Die Erfindung der Türken

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Vor 150 Jahren gab es keine Türken. Man kann diesen Satz als Provokation empfinden oder als kathartische Befreiung von nationalen Phantasmen, von denen ein Großteil der heutigen Weltbevölkerung, vor allem Europäer, nicht weniger infiziert sind als die aktuellen Türken selbst. Eine kleine Irrfahrt durch die Genese eines Staatsvolks.

 

„Wenn du deine Identität nur durch ein Feindbild aufrechterhalten kannst, dann ist deine Identität eine Krankheit.“

Hrant Dink (1954–2007)

 

Alle Staatsvölker, so der aufgeklärte Stand des Wissens, seien in gewisser Hinsicht konstruiert, was nichts daran ändere, dass sie mittlerweile fassbare Realität geworden sind. Doch gibt es Völker, die konstruierter sind als andere? Natürlich, die Türken zum Beispiel, was keine eurozentrische Abfälligkeit ist, denn dieses Schicksal teilen sie mit den Österreichern. Beiden ist gemeinsam, dass jene Bevölkerungsteile, die sich sprachlich und kulturell im Windschatten ihrer jeweiligen dynastischen Macht wähnten, den Nationalismus als neuesten Kampfschrei der Geschichte verschlafen hatten, anders als ambitionierte Minderheiten und Separatisten (Ungarn, Slawen, Griechen, Armenier …), und als Residuen im wechselseitigen Spiel der Nationalisierung übrigblieben. Österreicher pendelten fortan ratlos zwischen deutscher und einer neuen österreichischen Identität hin und her, Türkischsein aber wurde per Dekret von oben verordnet. Und je unsicherer diese neue Identität in den Knien knickte, umso so unerbittlicher wurde sie auf den Exerzierplatz gezerrt.

 

Unreines Blut

Als Cem Özdemir im Juni 2016 erneut den Massenmord an den Armeniern aufs Tapet brachte, wurde er vom türkischen Ministerpräsidenten Erdoğan mit einem Schimpfwort bedacht, dessen Doppelbedeutung nur eine Kreation des 20. Jahrhunderts sein kann: kanı bozuk“ bedeutet sowohl unreines Blut als auch charakterlos. Erdoğan meinte das durchaus wörtlich, ansonsten hätte er Özdemir nicht aufgefordert, mittels Bluttest seine türkische Herkunft zu beweisen.

Es lässt sich zwar Cholesterin, Bilirubin oder Harnsäure, noch nicht aber die Ethnizität eines Probanden in Hämogrammen darstellen, doch warum sollte der Ministerpräsident weniger dumm sein als alle die deutschen und anderen Intellektuellen, welche die uralte Blutmetapher vor ihm in blutigen Biologismus umgegossen hatten.

Was die Humangenetik mittlerweile sehr wohl kann, ist die Feststellung sogenannter Haplogruppen. Das sind bestimmte Verbindungen auf dem Y-Chromosom, die Aufschluss über genetische Verwandtschaften geben. Die aber sind weitaus älter als die meisten Kulturen, Sprachen und Migrationen, die wir kennen. Deshalb sind die Gentests großartige Hilfsmittel zur Dekonstruktion nationaler Mythen, sofern sie nicht falsch, nämlich im Sinne alternativer Mythen interpretiert werden. Wenn solche Tests zum Beispiel offenbarten, dass die Tiroler weniger Gensequenzen mit Deutschen als mit Krimtataren teilten, heißt das nicht, dass sie von diesen abstammen, sondern liefert lediglich Hinweise auf Migrationen, die 20.000 oder mehr Jahre zurückliegen, auf Genpools, auf welchen die uns bekannten Fakenationen schwimmen wie Fettfilm auf einem See aus Kantinensuppe.

