Wer sind Österreicher?

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Auch Versuche, deutschnationalen Erklärungsmustern mit einer multikulturellen Grundierung der österreichischen Identität zu kontern, tappen in die Falle des Essenzialismus. Eine historische Bestandaufnahme.

Die Österreicher hatten es 1918 nicht leicht. So wie die turksprachigen Untertanen des Osmanischen Reichs hatten sie verabsäumt, ihre Intellektuellen ein österreichisches Ethnos designen zu lassen. All die magyarischen, slawischen, rumänischen, griechischen, armenischen Nationalismen waren da viel fixer. Behäbig verharrten die Deutschösterreicher also im Windschatten überkommener dynastischer Macht und verstanden die Welt nicht mehr, die mit einem Mal eine nationale zu sein schien. Zwar gab es die Deutschnationalen mit ihrer – gemäß ihrer falschen Ideologie – folgerichtigen Einheit aller Deutschsprachigen, doch stellten sie eine – zumal lautstarke – Minderheit dar. Wie sehr das ständische, vornationale Denken vorherrschte, zeigte die Tendenz des Hochadels in Böhmen und Mähren, allen voran der Schwarzenbergs, als Schutzherren ihrer tschechischen Bauern eher den tschechischen als den deutschen Nationalismus zu unterstützen, auch aus Dünkel gegenüber den bürgerlichen Schichten, welche ihre deutschen Keile in die alte Herrschaftsordnung treiben wollten. Adolf Hitler würde später kritisieren, dass der k. u. k. Hochadel wie die Sozialdemokraten „grundsätzlich mit den Tschechen gegangen“ sei.
Als die Monarchie zerfiel und all die eifrigen neuen Völker mit ihren Nationalstaaten besser dazustehen schienen als der kleine Bevölkerungsrest auf dem Schutthaufen einstiger kultureller Souveränität, holte er Hals über Kopf seine deutsche Identität nach, um zumindest ein Stübchen beim geschlagenen, aber größeren deutschen Nachbarn zu finden. Doch das untersagten die Siegermächte. Auch die Sozialdemokraten optierten für eine großdeutsche Lösung, was pragmatisch gedacht nicht unklug war, denn im industrialisierten Deutschland wäre das Wiener und steirische Proletariat nicht in der Minderheit gegenüber den bäuerlichen und kleinstädtischen Katholiken gewesen. Dass der deutschnationale Wurm den rationalen Kern der Sozialdemokratie längst angenagt hatte, bewiesen die Thesenpapiere aus den Federn Otto Bauers und Karl Renners, die der Klasse die Kultur- und Schicksalsgemeinschaft als determinierende historische Kraft hinzugesellten. Da Rosa Luxemburg bereits im Auftrag von Sozialdemokraten ermordet war, übernahm der garantiert unmarxistische Karl Kraus ihre Aufgabe und stellte 1932 der heimischen Sozialdemokratie die marxistische Fangfrage, warum sich die Arbeiterklasse denn, wenn sie sich in der österreichischen Haut nicht wohl fühle, unbedingt mit der deutschen und nicht etwa der französischen verbinden wolle.

Der Beitrag der Kommunisten zur Herausbildung österreichischen Bewusstseins wurde tunlichst unter einen Teppich gekehrt, den man von Braun auf Rot-Weiß-Rot umfärbte.

Um das Bewusstsein, ein genuines Volk zu sein, war es lange nicht gut bestellt. Bei einer Umfrage des Gallup-Instituts aus dem Jahr 1966 hielten nur 35 Prozent der Befragten Österreich für eine eigene Nation. Dies als Folge der nationalsozialistischen Indoktrination zu sehen, greift fehl, denn in derselben Erhebung bekannten sich nur neun Prozent zur deutschen Nation. Wie verbissen der Staat gegen die nationale Indifferenz ankämpfen musste, davon konnten Volksschulkinder der 1960er-Jahre Lieder singen. Und Gedichte aufsagen. Patriotische Gedichte, welche die Morgengebete abzulösen drohten. Das Bekenntnis zu Österreich stieg proportional zum Anstieg des Bruttonationalproduktes, und als richtige Österreicher fühlten sich die Alpinbewohner erst unter Kreisky. Es ist mehr als eine polemische Spitze, wenn man dem Ethno- und dem konfessionellen Nationalismus den Prosperitätsnationalismus hinzugesellt. Österreich führt ihn an, und all die je nördlichen Regionen, die sich von ihren meist strukturschwächeren südlicheren Staatsgebieten trennen wollen, eifern ihm nach.

