Ungarn – im Land der offenen Arme

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Eine kleine Nationalgeschichte

Wo immer die aktuellen Machthaber Ungarns ihre Xenophobie und ihren ethnischen Reinheitswahn herhaben, ungarische Geschichte macht ihnen einen Strich durch die Rechnung. Eine Zeitreise in vier Stationen.

 

Erst Ende des 18. Jahrhunderts kam der Paprika in die pannonische Tiefebene. Und kann dort auf eine längere Geschichte zurückblicken als die Idee von einem einheitlichen ungarischen Volk. Viktor Orbán hat der jungen Tradition des Magyarochauvinismus zu einer neuen Blüte verholfen. Diese wohl fremdenfeindlichste Ideologie Europas muss sich, weil ihr keine andere Herkunft zur Verfügung steht, auf die fremdenfreundlichsten Regierungen ihrer Zeit berufen, diejenigen des mittelalterlichen Ungarn.

Vorausgeschickt sei, dass die Magyaren ab dem 9. Jahrhundert nicht als barbarischer Sturm über die spärlich bevölkerte Tiefebene hereinbrachen, sondern eher allmählich einsickerten, und wie ausnahmslos alle Reiternomadenkontingente aus dem Osten kein einheitliches Volk, sondern ein Interessensverband heterogener Gruppen waren. Im äußerst dünn besiedelten Alföld, der Tiefebene, trafen sie auf langobardische, gotische, gepidische, awarische, slawische sowie kumanische und petschenegische Reste vorangegangener Völkerwanderungen.

Nach ihrer Christianisierung und der Zentralisierung ihrer Macht kämpften die magyarischen Könige eifrig um ihre Anerkennung im Klub der europäischen Mächte, und erwiesen sich als wahrliche Streber im zivilisatorischen Aufholprozess – von marodierenden Reiternomaden zu Garanten staatlicher Stabilität, Förderern von Kultur und Stiftern von Kirchen und Bildungseinrichtungen. Kein Grund, die feudalistische Gewaltherrschaft zu romantisieren, aber auch keiner, ihre für ihre Zeit unzweifelhaften Errungenschaften zu leugnen.

 

Ungarn im Mittelalter – ein mitteleuropäisches Erfolgsmodell

 

Nach byzantinischem Vorbild hinterließ Stephan I. (997–1038), der erste König Ungarns, der Welt und seinem Sohn Imre die Unterweisung De institutione morum ad Emericum ducem. Darin gibt er diesem auch den Rat, so viele „Ausländer“ wie möglich ins Land zu lassen, da „Gäste alle Reiche schmücken und den Hof erhöhen“. Er läutete eine großzügige Ansiedlungspolitik ein, die das ganze Mittelalter hindurch bis weit in die Neuzeit für das ungarische Königreich charakteristisch sein sollte. Zunächst musste Stephan in einem Vorgriff auf spätere absolutistische Tendenzen seine Macht zentralisieren und die aufsässigen ungarischen Stammesführer unterwerfen und christianisieren. Er erkannte die ökonomischen Chancen der geopolitischen Lage seines Landes, und, dass er mit dem karolingischen Reich, den italienischen Stadtstaaten und den diversen Herzogtümern nur maßhalten konnte, wenn er Spezialisten für Landwirtschaft, Handwerk, Bergbau und Handel anlockte. Dabei wurden nicht wie heute Unterschiede gemacht zwischen qualifizierten Zuwanderern aus westlichen Ländern und kulturell abgewerteten Migranten aus Süden und Osten. Als Pull-Faktoren für die Einwanderer bewährten sich Landschenkungen oder Erbpacht, persönliche Freiheit, Selbstverwaltungsrecht und Eigengerichtsbarkeit, Steuervergünstigungen, Eigenkirchlichkeit oder religiöse Toleranz. Stephans Politik führte aber auch die reiternomadischen Traditionen der Kooperation mit Hilfsvölkern und Grenzwächtern fort, die nachdringende Gruppen aus Osten und Süden, zum Beispiel die Petschenegen und Kumanen, später die magyarophonen Székler sowie Slawen und Wlachen durch Privilegien als Wehrbauern und irreguläre Milizen an sich band. Auch jüdische und mohammedanische Händler wurden bereits eingeladen.