Würde sich Erdoğan dem gleichen Bluttest stellen, den er Cem Özdemir befahl, käme mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit heraus, dass der Chef der deutschen Grünen mit den „Urtürken“ verwandter ist als er selbst. Özdemirs Vorfahren waren Tscherkessen und kamen aus dem Kaukasus, wo sich mehr Anteile der Haplogruppen C, Q und O finden, die auch bei zentralasiatischen, turksprachigen Völkern dominieren, während bei der Bevölkerung Anatoliens wie im weiteren vorderasiatischen, mediterranen und europäischen Raum die Gruppen E3b, G, J, I, L, N, K2 und R1 am häufigsten anzutreffen sind. Um genau zu sein: Die „zentralasiatischen“ Gensequenzen machen bei den heutigen Türken 3,4 Prozent aus.

Heißt das etwa, dass nur 3,4 Prozent der Türken von Türken abstammen, dass jene Menschen also, die sich vor Kemal Atatürk verneigen und die türkische Fahne schwingen, zu 96,6 Prozent türkisierte Anatolier unterschiedlicher Herkunft sind?

Nicht unbedingt. Denn selbst in der nationalen Dekonstruktion schwingen oft falsche Vorstellungen von Völkern und Kulturen mit. Zunächst einmal die seit der Romantik dominante Verwechslung von Sprachgruppe mit ethnischer Gruppe und weiters die ebenfalls zu dieser Zeit aufdräuende Vorstellung von expansiven Herrenvölkern, welche schwächliche dekadente Zivilisationen hinwegfegen und den Unterworfenen Kultur und Genmaterial aufzwingen.

Schon um 1820 galten in Deutschland die antiken Dorer als beliebtestes Role Model für die Durchsetzungskraft edler Barbaren, und Österreicher oder Kroaten, die glauben, dass deutsches oder aber slawisches Blut durch ihre Adern flösse, sind ebenfalls mit der Essenzialisierung sprachlicher Kategorien infiziert. Wie wir von der jüngeren Altertumskunde wissen, war die Migration der Dorer kein Völkersturm, sondern ein langsames Einsickern und die Dorisierung der Peleponnes eine Jahrhunderte währende, zumeist friedliche Akkulturation. Und nicht anders verhielt es sich mit der Germanisierung Österreichs, der Slawisierung des Balkans, und auch die Turkifizierung Anatoliens erfolgte weniger mit dem Schwert als mit der Zeit.

Bereits als erste turkophone Nomadenverbände im frühen Mittelalter dort eindrangen, hatten sie diverse nichttürkische Bevölkerungen, vor allem iranischsprachige und kaukasische in sich absorbiert. Denn all die berittenen Invasoren aus der Steppe waren niemals geschlossene Völker, wie wir sie uns vorstellen, sondern politische Interessensverbände. Wäre es aus wissenschaftlicher Sicht nicht so unsinnig, ließe sich sagen, dass die Türken bereits bei ihrer Ankunft in der Türkei keine reinen Türken mehr waren.

 

Anatolischer Teppich

Die erste Volkszählung fand 1914 statt, die letzte 2005. Kein einziges Mal wurde dabei die ethnische Zugehörigkeit im modernen Sinn erfragt. Die osmanischen Beamten kannte diese Kategorie schlichtweg nicht, sondern ermittelten nach Konfession und Sprache. In der späteren Republik Türkei indes wollte man keine andere Kategorie als diese kennen; ein positives Bekenntnis zu einer anderen Ethnizität als der türkischen musste möglichst verschwiegen werden.

Seit jeher war die anatolische Halbinsel ein bunter ethnischer Flickenteppich (welchen der türkische Staat rot übermalte sowie Stern und Halbmond daraufpinselte). Und trotz einer zunächst schleichenden, nicht forcierten Türkisierung erhielt sich diese Multikulturalität bis zum Ende des Osmanischen Reichs.