Übrig blieb also ein Konsum- und Wohlfahrtspatriotismus, der sich nicht viele Gedanken machte über die kulturelle Substanz dieser imaginierten Gemeinschaft. Die Wohlfahrt indes wurde kontinuierlich zurückgenommen und durch das Triggern der vielleicht einzigen gemeinsamen Eigenschaft dieses bizarren Staatsvolkes in diesem willkürlichen Staat mit seinem schlauchartigen Verlauf kompensiert: einer adoleszent-ängstlichen Xenophobie, die immer in Gesellschaft mit Minderwertigkeitsgefühlen, Verhaltensunsicherheit und der Angst, zu kurz zu kommen, auftrat.

Dennoch hat die literarische Mode der Österreichbeschimpfung und des Antipatriotismus mit seiner negativen Bestimmung des Homo austriacus diesen am Leben erhalten, ja, sogar erst Form gegeben. Wie rechts die nächste Regierung auch sein mag, sie müsste all die gefühlslinken Nestbeschmutzer mit Orden wegen ihrer Verdienste ums österreichische Volkstum behängen, denn sie haben das Nest nicht nur in seiner Bedeutsamkeit, sondern auch in seiner Form bestätigt. Negativer Essenzialismus, der die österreichische Erbärmlichkeit von tschechischen, schweizerischen, ungarischen Erbärmlichkeiten säuberlich schied und – positiv gewendet – Identifikationspotenzial bereitstellte für eine nahe Zukunft, da sich die Ösis wieder mal von Ausländern und sozialem Abstieg bedroht fühlen würden. Letzteres mit Recht.

 

Ethnokulturelles Vakuum in Rotweißrot

Das Problem mit der Irrationalität ist nicht bloß, dass sie sich von der Rationalität nicht beeindrucken lässt, sondern diese gerne auf ihr Niveau hinunterzieht. Wer den Deutschnationalen mit den multikulturellen Wurzeln der österreichischen Identität kommen will, meint das Richtige, sagt es aber falsch, weil er die Kategorien seiner Gegner verwendet.

Und wer der Einheit der Deutschen die Heterogenität der austriakischen Habsburger Menschen entgegenhalten will, affirmiert das Märchen von deutscher Homogenität. Natürlich gibt und gab es die nicht, so wie es solch Monokultur nirgendwo gab. Ob es was nützt, deutschen Narren zu erklären, wie viele ihrer Vorfahren germanisierte Balten und Slawen waren, sei dahingestellt, oder dass es eine gemeinsame deutsche Identität bis ins 19. Jahrhundert bloß als Fremdzuschreibung und Idee weniger Intellektueller gab. Woher der Sachse Luther sein Deutsch nahm, war für Heinrich Heine ein Rätsel: „Das heutige Sächsische war nie ein Dialekt des deutschen Volkes, ebenso wenig wie etwa das Schlesische; denn so wie dieses entstand es durch slawische Färbung.“ Theodor Herzl hat in einem Brief an den jüdischen Philanthropen Baron Moriz Hirsch den Ursprung des deutschen Staates und seines Volkes gut getroffen: „Wissen Sie, woraus das Deutsche Reich entstanden ist? Aus Träumereien, Liedern, Phantasien und schwarz-rot-goldenen Bändern … Bismarck hat nur den Baum geschüttelt, den die Phantasten pflanzten.“

Als Provokation hartgesottener Deutschnationaler reicht es aber allemal, auf die slawischen und romanischen Wurzeln der heutigen Bevölkerung Österreichs zu verweisen, etwa, dass Orts- und Flurnamen westlich und östlich der Linie Salzburg-Lungau-Lienz auf alpenromanische und slawische Besiedlung hinweisen. Grob vereinfacht lässt sich also sagen, dass die Menschen in West- und in Ostösterreich in einem weitaus größeren Ausmaß, als man sich das allgemein vorstellt, Romanen und Slawen waren, die bis ins Spätmittelalter germanisiert wurden.

Die Umgebung von Innsbruck war im 13. Jahrhundert noch romanischsprachig, und als es 1234 das Stadtrecht erhielt, war ein Teil seiner Bürger Ladiner. Ende des 16. Jahrhunderts sprach man im Stubaital und im Vintschgau Romanisch, im Montafon bis Ende des 18. Jahrhunderts.

