Auswege aus dem Migrantenstadl

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Es gibt hunderte Gründe, gute World-Music zu fördern. Dass diese das Selbstverständnis hier lebender Migrantengruppen repräsentieren würde, gehört mit Sicherheit nicht dazu. Eine Infragestellung.

 

In ihrem Kampf um mehr Förderung von World-Music aus öffentlicher Hand bedienen sich verdienstvolle Veranstalter seit Jahren dieses Arguments, das ich für grundfalsch und aus Gründen, die ich hier darlegen will, bedenklich halte. Nach langjähriger Tätigkeit als Musikjournalist und Veranstalter setze ich mich unweigerlich dem Vorwurf aus, Kollegen in den Rücken zu fallen und der öffentlichen Hand Argumente dafür zuzustecken, sich jenen zu verschließen. Als Entschädigung dafür will ich zu Ende des Artikels Lösungen anbieten.

Das Narrativ vieler World-Music-Promoter lautet folgendermaßen: Eine diskriminierende Hegemonialgesellschaft auf der einen, amerikanisierte Einheitskultur auf der anderen Seite schließen das Besondere, das Andere, das Fremde aus oder zwingen es zur Assimilation. Mit der Förderung kultureller Vielfalt posieren die Veranstalter, die ich liebevoll die Weißen Onkelz nennen will (auch ich bin ein solcher, und die Weißen Tanten bitte ich gleich mal um Verzeihung), als subversive Kräfte und Anwälte der Benachteiligten. Somit vorweg gleich die arbeitshypothetische Provokation: Warum schunkeln dann zu den von uns veranstalteten Konzerten vorwiegend einheimische Bildungsbürger über 40 mit?

 

Prinzipielles

Die Konflikte zwischen Zugewanderten der siebenten Generation (so genannten Alt-Österreichern) und der ersten bis vierten sind Konflikte rechtlicher, sozialer, ökonomischer, aber auch kultureller Natur. Doch bei den kulturellen Konflikten empfiehlt es sich, genauer hinzuschauen, ob sich Erstere nicht etwa nur symbolisch auf kultureller Ebene manifestieren. Denn die rechten und konservativen Vereinfacher auf beiden Seiten tun alles, um die Komplexität dieser Konflikte hinter Werte- und Mentalitätsantagonismen verschwinden zu lassen. Es funktioniert komplementär: Die Rechten rufen den Kampf der Kulturen aus, die Konservativen der Zuwanderer-Communitys fühlen sich endlich verstanden, und plötzlich ist der ganze Rattenschwanz an Friktionen, Widersprüchen und Ambivalenzen auf Kopftuch, Islam und Hammelgrillen im Hinterhof reduziert. Das Peinliche daran: Wir Weißen Onkelz fallen oft darauf herein, weil wir ja seit unserer alternativen Prägung fremde Kulturen gern haben und jeder von ihnen am liebsten ein Bussi geben wollen. Aber Migranten brauchen weder die tausendste Schwundstufe von Nathan dem Weisen, der kulturelle Toleranz predigt, noch Kindergartentanten, die ihre Gruppen statt einer fünf überflüssige Nationalhymnen absingen lassen. Kultur, sagte der französische Ethnologe Maurice Godelier, erklärt nichts, sie ist das zu Erklärende. Und vergessen wir nicht: Auch Harald Vilimsky kann zu Bollywood-Filmen weinen.

 

Das erste Argument: Auch Indianer haben verschiedene Geschmäcker

Die migrantische Bevölkerung in Österreich besteht zur überwiegenden Mehrheit aus Arbeitsmigranten, welche die Unterschichten des Landes aufstockten, aus denen ihnen der Aufstieg durch viele fiese strukturelle Hürden verwehrt ist. Auf die himmelschreiende Niedertracht, sie gleichzeitig von Bildung und Integration fernzuhalten und ihnen dann Bildungsferne und Integrationsunfähigkeit vorzuwerfen, braucht hier nicht näher eingegangen werden. Auch nicht auf eine überfällige Kritik des Integrationsbegriffs.