Ein ethnischer Atlas des Gebiets der heutigen Türkei um 1900 würde Menschen, welche westiranische Idiome sprechen, die kurdischen Dialekte Kurmandschi, Zorani und Zazaki, vermutlich als knappe Mehrheit identifizieren, bis Persien hin unterbrochen von Turkophonen. Das Verhältnis von Kurdischsprachigen und Turkophonen würde sich nach Westen hin zugunsten letzterer verschieben. Obwohl man bis ins ägäische Taurusgebirge kurdische Dörfer fände. Und oft wären das Zeugnisse osmanischer Deportationen, durch die rebellische Stämme im Osten, kurdische wie turkmenische, meistens Bektashen und keine Sunniten, sesshaft und besser kontrollierbar gemacht wurden. In vielen ostanatolischen Gebieten aber sind Armenier zahlenmäßig den Kurden und Turkmenen überlegen. An der Schwarzmeerküste bis Istanbul lebt eine Bevölkerung, die eine westgeorgische Sprache, das sogenannte Lazisch spricht. Lazen setzen sich im Osten bei Batumi in die gleichfalls muslimischen Adscharen fort, welche linguistisch ihre Fortsetzung in den christlichen Kartweliern, den Georgiern, finden. An der Schwarzmeerküste, in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Lazen und ihnen bis auf Sprache und Religion kulturell verwandt, die pontischen Griechen. Große griechische Gemeinden auch in Kappadokien. Darunter turksprachige orthodoxe Christen, die man als Karamanlı bezeichnet. Obgleich nie geklärt werden konnte, ob sie Türken waren, die den „griechischen Glauben“ angenommen hatten oder türkisierte Griechen, wurden sie während des Bevölkerungstausches von 1923 nach Griechenland vertrieben. Ein Beweis, wie sehr Ethnizität damals noch mit der Konfession identifiziert wurde, zumal das westliche Instantmodell der Sprach- und Kulturgemeinschaft eine intellektuelle Kopfgeburt war, die allmählich erst sich in einer neuen politischen Klasse festsetzte. Die ehemals katholischen, zum Islam konvertierten Linobambaki auf Zypern, die muslimischen Kreter und die armenischsprachigen Muslime (Hemşinli) würden Jahrzehnte später in der neugeschaffenen türkischen Ethnie aufgehen. Große Städte an der Mittelmeerküste wie Smyrna (Izmir) und Kydonies (Ayvalık) sind um 1900 fast ausschließlich griechisch besiedelt. Die griechische Community in Istanbul ist zahlenmäßig bei weitem größer als die Athens, zumal in Attika ein großer Teil der Bevölkerung noch Albanisch spricht. Albaner haben sich als Bauern auch in Westanatolien angesiedelt. Je weiter nach Süden, desto mehr nimmt die Zahl christlicher und muslimischer Araber zu. In der heutigen Südtürkei, in Syrien und im Irak siedeln christliche Assyrer, Chaldäer und Aramäer, die noch ein Derivat des biblischen Aramäisch sprechen. Seit dem osmanisch-russischen Kaukasuskrieg 1864 war das gesamte kaukasische Volk der Tscherkessen (Adygen) im Osmanischen Reich aufgenommen wurden. Viele von ihnen wurden am Balkan und in Syrien, in der Nähe der Golanhöhen, angesiedelt. Die größte tscherkessische Gemeinde befindet sich heute in der nordösttürkischen Provinz Kars.

In den Städten große Gemeinden sephardischer Juden. Um 1900, nach diversen christlichen Staatsgründungen auf dem Balkan, besiedeln zudem Millionen muslimischer Auswanderer und Vertriebener Istanbul und die gesamte Ägäisküste. Slawophone aus Bulgarien, Serbien und Bosnien, Albaner und Griechen. Ein Großteil der heutigen türkischen Bevölkerung Izmirs, des ehemaligen Smyrna, stammt von diesen Immigranten ab, die unter keiner christlichen Herrschaft leben wollten und deren Übernahme türkischer Sprache der nationalistischen Turkifizierung vorausging, eher einer kulturellen Verbundenheit mit dem Osmanischen Reich geschuldet war. Bereits Jahrhunderte vorher waren sie von den Christen als Türken bezeichnet worden.

