Genaueres, unvoreingenommenes Betrachten der weiblichen Stockente jedoch mag die populäre Auffassung, im Tierreich sei stets das Männchen schöner, wenn schon nicht umwerfen, so doch ihrer frechen Selbstverständlichkeit entheben. Der Erpel ist von dekorativer, ermüdender Schönheit, perfekt, glatt und wesenlos wie eine vorgedruckte Autogrammkarte von Monica Belucci.

Die Anmut des Weibchens hingegen erschließt sich erst dem zweiten Blick – und bannt den Betrachter durch Paradoxe. Die scharfen Kontraste des ocker und schwarz gesprenkelten Gefieders, und mitten darin von bezaubernder Sinnlosigkeit: der schillernd blaue Streifen mit dem weiß-schwarzen Saum. Oder seht euch nur die Gesichter an, möchte Markus einer fiktiven Hörerschaft dozieren. Betrachtet das langweilige Designergesicht des Männchens mit seinem gelben Schnabel und dem anschließenden Grün, worin die Augen ausdruckslos versinken wie jene kalten Knöpfe in der Rattenfratze. Vergleicht sie dann mit dem reizenden Antlitz des Weibchens, dessen helle Komplexion und raffinierter Streifen, welcher sich vom Schnabel über die Augen zum Hinterkopf zieht, nicht nur den Eindruck von Individualität, sondern von Schläue und Wärme erweckt. Haben Sie Entenweibchen schon mal in die Augen gesehen? Der helle Rand am unteren Augenlid suggeriert eine listige Lidfalte, ist Markus überzeugt, die beim Menschenweibchen ausnahmslos an Wölfe und Füchse erinnert und durch den widersprüchlichen Anschein von Gewitztheit und Sympathie den Olymp weiblicher Erotik usurpiert. Der Blick des Stockentenweibchens ist smart, eine Spur durchtrieben, mit einem Wort romy-schneider-, wenn nicht gar grace-kelly-haft. Das ist es, frohlockt Markus, sind Herr und Frau Haubentaucher die Audrey Hepburns der Vogelwelt, so kann es sich bei der weiblichen Stockente nur um deren Grace Kelly handeln!

Wie oft musste sich Markus – auch von Beate – wegen seiner Verehrung des Schönen Oberflächlichkeit vorwerfen lassen. Man konnte ihm, davon war er überzeugt, allerhand vorverfen, gerade hierin aber hatte er es sich stets schwerer gemacht als die anderen, als diejenigen zumindest, die seinen Ästhetizismus beanstandeten. Niemand war wie er darauf bedacht, dass Schönheitskult und kritische Vernunft einander nicht ins Handwerk pfuschen. Einen Kontrollschalter hatte er sich eingebaut, der ihn daran hinderte, schöne Menschen klüger und interessanter zu machen, als sie sind, aber auch schöne Menschen aus der daraus resultierenden Skepsis härter zu beurteilen, als sie es verdienen, und nicht zu vergessen: aus schlechtem Gewissen unattraktive Menschen klüger und interessanter zu machen, als sie sind.

Kaum hat Markus die lange zurückgehaltenen Semmelbrocken in den Teich gestreut, kommen sie von überall angeschwommen, eine ganze Armada aus Enten, fast nur Erpel. Das Wasser beginnt zu brodeln vor Betriebsamkeit, wildes Schnattern und Quäken – für Markus, stets ein Feind der Massen, verliert das von ihm initiierte Schauspiel an Reiz, diese schönen Tiere zeigen sich von ihrer menschlichsten Seite. Er ist fertig mit ihnen und verlässt den Teich.

Der Kampf wird indessen hart und erbarmungslos weitergeführt. Die Kombattanten bemerken nicht das aufgebauschte Stück Semmelteig, das abseits auf den vom Aufruhr erzeugten Wellen schaukelt. Eine hageres Entenweibchen mit abstehendem, gebrochenem Flügel hat diese, seine Chance erkannt und steuert verzweifelt auf die bitter benötigte Nahrung zu. Es gelingt ihm, den aufgedunsenen Brocken zu erhaschen, doch sein Glück währt nicht lange, schon haben sich vier Erpel auf es gestürzt, der Rest der Meute; Männchen und Weibchen folgen in entfesselter Aggression. Nach wenigen Sekunden peckt die gesamte Entenflottille auf einen nicht mehr sichtbaren Mittelpunkt ein; zwei fürwitzige Erpel watscheln sogar über die Rücken des innersten Killerrings, um ihren Trieb zu stillen. Blässhühner beobachten die Hinrichtung mit geduckter Schadenfreude.