Von Böhmen und Mähren, von der Slowakei bis Serbien und Slowenien bestand eine slawische Kulturbrücke, die von Magyaren im Osten und später einer bajuwarischen Oberschicht von Westen her unterbrochen wurde, zumal das Grenzland zur pannonischen Tiefebene hin dünn besiedeltes, unkultiviertes Waldland war. Der Linguist Otto Kronsteiner forderte vor zwei Jahrzehnten die allgemein akzeptierte These heraus, Österreich leite sich von der Grenzmark Ostarrîchi ab. Denn sie könne sich etymologisch ebenso gut auf das slawische Ostrik (spitzer Berg) beziehen. Warum nicht? Die Wahrheit könnte auch dazwischenliegen, im Phänomen einer semantisch-phonetischen Interferenz: der sogenannten False Friends. Eine Bezeichnung aus einer fremden Sprache wird in die phonetisch nächstähnliche der eigenen übertragen, verändert aber ihre Bedeutung. Ein häufig anzutreffender Beweis für den osmotischen Charakter von Kulturaneignung und Sprachwechsel. Deutschsprachige fanden den slawischen Namen Ostrik vor, und verwandelten ihn in ihre mittelhochdeutsche Form von Ostreich. Und theoretisch ist auch der umgekehrte Weg möglich.

Das von Herder und der romantischen Philologie angeregte Volkskonzept hat seine homogenen Völker aus Sprachteig geknetet. Die Sprache als organischer Urgrund bildet den Teigboden, auf dem sich Sitten, soziale und politische Organisation zu nahtloser Kongruenz zusammenfügen würden. Doch diese Form war stets ein Prokrustesbett. Denn nur in seltenen Fällen deckte sich die Sprache mit einem kulturellen und politischen Kollektivbewusstsein, das sich bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stets lokal und konfessionell gebärdete. Mit der unabwendbaren Transformation von humanistischem Volks-Pluralismus zu völkischem Exklusivbewusstsein festigte sich auch unser aller Vorstellung von Nationalkulturen. Ganz egal, wie rein das Blut gedacht oder wie viel Assimilation fremder „Völker“ eingestanden wird, in diesem kulturevolutionistischen Denken setzen sich stets stärkere, wildere oder aber zivilisatorisch fortschrittlichere Invasoren gegen die schwächeren durch und reiben sie auf. In der je christlichen oder neopaganen Variante des Deutschgermanentums haben überlegene Germanenstämme sich gegen primitive Slawen behauptet.

Derlei Vorstellungen spuken auch in den Köpfen progressiver und liberaler Menschen herum, vor allem sobald man die eigene Herkunft aus romantischer Solidarität mit unterdrückten und verachteten Völkern genetisch konstruieren will oder etwa, wenn Menschen slawischer Zunge sich für organische Slawen halten. Ein stolzes Bekenntnis zum Slawentum mag sich als Statement gegen deutsches Herrenmenschentum und Antislawismus gefallen – und bleibt dennoch derselbe Humbug wie diese. Viele slawischsprachige Balkanbewohner würde gar nicht wissen wollen, wie lächerlich gering der genetische Anteil echter slawischer Einwanderer in ihrer DNS ist, ebenso wie keine vier Prozent der türkischen Bevölkerung von Türken abstammen und erstaunlich viele Deutschsprachige eben nicht von sogenannten Germanen.

Es gibt etliche Szenarien des Sprachwechsels. Oft, aber nicht immer sind sie mit indirekter, struktureller Gewalt verbunden, mit Amts- und Liturgiesprachen. Das Christentum war jedenfalls kein Germanisierungsfaktor bei den ostösterreichischen Slawen, denn die ersten Missionare im Karantanenreich waren keine Deutschsprachigen, sondern Iren, und die Liturgie blieb Lateinisch. Bis weit ins 20. Jahrhundert stellte die Bevölkerung des heutigen Kärntens, der südlichen Steiermark und weiter Teile Sloweniens eine ethnisch indifferente bilinguale Masse dar. Der uralte Kulturkampf zwischen Deutsch- und Slowenischkärntnern ist nicht älter als der deutsche Nationalismus in der Region, knapp 150 Jahre. In Kärnten deutscher Herkunft zu sein, bedeutet, ein paar hundert Jahre, vielleicht aber nur zwei, drei Generationen zuvor die deutsche Sprache zur Hauptsprache gemacht und Slowenisch vergessen zu haben.