Es mag traurig sein, aber es ist wahr: Die migrantischen Unterschichten interessieren sich zumeist weder für betuliche Rekonstruktionen ihrer einstigen Volksmusik noch für die ethnomusikalischen Experimente der Intellektuellen. Oft wird diese Musik nicht einmal in Ansätzen als vertraut empfunden. Ein mazedonischer Rom zum Beispiel fragte mich bei der Interpretation eines mazedonischen Liedes durch eine österreichische Band, ob das irisch sei. Insgeheim wird die bemühte World-Music nicht selten für schwule Hirnwichsermusik für effeminierte Sitzpinkler gehalten. Einheimische und zugewanderte Unterschichten sind sich im Musikgeschmack auch ähnlicher als beide dem jeweiligen Mittelstand ihrer angeblichen Communitys. So wie jede gestandene Floridsdorfer Geburtstagsfeier die White Stars den Strottern vorziehen würde, pfiffe die türkische Hochzeitsgesellschaft Nim Sofyan schon nach dem zweiten Lied aus dem Saal, damit der Synthesizer endlich seine Terrorherrschaft fortsetzen kann. Das ist schwer zu verstehen für uns Weiße Onkelz, für die alle Chineserer Japanarer sind und die wir das vermeintlich Fremde aufgrund UNSERER Fremdwahrnehmung definieren. Das heißt: Was uns als Unterschied zu unserer angeblichen Kultur auffällt, wird als das Wesen der angeblich fremden Kultur verallgemeinert. Wir haben zum Beispiel nicht immer ein Ohr für die Niveauunterschiede innerhalb der fremden Musik, sondern allein dafür, was sie von unseren Hörgewohnheiten unterscheidet: die fremde Melodik, das Orientalische … Der Inder aber, der Hansi Hinterseer und Schuberts Deutsche Tänze als Ausdruck einer Musikkultur empfände, wäre sich unseres Spottes oder zumindest Unverständnisses sicher.

Tausende Ausnahmen gibt es, na klar. Hier lebende Afrikaner, gleich welcher sozialer Schicht, mögen sich durch afrikanisches Musikangebot angesprochen fühlen, zumal das Interesse des ghanesischen Flüchtlings für die malinesische Sängerin und damit eine panafrikanische Identität sich erst aufgrund des sowohl homogenisierenden als auch diskriminierenden Blicks seiner ungastlichen Gastgesellschaft geformt haben mag. Ein anderes Beispiel: Die größte Opportunistenschlampe des Balkans, Goran Bregović, schafft es schlauerweise mit seiner seichten Brachialmusik sowohl die nationalistischen Turbofolk-Fans als auch die Underground-Intellektuellen und gediegene Multi-Kulti-Gourmets einzuseifen. Dafür darf er auch im Konzerthaus spielen. Ihn braucht man also nicht zu fördern, das hat bereits H-.C. Strache getan, als er ihn als prominenten Wahlhelfer zu einem Konzert ins Nachtwerk einlud.

Amüsant, aber auch ein bisschen abstoßend sind die Versuche „weißer“ Mittelstandsintellektueller, aus ihrer gepflegten World-Music-Etage in die Niederungen des Ethnopop runterzusteigen, um sich dem authentischen kulturellen Ausdruck der plain people anzubiedern und dann aus antirassistischen Gründen eine grässliche Musik zu fördern, deren Produzenten Millionenumsätze machen und die einem zutiefst rassistischen Milieu entspringt, einem Milieu, in dem Schwule und Lesben, FeministInnen, AntinationalistInnen, Andersdenkende, ja Denkende wenig zu lachen haben. Dass diesen verständlicherweise die Grausbirnen aufsteigen bei allem, was ethnisch genannt wird, und sie sich in einen von uns als amerikanische Einheitskultur verteufelten Kosmopolitismus flüchten, wird von uns nur zu oft als feige Kapitulation vor einem westlichen Assimilierungsdruck missverstanden. Unsere kulturellen Bemühungen gleichen nicht selten Überweisungen auf die Konten der Bollywood-Produzenten, um den Stolz anstatt der Rechte hier ausgebeuteter pakistanischer Zeitungskolporteure zu stärken.

