Sherlock & Oscar

Posted by richard Category: Uncategorized

 

 

Personen

 

Sherlock Holmes

Dr. Watson

Oscar Wilde

Inspektor Lestrad

Peggy Costello

Sheila Ryan

Aloysius Brun

Cameron Fairfax

Sir Alfred Douglas

Lord Huntington

Major Broderick Cunningham

Major Maxwell Wootton

Algernon Ricardo

Lord Farquahar, 4. Earl of Strathclyde

Leonard Evans-Pritchard

Sir Maxwell Fenton

Mrs. Martha Hudson

Frederick Engels

Clara Kautsky

Mickey Milligan

Mme Sarah Bernhardt

Dr. Sigmund Freud

Mycroft Holmes

Arthur Conan Doyle

Professor Higgins

Deirdre, die fleischfressende Knopflochlilie

 

 

Exposé

 

 

Teil eins – East End Ragtime

 

 

London, Frühling 1892. Die Prostituierte Sheila Ryan wird in Soho erdrosselt. Der Verdacht fällt auf Aloysius Brun, einen schwarzen Matrosen, der sein Auslangen als Schauobjekt in einer exotischen Wanderschau findet. Dessen Geliebte Peggy Costello, gleichfalls Prostituierte und Freundin Sheila Ryans, sucht Sherlock Holmes auf, weil sie von der Unschuld des Afrikaners überzeugt ist. Dabei weist sie ihn auf Cameron Fairfax hin, einen seit kurzem gefeierten Schauspieler, der zugleich Zuhälter von Mrs. Ryan war. Sie verrät dem Detektiv zudem, dass Fairfax sowohl Kulturszene als auch High Society mit Strichjungen und Grisetten „beliefert“ und genau Buch darüber führt, vermutlich für Erpressungen. Watson, der kurz davor steht, eine Reise mit seiner Familie nach Brighton anzutreten, besucht mit Holmes eine Vorstellung von Oscar Wildes „Lady Windermere’s Fan“, in welcher Fairfax den Lord Darlington gibt. Holmes stellt diesen in der Garderobe zur Rede. In die Enge getrieben, flüchtet Fairfax durch das Fenster des Theaters. Was wie ein Schuldgeständnis wirkt, will Holmes nicht recht überzeugen. Backstage machen sie auch Bekanntschaft von Oscar Wilde, der den Detektiv mit Geist und Charme begegnet und Watson auf Anhieb unsympathisch ist. Mit Schrecken muss dieser erkennen, dass Holmes Wildes Flirten erwidert und seine Einladung zu einem Dinner annimmt. Holmes erklärt ihm, dass dies Teil seiner Strategie sei, ans Schwulen- und Strichermilieu heranzukommen, aus welchem er sich einige Aufschlüsse über den Fall verspricht. Watson ist entsetzt über dieses „Spiel mit dem Feuer“ (und er weiß auch warum, wie sich noch herausstellen wird).

Holmes’ und Wildes Dinner wird wegen des geistreichen Duells ein beglückendes Ereignis für beide Kontrahenten. Der knochentrockene und bis dahin wohl asexuelle Holmes identifiziert sich etwas zu viel mit seiner neuen Deckung und wird bereits in der Kutsche von Oscar Wilde geküsst. Die beiden landen in Wildes Wohnung in der Tite Street. Der Geschlechtsakt wird in Art-Noveau-Allegorien à la mode de Aubrey Beardsley gezeichnet sein, und der Autor der Texte behält sich deren graphische Ausführung vor.

Wenige Tage später wird Cameron Fairfax tot aus der Themse gefischt. In einem Abschiedsbrief bekennt er sein sündiges Leben. Weder Wilde noch Holmes nehmen ihm dieses Selbstmordmotiv ab.

Währenddessen kann Dr. Watson seinen Urlaub in Brighton gar nicht recht genießen; dunkle Ahnungen beunruhigen ihn ebenso wie berückend attraktive Kellner und Strandwächter. Er nimmt den nächsten Zug nach London, um seinen Freund Holmes „zu retten“.