Siedler wurden nicht geholt, um Einheimische zu unterwerfen, oder damit der Markgraf bei der Tenne deutsche Heimatlieder hören kann, sondern um dünn besiedeltes Land zu kultivieren, und, sobald Regionen durch Kriege und Seuchen entvölkert waren. Im östlichen Österreich gab es im Mittelalter noch genug urbares Land, und welche Kultur und Sprache die Untertanen pflegten, wurmte ihre Ausbeuter wenig, so lange jene nur gute Christen waren, das heißt, die soziale Hierarchie als göttliche Ordnung akzeptierten.

Der bajuwarischen Obrigkeit, die man gegen die Awaren und Magyaren zur Hilfe geholt hatte, war es natürlich egal, welche Sprache die Bauern sprachen; ob deutsch, ob slawisch, es galt sie zunächst einmal dem Feudalsystem zu unterwerfen. Und mit den slowenischen Freibauern der Krain, Kärntens und Sloweniens hatten sie kein leichtes Spiel. Das beweisen die erniedrigenden Rituale der Inthronisation am Zollfeld (Gosposvetsko polje), bei der die Herzöge und später die Habsburger Herrscher bis 1414 in slawischer Sprache die Rechte der Bauern anerkennen mussten. Dass ein deutschsprachiger Baron sich seinem deutschsprachigen Fronbauern kulturell verwandter fühlte als einem slawisch- oder romanischsprachigen, war ebenso schwer vorstellbar wie überhaupt die Vorstellung einer auf gemeinsamer Sprache gründenden Gruppenidentität, die sich am ehesten bei sprachlichen Enklaven und herrschenden Klassen einstellte.

Dass Tiroler, Gottscheer, Weinviertler und Friesen Deutsche seien, war bis Mitte des 19. Jahrhunderts das Geheimwissen idealistischer Intellektueller oder eine verallgemeinernde Zuschreibung ausländischer Reisender und Diplomaten. Und Österreicher waren Menschen der westlichen Habsburger Reichshälfte nur insofern, als sie eine Domäne bewohnten, die relativ selten, aber doch immer wieder als Österreich bezeichnet wurde. Identitäten waren strikt lokal. Es gab eine starke Tiroler Identität, die auf den verbrieften Privilegien einer freien wehrhaften Bauern- sowie Inntaler und Südtiroler Bürgergesellschaft beruhte. Als Tiroler empfanden sich aber auch Ladiner und Trentiner Romanen. Die eigenständige Symbiose von Bauern, Bergwerksproletariern und Salinenbürgertum ließ auch eine eigene relativ autonome Identität im steirischen Salzkammergut entstehen. Relative Freiheit vom Feudalismus forcierte kollektive Einheit. Kein Wunder, dass die Tiroler und Ausseer Trachten zu Emblemen österreichischer Alpinkultur wurden.

Die österreichisch-slowenische Grenze trennt wie eine Symmetrieachse zwei beinahe gleich große Regionen, welche die historische Steiermark umfassen. Südlich der Grenze, in der Štajerska, wird größtenteils Slowenisch gesprochen, dieses aber mit demselben bellenden steirischen Akzent, den auch die deutschsprachigen Steirer für alle Umwohnenden so kurios macht.

Österreicher als ethnische Kategorie hat es nie gegeben, nicht einmal in klingonischer Haft hätte man Tiroler, Burgenländer, Innviertler und gar Wiener zu der verrückten Idee überreden können, einem gemeinsamen Volk anzugehören. Der Kitt, der viele dieser recht unterschiedlichen Menschen emotional verbindet, ist der Wohlstand, die Stiefmütterchen auf der Verkehrsinsel, mitunter Fremdenhass und eine völlig neue, frei erfundene Alpinkitschkultur, welche sich auf Accessoires der Periode 1890 bis 1970 bezieht und damals bereits eine künstliche Ländlichkeit vorstellte, die kaum in historischer Volkskultur verankert war. Einem Lungauer Bauern um 1720 wäre das Spiel eines anatolischen Schalmeienspielers vertrauter gewesen als Andreas Gabalier, zumal dieser vermutlich mit Duldung des Salzburger Erzbischofs als Hexe verbrannt worden wäre.

Festzuhalten bleibt, dass es in diesen Bevölkerungen weder ein Bedürfnis noch eine Vorstellung davon gibt, was ein Volk im ethnischen Sinn sei. Es gibt schlichtweg keine Erfahrungswerte, was solch eine Konstruktion für Sinn haben solle. Sie entstand um 1800 in den Köpfen weniger Intellektueller, sickerte über Aktivisten politischer Vereinheitlichungstendenzen und des bürgerlichen Staates als Identitätsklebestoff in die Mittelschicht und landete zuallerletzt bei jenem „einfachen Volk“, aus dessen vermeintlicher Kultur diese Bürgerlichen das nationale Klebezeug synthetisiert hatten.