 

Osmanische Turkophobie

Man muss sich immer vergegenwärtigen, dass das Osmanische Reich in seiner Anfangsphase zunächst eine „europäische“ Domäne war. Bevor die Osmanen nämlich Konstantinopel und die türkischen Emirate in Anatolien unterwarfen, hatten sie ihre Hausmacht auf dem südlichen Balkan gesichert. Im 16. Jahrhundert dann waren die wichtigsten orientalischen Dynastien, die Osmanen, die Safawiden in Persien und die Moguln in Indien oghus-türkischer Abstammung, was rein gar nichts über die ethnische Zusammensetzung ihrer Untertanen aussagt. Ihrem vorgeblichen Auftrag, den sunnitischen Islam zu verbreiten, begegneten die Osmanen mit sehr laxem Pragmatismus. Doch nie und nimmer, darin unterschieden sie sich von keiner Herrschaftsform vor dem bürgerlichen Nationalismus, wären sie auf die Idee gekommen, ihren Untertanen ihre Sprache aufzuzwingen. Die kulturelle Kontinuität zu ihrer nomadischen zentralasiatischen Herkunft diente vor allem der symbolischen Befestigung der Herrschaft ihres Clans. Später erlangte das osmanische Türkisch den Status einer Verwaltungs-, Verkehrs- und Prestigesprache, und in einer Domäne, deren Existenzgrundlage vor allem die militärische Expansion war und die weite Teile der Bevölkerung an ihr Heer band, verbreitete sich Türkisch in verschiedenen Varianten. Bekanntlich war die Sprache des Serails, des Sultanshofs, und der osmanischen Oberschicht eine nicht kodifizierte Melange aus Türkisch, Farsi und Arabisch. Je tiefer man dem Sprachgebrauch die soziale Pyramide hinunterfolgte, desto stärker verschob sich dieses Mischungsverhältnis hin zu einem Türkisch, das noch immer genug fremde Elemente integrierte, dass es sich vom ethnisch gesäuberten Standardtürkisch der modernen Türkei stark unterschied.

 

Wer „Türcke“ ist, bestimmen wir

Wenn es aber keine klare türkische Identität unter der muslimischen, selbst der türkischsprachigen Bevölkerung gab, wie ist es dann möglich, dass seit dem Mittelalter der christliche Westen eine genauere Vorstellung von den „Türcken“ hatte als diese selbst? Ist Türke als homogene Kategorie eine Fremdzuschreibung? Genau so ist es! Der Begriff Turchia war im Mittelalter aus dem Arabischen nach Italien gelangt. Geographische und ethnische Fremdbezeichnungen dienten groben Orientierungen, Menschen wurden nach dem Land benannt, in dem sie wohnten (Engländer) oder nach dem Namen ihrer Herrscherdynastie. Die Türkei war das Land des Türkenkönigs. Zudem beerbten die „Türken“ in der frühen Neuzeit das Schreckbild der nordafrikanischen Mauren und der vorderasiatischen Sarazenen als Synonym für den aktuell prominentesten muslimischen Quälgeist.

Im 18. Jahrhundert noch nannten die Wiener die griechischen, wlachischen, armenischen, slawischen und jüdischen Händler aus dem Osmanischen Reich Türken. Kein Wunder – kleideten diese sich in Umgehung der osmanischen Kleiderordnungen im Ausland doch orientalischer als die Orientalen. Auf dem Balkan hatte das angebliche Ethnonym Türken wieder eine andere Bedeutung, es war die Bezeichnung der Christen für alle Muslime, vor allem bosnische und albanische Renegaten, denn ethnische Türken, falls es die überhaupt gab, waren die gesamte osmanische Herrschaft hindurch eine verschwindend kleine Minderheit in Südosteuropa. Die Turci hatten die Religion der Türken, gemeint waren damit die Osmanen, angenommen, und waren somit – leicht pejorativ oder der Einfachheit halber – eben Türken.

Im asiatischen Kernland des Reichs aber blieb der Begriff Türke den Bauern und Handwerkern vorbehalten, und hatte zumeist einen abwertenden Beigeschmack. Kein Mitglied der osmanischen Oberschicht, nicht einmal ein aufgestiegener Verwaltungsbeamter aus dem Volk, hätte sich selbst je als Türke bezeichnet.

 

Dönme und Yörüks

Wer waren aber dann die Menschen, die man wirklich als ethnische Türken bezeichnen konnte? Die einzige ökonomisch relevante türkische Bourgeoisie wurde von den sogenannten Dönme gestellt, Nachkommen der jüdischen Anhänger des häretischen Rabbis Sabbatai Zvi im 17. Jahrhundert, welche wie dieser zum Islam konvertiert waren und im Laufe der Zeit das osmanische Türkisch als Erstsprache angenommen hatten. Sie waren der Motor der Säkularisierung im späten Osmanischen Reich und würden folglich beim ersten Höhepunkt des türkischen Nationalismus als unechte Türken diffamiert werden.