Wilde ist mittlerweile ein häufiger Besucher in der Baker Street, und es gelingt ihm, mit seinem Charme die gute Mrs. Hudson, Holmes’ Haushälterin, von sich einzunehmen. Sie hat keine Ahnung, was die beiden Herren da in Holmes’ Zimmer treiben, oder geht vielleicht auch mit gespielter Naivität darüber hinweg. Als sie dem plötzlich auftauchenden Dr. Watson erzählt, wer gerade zu Gast ist, weiß dieser, dass alles zu spät ist. Er platzt in Holmes’ Zimmer und findet beide Herren im Schlafrock vor. Noch mehr als vom vermutlich Vorgefallenen ist er vom völligen Ausbleiben von Scham bei seinem Freund schockiert. Vielmehr machen sich Holmes und Wilde über Watsons Moralismus lustig. Mit den Mitteln logischer Deduktion weist ihm Holmes dessen früheren Frauengeschichten, mit denen er geprahlt hatte, als Lügen nach, und Wilde überführt ihn mit aphoristischem Witz seiner latenten Homosexualität – das erste Beispiel brillanter Kooperation zwischen Detektiv und Dichter.

Gemeinsam machen sie sich nun an die Auflösung des Falls. Dass Inspektor Lestrad die Einvernahme des Mordverdächtigen Brun auf höhere Weisung hin verweigert, macht Holmes stutzig. In der Stricherszene erfährt Holmes, dass Fairfax ein professioneller Erpresser war, der einen gesamten Sittenkodex des viktorianischen Englands erstellt hatte. Von Peggy Costello erfahren Holmes und Wilde, dass Sheila Ryan auch hohe Würdenträger als Kunden hatte. Kurz danach wird ein Mordanschlag auf sie verübt, dem sie knapp entgeht. Der Fokus engt sich auf drei mögliche Opfer der Erpressung ein: den Direktor der Bank of England, den Erzbischof von Canterbury und Lord Sutherland, einen hartnäckigen Presbyterianer, der als Innenminister für besonders strenge Sittengesetze verantwortlich zeichnete. Für Wilde steht außer Zweifel, dass Letzterer der Täter ist, Holmes muss das erst durch eine spektakuläre Entschlüsselung von Fairfax’ vermeintlichem Abschiedsbrief, der eine verdeckte Botschaft an ihn ist, herausfinden, dass Wilde richtig liegt. Peggy Costello lockt Lord Sutherland zu einem Schäferstündchen. Weil er keinen hochkriegt, versucht er auch Peggy zu erwürgen. Holmes und Wilde können ihn überführen und der Polizei übergeben. Gewaltsam verschaffen sie sich im Gefängnis Zutritt zu Aloysius Brun, der gerade von einem Phrenologen vermessen wird. Holmes und Wilde wenden dessen Methoden auf ihn selbst an, identifizieren ihn als minderwertige Kreatur und befördern ihn per Fußtritt aus der Zelle. Aloysius Brun, dessen Sprache kein seltener afrikanischer Dialekt, sondern kultiviertestes Flämisch ist, wird von seiner geliebten Peggy vor dem Gefängnis empfangen.

 

 

Teil zwei – Handjobs

 

 