 

Kulturelle Mischung ohne reine Zutaten

Nur zu gerne lässt man sich gefallen, wie Otto Basil in seiner Nestroy-Biografie das spezifisch „Austriakische“ in Mentalität und Sprache von dem und den Deutschen abgrenzte: „Diese lingua austriaca war ein Mischmasch aus bajuwarischen und alemannischen Dialekten, mit Zutaten aus dem Prager Deutschen und dem Böhmischen, aus dem Magyarischen, Kroatischen, Jiddischen, Polnischen, Türkischen, mit etlichen Resten des soldatischen Vulgärfranzösisch, das – speziell in der erotischen Sphäre – die Armeen Napoleons hier zurückgelassen hatten, und Anklängen an die Idiome romanisierter Kelten und Süslawen. (…) Nicht weniger ausschlaggebend als das romanische Erbgut ist die Einverwandlung nord- und südslawischer Brocken (…) in dieses altösterreichische Deutsch. Das Vergnügen am Glasperlspiel des metaphorischen Witzes, der nicht selten aus den nichtdeutschen Gebieten der Monarchie nach Wien importiert und hier typisch austriakisch ‚eingedeutscht’ wurde, war mit ein Wesenszug des gebildeten, geistreich sein wollenden ‚kakanischen’ Mannes von Welt. Auch das Tongefälle, die fremde Denk- und Sprachmelodie, spielte beim Aufbau des Austriakischen eine besondere Rolle, nämlich die des Musisch-Musikalischen.“ Hier wird in etwa das Kompliment paraphrasiert, das Joseph Goebbels den Wienern in den letzten Kriegstagen machte: „Der Führer hat die Wiener schon richtig erkannt. Sie stellen ein widerwärtiges Pack dar, das aus einer Mischung zwischen Polen, Tschechen, Juden und Deutschen besteht.“

Doch das von Basil gepriesene Austriakische beschränkte sich auf die Hauptstadt und ihre Filialen innerhalb der Monarchie und traf auf Zagreb, Ödenburg und Lemberg eher zu als auf Innsbruck und Salzburg. Der Stolz auf die tschechische Großmutter und die jugoslawischen Nachbarn, die jenische oder Roma-Großtante oder den italienischen Architekten, der der Geliebte der Oma und vielleicht eben doch der eigene Nonno war, als Äußerung antideutscher Gesinnung mag ebenso sympathisch wirken wie der antiteutonische Bezug zu frühmittelalterlichen Slawen und Romanen, zu Awaren, Magyaren, Venetern und wer weiß welchen unbestimmbaren Völkern noch. Doch wer waren diese? Sobald wir die These von der allmählichen Sprachassimilierung nichtdeutscher Ureinwohner akzeptiert haben, in Ablehnung der These einer demographischen Dominanz deutscher Einwanderer, muss das ebenso für die Menschen gelten, die zuvor hier gesiedelt haben. Dann waren die Slawophonen nur zu einem geringen Teil unmittelbare Nachfahren slawischer Einwanderer, wie die Alpenromanen eben keine Römer waren, sondern Residuen von Bevölkerungen, die zu Beginn unserer Zeitrechnung lateinische Dialekte angenommen hatten, und so lässt sich die Abweisung organischer, genetischer Kulturen und ihrer Träger bis in die Anfänge der Geschichte zurückdenken, zu Gruppen, die in verschiedenen Quellen als Kelten, Illyrer, Veneter bezeichnet wurden und deren Existenzen als geschlossene Einheiten wie viele historische Projektionen eine des 19. Jahrhunderts ist. Niemand weiß letztlich, wer und was Kelten waren. Und dass die Träger der Hallstattkultur irgendetwas mit westeuropäischen Sprechern sogenannter keltischer Sprachen am Hut hatten, ist mehr als ungesichert.