Wie kommt man überhaupt auf die Idee zu glauben, dass Konzerte oft grandioser World-Musiker mit ihrer dankenswerterweise eklektizistischen Kunstmusik die Kultur hier lebender Migranten repräsentierten? Die Antwort lässt sich nicht allein mit unserer Naivität erklären, sie liegt in den Konzepten von den organischen Kulturen und Völkern, die trotz gegenteiliger Beteuerungen tief in unser Unbewusstes eingebrannt sind. Wenn wir zufällig mal denken, weisen wir dergleichen natürlich brüsk von uns, aber kaum wiegt der Fado oder Rebetiko unsere Vernunft wieder in den Schlaf, kommt es unweigerlich hoch. Dann passiert schon mal, dass wir uns fragen, wie  d i e  Araber eigentlich über dieses denken und was man in  d e r  jüdischen Community über jenes sagt. Und ein durchaus kluger Freund meinte einmal über eine Freundin von mir, sie sehe ethnisch aus, weil Kathi aus St. Pölten ihn irgendwie an Polinnen erinnerte, und ein anderer Bekannter meinte ebenso ironiefrei, ich verkehre in der Ausländerszene. (Wie er es allerdings fertigbrachte, als Bürger einer europäischen Großstadt in einer Inländerszene zu verkehren, ohne einer schlagenden Verbindung anzugehören, bleibt mir ein Rätsel). Ethnisch sind immer die anderen. Das Kurdische, oder nationaler: das Türkische, oder vager: das Orientalische sind Essenzen, an der jedes Mitglied einer als Abstammungsgemeinschaft abgestempelten Menschenart zwingend teilhabe. Wir suchen nicht nach dem Menschen, sondern nach dem Türkischen in ihm, fragen nie, wohin er geht, sondern nur, woher er kommt (damit wir wissen, wohin wir ihn im Bedarfsfall zurückschicken müssen: in die Kultur, welcher wir mehr Respekt zollen als ihm selbst, da wir konsequent diese mit jenem verwechseln). Man erspart sich bücherlange Analysen, wenn man den Spieß einfach umdreht. Nehmen wir an, es gäbe eine beachtliche österreichische Arbeitsmigration nach China und auch so etwas wie eine rassistische Diskriminierung von uns Arbeitsplatzdieben und unnützen Essern dort. Solidarische, linksalternative Veranstalter aus dem Gastland fassen sich ein Herz und luchsen der Stadtregierung von Beijing tausende Yuan für österreichische Konzerte ab, um ein Zeichen zu setzen. Doch kein Österreicher kommt zum Solidaritätsfest, der Hackler nicht, weil statt Brunner & Brunner Roland Neuwirth auftritt, und der österreichische Architekt nicht, weil er sich dort statt des erhofften Friedrich-Cerha- oder Michael-Heltau-Konzerts Attwenger anhören müsste.

Unsere Gesellschaft wird als differenziert, pluralistisch und individualistisch empfunden, der Migrant hingegen als der ewige Indianer. Solch Fremdwahrnehmung begleitet die westliche Zivilisation seit ihren Anfängen. Schon in der Hippokrates zugeschriebenen Abhandlung „Über die Umwelt“ wird behauptet, die Skythen und alle anderen Asiaten sähen einander sehr ähnlich, wohingegen die Griechen sich in Größe und Erscheinungsbild von Stadt zu Stadt stark unterschieden.

Der liebenswerte Rassismus der Antirassisten, welcher von Karl Marx nie exorziert werden konnte, weil er bei Karl May hängen geblieben ist, hat aber eine noch fiesere Dimension. Denn der fremde Indianer wird selbst zu einer austauschbaren Ware in unserem Freizeit-, Wellness- und Identitätsmarkt instrumentalisiert. Wie oft spricht man von der fremden Kultur als Bereicherung. Immer wenn uns der Individualismus zu anstrengend wird, sehnen wir uns nach der eingebildeten Kollektivität der Migranten, und wenn uns die vielen Wahlmöglichkeiten verwirren, nach der für die Betroffenen gar nicht lustigen Wahllosigkeit verbindlicher Tradition. Der Belgier oder Hesse darf molekular kochen, vom Inder wollen wir aber nichts als Currys. Gerade wir Alternativen bzw. Ex-Alternativen mit unserem latenten oder manifesten Zivilisationshass verdonnern den Migranten zu ewigen mediterranen Familiengelagen im Freien, die er für uns zu veranstalten hat – der Migrant muss als Thai-Masseur unserer kulturellen Verspannungen und in Zeiten des Werteverlusts als Werteersatzteillager herhalten.

 

Das zweite Argument: Nicht alle Indianer mögen Indianerkultur

An die Frage, ob ethnisch stimulierte Kunstmusik (World-Music) wirklich als Repräsentation der Migrantenkultur taugt, schließt sich natürlich die alte, aber immer noch nicht beantwortete Frage an, warum wir den sogenannten Fremden überhaupt über den Umweg ethnischer Kultur wahrnehmen müssen, ganz gleich ob in Form traditioneller Volksmusik, in Form von Ethnopop oder aber kreativem Ethno-Crossover? Die einzige für mich akzeptable Antwort auf die Frage, warum man ethnische Musik fördern solle, heißt: weil sie gut ist, falls sie gut ist.