Lord Sutherland will sich in seinem Bureau eine Kugel in den Kopf jagen, doch plötzlich trennt eine „aus heiterem Himmel“ auf ihn niedersausende Klinge die Hand ab, welche den Revolver hält. Einige Monate später. Baker Street. Eine vergnügte Orgie zwischen Oscar, Sherlock und Sarah Bernhardt, welcher sich auch noch Peggy Costello hinzugesellt, die von ihrem Aloysius Brun mittlerweile verlassen worden ist, aber ein kumpelhafter Freund des schwulen Pärchens wurde. Holmes kann sich nicht entspannen. Die Erkenntnis, dass er die größere Schwuchtel ist als Oscar, der immerhin auch die Damen zu befriedigen versteht, treibt ihn zur Verzweiflung. Oberzeremonienmeister Oscar greift zu einer List. Die Damen verkleiden sich als Dragoneroffiziere mit aufgemalten Schnurrbärten, und als dritte im Bunde der Travestie feiert – ja, sie! – Mrs. Hudson ihren Einstand als erotisches Wesen. Sie ist eine der großen moralisch-amoralischen Gewinnerinnen des zweiten Teils. Mit Oscars Hilfe entdeckt die nicht mehr junge, aber noch auf voller Höhe ihrer sexuellen und intellektuellen Möglichkeiten befindliche Haushälterin ihre Lust, die ihr rüpelhafte Männer und ein lustfeindliches System früh nahmen. Wilde besorgt ihr zum Beispiel in einer späteren Szene einen umschnallbaren Dildo aus bestem Angusshire-Rind-Leder und stellt ihr seinen Körper zur Verfügung, an dem sie erstmals sexuelle Dominanz erleben darf. Sie wird auch nicht unwesentlich zur Auflösung des Falls beitragen.

Zwischen Sherlock und Oscar entstehen erste Spannungen. Sherlock hat schon lange keinen Fall mehr gehabt, sein Chronist Watson hat sich von ihm abgewandt, er stürzt in Depressionen, gibt sich dem Kokain hin und muss ertragen, dass Wilde immer öfter das letzte Wort behält, zumal dieser Holmes’ deduktive Methode zunehmend persifliert und verspottet. In der Zwischenzeit erschüttert das Empire eine Reihe bizarre Attentate, die das Innenministerium immer schwerer als Zufälle kolportieren kann. Algernon Ricardo, der Direktor der Bank of England, Major Maxwell Wotton und der Wüstling Lord Farquahar verlieren allesamt ihre rechte Hand. Sherlock Holmes vermutet den Zusammenhang in einer späten Collegerache, da alle Opfer in Oxford in derselben Rugbymannschaft spielten. Etliche Indizien weisen auf Leonard Evans-Pritchard hin, einen sozialistischen Aufdeckungsjournalisten, der als einer der wenigen Vertreter der unteren Klassen mit den Opfern in Oxford studiert hatte und deren Hochmut spüren musste. In der Zwischenzeit nimmt Sarah Bernhardt Peggy Costello unter ihre Fittiche und bildet sie zur Schauspielerin aus, Holmes und Wilde unterstützen sie tatkräftig, ein gewisser Professor Higgins kümmert sich um Sprech- und Gesellschaftsfähigkeitstraining. Da der proletarische Name Peggy Costello im Show-Biz nicht sehr prestigeträchtig ist, ersinnt Oscar Wilde einen upper-class-kompatiblen Celtic nom de plume: Malvina Sheehan.

Der Journalist Evans-Pritchard wird tot aufgefunden. In einem Abschiedsbrief gesteht er den Mord an Sheila Ryan (!). Für Holmes bricht eine Welt zusammen. Die Karten müssen neu gemischt werden. Er beginnt an seiner Kombinationsfähigkeit zu zweifeln. Eine Therapie bei dem gerade in London weilenden jungen Arzt Siegmund Freud endet in einer Schimpfkanonade. Holmes entlarvt Freud als macht- sowie kokainsüchtigen Hochstapler, Freud seinerseits wirft ihm vor, dass er an Oscar Wildes Überlegenheit verzweifle.