Fazit: Das Unsinnige an der deutschen Kodierung der Österreicher liegt weniger in der historischen Falschheit, sondern in der Falschheit der Kategorien. Denn die Tschechen, Slowaken, Magyaren, Kroaten, Wallachen sind ebenso philologisch und politisch zurechtdesignte Konstrukte wie die Deutschen. Bereits die Metapher der Mischung ist verräterisch. Sie setzt die Existenz disparater, homogener Elemente voraus, aus welchen der Teig gemischt wurde. Doch der Teig war immer und überall der Normalzustand. Ihre konstatierten Zutaten sind nachträgliche und falsche Extrakte. Die Österreicher sind keine Mischung dieser nationalen Ingredienzien, sondern diese sind Rekonstruktionen von Zutaten, wie sie nie existierten.

Aber wen wurmen solche völkerkundlichen und historischen Spitzfindigkeiten überhaupt? Die Intellektuellen des neurechten Nationalismus können ganz gut mit dem Konstruktionscharakter ihrer Nationen leben, sie haben ihre postmodernen Lektionen gelernt und höhnen naiven Aufklärern höhnisch „Se non è vero, è ben trovato“ entgegen. Und die antislawische Karte des traditionellen Deutschnationalismus ist längst ausgespielt. Strache hat seinen tschechischen Namen („Angst“) nicht aufgenordet, viele in seiner Fraktion schwärmen für serbischen Nationalstolz, Machismo und Kriegsverbrecherethos, man nimmt die osteuropäischen Visegrád-Staaten sowie Putins Autokratismus als Modelle für den postdemokratischen Umbau der eigenen Heimat und bettelt als Kämpfer gegen den Islam um den Ritterschlag durch Israel, der ihnen aber mit guten Gründen verweigert wird. Die Feinbilder, welche die breite Bevölkerung zu einer Angst- und Neidgenossenschaft schmieden, sind ebenso synthetisch wie die Inhalte der defensiven Identitäten. Designt sind sie als vage Traditionalitäten, also als das genaue Gegenteil von unmittelbarer Tradition, und sie sind in ihrer Form beliebig, erfrechen sich sogar, liberale und emanzipatorische Errungenschaften zu absorbieren, so diese sich fremdenfeindlich instrumentalisieren lassen, und funktionieren umso besser, je lauter aus ihnen die fingierten Echos einer Volkskultur erschallen, welche Elemente einer prolligen Popkultur mit Reminiszenzen von Heimat, derber Geradlinigkeit und Geschichtslosigkeit verwebt. Ob das deutsch ist oder nicht, ist den Alpinkasperln gleich wurst, wie deutschen Schunklern die Frage, ob Gabalier Ösi ist.

Als Jörg Haider Österreich als eine ideologische Missgeburt bezeichnete, hatte er innerhalb seiner kulturalistischen Logik sogar recht. Seine Kritiker tappten mit ihrem Rechtfertigungs-Multikulturalismus aber in die völkische Falle. Denn mit der Zurückweisung einer reinen deutschen Identität bestätigten sie deren Existenz und zudem die Notwendigkeit der kulturellen Fundierung einer Staatsbevölkerung, die sich ja essenziell von den Bewohnern des jeweils nächstgelegenen Dorfes über der Grenze zu unterscheiden und in dem Wahn zu leben habe, mit dem Tiroler Hotelbesitzer und dem Wiener Installateur mehr Geschichte und Schicksal zu teilen als den unmittelbaren Nachbarn hinter dem Grenzbalken.

Im Grunde waren Österreicher schon einmal weiter. Am weitesten waren sie, bevor sie Österreicher wurden, sondern sich noch arbeitendes Volk nannten. Im Manifest an das arbeitende Volk in Österreich aus dem Jahr 1867 heißt es:

„Wer das arbeitende Volk für die Aufwärmung von Nationalitäts-Sonderzuständen benutzen will, der sucht es zu verhindern, seine eigene Befreiung zu vollziehen. Die Zeit der Nationalitätenabsonderung ist vorüber, das Nationalitätenprinzip steht heute nur noch auf der Tagesordnung der Reaktionäre. Der Arbeitsmarkt kennt keine Nationalitätengrenzen. Der Weltverkehr schreitet über alle Sprachengrenzen hinweg. Das überall herrschende Kapital, dessen Ausdruck und Maßstab das Geld ist, kümmert sich nicht um die vermeintliche Abstammung. In den Werkstätten arbeiten unter den gleichen Bedingungen Arbeiter der verschiedensten Nationalitäten nebeneinander und müssen sich den gleichen wirtschaftlichen Gesetzen fügen.“

 

Dieser Essay erschien 2019 unter dem unsäglichen Titel Die Erfindung des Homo Austriacus im Spectrum der Presse.

https://www.diepresse.com/5644528/die-erfindung-des-homo-austriacus

 

 

 

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