Hinter dem vorgeblichen Respekt vor der fremden Kultur steht nämlich oft die Erfüllung eines zutiefst egoistischen Interesses. Wir ethnisieren das Fremde, um unsere kulturellen Wellnesscenter mit Vielfalt auszutapezieren; die Buntheit dieser Repräsentationen hat aber mit den Lebenswirklichkeiten der Kulturträger so viel zu tun wie ein orientaloides Luxus-Resort mit der Suburbia von Kairo. Das gilt nicht nur für den Hardcore-Orientalismus alter Schule, sondern – aufgepasst – auch für den gehypten Nachwuchsrapper aus der Pariser Banlieue, der mit der Fusion von Hip-Hop mit algerischem Rai die aufgeschlossenen Arte-Seher entzückt, aber dutzende andere migrantische Rapper, die bessere Texte, aber keine arabischen Elemente in ihrer Musik haben, möglicherweise vom Markt drängt.

So verdienstvoll es ist, ethnischer Musik Gehör zu verschaffen, haben wir auch die Pflicht, das Unbehagen vieler Musiker nicht-kommerzieller Szenen hierüber ernst zu nehmen. Immer wieder höre ich von solchen Klagen darüber, dass ethnischer Musik, auch wenn sie einfallslos und schlecht gespielt wird, auf dem gehobenen Alternativmarkt stets der Vorzug gegeben werde. Diese Musiker haben nämlich die Nase voll, für das differenzgeile Mitklatschpublikum die Ethnoclowns abgeben zu müssen.

Ich weiß, welche Einwände jetzt kommen: Wir sind schon einen halben Schritt weiter, wir fördern längst nicht mehr echte Volksmusik, sondern Experiment und Niveau. Dieser finnische Volksgeiger macht total auf Jazz. Wow. – Das mag wunderbar klingen, doch die Anreicherung traditioneller Musik mit Swingakkorden entspricht der Pop-Avantgarde der frühen 30er Jahre – Und was ist mit Tango Nuevo? Großartig, aber von jedem Symphoniker, der von der Klassik abspringen will, bis zum Überdruss rauf- und runtergespielt. – Aber, erschallt ein Dementi von anderer Seite, das sei keine iranische Volksmusik, die dort auf der Bühne erschallt, sondern orchestrale Kunstmusik, und die InterpretInnen interpretierten wahrhaftige Dichtung: Hafis, Rumi und Omar Chajam. Antwort: schöne Musik, interessante Dichter – aber: wieso immer nur iranische Kunstmusik und wieso schon seit achthundert Jahren dieselben Dichter? Wo ist der iranische Frank Zappa? Wo ist die Elektronik-Performerin aus Isfahan? Wo der – meinetwegen – Bossa-Nova-Sänger aus Täbris? Wären das Verräter an ihrer Kultur? Überassimilierungsgewinnler? Aber, höre ich es weiter in meinen Ohren: Du bist doch selbst der allergrößte Ethnomusik-Junkie! Antwort: Klar. Ich höre sogar Feldaufnahmen. Und ich bin dankbar für jedes Konzert, das mein Interesse befriedigt. Aber das ändert nichts an den benannten Widersprüchen. Und der Leumund guter ethnischer Musik würde sogar erhöht dadurch, dass sie nicht als der natürliche Ausdruck eines jeden Menschen gesehen würde, den wir als Indianer auf- oder abwerten, sondern als künstlerischer Ausdruck von Individuen, die Altes aus falschen Händen retten.

 

Auswege, vielleicht auch Lösungen

Ebenso wie das Neue Wienerlied garantiert nicht kultureller Ausdruck des Durchschnittswieners ist, sondern synthetisch gezüchtetes, aber oft reizvolles Lifestyleprodukt für eine kleine Schicht, war und ist Klezmer niemals kollektiver Ausdruck kultureller Jewishness.