König Géza II. (1141–1162) intensivierte diese Anwerbungspolitik und setzte den eigentlichen Anfang der Präsenz Deutschsprachiger in Pannonien. Immigranten aus dem Rheinland, aus Flandern, Luxemburg, Thüringen, Niedersachsen und anderen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches wurden in der Gegend von Zips am Fuße der Hohen Tatra und in Siebenbürgen angesiedelt. Sie wurden als Zipser oder Siebenbürger Sachsen bekannt. Dieses Ethnonym hat nichts mit einer tatsächlichen sächsischen Herkunft zu tun, sondern wurde den deutschsprachigen Siedlern von der ungarischen Hofkanzlei gegeben: Saxones. Und steht in direktem Zusammenhang mit dem im Mittelalter obligatorischen sächsischen Bergrecht, dessen Privilegien mit diesem Kollektivnamen immer in Erinnerung behalten werden sollten. Sachsen geriet im gesamten Osten und Südosten Europas zum Synonym für Bergleute und ihre Sonderrechte. Das illustriert die Flexibilität von Ethnonymen und ihre oftmalige Verquickung mit sozialen und professionellen Kategorien. Deutsche oder flämische Bergleute wurden zu Sachsen, spätere deutsche Migranten zu Schwaben.

Das Grenzwächtersystem wurde von den Mongoleneinfällen im 13. Jahrhundert hinweggefegt, ein beträchtlicher Teil der pannonischen Bevölkerung ermordet, vertrieben oder versklavt. Der umsichtige König Béla IV. (1235–1270) nahm den Wiederaufbau des Landes in Angriff und die Ansiedlungspolitik wieder auf, lud Immigranten aus Frankreich, Wallonien und dem Rheinland ein, integrierte die vor den Mongolen geflüchteten Nomadenstämme der Kumanen und Jazygen. In seiner Regentschaft siedelten sich Wallachen (die späteren Rumänen) in größerer Zahl in Siebenbürgen an. Ruthenen, mährische Hannaken, Slowaken und Polen südlich des nördlichen Karpathenbogens waren als tüchtige Bauern und Steuerzahler geschätzt.

Mehr als andere Gebiete war die pannonische Tiefebene ein Territorium permanenter ethnischer Fluktuation. Flucht slawischer und wlachischer Verbände vor den Türken, wirtschaftliche Migration oder bewusste Ansiedlungspolitik prägten diesen Raum. Im 15. Jahrhundert mobilisierte der ungarische „Renaissancekaiser“ Mathias Corvinus den von den Türken unabhängigen serbischen Kleinadel durch die Errichtung eines serbischen Despotats als privilegierte Pufferzone gegen das Osmanische Reich. Das sowohl wlachische als auch slawische, aber orthodoxe Element bekam hier eine Aufwertung.

Für die Roma blieb Ungarn im Vergleich zum restlichen Europa ein Paradies, wo sie von den Magnaten beinahe mehr gelitten waren als die ungarisch- und slawischsprachigen Bauern. Natürlich hatte das ganz praktische Gründe: Denn die vielen handwerklichen und technologischen Fähigkeiten der Roma, vor allem die Schmiedekunst, wussten die ungarischen Könige und Aristokraten für ihre militärischen Ambitionen zu nutzen. Sie dienten weiter als Straßenbauer, Nachrichtenübermittler, Spione, Scharfrichter und Friseure. Und für die Bauern waren sie als Hersteller und Reparateure einfacher Nutz- und Konsumgüter sowie als Entertainer von Nutzen. Der Autor Rajko Djurić erklärte sich die Zigeunerfreundlichkeit der einstigen Magyaren etwas spekulativ mit einer sentimentalen Solidarität aufgrund ihrer eigenen nomadischen Herkunft.

1683 und 1717, nach den Rückzügen der Habsburger Armeen vom Balkan und der Rückeroberung durch die Osmanen, kam es zu großen Migrationsschüben südslawischer Menschen, mit serbischen, torlakischen und bulgaro-mazedonischen Dialekten. Die Geschichtsschreibung verbucht dies als serbische Diaspora, in Wirklichkeit zogen viele katholische und muslimische Albaner mit, sowie katholische Flüchtlinge aus dem heutigen Nordwestbulgarien.