Lisi, die dem Spektakel auf einer Bank zugesehen hat, springt hoch, läuft mit Zigarette im Mund zum Teichrand, hebt im Laufen einen mittelgroßen Stein und schleudert diesen mit aller Kraft auf den Entenmob, der hochflatternd, schwimmend oder übers Wasser watschelnd das Weite sucht. Hinterher in weitem Bogen die brennende Zigarette. „Schleicht’s eich!“ Lisi schreit so laut, dass einige anwesende Pensionisten den Kopf schütteln, als würden sie sagen wollen: Was hat die junge Frau? Ist sie auf Drogen? Tschapperl, in die ewigen Ökokreisläufe von Werden und Vergehen greift man tunlichst nicht ein. Das führt nur zu größeren Katastrophen.

Daunen tänzeln über Wellchen, die wie betrunken ziellos gegeneinander klatschen. Die Ente mit dem verkrüppelten Flügel schüttelt die Schmach aus den fetten Federn, die in hundert Wassertropfen abperlt; ihr Kopf ist blutverschmiert; sie schwimmt ohne Plan im Kreis und tut so, als wäre das bloß eine nicht bös gemeinte Abreibung gewesen. Lisi glaubt Scham im gesenkten Köpfchen zu erkennen – und einen anklagenden Blick in ihre Richtung: „Und was hat diese heldenhafte Rettung jetzt genützt? Fühlst du dich besser, Kettenraucherin am Teichrand? Was empört dich bei uns, was du in deiner Art nicht ändern kannst? Ich werde diesen Winter ohnehin nicht überleben. Bis jetzt habe ich meine Schwäche vor mir verbergen können, tapfer hab ich mich auf das Semmelstück geschmissen. Du hast mich vor ihnen gerettet und als Verliererin gestempelt. Als solche beobachten sie mich aus der Ferne und warten nur, bis du verschwindest.

Lisi stapft wütend davon. Doch Enten denken nicht, sie fühlen nur. Diese da fühlt nichts außer Verwirrung und Angst. Die Pensionisten freuen sich über Lisis Abgang wie über das Ende einer Werbepause inmitten der Serengetidoku; die Stockenten schwimmen zurück, schneiden ihrem Opfer den Weg ab und gehen erneut drauf los. Mensch und Natur bekräftigen erneut ihr blutiges Einverständnis.

Ein neuer Zeuge, der dem Aufruhr lange schon heimlich beigewohnt hat, ist ans Teichufer getreten. Natürlich ist es Ferry Huber, und er weiß nicht recht, was er tun soll, in ihm schwingt ein schweres Pendel zwischen Faszination und Empörung. Fragend blickt er in die Gesichter der Alten, die ihrerseits flehend wie Tote aus einer Schattenwelt vom anderen Ufer hinüberstarren und ihn winselnd beschwören: Das Vieh ist nicht mehr zu retten, so rette du uns dieses kleine Vergnügen, das uns ein wenig nur entschädigt für das, was wir einander antaten.

Die Faszination hat das Pendel beim weitesten Ausschlag in ihre Richtung zu fassen gekriegt und hält es mit haarigen Pfoten fest. Ferrys Augen bekommen bösen Stockentenglanz, ein großer gelber Schnabel wächst aus seinem verzerrten Gesicht, aus dem es quäkt im Rhythmus seines beschleunigten Pulsschlags. Vernichten, Zerfetzen, Zerreißen, Fetz fetz fetz …

Mitten in diesem Rausch löst sich das Pendel aus der Umklammerung der Faszination und schlägt so weit in Richtung Empörung aus, dass Ferry bis zu den Oberschenkeln in den Teich springt und die Vogelbrut verjagt, die gewohnt idiotisch quäkend davonstiebt.

Zu spät. Die verkrüppelte Ente zuckt noch ein-, zweimal in Seitenlage und schaukelt dann leblos auf den Wellen. Ferry betrachtet sie ihm Wasser stehend so lange, bis seine Lippen blau werden und zittern.

Säßen die Pensionisten vom gegenüber liegenden Nebelufer als Geschworene zu Gericht, sie würden einstimmig für Ferrys Totpeckung wegen schweren Drogenmissbrauchs plädieren.

 

 

 

 

 

One thought on “Stockenten sind auch nur Menschen

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>