Die Fetischisierung von Volkskultur und die Ächtung «nicht verwurzelten» Kosmopolitismus’ war vordringliches Programm der nationalsozialistischen Ideologie. Ich will uns beflissenen Weißen Onkelz keine Nähe zum Nazismus unterstellen, aber die Nazis haben sich an den Juden am ehesten für deren Leistungen innerhalb einer traditionsentbundenen Moderne gerächt. Die nationalistische und rassistische Hetzliteratur um 1900 wird nicht müde zu betonen, dass man den differenten Kaftanjuden aus Osteuropa weniger verachte als den wurzellosen, «unsichtbaren» Juden mit seinen modernen Ideen. Die Ironie der Tragik will es, dass wir in bester Absicht dazu neigen, auch die nichtjüdischen Leistungen jüdischer Menschen post mortem zu ethnisieren. Freuds Gesammelte Werke, jüdische Kochbücher, Anne Franks Tagebuch und Klezmer-CDs teilen sich dieselben Ladetische als Leistungsschauen jüdischen Volksgeists, und ganze Akademien wurden bereits gegründet, um Woody Allens individuellen Witz auf Referenzen zum guten, alten traditionellen Shtetl-Schmäh abzuklopfen.

Frank London, fantastischer Trompeter des New Yorker Klezmer-Revivals, sagte mir einmal, dass ihm der ganze «jewish identity shit» am Arsch vorbeigehe. Er interessiere sich für diese Musik, weil sie schlicht groovy sei. Deshalb erforsche er auch Jazz, Balkan-Brass und orientalische Stile. Frank London weist somit einen Ausweg aus den Widersprüchen von Repräsentationspolitik und World-Music. Oder lassen wir den bereits erwähnten Frank Zappa ein Machtwort sprechen. Zappa war verrückt nach ethnischer Musik aus Bulgarien. Speziell der jazzangehauchte Improvisationsstil des Klarinettenwunders Ivo Papassov hatte es ihm angetan. Zappa liebte diese Musik nicht, weil sie authentisch oder bodenständig war oder aus den Tiefen einer schnuckeligen Volkskultur spross, noch weil sie ihm ein Bollwerk des Self-Empowerments gegen den amerikanischen Kulturkolonialismus schien, auch nicht als Statement gegen die Diskriminierung von Bulgaren in Nordkalifornien. Die ganze Fracht kultureller Codierung, so interessant sie auch sein mag, war ihm schlicht egal. Diese Musik war für ihn bloß das, was sie unleugbar ist: ekstatisch, komplex, schräg, wild, sexy, vital – kurzum: teuflisch gut. Selbst wenn sie von einem Freak aus einer anderen Galaxie zwei Minuten zuvor erfunden worden wäre, hätte sie denselben Eindruck gemacht.

Genau deshalb muss man World-Music fördern: nicht weil sie ethnisch ist, sondern weil sie auch ästhetischen Kriterien standhält. Ansonsten wäre sie bloß Brauchtumspflege, ansonsten wäre sie wirklich jene Folklore, als welche ethnisch beeinflusste Musik von Musikjournalisten in völligem Unwissen der Bedeutung des Begriffs immer wieder abgetan wird. Wir Weißen Onkelz sollten das künstlerische Potenzial diverser ethnischer Musikformen vor ihrer nationalen, identitätspolitischen und konservativen Vereinnahmung bewahren, auch vor dem Snobismus ahnungsloser Nischenjournalisten. Dass sich mit den textlich und musikalisch reizvollen Liedern der Strottern die Minderheit der Alt-Wiener oder etwa mit Konzerten der Istanbuler Ethnojazz-Legende Okay Temiz die türkische Minderheit vertreten ließen, ist grotesk und erinnert an Volksgeist und nationalen Zensus. Eben deshalb müssen wir Musikformen zwischen allen Genrestühlen, ob ethnisch inspiriert oder nicht, fördern. Kunst ist nämlich das, was sich der Kategorisierung zu entziehen weiß und bezahlt dies auch mit einem schweren Stand auf einem Markt, dessen Konsumenten fixe Labels zur Orientierung brauchen.

Eine Entkoppelung vom Migrationsdiskurs wäre aber förderlich. Denn die Subventionierung von Migranten sollte weniger in die Etats der Weißen Onkelz und in angeblich indianische Volksmusik fließen, sondern direkt in migrantische Selbstermächtigung und in die Vernichtung von Bildungs- und anderen diskriminierenden Hürden. Damit so viele Zuwanderer wie möglich die Enge der ethnischen Ghettos, in die wir sie gesteckt haben, verlassen und sich im Porgy & Bess, in der Sargfabrik, in der Bunkerei oder im Musikverein für Neue Musik, Jazz, Singer/SongwriterInnen oder aber World-Music interessieren können, und für Letzteres, nicht weil es der kunstvollste Ausdruck der eigenen Musikkultur, sondern bloß, weil es gut ist.

 

 

 

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