 

Nation als Ständestaat

 

Auch wenn der Nationalismus direkte Kontinuitäten behaupten will, unterscheidet sich das mittelalterliche Verständnis der nationes doch grundsätzlich vom modernen bürgerlichen Nationsbegriff. Die natio bedeutete bis ins 19. Jahrhundert einen ständischen Begriff. Der Elite der Magyaren, dem Hochadel, gehörten auch kroatische und wallachische Magnaten an, welche wie ihre Ungarisch sprechenden Standeskollegen keine kulturelle Verbindung zu den jeweils gleichsprachigen Bauern empfanden. Diese blieben als Un- und Halbfreie von der natio ausgeschlossen. Deutlich trat dieses Nationenverständnis in Siebenbürgen in Form der Unio Trium Nationum zutage, welche auch unter osmanischer Suzeränität beibehalten wurde: Der Landtag setzte sich aus den der nationes der ungarischen Adeligen, der hauptsächlich von Deutschsprachigen bewohnten freien Städte und den wehrhaften Szeklern zusammen.

 

Hunnisches Erwachen

 

Wie so oft ist auch in Ungarn der kulturelle Nationalismus nicht von heute auf morgen entstanden, sondern keimte als Versuchsanordnung weitaus früher. Das Besondere am pannonischen Fall: Vom 15. bis 19. Jahrhundert wird die kulturelle Rückbesinnung aufs Magyrarentum vom gesellschaftlich abgesunkenen niederen Adel angestoßen, gleichwohl liberale und fortschrittliche Ideen später in Ermangelung eines starken urbanen Bürgertums von Teilen des Hochadels übernommen wurden.

Der Humanismus mit seiner Rückbesinnung auf Römer und Griechen hatte auch im restlichen Europa eine Selbstaufwertung durch Erzählungen der Abstammung von historischen Völkern zur Folge: Die Deutschen entdeckten Tacitus’ Germanen, die Polen die Sarmaten, dalmatinische Intellektuelle die Illyrer, und Beamte der ungarischen Hofkanzlei unter dem Renaissancekönig Mathias Corvinus, der seine Deszendenz vom lateinischen Geschlecht der Corvi, aber nie und nimmer von magyarischen Barbaren herleiten wollte, wagten das Kunststück, den gefürchteten Hunnenkönig Attila zu ihrem faktischen und ideellen Ahnherren aufzuwerten. In seiner Chronica Hungarorum pries Janós Thurózcy die angeblichen skythischen und hunnischen Ahnen, sah in den Osmanen zwar politische Gegner, jedoch nicht das wesenhaft kulturell Andere im Gegensatz zu dekadenten Adeligen und protestantischen Ketzern wie den Hussiten. Eine sich aus dem niederen Adel rekrutierende weltliche Beamtenschicht bastelte sich hier erstmals per Aufwertung asiatischer Vorfahren ein eigenes gegen die westlichen Einflüsse gerichtetes ungarisches Volksbewusstsein. Es ist expliziter Ausdruck des Ressentiments einer ihrer Rechte und ihres Prestiges verlustig gehenden Klasse, die droht, in den Bauernstand abzusinken, und dies mit martialischem Geist und reiner Abstammung abzuwenden trachtet. Verständlich, dass sich die spätere Ideologie des Turanismus, einer von Ungarn bis Sibirien waltenden pantürkischen Kulturachse, auf die Chronica beruft und es in Form faschistischer ungarischer Parteien wie Jobbik noch immer tut. Indem Thuróczy als Inbegriff stolzen Magyarentums Matthias Corvinus’ Vater, den Türkenbesieger János Hunyadi preist, vermag er es, gleichzeitig Loyalität zu bekunden und verschlüsselte Kritik an der Modernisierungspolitik seines Königs zu üben. Was weder Thuróczy noch das heutige nationalistische Staatsnarrativ wissen wollen: dass Hunyadi Sohn des wallachischen Vojvoden Vojk Corbu und seine Muttersprache die Ahnin des heutigen Rumänisch war, in welcher er Ioan de Hunedoara hieß.

