Gerechtigkeit für die Spice Girls

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Im leidenschaftlichen Krieg der Gegner und Befürworter der Spice Girls tun sich uralte Fronten auf, für die archetypisch der Gegensatz steht zwischen Lou Reeds tiefgründigem »Doob-di-dub, di-doob, di-doob-di-doo, doob-di-doob …« und dem oberflächlichen, marktkonformen »Sha-la-la« diverser Mainstreambands.

Meine Sympathie für die fünf britischen Rotznasen wandelte sich von schlecht verdrängter Geilheit in offene Bewunderung, als ich die Argumente ihrer Gegner vernahm. Zugegeben, ich liebe die Spice Girls (eine mehr als die andere), weil mindestens fünf Arten von Popfans sie hassen, die ich nicht liebe: 1) jene, die den Schund ihrer Jugend für gediegener halten als den Schund von heute; 2) jene, welche von der Echtheit des musikalischen Ausdruckes faseln (und ernsthaft glauben, Tom Waits sei ein realer Mensch und keine Erfindung der Musikindustrie); 3) jene, welche die instrumentalen Fertigkeiten von Popmusikern bewundern, auch wenn diese längst Playback-Statisten eines Computers sind; 4) jene, die meinen, es gäbe auch inhaltlich anspruchsvolle Popmusik (und sich grün und blau ärgern, dass Dario Fo und nicht Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekam); und natürlich 5) jene, die noch immer an die dissidenten, subversiven Kapazitäten von Pop, an den Mythos des Undergrounds, glauben (und ihren revolutionären Obolus durch den Kauf von Nirvana-Platten entrichten). Wie erfrischend dagegen, in der Seichte der Spice Girls zu waten, sicher vor der Untiefe des anspruchsvollen Pop. Keine Frage, die Spice Girls sind ein besonders dummes Produkt der Pop-Industrie, und in ihrem herzhaft doofen Konzept der »Girl Power« fände auch Leni Riefenstahl ihr Auskommen. Aber haben sie je vorgegeben, mehr zu sein?

Das und ihr britischer Supermarktkassiererinnencharme schaffen jene Kombination, mit der uns schon in den 80ern Shakin’ Stevens und Sammy Fox Obdach gaben vor der billigen Exzentrik John Cales oder David Byrnes. Die Spice Girls machen unprätentiösen, aber professionellen Pop. Mel C (Sporty Spice) verfügt sogar über eine passable Soulstimme (zumindest Hut ab vor den Technologen, die sie gebastelt). In ihrem Film Spiceworld verarschen sie traditionelle Frauenrollen und Mr. Bob »Wie-werde-ich-durch-hungrige-Kinder-populär« Geldofs aus Prinzip unfrisierte Langmähne, in die Mel B ihre berühmten Hörnchen bastelt. Außerdem können sie tanzen und brauchen sich daher nicht wie Elton John und Billy Joel hinter Klavieren verstecken und die Großen Sensiblen markieren. Darum sage ich euch Jeansträgern und Handyverweigerern: Lasst die jungen Leute ihren Spaß haben, der nicht blöder ist als euer Ernst, ehe sie so werden wie ihr und in Sting ihre eigene halbe Intellektualität suchen und finden, oder zwischen den Drei Tenören und R.E.M. changieren, wenn sie den Chef zum Abendessen einladen, und »Satisfaction« auflegen, wenn der Chef ihnen nach neun Chardonnays Partnertausch vorschlägt. Nein, euch Alternativspießern und Authentizitätsvergötzern schrei mit erhobener Faust ich ins Gesicht: »Girl Power Yeah!« (ein bisschen wehmütig vielleicht, weil ich nie wieder 19 und ein Mädchen werd’).

 

 

 

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