Wenn es Anwärter auf ein urtümliches türkisches Element in Anatolien gab, dann waren es die Yörük, turkmenische Nomaden, welche schon zu byzantinischer Zeit ihre Herden von den Winter- hinab zu den Sommerweiden trieben und nicht viel darauf gaben, ob das Gras auf christlichen oder muslimischen Domänen wuchs. Die Pointe: Das romantische Werben des türkischen Nationalismus um diese anarchischen Sippen stieß bis heute auf wenig Gegenliebe. Vereinfacht, aber mit angemessener Ironie ließe sich sagen, dass die einzigen Türken, die wirklich welche sind, sich nicht als solche fühlen. So sich nämlich eine distinkte Yörük-Identität hielt, zeichnete die sich nie durch besondere Loyalität zur Türkei aus. Das liegt sicher an der nomadischen Mentalität, die sich schwer mit einem modernen Zentralstaat vereinbaren lässt, zum anderen daran, dass viele Yörüks als Alewiten beargwöhnte Außenseiter blieben.

In gewisser Hinsicht lässt sich sagen, dass ein beträchtlicher Teil der ethnischen Türken sesshaft gemachte Yörük-Turkmenen sind, deren Weg zum Phantasma einer einheitlichen türkischen Ethnie nur geringfügig kürzer war als jener der türkisierten Lazen, Armenier und Kurden. Die bäuerliche „türkische“ Bevölkerung auf dem Südbalkan stammte fast ausschließlich von durch die Osmanen deportierten Yörüks ab, und behielt stets ihre Dialekte bei. Sie waren weder strenggläubige Sunniten noch Vertreter einer imperialen Macht, trotzdem wurden sie 1821 von aufständischen Griechen und 1912 von serbischen, bulgarischen und griechischen Verbänden massakriert und vertrieben – einfache Bauern, die zuvor gemeinsam mit christlichen Standesgenossen an Aufständen gegen muslimische und christliche Obrigkeiten teilgenommen hatten.

 

Pan- und Jungtürken

Kein türkischer Faschist der sogenannten Grauen Wölfe, deren Ideologie auch nicht ohne aggressiven Antisemitismus auskommt, mag wissen wollen, dass er seinen Turanismus, jenen pantürkischen Nationalismus einer homogenen Turkizität von Bosnien bis Sibirien, den Spekulationen zweier jüdischer Turkologen verdankt, des Lothringers León Cahun und des deutschsprachigen Ármin Vámbéry aus Pressburg. Dessen Biografie ist so unglaublich, dass sie nicht einmal einem Karl May hätte einfallen können, doch anders als dieser besuchte Vámbéry die Länder wirklich, über die er schrieb. In jungen Jahren war er wie viele Ungarndeutsche ein glühender Verfechter des magyarischen Nationalismus gewesen, auf seiner Suche nach dem türkischen Ursprung der Ungarn erlernte er etliche orientalischen Sprachen, konvertierte zum Islam, bereiste als Derwisch verkleidet Persien und Zentralasien, freundete sich mit Sultan Abdülhamid II. an, den er einen „Hurensohn“ zu nennen pflegte, verdingte sich in Istanbul als britischer Agent, bekannte sich zum Atheismus und war, Theodor Herzl zufolge, ein veritabler Zyniker. Den von ihm propagierten Turanismus verwarf er als Humbug.