 

Politisches versus ethnisches Nationskonzept

 

Magayrische Sprachassimilation tritt erstaunlich früh auf den Plan. In der östlichen Reichshälfte des Habsburgerreichs war Latein die dominierende Gerichts- und Verkehrssprache. Als Protest gegen das zentralistische Reformwerk Josephs II., das Deutsch als einheitliche Amtssprache vorsah, protestierte der kroatische Landtag, der Sabor, der hauptsächlich von Adeligen gebildet wurde, und unterstellte sich dem ungarischen Reichstag. Womit er vom Regen in die Traufe geriet. Keineswegs verteidigte diese periphäre Elite ihr Recht auf die kroatische Sprache, die als bäuerlich angesehen wurde, sondern die Beibehaltung des Lateinischen. Doch in Budapest hatte sich eine Beamtenschaft aus dem niederen Adel durchgesetzt, die Ungarisch als Amtsidiom etablieren wollte. Dagegen protestierte fortan das nachdrängende kroatische und deutschkroatische Bürgertum. Der slawonische Gelehrte, Diplomat und Schriftsteller Josip Keresturi (1739–94) gemahnte die ungarische Führung 1791 in einem Pamphlet, von ihren Plänen abzulassen. Aufgrund der ethnischen Vielfalt in Ungarn sei es ratsam, Latein beizubehalten, und indirekt drohte er mit der Gründung eines Slawenstaates. Denn wie könne man die Slawen, deren Gebiete sich von Sibirien bis zur Adria, von Sachsen bis zum Schwarzen Meer ersteckten, nötigen, die „Hunnensprache“ (hunnico sermone) anzunehmen.

Wer glaubt, der schematische Gegensatz von einem politischen und einem ethnokulturellen Nationalismus entstamme der politologischen Hermeneutik der letzten Jahrzehnte, wäre erstaunt, wie hitzig diese Konzepte bereits zu Napoleons Zeiten diskutiert wurden, zum Beispiel zwischen dem slowakischen Liberalen Gregor Berzeviczy, seines Zeichens Ethnograph, erster ungarischer Ökonom (er popularisierte die Theorien Adam Smiths), Alpinist der Hohen Tatra und scharfzüngiger Kritiker des Feudalsystems, und Ferenc Kazinczy, dem ersten großen Reformer der ungarischen Schrift und Sprache. Beide entstammten dem Kleinadel, beide hatten sie als junge Männer an der jakobinischen Verschwörung des atheistischen Franziskanermönchs Ignjat Martinović gegen die Habsburger teilgenommen, doch waren sie recht unterschiedliche geistige Wege gegangen. 1809 schrieb Berzeviczy an Kazinczy: „Sie heben die Idee des Nationalismus aus: ich bin nicht dieser Meinung, weil Nationalismus schon an sich etwas Einseitiges ist, und weil wir in Ungarn, eigentlich keine Nazion sind. – Nach meinem Begriff, steht der Staat oben an, mit seiner Unabhängigkeit, Selbständigkeit, und möglichst erreichbaren Gleichheit seiner Einwohner, wozu Wohlstand, Kultur, Moralität der Mehrzahl nothwendig gehört. – Das Übrige, e.g. Nationalismus, Privilegien, Verfassungen, Gewohnheiten etc. ist untergeordnet.“

Berzeviczy erkannte die ideologischen Implikationen des Kulturnationalismus und seine Fehlkonzeption: Anstatt die Armut breiterer Bevölkerungsschichten zu lindern, forderte dieser eine imaginäre kulturelle Egalität der Klassen ein, um die ständischen Vorrechte de facto unangetastet zu lassen. „Die Existenz meiner Nation“, hatte ihm Kazinczy geschrieben, „der Nationalismus, ist mir teurer als Gold.“ Und auf Berzeviczys Einsicht in die Notwendigkeit der Befreiung der Bauern und der Landwirtschaftsreform konterte Kazinczy mit seiner konservativen Expertise der Mentalität des ungarischen Bauern: „Ein Glas Branntwein, eine Pfeife Tabak, und das beneidenswerte far niente umfasst den ganzen Kreis seiner Glückseligkeit.“