Der Zwiespalt zwischen den Liebhabern wächst sich zu philosophischen Dimensionen aus. Holmes verteidigt das logozentrische Weltbild. Blöderweise gelingt es ihm nicht, Wilde ins irrationalistische, ästhetizistische Decadènce-Eck abzutun, denn in ihm hat er einen vernunftstarken Partner gefunden, der bloß für eine dialektischere und zugleich relativistischere Vernunft eintritt. Der allseits verbindliche Wilde (ein weiterer Grund von Holmes’ Zorn) schlägt eine Mediation vor. Hierzu begeben sie sich zu Wildes altem Freund Frederick Engels nach Salford, wo der Lebemann und Co-Autor des „Kapitals“ gut von den Einkünften seiner Fabrik lebt, und die junge Luise Kautsky beherbergt, die gerade ihren Mann Karl Kautsky verlassen hat. Wie zu erwarten findet der alte Engels einen dialektischen Kompromiss zwischen Holmes’ und Wildes Positionen. Danach gibt es Hummersalat und Maibowle.

In London angekommen werden die beiden unter Feuer genommen. Wilde stürzt sich schützend vor Holmes, doch seine fleischfressende Knopfloch-Lilie Deirdre kann die Kugel abfangen. Der eifersüchtige Dr. Watson wird von Wildes Ex-Liebhaber Sir Alfred Douglas aufgesucht, bei einem gemeinsamen Dinner hecken sie einen Plan aus, um Sherlock und Oscar zu entzweien. Watson ist von dem jungen, gut aussehenden Adeligen sehr angetan, der sich ihm gegenüber als Hetero ausgibt, dessen Zuneigung zu dem Dichter von diesem aufs Perverseste ausgenutzt worden sei. Mit diesem Trick gelingt es ihm schließlich, Watson zu verführen …

Peggy Costello alias Malvina Sheehan feiert ihren ersten Bühnenerfolg in Gilbert & Sullivan’s „Utopia“ und verliebt sich in ihren Bühnenkollegen Candid Blackmore, einen wie sie über Nacht aufgetauchten Star am Bühnenhimmel, der vom Vaudeville kommt und dessen leicht flämischer Akzent und vieles andere Holmes sofort auffällt. Eigenartigerweise soll er im Comic die Züge Michael Jacksons tragen. Sherlock Holmes sieht sich vor dem schwierigsten Fall seines Lebens, keines der verwirrenden Indizien ergibt eine Kette, noch dazu muss er sich Wildes Veralberungen seiner Deduktionen gefallen lassen.

Algernon Ricardo, Major Maxwell Wotton und Lord Pendragon, die Opfer der Amputationsattentate, haben mittlerweile einen Fonds gegründet, der sich ausschließlich um Arbeitsunfallsopfer kümmern, die ihre Hände verloren haben. In einem Palais im Hyde Park geben sie ein Charity-Event, wo u. a. Mrs. Sheehan singen soll und wo finanzkräftige Mitglieder der Upper Class mit einarmigen Arbeitern, Handwerkern und Soldaten feiern sollen. Sherlock Holmes verspricht den drei prominenten Handlosen, ihren Fall an diesem Abend aufklären zu wollen und mietet ein Extrazimmer hierfür. Diese Handlungsfigur ist von einem späteren Detektiv geborgt, nämlich Nick Charles aus Dashiell Hammetts „Thin Man“. Doch Holmes hat sich zu viel vorgenommen, denn am entscheidenden Abend hat er nichts als einige logische Verdachtketten. Holmes ist nervös und unrund. Auf dem Weg zum Hyde Park rastet er wegen Wildes eleganten Spöttereien aus und verbietet diesem die Anwesenheit beim Charity-Ball. Wilde zieht sich in ein Pub zurück und beginnt mit dem Proletariat zu zechen. Dort freundet er sich sangesfreudig mit einem Landsmann, dem Matrosen Mickey Milligan, an, der ihm zu vorgerückter Stunde Unglaubliches offenbart: Über einen überaus gebildeten schwarzen Arbeitskollegen, Aloysius Brun, sei er über die Machenschaften der britischen Diamantenminenbesitzer in Katanga, Süd-Kongo, aufgeklärt worden, welche die noch unbekannten Praktiken der belgischen Kautschukplantagen übernommen hätten: Folter, Bedrohung und Handabhacken der Arbeiter, die ihr Plansoll nicht erfüllten. Die Diamanten- und Goldtransporte habe er selbst ins Landesinnere des Kongo begleitet und dort die Bestätigung von Bruns Angaben gefunden. Weiters habe er einen Brief der Aktionäre abgefangen, der den Minenverwaltern ein Schweigegebot gegenüber der Presse, Missionaren und Reisenden auferlegt. Wilde kauft Milligan den Brief für ein Gedicht ab. Leicht angeheitert taucht er beim Charity-Ball auf und beliefert Holmes mit genau den Fakten, die ihm gefehlt haben. In einer bravourösen Doppel-Conference überführen sie die Aktionäre der Katangamine des Mordes an Cameron Fairfax, Sheila Ryan und dem Journalisten Evans-Pritchard. Den Sänger/Schauspieler Candid Blackmore identifiziert Holmes als Aloysius Brun, der sich einer Gesichtsoperation unterzogen habe. Er ist der Sohn eines kongolesischen Häuptlings, dessen Familie und Stamm von den Belgiern und Briten versklavt wurde und Rache nahm an den Aktionären. (Holmes hat ihn übrigens an den nach wie vor braunen Handrücken erkannt, für deren Depigmentierung Brun die finanziellen Mittel ausgegangen seien). Major Wootton zieht seine Pistole und will Brun alias Blackmore erschießen, da wird ihm von einem Dragoneroffizier die zweite Hand abgesäbelt. Dieser gibt sich als Mrs. Hudson zu erkennen.