Doch die Saat war gesät, und weniger humorvolle Idealisten der aus Europa importierten ethnischen Ideologie ernteten begeistert die Früchte, wie etwa der kurdische Dichter Ziya Gökalp aus Diyarbakır, einer der Pioniere eines türkischen Patriotismus. Dieser stand der jungtürkischen Bewegung nahe, und entgegen der allgemeinen Auffassung stellte ein auf türkischer Ethnizität gründender Nationalismus innerhalb der Jungtürken eine Minderheit dar, zumal dieses Konzept sich erst nach den Kriegen der postosmanischen Regierung mit den Griechen, Briten und Russen als Plan B, als Alternative zum republikanischen Osmanismus etablierte. Die Jungtürken waren weltanschaulich wie ethnisch gemischt. In ihnen tummelten sich in einer Art nachholendem Crashkurs alle modernen Ideologien der Zeit: Republikanismus, Liberalismus, sogar Sozialismus, ein politischer und strikt multikultureller Nationalismus neben einem romantischen, türkischen, aber auch ein gemäßigter Islamismus. Gemeinsam war ihnen der Wunsch einer Demokratisierung des Osmanischen Reichs samt Gleichberechtigung der darin lebenden ethnischen und konfessionellen Gruppen. Erst während des Weltkriegs setzte sich ein totalitärer Flügel durch, doch selbst der Genozid an den anatolischen Armeniern wurde nicht im Namen eines türkischen Chauvinismus verübt. Dieser war noch nicht einmal bei den Intellektuellen angekommen. Und schlicht unverständlich sollte er der Bevölkerung bleiben, vor allem jener, die türkische Dialekte sprach, aber sich nicht als Türken, sondern Muslime fühlte.

Schon das Personal der jungtürkischen Reformbewegung spiegelt schön die ethnische Diversität des Reichs wider. Um nur einige herauszugreifen: Mahmud Şevket Pascha war tschetschenischer und türkischer Abstammung; da er in Bagdad geboren und aufgewachsen war, nannte man ihn den „Araber“. Talât Pascha, der erste Großmeister der osmanischen Freimaurerloge, war slawophoner pomakischer Muslim und entstammte einer Bektaschi-Familie. Ibrahim Temo war Albaner aus Mazedonien (sein Bruder Nuri Sojliu war Mitunterzeichner der albanischen Unabhängigkeitserklärung). Der Arzt und Poet Abdullah Cevdet Karlıdağ, der radikalste Vertreter des antislamischen Flügels sowie ein früher Fürsprecher der kurdischen Sache, war Kurde, desgleichen İshak Sükûti. Mizancı Murat war Dagestani. Nâzim Bey, einer der Hauptverantwortlichen des Armeniermordes, war Dönme aus Saloniki, und Ahmed Rıza der einzige osmanische Abgeordnete, der 1915 im Parlament die Deportation der Armenier als verfassungswidrig verurteilte, war zugleich einer der wenigen in der Bewegung, welcher als ethnischer Türke bezeichnet werden könnte. Seine Mutter war übrigens eine österreichische Schauspielerin. Kemal Mustafa indes, der Staatsgründer, stammte wahrscheinlich von mazedonischen Albanern und Balkan-Yörüks ab.

Der Weg zum Nationalbewusstsein führte, das Europa des 19. Jahrhunderts hatte es demonstriert, stets über den bürgerlichen Mittelstand. Dieser, eine betriebsame Handels- und Produzentenbourgeoisie, wurde im Osmanischen Reich vor allem von Armeniern, Griechen, Juden und zunehmend Bulgaren gebildet. Politische Vertreter der beiden ersteren Gruppen sahen sich als legitime Erben des zerfallenden Reichs. Unter den Turkophonen konnten lediglich die Dönme diesen Gruppen ökonomisch das Wasser reichen, der Rest bestand aus Bauern, Verwaltungsbeamten, Soldaten und Basarhandwerkern. Bereits 1914 hatte das jungtürkische Komitee für Einheit und Fortschritt bei einem Kongress die Stärkung des muslimischen, türkischen Mittelstandes gefordert. Konzessionen wurden fortan bei offener Diskriminierung der wirtschaftlich dominanten Christen an Muslime vergeben. Zwar blieb die Rhetorik integrativ, dennoch misstraute man den Griechen und Armeniern, ersteren wegen großgriechischer Ambitionen, letzteren wegen des Separatismus mancher ihrer Vertreter. Durch die Bevorzugung muslimischer Akteure wurde der Grundstein für eine türkische Bourgeoisie gelegt. Ohne die Ausschaltung und Einschüchterung der Konkurrenz, die  Vertreibung der Griechen und die weitgehende Vernichtung der anatolischen Armenier hätte sich dieser städtische türkische Mittelstand nicht so schnell entwickeln können. Die in der Republik Türkei verbliebenen armenischen und griechischen Communities blieben einem permanenten Diskriminierungs- und Assimilierungsdruck ausgesetzt, in den 1940er Jahren wurden auch die Dönme als unechte Türken per Gesetz mit höheren Steuersätzen belegt.