Gregor Berzeviczy hätte sich wie viele seiner Zeit-und Landesgenossen als Hungarus bezeichnet, wie sein Kollege, der Gelehrte Ján Čaplovič alias János Csaplovics etwa, der 1821 klarstellte: „Unter dem Wort ,Ungarn’ begreift man aber alle in Ungarn wohnenden Völker, Slowaken ebenso gut wie Wallachen, Teutsche ebenso gut wie Vandalen etc. Alle sind Ungarn, weil sie in Ungern wohnen. Magyaren dagegen sind nur jene, die die Haupt-Nation bilden, welche sich selbst Magyarok nennen.“

Klarerweise waren es Vertreter der nichtmagyarischen Bevölkerungsgruppen, die auf einem politischen Nationsmodell beharrten, doch ging das weit über bloße kulturelle Minderheiteninteressen hinaus. Den Hungari gemein war die Loyalität zum ungarischen Reichsteil. Die meisten Deutschen Pannoniens zeigten keinerlei großdeutsche Ambitionen, die in der ersten Jahrhunderthälfte ohnehin noch kein Thema waren (auch ein beträchtlicher Teil der jüdischen Bevölkerung sprach Deutsch), ebenso wie der magyarische Nationalismus sich in vielerlei Gestalten erprobte und noch nichts vom späteren Chauvinismus erkennen ließ.

Im Widerstand gegen die ständische Verfasstheit der ungarischen Nation pochten die Hungari also auf ein politisches und multikulturelles Verständnis der ungarischen Nation. So wie sich bei den neuen Sprachnationalisten eine ständische mittelalterliche Nationskonzeption mit dem modernen herderianischen Konzept der Kulturnation verband, verschmolzen bei den Hungari ebenso alte Vorstellungen einer gemeinsamen ungarischen patria mit den revolutionären amerikanischen und französischen Nationsmodellen. Spät, aber dafür mit einem ungeheuren Sog erfasst die Aufklärung die östliche Hälfte des Habsburgerreiches, und auch viele fortschrittliche Magyaren vertraten das Hungarus-Konzept, wie es der Historiker Moritz Száky in einem exzellenten Artikel auseinanderlegte. „Die Zielsetzung der Hungari“, so Száky, „war eine doppelte: erstens Toleranz in sprachlicher Hinsicht, d. h. Anerkennung der nichtmagyarischen  Sprachen (und Kulturen) des Landes, was sie aber nicht daran hinderte, sowohl die Entfaltung der ungarischen Sprache und Dichtung zu fördern, als auch Ungarisch als Verwaltungssprache zu bejahen; und zweitens Präferenz für die notwendigen sozialen und wirtschaftlichen Reformen gegenüber der Betonung einer Bildungs- und Sprachreform durch die ungarischen Sprachideologen.“

Viele weigerten sich schlicht, eine homogene ethnische Identität anzunehmen, deren Notwendigkeit ihnen grotesk erschien. Gerade im Zipser Gebiet waren deutsch-slowakisch-ungarische Mischidentitäten nichts Ungewöhnliches. Nicht vergessen werden darf, dass es vor allem deutschstämmige ungarische Intellektuelle, Übersetzer, Dichter, Gelehrte

in der Periode 1750 bis 1850 waren wie Ignaz Aurelius Feßler aus Zurndorf, Johann (János) Mailáth, Alois (Alajos) Mednyánszky oder Georg (György) Gaál, die in ihren Publikationen im gebildeten Europa für die Besonderheiten ihrer ungarischen Heimat warben und auch ein sehr positives Bild der Magyaren vermittelten.

Seine größten Widersacher fand der magyarische Sprachnationalismus aber in einem der Heroen des magyarische Narrativs, im antifeudalistischen und radikalliberalen Aristokraten István Széchenyi. Gleichermaßen förderte dieser Ungarisch als Amts- und Schulsprache, wie er die Zwangsassimilierung ablehnte. In einer Akademierede tadelte er 1842 die Ideologie der Sprachnationalisten als „Täuschung“, und monierte, dass „wohl in keinem Lande dieser Erde die hehre Idee der Vaterlandsliebe so sehr mit der Heimatsprache vermengt“ würde wie in Ungarn.