Im Diogenes Club zwingt Mycroft Holmes das Detektivpaar, auf die Publikmachung der Katangaaffäre zu verzichten. Ansonsten sehe er sich gezwungen, Wildes Homosexualität an die Öffentlichkeit zu bringen. Wilde hält einen flammenden Monolog über den unvermeidlichen Untergang des britischen Empires und legt dar, wieso die Aufdeckung eines Skandals ohnehin nur vom Hauptskandal, dem Kolonialismus, ablenken würde. Holmes und Wilde stimmen Mycrofts Deal zu unter der Bedingung, dass Peggy und Aloysius, die in die USA auswandern würden, Schutz von Leben und Gesundheit sowie eine lebenslange Rente der britischen Regierung garantiert werde. Schließlich überwältigen die beiden Mycroft und versohlen ihm den Hintern. Erleichtert verlassen sie den Club.

Holmes und Wilde treten ihre lang ersehnte Caprireise an. In der Kutsche erkennt Holmes, dass er und Wilde nicht zusammenpassen. In Respekt und Freundschaft scheiden sie voneinander. Melancholisch reist Wilde weiter nach Dover, seine schwermütige Stimmung verfliegt aber sogleich, als sich der Kutscher, ein junger, fescher Kerl, als großer Bewunderer von Wildes Dichtung zu erkennen gibt. Er bietet diesem Holmes’ Schiffsticket an. In seiner Wohnung in der Baker Street spielt Holmes auf der Violine eine Elegie.

 

Epilog 1

Jahre später. Oscar Wilde steht wegen Unzucht vor Gericht. Als Zeuge der Verteidigung wird Holmes angehört. Er versichert, dass Wilde der edelste und zivilisierteste Mensch sei, der ihm je begegnet ist und zieht beim Verlassen des Gerichtssaals ehrfürchtig den Zylinder vor ihm.

 

Epilog 2

Als Suffragette prügelt sich Mrs. Hudson mit Polizisten herum. Doch sie entschuldigt sich bei ihren radikalen „Schwestern“, dass sie früher nachhause müsse. Ein wichtiges Date warte auf sie. In einem letzten Bild fickt sie Dr. Watson von hinten.

