Frühstück eines Tigers im alten Rom

Posted by richard Category: Uncategorized

 

Deutschhausübung vom 25. Mai 1981, Humanistisches Stiftsgymnasium Melk

Thema: Beschreibung eines Tiers in Aktion

(Trivia: Mein Deutschlehrer war zugleich Religionslehrer.)

 

Wegen meiner politisch vorrangigen Stellung nehme ich meinen Sitzplatz in der ersten Reihe ein. Enttäuscht erfahre ich, daß man heute in der Arena mit den Christen sparen wolle, da man glaube, sie würden allzubald ausgehen. Gelangweilt von den Bläsern, den Fanfaren und dem ganzen anderen Trubel fallen mir die Augen zu. Rechtzeitig werde ich von meiner sih neben mir befindlichen Schwester geweckt. Da erspähen meine müden Augen nur fünft Christen auf der Speisekarte unseres Helden. Drei schreiende, in sich verschlungene Frauen. Dahinter jedoch verstecken sich zwei winselnde Männer.

Das Gitter wird hochgezogen und ein wahres Prachtstück von Tiger erscheint, grünäugig, wahrhaft riesig, jedoch von einem mehrtägigen Fleischentzug abgemagert. Und ein Knurren, das die drei Märtyrerinnen um mehrere Oktaven höher kreischen läßt. Mit einigen gewaltigen Sätzen strebt er seine ersten Opfer an, hebt sich wie eine Feder vom Erdboden und läßt sich im Beifall des Publikums auf seine Nahrung nieder.

Einige Prankenhiebe genügen, um sein Frühstück um seine Stimme zu bringen. Laut schmatzend gräbt er sein Maul bis zu den grünen Augen ins Fleisch. Lange gespeist hebt er das majestätische Haupt, erblickt sein nächstes Opfer von der Angst getrieben die Manegenmauer emporklettern. Sein Tempo vergrößernd setzt er die Mauer zu, hebt den Oberkörper und donnert mit der Pranke gegen den Stuck, der fast zur Gänze herabbröckelt.

Nach langem Bemühen gelingt es dem Siamesen die Wade des Christen mit seinem scherenhaften Kiefer zu packen und reißt sich genüßlich einen appetitlichen Happen davon ab. Kaum hat er dem nun Beinlosen ein qualvolles Ende bereitet, blendet ihn der Glanz einer Messerklinge. Derletzte Christ oder die Nachspeise wie man ihn schon nennen kann hat sich gefaßt, seinen in die Manege geschmuggelten Dolch gezogen um heldenhaft zu sterben.

Ein leises Grollen entsendend brescht (!) der Tiger durch die Arena, hebt ab und gleitet über den Nachtisch hinweg. Riesige Staubwolken aufwirbelnd macht er kehrt und den Christen mit einem gewaltigen Satz wieder unter seinen Pranken. Den erstarrten Körper fest umklammert, bohrt er seine dolchartigen Eckzähne ins ungeschützte Nacken und zermalmt mit ihrer Hilfe blutüberspritzt das Genick.

Fanfaren erklingen, das Volk erhebt sich und jubelt dem Helden zu. So auch ich, ich klatsche, bis mir die Hände schmerzen.

Als erwiderte er die Auszeichnung hebt er wieder majestätisch das Haupt. Da lasse ich mich wieder nieder und schlafe, über die vorhergehende Vorstellung schmunzelnd, ein um beim Mittagsmahl von meiner Schwester wieder geweckt zu werden.

 

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>