 

Der ungarische Chauvinismus – eine späte Erfindung

 

Lange ist die Liste der Deutschstämmigen und Juden, die zur Entwicklung eines magyarischen Ungarn maßgeblich beitrugen. Der Schriftsteller Sándor Márai und der Kommunistenführer János Kadar waren ebenso deutscher Herkunft wie der Dichter der ungarischen Nationalhymne Ferenc Erkel. Kenner und Kennerinnen jeglicher Nationalisierung verwundert nicht, dass Renegaten und Assimilanten auch in Ungarn zu den glühenden Eintrommlern der Assimilierung avancierten. Magyaronen oder gehässiger Janitscharen nannte man diese nationalbewussten Neuungarn.

Ferenc Toldy/Franz Karl Josef Schädel (1805–1875) wurde zum vielleicht wichtigsten Protagonisten der ungarischen Literatur, und Pál Hunfalvy/Paul Hundsdorfer (1810–1891), der Entdecker der finno-ugrischen Sprachverwandtschaft, bezeichnete 1881 den deutschen Kultureinfluss als größte Gefahr für das Magyarentum; Paul Hoitsy (Hojca) und Eugen Rakosi (Kremsner) waren um 1900 einflussreiche Ideologen eines ungarischen Groß-Imperialismus und träumten von Ungarisch auf den Straßen Bukarests und Sofias; der Althistoriker Geza Alföldi/Josef Schilzong (1935–2011) war Chefredakteur der nationalistischen Zeitschrift „Hidverök“, der Schriftsteller Ferenc Herczeg/Franz Herzog (1863–1954) ein verbissener Verfechter der ungarischen Variante des Turanismus, des panturkomagyarischen Steppennationalismus. In den 1920er Jahren begeisterte sich Herczeg für den italienischen Faschismus, den Nationalsozialismus lehnte er als ungarischer Nationalist allerdings ab. Auch Géza Gárdonyi/Geza Ziegler (1863–1922) war dem Turanismus ergeben. Und nicht zu vergessen die Antisemitin und faschistische Feministin Cécile Tormay (1876–1937), deren Vorfahren bedeutende Deutschungarn waren (wie die Krenmüllers und Spiegels). Cécile Tormay, welche die Juden der Zersetzung der ungarischen Rasse bezichtigte, dürfte nicht gewusst oder verdrängt haben, dass der Turanismus erstmals vom deutsch-ungarischen Juden und Orientalisten Ármin Vámbéry/Hermann Wambacher (1832-1913) in Umlauf gesetzt wurde.

Mit dem Turanismus galoppierte der romantische Nationalismus direkt dem magyarischen Faschismus entgegen. Verstand sich Ersterer als säkulares Fortschrittsprojekt, das stärker als andere Nationalismen Europas sich mit dem Liberalismus zu verknüpfen wusste, läutete der Turanismus dessen Barbarisierung ein. Der Geist der Zeit, teilweise zurecht, teilweise zu unrecht sich auf Nietzsche berufend, förderte bei der bürgerlichen Jugend eine Ideologie, die sich kathartisch von konfessioneller Moral entband und anfällig zeigte für einen neopaganen Kult der Entschlossenheit, der Grausamkeit und Männlichkeit. In Rückgriff auf angeblich hunnische Tugenden, auf einen furchterregenden, aber imperialistisch effektiven pantürkischen Steppennationalismus wollte man den etwas kleinbürgerlichen preußischen Militarismus von rechts überholen. Der Turanismus lieferte alle Zutaten einer rechten Romantik: Verachtung von Pazifismus, Effeminierung, Moderne, Urbanität, Sozialismus. Er war das bedrohliche Sich-Aufplustern der nachholenden Peripherien.