 

Wie man Türken erschafft

Nach der Gründung des italienischen Staates hatte der Dichter und Politiker Massimo d’Azeglio verkündet: „Wir haben Italien geschaffen, nun gilt es, Italiener zu schaffen.“ In nachholender Überstürzung persiflierte die Identitätspolitik des jungen türkischen Staates seine europäischen Vorbilder. Das Modell einer ethnisch homogenen Gigantomanie hatte man sich eins zu eins von seinem Erzfeind Griechenland abgeschaut, der Megali Idea des Präsidenten Venizelos, die auf nun türkischem Boden so kläglich gescheitert war. Und wie die „Türken“ nur schwer von osmanischem auf türkisches Bewusstsein umschalten konnten, waren aus Byzantinern kaum Hellenen geworden. Die Griechen hatte man aus der Türkei zwar weitgehend vertrieben, das kulturelle Ordnungsmodell ihrer Kriegshetzer aber übernommen. Die von Atatürk initiierte Türkische Sprachgesellschaft hatte die Aufgabe, ein von der osmanischen Vergangenheit und den unzähligen Sprachentlehnungen gesäubertes Kunsttürkisch zu designen. Binnen 20 Jahren wurde in der Türkei eine Entwicklung vorangetrieben, welche in Europa ein Jahrhundert gedauert hatte, die Genese eines politischen Nationsmodells zu einem kulturalistisch-monoethnischen. Der Rest ist Geschichte. Die riesige Minorität der Kurdophonen stellten dabei das größte Problem dar. Kein kurdisches Kind zwischen 1930 und 1980, dem man seine Muttersprachen nicht ausprügelte und als degeneriertes Türkisch verspottete, das durch die Nachahmung von Naturgeräuschen wie dem Knistern des Schnees unter den Schuhen verkommen sei. Paradoxerweise hat diese Diskriminierung der Herausbildung einer kollektiven kurdischen Identität größere Dienste geleistet als jegliche kurdische Agitation zuvor.

Es galt in diesem Text zu zeigen, dass ein Großteil der türkischen Bevölkerung Nachkommen diverser bilingualer balkanischer und anatolischer Menschen sind, die im Laufe der Jahrhunderte die osmanische Verkehrs- und Verwaltungssprache angenommen hatten oder in der türkischen Republik zu Türken erzogen wurden. Obwohl es keine gesicherten Daten dafür gibt, stellten Menschen, deren Vorfahren immer schon einen türkischen Dialekt gesprochen haben und die somit Kandidaten für so etwas wie ein türkisches Volk im ethnischen Sinne abgaben, vor der Gründung der Republik eine Minderheit dar, was insofern irrelevant ist, da sich auch Turkophone als alles Mögliche identifizierten, bloß nicht als Angehörige einer Ethnie.

Wie aber ist es, angesichts fanatisierter türkische Fahnen schwingender Massen möglich, ein ganzes Volk zu erfinden? Den Historiker Benedict Anderson hat das gar nicht verwundert, zwei Generationen nationalistischer Beschulung reichten aus. Kein Grund, mit dem Finger strafend auf die „Türken“ zu zeigen, denn was hier erörtert wurde, mag bloß der Anfang sein, einem jeden Staatsvolk auf Erden mithilfe kritischer Geschichtswissenschaft und kritischer Ethnologie den falschen Bart zu lüpfen. Ich schlage die Österreicher als nächstes Dekonstruktionsobjekt vor.

 

Dieser Essay erschien unter dem Titel Wie man ein Volk erfindet im Oktober 2018 im Spectrum der Presse.

https://www.diepresse.com/5512337/wie-man-ein-volk-erfindet

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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