 

 

„Sherlock & Oscar“ wird seine facettenreiche Komik aus dem burlesken Verdröseln unterschiedlichster Humor- und Überraschungsebenen gewinnen. Zunächst amüsieren werden die unglaublichen Kombinationen des Sherlock Holmes’, welche mitunter selbstparodistische Züge annehmen; hierin bleibt die Fantasie noch den üblichen Sherlockiaden treu und pendelt zwischen verblüffendem Denkspiel und Persiflage. Eine weitere Komikebene entsteht dadurch, dass Holmes bei seinen Schlüssen mitunter von Brillanz in Willkür kippt, und dass ihm Oscar Wilde verblüfft und manchmal auch blamiert, indem er alternative Denkwege ventiliert, die – mal zufällig, mal folgerichtig – auch zur richtigen Lösung führen. In anderen Situationen verarscht Wilde Holmes’ deduktive Selbstsicherheit bloß. Wieder andere Male führen Holmes’ logischen Deduktionen ins Nichts, und nur der Zufall führt den Detektiv der richtigen Lösung zu. Meistens jedoch bleibt dieser Part Oscar Wilde vorbehalten. En gros ergibt sich der komische Reiz des Aufeinanderprallens der beiden nicht nur aus Holmes’ brillant-logischen Denkexperimenten und Wildes dekadent-aphoristischen Ätzereien, sondern auch aus dem Konflikt zwischen deduktiver und induktiver Methode. Denn entgegen des Vorurteils vom lyrischen Stutzer findet Holmes in Wilde einen scharfsinnigen Denker, der Logik eher für Philosophie und Gesellschaftskritik nutzt, und deren kriminalistischen Nutzen gelangweilt als Nebenbeschäftigung abtut.

Eine sehr hegelianische Pointe besteht darin, dass der vermeintlich narzisstische Poet kaum auf die Bestätigung durch Holmes angewiesen ist, während dieser einer kaum vermuteten Bestätigungssucht überführt wird.

Sex & Passion. Auch nach Überwindung beinah aller sexuellen Tabus durch den Markt sollen vor allem die erotischen bzw. pornographischen Passagen nicht gegen längst überwundene Tabus anrennen (weder die verloren gegangenen unserer Zeit noch bemüht rekonstruierten viktorianischen), sondern entzücken, aber auch verunsichern, durch die fröhliche Schamlosigkeit, mit der hier Homosexualität praktiziert wird und Orgien zwischen einem Detektiv, einem Dichter, einer Starschauspielerin, einer irischen Hure und einer zugeknöpften Haushälterin zelebriert werden. Hier soll die alte Qualität der FRIVOLITÄT ausgereizt und zu neuem Leben erweckt werden. Sex soll als etwas Fröhliches, Freudebringendes und nicht als etwas – wie es der postkatholische Konsument haben will – Verhängnisvolles gezeigt werden. In dieser Selbstverständlichkeit, die (so bleibt zu hoffen) dem Leser, der Leserin das Blut in die Weichteile schießen lässt und ihn/sie trotzdem um den Voyeurismus betrügt, liegt die eigentliche Obszönität.

Niveau & Trash. Habitus: elegant, dekadent spätviktorianisch. Geistreich UND albern. Waghalsig clevere kriminalistische Gedankenschlüsse UND Action (vielleicht auch als parodistisches Tribute an die aktuellen Guy-Ritchie-Verfilmungen). Dazwischen vollkommen atypische Einschübe. Etwa wenn Deirdre, Oscar Wildes fleischfressende Knopflochlilie eingeführt wird. Das sind so genannte Topsyturvyisms, wie sie bereits Holmes’ und Wildes Zeitgenossen Gilbert & Sullivan auf Englands Bühnen eingeführt hatten. Möglicherweise auch grazile nackte Art-Noveau-Elfen, die einzelne Szenen verspielt und spöttisch begleiten. Anspielungen an die Zauberwelt Lewis Carrolls sowie plötzliche Musical-Tributes an „My Fair Lady“.

 

 

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>