Der Hungarismus indes lebte als Konzept und Identitätsmodell noch lange bei jenen Ungarndeutschen fort, die sich weder vom ungarischen noch vom deutschen Nationalismus vereinnahmen lassen wollten, sein wohl letzter Mohikaner war Jakob Bleyer, ein Donauschwabe aus der Bačka, der als Nationalitätenminister nach dem Ersten Weltkrieg die ungarische Suprematie befürwortete, aber energisch gegen die Zwangsassimilierung der Minderheiten auftrat. Die Zeichen der Zeit aber standen auf dem Bekenntniszwang eines Entweder-Oder. Die Praxis des Ausgleichs, der gelebten Ambivalenz war nun verpönt, der Hungarismus zerrissen; die meisten Ungarndeutschen waren ausgewandert, hatten sich magyarisert oder dem deutschnationalen Volksbund angeschlossen.

In den 1920er-Jahren unter dem Horthy-Regime begann sich der rassebiologische Nationalismus durchzusetzen, der sowohl Assimilierungsdruck als auch -willen einen Riegel vorschob. Er unterschied zwischen reinrassigen und falschen Ungarn, solchen, die sich ihr Magyarentum erschlichen hatten. Am ehesten hatte man damit natürlich die assimilierten ungarischen Juden im Visier, deren Anpassungsleistung ihnen am wenigsten nutzte, magyarisierte Deutsche und Slawen erweckten bloß Misstrauen

 

Béla Bartóks Schlusswort

 

Wo Ungarisch gesprochen werde, dort sei Ungarn. So in etwa tönt die Losung des großungarischen Wahns, stets bereit, die Grenzen des Vertrags von Trianon (1920) anzufechten. Eine der schönen Pointen des magyarischen Nationalismus liegt darin, dass die von ihm als Urformen seines Volkstums umworbenen magyarophonen Minderheiten der Csángós im rumänischen Gyimes oder die Siebenbürgener Székler relativ lange unempfänglich blieben für das nationale Liebeswerben, währenddessen die vielen ausgewiesenen Ungarn in Ungarns Nachbarländern, derentwillen man die Grenzen mit ethnischen Argumenten auf die Größe des dezidiert unethnischen mittelalterlichen Reichs ausweiten will, zu einem beträchtlichen Teil Nachfahren von Menschen sind, die erst ab dem späten 19. Jahrhundert magyarisiert wurden.

Eine beliebte Tradition unter fortschrittlichen Intellektuellen ist die Degoutanz gegenüber Bauern als rückschrittlicher, reaktionärer Klasse. Sie übersehen dabei, dass diese stets die letzte war, auf der die Saat nationalistischen Denkens gedieh, auch wenn bürgerliche Romantik Versatzstücke ihrer Kultur als Nährboden dafür zur Verfügung stellte. Der Komponist Béla Bartók, selbst kosmopolitisches Gegengift zum ungarischen Chauvinismus und glänzendes Beispiel einer modernen, nicht geschmäcklerischen und dennoch respektvollen Adaption ethnischer Musik, kannte noch all die ländlichen Gemeinschaften des Balkans und Pannoniens vor ihrer Nationalisierung. Und fand für sie folgende schöne Worte:

„Jetzt, da sich diese Völker auf höheren Befehl gegenseitig morden und die dortige Welt so aussieht, als wollten die verschiedenen Nationalitäten einander in einem Löffel Wasser ersäufen – schon seit Jahrzehnten wird das behauptet –, ist es vielleicht zeitgemäß, darauf hinzuweisen, dass es bei den Bauern keine Spur von grimmigem Hass gegen andere Völker gibt und nie gegeben hat. Sie leben friedlich nebeneinander, jeder spricht seine eigene Sprache, hält sich an seine eigenen Gebräuche und findet es ganz natürlich, dass sein anderssprachiger Nachbar das gleiche tut. Ein schlagender Beweis hierfür ist der Spiegel der Volksseele: die lyrischen Volksliedtexte. In diesen findet sich kaum je eine feindliche Gesinnung gegen fremde Nationalitäten. Und selbst wenn da und dort Zeilen vorkommen, die das Fremde bespötteln, so hat es nicht mehr zu bedeuten als Liedtexte, in denen das Volk etwa über die Unzulänglichkeiten seines Pfarrers oder über eigene Mängel herzieht. Unter den Bauern herrscht Frieden – Gehässigkeit gegen Menschen anderer Rassen wird nur von höheren Kreisen verbreitet!“

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